Logo

Thronende Maria mit Kind

Ident. Nr.: 2020

ObjID: obj:865072

Details (Expert)

Datierung
Datierung: um 1320
Abmessungen
Höhe x Breite x Tiefe: 83,5 x 30,5 x 20,5 cm
Gewicht: 7 kg
Erwerbung
1893 von Arthur Gwinner (1856–1931) in München erworben und den Königlichen Museen geschenkt.

Objektbeschreibung

Die Muttergottes sitzt auf einer äußerst schlichten, unprofilierten Bank. Sie trägt ein langes Gewand, unter dem spitzen Schuhe hervorschauen, und einen oberhalb der Brust zusammengehaltenen Mantel, der sich über dem Oberkörper öffnet; über dem Kopftuch sitzt eine Krone mit vierblättrigen Blütenzacken. Der Typus des stehenden bzw. aktiv schreitenden Kindes im Schoße der Mutter erfreute sich seit etwa 1300 großer Beliebtheit; als Zeichen des Erwachsenseins ist er als Verweis auf die in Marias Schoß wohnende Weisheit (Sedes Sapientiae) zu verstehen.
Die Geste der Vereinigung von Mutter und Kind durch ineinander gelegte Hände ist das zentrale Bildmotiv, gerade weil es bei Marienbildern ungewöhnlich und der Ikonografie der Christus-Johannes-Gruppen entlehnt ist (vgl. Inv. 7950). Es verdeckt in der Frontalansicht den Griff des Kindes zur Brust Marias, der als Besitzergreifungsgeste nach der mariologisch gedeuteten Stelle Spr 8,22 f. („Der Herr besitzt mich im Anfang seiner Werke“) zu interpretieren ist. Beide Gesten gehören inhaltlich zusammen und spielen auf die mystische Vereinigung von Maria und Christus an.
Das Besondere dieser Figur ist die Erweiterung der geläufigen Ikonografie der sitzenden Maria mit Kind durch Elemente der Christus-Johannes-Gruppen, die in dieser Zeit im Bistum Konstanz zunächst nur in Frauenklöstern verbreitet waren. Man kann daher mit einigem Recht vermuten, dass das Bildwerk auch aus einem weiblichen Konvent stammt. Motive der sogenannten Johannesminne sind das Ineinanderlegen der Hände („dextrarum iunctio“), das Ineinanderfließen von Gesten und Gewandfalten und die leichte Annäherung der Köpfe; auf einen Blickkontakt – bei Marienbildern der Zeit durchaus möglich – wird zugunsten eines subtileren Sichzuneigens verzichtet. Es ist davon auszugehen, dass man diese Motive gezielt übernahm, da sie sich als Zeichen der Gottesnähe und des Einswerden zweier Personen bewährt hatten und auch bei den frühen Christus-Johannes-Gruppen ausnahmslos wiederholt wurden. Darüber hinaus spielte die Geste des Ineinanderlegens der Hände eine wichtige Rolle bei der Andachtsvorstellung mittelalterlicher Frauenklöster.
Die Berliner Figur ist das früheste bekannte Beispiel des Dextrarum-iunctio-Motivs bei einer Marienfigur und ist sicher einige Jahre nach dem Aufkommen der großformatigen Bilder dieses Typs (kurz vor 1300) entstanden.

(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)

Letzte Aktualisierung: 26.06.2026

Kontakt

Einrichtung:

Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Würfelkapitell mit Palmetten- und Blattornament

Würfelkapitell mit Palmetten- und Blattornament

Das Kapitell ist aus der Grundform des Würfels entwickelt und an allen vier Seiten ausgearbeitet. An den vier Schildflächen erscheinen leicht alternierende vegetabile Ornamente im flachen Relief. Es stammt aus dem Benediktinerkloster auf dem Huy, ein in fränkischer Zeit militärisch genutzter Höhenrücken im nördlichen Harzvorland. Von Beginn an stand das Kloster unter dem Schutz der Halberstädter Bischöfe, Burchard I. hatte neben der Marienkapelle auch eine Pfalz errichtet. Die Klosterchronik des 12. Jahrhunderts erwähnt die Fertigstellung des „monasteriums“ noch in der Regierungszeit Abt Alfrieds. Der Kreuzgang, der noch stehende, zweigeschossig gewölbte Bau an der Westseite des Südflügels und möglicherweise auch Gebäude östlich der Kirche können erst nach 1150 fertiggestellt worden sein. Dieser späteren Phase gehört wohl auch das Kapitell an. Im südlichen Abschnitt des Ostflügels hat es noch einen Zweistützenraum mit den bekannten Basen gegeben, in dem dieses Kapitell aufgestellt gewesen sein könnte. Die Bildhauer, die im dritten Viertel des 12. Jahrhunderts zum Ausbau der Huysburger Klausurgebäude herangezogen wurden, haben unter Verwendung des in Sachsen seit dem 11. Jahrhundert üblichen Würfelkapitells, aber auch der korinthischen Ordnung, vor allem durch die ausgeprägte Dreidimensionalität der Formen neue Maßstäbe in der Region gesetzt. Das ornamentale Kapitell ist eng mit der Bauskulptur des nördlichen Harzvorlandes verbunden und man kann davon ausgehen, dass die meisten der auf der Huysburg tätigen Bildhauer in sächsischen Werkstätten ausgebildet wurden und wohl auch an verschiedenen Baustellen der Region tätig waren.(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)

Würfelkapitell mit Blattornamenten

Würfelkapitell mit Blattornamenten

Das Kapitell ist aus der Grundform des Würfels entwickelt und an allen vier Seiten ausgearbeitet. Aus einem mittig unter der Kämpferplatte hervorragenden Knopf wächst eine sich nach unten schildartig ausbreitende Palmette, deren oberer Rand nach vorn umgeschlagen ist. Es stammt aus dem Benediktinerkloster auf dem Huy, ein in fränkischer Zeit militärisch genutzter Höhenrücken im nördlichen Harzvorland. Von Beginn an stand das Kloster unter dem Schutz der Halberstädter Bischöfe, Burchard I. hatte neben der Marienkapelle auch eine Pfalz errichtet. Die Klosterchronik des 12. Jahrhunderts erwähnt die Fertigstellung des „monasteriums“ noch in der Regierungszeit Abt Alfrieds. Der Kreuzgang, der noch stehende, zweigeschossig gewölbte Bau an der Westseite des Südflügels und möglicherweise auch Gebäude östlich der Kirche können erst nach 1150 fertiggestellt worden sein. Dieser späteren Phase gehört wohl auch das Kapitell an. Im südlichen Abschnitt des Ostflügels hat es noch einen Zweistützenraum mit den bekannten Basen gegeben, in dem dieses Kapitell aufgestellt gewesen sein könnte. Die Bildhauer, die im dritten Viertel des 12. Jahrhunderts zum Ausbau der Huysburger Klausurgebäude herangezogen wurden, haben unter Verwendung des in Sachsen seit dem 11. Jahrhundert üblichen Würfelkapitells, aber auch der korinthischen Ordnung, vor allem durch die ausgeprägte Dreidimensionalität der Formen neue Maßstäbe in der Region gesetzt. Das ornamentale Kapitell ist eng mit der Bauskulptur des nördlichen Harzvorlandes verbunden und man kann davon ausgehen, dass die meisten der auf der Huysburg tätigen Bildhauer in sächsischen Werkstätten ausgebildet wurden und wohl auch an verschiedenen Baustellen der Region tätig waren.(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)