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Die Entrückung des heiligen Paulus

Ident. Nr.: 1858

ObjID: obj:865272

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Johann Liss (1597 - 1631),
Maler*in
Datierung
Ausführung: um 1627
Weitere Titel
Sammlungstitel: Die Entrückung des heiligen Paulus
Die Verzückung des heiligen Paulus
Übersetzung: The Rapture of Saint Paul
Geografische Bezüge
Material / Technik
Leinwand
Abmessungen
Bildmaß: 81,8 x 60,5 cm
Erwerbung
1919 Ankauf von Dr. Alexander Frey, Berlin

Objektbeschreibung

Wie zuvor Elsheimer und später Schönfeld verbrachte der aus Oldenburger Land in Holstein stammende Johann Liss den größten Teil seines aktiven Lebens in Italien, in Rom, vor allem aber in Venedig. 1616 hielt er sich in Holland (Amsterdam und Haarlem) auf und von 1617 bis 1619 wohl in Antwerpen, wo ihn Jordaens’ Frühwerk beeindruckte, bevor er über Paris nach Venedig gelangte. Dort ist er 1621 nachweisbar. Eine Zeitlang war er in Rom, wohl von 1622 bis 1625, wo er von Caravaggio-Nachfolgern wie Nicolas Regnier, der 1626 selbst nach Venedig übersiedelte, beeinflusst wurde, die Barockmalerei Guercinos und Lanfrancos kennenlernte, aber auch mit Landschaftsmalern der Elsheimer-Nachfolge wie Poelenburgh in Berührung kam. In Venedig stand er vor allem dem Stil des aus Mantua stammenden, 1623 dort gestorbenen Fetti nahe, den er vielleicht schon bei seinem ersten Aufenthalt in der Stadt kennengelernt hatte.
Aus den letzten Lebensjahren stammt die Verzückung des heiligen Paulus. Gegen Ende des 2. Briefes an die Korinther (12, 1-4) berichtet Paulus in der dritten Person von sich: »Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren … ward derselbe entrückt bis an den dritten Himmel. Und ich kenne denselben Menschen … der ward entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, welche ein Mensch nicht sagen darf. « Von dem gleißenden Licht, der Farbenpracht der himmlischen Vision mit der Trinität in ferner Höhe, von der Bewegtheit der Engelsfiguren und ihrer Musik getroffen und überwältigt, fährt Paulus in seiner Studierecke, in einem Lehnstuhl sitzend, jäh zurück. Die Gesten seiner Hände drücken abwehrendes Erschrecken und ungläubiges Staunen aus. Ein kleines Buch liegt neben ihm auf dem Tisch, weitere liegen hinten, große Folianten vorne auf dem Boden. Unten links im Hintergrund kauert eine männliche Figur im Schlaf, den Kopf in die Hand gestützt. Ein großer Engel rechts oben rafft einen Vorhang zur Seite. Ein anderer großer Engel links, vom Rücken gesehen, halb im Schatten, ist auf einer dunklen Wolke tief zu Paulus herabgefahren und spielt die Laute.
Der steigende Diagonalzug der Engelfiguren durchkreuzt den fallenden Diagonalzug, der die Trinität mit Paulus verbindet. Die farbig dunkleren Töne der unteren und rechten Schattenzone, Dunkelviolett von Paulus’ Mantel, Grün des Vorhangs und Dunkelblau des Engels links, kulminieren in den hellen, intensiven Tönen, dem Rosalila des geigenspielenden Engels, dem Weiß der anderen Engel und dem hellen Goldgelb der Himmelszone. Die flüssige Malweise, die leichten, flockigen Formen der sich bauschenden und kräuselnden Gewänder und der schwellend-bewegten Körper, die gleitenden Helldunkelkontraste und die lichterfüllte Farbigkeit fließen ein in den Gesamteindruck eines wirbelnd-rauschenden, festlich-bewegten barocken Bildorganismus, in dem Liss Stilphänomene des venezianischen Settecento vorwegzunehmen scheint. Offensichtlich sind die kompositorischen Bezüge zur etwa gleichzeitig entstandenen Vision des Hieronymus in S. Nicola da Tolentino in Venedig, seinem einzigen bekannten Altarbild.
Das Bild wurde um 1655 von J. Falck für das Galeriewerk der Sammlung des reichen Amsterdamer Kaufmanns Gerrit Reynst (1604-1658) gestochen, als Gegenstück eines Traums des Petrus, die eine Komposition Fettis wiedergibt. Gerrits Bruder Jan hatte seit 1625 zeitweilig in Venedig gelebt und könnte das Bild dort nach Liss’ Tod erworben haben. Erich Schleier | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019
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Like Elsheimer before him and Schönfeld after him, Johann Liss – whose origins lie in the Oldenburg Land in Holstein – spent the greater part of his active life in Italy – in Rome, but in particular in Venice. In 1616, he stayed in the Netherlands (Amsterdam and Haarlem), and from 1617 until 1619, most probably in Antwerp, where he was impressed by Jordaens’ early works, before traveling via Paris to Venice, where he is traceable in 1621.

Liss spent a period of time in Rome, probably from 1622 until 1625, where he was influenced by followers of Caravaggio such as Nicolas Regnier, who himself settled in Venice in 1626, becoming acquainted with the Baroque painting of Guercino and Lanfranco, and coming into contact with landscape paintings by followers of Elsheimer such as Poelenburgh. In Venice, he was close in particular to the style of Domenico Fetti, a native of Mantua who died in Venice in 1623, and with whom Liss may have become acquainted during his first stay in the city.

The Ecstasy of Saint Paul dates from the final years of the artist’s life. Toward the end of the second letter to the Corinthians (12:1–4), Paul reports about himself in the third person: “And I know such a man […] such a one caught up even to the third heaven. And I know such a man […] how that he was caught up into Paradise, and heard unspeakable words, which it is not lawful for a man to utter.” Stricken and overwhelmed by the dazzling light, by the blaze of colour of the celestial vision of the Trinity in the distant heights, by the emotion of the angelic figures and their music, Paul, who is seated in an armchair, retreats backward abruptly into the corner of the studio. The gestures of his hands express fright, defensiveness, and astonished disbelief. A small book lies on the table nearby, while further volumes are visible behind him, i. e. the large folios on the floor in front of him. Squatting in the background on the lower left is a masculine sleeping figure, his head supported in his hand. On the upper right, a large angel pulls a curtain to the side. Another large angel on the left-hand side, seen from the back, half in shadow, has descended toward Paul on a dark cloud, and plays the lute. The ascending diagonal movement of the angelic figures intersects with the descending diagonal movement that links the Trinity with Paul. The darker tones of the lower and right-hand side shadowed zones, the deep violet of Paul’s cloak, the green of the curtain, and the dark blue of the angel on the left-hand side, culminate in bright, intense tones: the pink-lilac of the angel who plays the violin, the white of the other angel, and the bright golden yellow of the heavens. The fluid manner of painting, the light, fluffy forms of the billowing, rippling garments, and the swelling, animated bodies, the light-dark contrasts and luminous colours flow together into an overall impression of a whirling and swooshing, solemn and moving Baroque pictorial organism through which Liss seems to anticipate certain stylistic phenomena of the Venetian Settecento. Readily apparent are compositional references to the roughly contemporary Vision of Saint Jerome in San Nicola da Tolentino in Venice, his only known altar painting. This picture was engraved around 1655 by J. Falck for a publication devoted to the collection of the wealthy Amsterdam merchant Gerrit Reynst (1604–58), and served as a counterpart to a Dream of Saint Peter, which reproduces a composition by Fetti. Gerrit’s brother Jan had lived in Venice from time to time beginning in 1625, and may have acquired the picture there after Liss’ death. Erich Schleier | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Letzte Aktualisierung: 03.07.2026

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Einrichtung:

Gemäldegalerie

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Italienische Küstenlandschaft im Morgenlicht

Italienische Küstenlandschaft im Morgenlicht

Neben Poussin und seinem Schwager Gaspard Dughet war der gebürtige Lothringer Claude Lorrain der dritte große französische Maler des 17. Jahrhunderts, der nahe zu sein ganzes Leben in Rom verbrachte. In seiner fast fünfzigjährigen Schaffenszeit führte er die zu Beginn des 17. Jahrhunderts von Paul Bril, Elsheimer, Annibale Carracci, Domenichino und Agostino Tassi entwickelte klassische Landschaftsmalerei in Rom zu einem ihrer Höhepunkte. Sein Landschaftsstil, der vor allem auf die Wirkung des aus der Ferne des Horizonts kommenden und den weiten Bildraum erfüllenden Lichtes abzielte, bildete den Gegenpol zu den tektonisch festgefügten Landschaften Dughets und Poussins. Um 1635 begann Claude die Kompositionen der Bilder nachträglich als Zeichnungen in einem Album, dem sogenannten »Liber Veritatis« (London, British Museum), festzuhalten, in dem von 1637 bis zu seinem Tod praktisch alle seine Werke eingezeichnet sind. Die Berliner Gemäldegalerie besitzt zwei bedeutende Bilder Claudes: eine großformatige frühe Landschaft, die er um 1634/35 für den Marchese Vincenzo Giustiniani malte, und das vorliegende Bild, das 1642 datiert und unter der Nummer 64 im »Liber Veritatis« eingezeichnet ist. Am Anfang der komplizierten Bildgenese steht eine lavierte Federzeichnung (ehemals New York, Sammlung Heinemann), eine Kompositionszeichnung der Landschaft ohne Figurenstaffage. Die Anlage ist im wesentlichen schon die des Bildes, wenn auch die Einzelheiten stark verändert wurden. Vor allem die Baumkulisse rechts vorn wurde weiterentwickelt. Im Vordergrund bläst ein stehender Hirte die Flöte, eine auf einem Felsblock sitzende Hirtin hört zu. Weiter hinten beschreitet ein Mann mit geschultertem Stock die Brücke, an deren hinterem Ende weitere Figuren zu sehen sind. Rechts neben dem Hirten steckt scheinbar beziehungslos ein Stab im Boden. Die Erklärung hierfür bieten die Röntgenaufnahme und die Zeichnung Claudes im »Liber Veritatis«. Dort sieht man anstelle des Hirten einen jungen Mann in kurzem, chitonartigem Gewand, das die linke Schulter frei läßt. Sein Gesicht ist im Profil der jungen Frau zugewendet, der er mit der ausgestreckten rechten Hand einen herabhängenden Gegenstand hinhält. Im »Liber Veritatis« hält er in der linken Hand den Stab, genau an der Stelle, wo dieser auch im Bild zu sehen ist. Im Röntgenbild dagegen ist seine linke Hand in einem Zeigegestus gegeben. Den Stab scheint hier die junge Frau mit der rechten Hand, über die Schulter gelehnt, zu halten. Ihre Beine sind in der Zeichnung und im Röntgenbild anders übereinandergeschlagen, und der linke Arm greift leicht aus. In der Zeichnung blickt die Frau auf zur männlichen Figur. Wir haben die Szene als Begegnung von Juda und Thamar gedeutet, die im 1. Buch Mosis (38, 12-19) erzählt wird. Auf dem Wege nach Thimnath begegnet Juda seiner am Wegrand hockenden verwitweten Schwiegertochter Thamar, die er nicht erkennt und für eine Hure hält, deren Dienste er in Anspruch nehmen will. Er verspricht ihr als Lohn einen Ziegenbock und gibt ihr auf ihr Verlangen als Pfänder seinen Stab, seine Schnur und seinen Ring. Die Geschichte läuft auf die scheinbare Untugend und wahre Tugend der Heldin und die Beschämung des Helden beim Entdecken seines Irrtums und des ihr angetanen Unrechts hinaus. In einer ersten Bildphase, wie sie das Röntgenbild zeigt, gibt Juda Thamar die Schnur, während sie seinen Stock schon erhalten hat. In einem zweiten, ebenfalls aus - geführten Zustand, wie ihn die Zeichnung des »Liber Veritatis« festhält, gibt er ihr die Schnur, hält aber seinen Stock. Die Veränderung zu einer Hirtengruppe stammt sicher aus dem 17. Jahrhundert. Theoretisch könnte sie – auf Veranlassen eines Auftraggebers – auch von anderer Hand ausgeführt sein, wahrscheinlich aber stammt sie von Claude selbst. Bei der Reinigung des Bildes 1952 kam der getilgte, übermalte, aber durchgewachsene Stab wieder zum Vorschein. Das Bild, das nach dem »Liber Veritatis« für einen Auftraggeber in Paris bestimmt war, befand sich vom frühen 18. Jahrhundert bis 1818 in England und dann in Paris, wo es 1881 von Bode erworben wurde. Man hat immer angenommen, daß das Berliner Bild und das verschollen geglaubte, welches offensichtlich aus dem gleichen Jahr stammt und ebenfalls für Paris bestimmt war, Gegenstücke gewesen wären. Auf letzterem war ebenfalls eine alttestamentliche Szene dargestellt – Tobias mit dem Engel. Dieses Bild hat Roethlisberger in Privatbesitz wiederentdeckt. Erich Schleier | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: Mitte unten: CLA[U]DE • IN • F / ROMAE 1642____________________________________Alongside Poussin and his brother-in-law Gaspard Dughet, Claude Lorraine, a native of Lorraine, was the third great French painter of the 17th century who spent almost his entire career in Rome. During the 50 years of his career as an artist, he brought the classical landscape painting that had been developed in Rome at the start of the 17th century by Paul Bril, Elsheimer, Annibale Carracci, Domenichino, and Agostino Tassi to its highpoint. His landscape style – which was oriented primarily toward the effects of a light, which emanates from the distant horizon and suffuses the entire pictorial space – represented a counter pole to the tectonically stable landscapes of Dughet and Poussin. Around 1635, Claude began to record the compositions of his completed pictures in the form of drawings in an album, the so-called Liber Veritatis (London, British Museum), in which virtually all of his works were entered beginning in 1637 and up until his death. The Gemäldegalerie in Berlin owns two important pictures by Claude: a large-format early landscape produced around 1634/35 for the Marchese Vincenzo Giustiniani, and the present picture, which is dated 1642, and was entered as a drawing into the Liber Veritatis as number 64. The beginnings of the complicated genesis of this picture is preserved in the form of a pen and ink drawing with wash (formerly New York, Heinemann Collection), a compositional drawing of the landscape without ancillary figures. In essence, the layout is already that of the finished picture, albeit with many markedly altered details. The trees seen on the foreground right in particular were developed further. In the foreground, a standing shepherd plays a flute, while a second shepherd, who is seated on a boulder, listens. Behind them, another man, a wooden stick resting on his shoulder, strides across the bridge, at whose far end additional figures are visible. To the right of the shepherds, and seemingly unrelated to its surroundings, is a wooden staff, its point thrust into the ground. Its presence is explicable through an X-ray photograph and a drawing by Claude in the Liber Veritatis. There, in place of the shepherds, we see a young man in a short, chiton-style garment, which leaves his left shoulder bare. His face, seen in profile, is turned toward the young woman, toward whom he holds out an object, which hangs downward from his outstretched right hand.In the Liber Veritatis, he holds the staff in his left hand, exactly in the position where it is visible in the picture today. In the X-ray image, in contrast, his left hand is rendered in a pointing gesture. Here, the young woman seems to hold the staff with her right hand, and it leans on her shoulder. Her legs are crossed in a different way in the drawing and the X-ray, and her left arm reaches out slightly. In the drawing, the woman looks at the male figure. We have interpreted the scene as the encounter between Judah and Tamar, as narrated in the first Book of Moses (38:12–19). On his way to Timnath, Judah meets his widowed daughter-in-law Tamar squatting at the edge of the path; failing to recognize her, he takes her for a prostitute, whose services he wishes to procure. As payment, he promises her a billy goat, and at her request, gives her his staff, his seal and its cord, and his ring as pledges. The story revolves around the apparent vice and genuine virtue of the heroine, and the shaming of the hero when he discovers his error and the wrong he has done to her. In an initial phase of development, as shown by the X-ray image, Judah hands Tamar the seal and cord, while she has already received the staff. In a second also executed state, as preserved by the drawing in the Liber Veritatis, he hands her the seal and cord, but holds the staff. The transformation of the original figures into a group of shepherds surely dates back to the 17th century. Theoretically, it may have been carried out by a different hand, and moreover at the request of a client, but is most likely the work of Claude himself. When the picture was cleaned in 1952, the face, overpainted, streaky staff resurfaced. The picture, which was – according to the Liber Veritatis – intended for a Parisian client, was found in England between the early 18th century and up to 1818, and then in Paris, where it was purchased in 1881 by Bode. It had always been assumed that the Berlin picture and a second picture, believed to be lost, which was evidently produced that same year and also intended for Paris, were conceived as pendants. The latter painting also depicted an Old Testament scene, namely Tobias with the Angel. This picture was rediscovered by Marcel Roethlisberger in a private collection. Erich Schleier | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Verkündigung Mariae

Verkündigung Mariae

Das großformatige Bild gilt als wichtige Stufe der Auseinandersetzung Tintorettos mit dem Thema und dem Gemälde Tizians in der Scuola Grande di San Marco in Venedig (um 1540). Es entstand in der Zeit, in der Tintoretto für die Scuola Grande arbeitete, und wenige Jahre vor der großen Verkündigung für die Sala Terrena (1581/82), in der er einige neue Motive, vor allem die dynamische, waagerechte Flughaltung des Engels einführte, die beim Berliner Gemälde noch fehlen. Doch auch hier ging er bereits über Tizians Bildlösungen – ein Vorbild, das schon Frey (1959) erkannte – hinaus: Fußboden,Wolken und die Haltung Gabriels sind zweifellos an Tizian angelehnt, doch ist die erhobene Rechte des Engels und damit die ganze Figur bereits stärker gedreht und die Geste somit dynamischer. Maria, die ungewöhnlicherweise steht, wendet sich von ihrem Buch ab, sodass sich die Köpfe der beiden Figuren auf gleicher Höhe befinden. Dem bei diesem Bildthema nicht üblichen Ausblick in einen manieristischen Park und vor allem dem Laubengang kommt dabei eine kompositorische und inhaltliche Bedeutung zu: Letzterer erscheint wie eine vegetabile Ehrenpforte und deren Bogenverlauf wie eine Verlängerung des erhobenen Arms des Engels. Die traditionelle Aufteilung von Außen- und Innenraum, die Visualisierung des Hereinkommens des Engels, auch bei Tizian und Tintorettos späterer Version beibehalten, sind beim Berliner Gemälde aufgelöst. Einzig der Vorhang hinter Maria deutet die private Atmosphäre an, der auch ihre stehende Haltung widerspricht. Die Datierung stammt von Pallucchini/Rossi (1982), entspricht aber im Wesentlichen auch den übrigen Forschungsmeinungen. | Tobias Kunz, in: Die Schätze. 125 Jahre Kaiser Friedrich Museumsverein, Petersberg 2022, Kat. 20, S. 182Vermutlich im Mai 1945 im Leitturm des Flakbunkers im Berliner Friedrichshain vernichtet.________________________________________________________________Most likely destroyed in May 1945 in the control tower of the flak tower in Berlin Friedrichshain.

Stillleben mit Früchten in einer Porzellanschale

Stillleben mit Früchten in einer Porzellanschale

Umrahmt von Weinlaub türmen sich kunstvoll Weintrauben, Aprikosen, Pfirsiche, Pflaumen und Quitten auf einer blau-weiß gemusterten Schale, bei der es sich vermutlich um Delfter Keramik handelt. Das üppige Arrangement nimmt nahezu den gesamten Bildraum ein, was den Eindruck der Fülle verstärkt. Auf der hölzernen Tischplatte befinden sich zu beiden Seiten der Schale virtuos gemalte Schneckengehäuse. Diese waren in der Stilllebenmalerei nicht ungewöhnlich, stellten sie doch überaus kostbare und beliebte Sammelobjekte dar. Frans Snyders, der mehrfach mit Rubens zusammenarbeitete, zählt zu den bedeutendsten und produktivsten flämischen Stilllebenmalern. In diesem für ihn eher kleinformatigen Gemälde demonstriert Snyders meisterhaft seine Fähigkeit zur Naturnachahmung.| Britta Bode_______________________________________________________________________________________________________________________________________Grapes, apricots, peaches, plums and quinces, framed by vine leaves, pile up artfully on a blue and white patterned platter, most likely a work of Delft ceramics. The bountiful arrangement takes up nearly the entire space of the painting, adding to the impression of abundance. To both sides of the platter the artist virtuously painted a number of snail shells on the wooden table. These are not uncommon in still-life paintings, they were in fact, very valuable and popular collector’s items. Frans Snyder, who often collaborated with Rubens, is one of the most important and productive Flemish still life painters. In this uncharacteristically small painting, Snyders demonstrates his masterful skill of imitation.| Britta Bode

Der Raucher

Der Raucher

Das Genrebild zeigt einen jungen Mann mit Pelzhut und blonden Locken. Sein weißer Brustgurt mit dem dazugehörigen Säbel kennzeichnet ihn als Soldaten. Breitbeinig sitzt er an einem einfachen Holztisch, auf dessen Platte er die Arme stützt. In seiner Rechten hält er eine lange Tonpfeife, deren Ende in einem kleinen Kohlebecken ruht. Eine weitere, zerbrochene Pfeife liegt daneben. Die beruhigte Komposition, einer Momentaufnahme gleich, sowie feinmalerisch ausgearbeitete Details sind charakteristisch für ter Borch. Seitdem man Ende des 16. Jahrhunderts Tabak aus Übersee importierte, gehörte das Rauchen – zeitgenössisch sowohl positiv wie negativ bewertet – zu den häufig dargestellten Themen der niederländischen und flämischen Genremalerei des 17. Jahrhunderts._________________________________________________________________________This genre painting shows a young man with a fur hat and blonde curls. His white chest strap with sabre identifies him as a soldier. He sits at a simple wooden table, legs spread, resting his arms on the surface. In his right hand he holds a long clay pipe, the end of which rests in a coal basin. Another broken pipe lies next to it. The calm composition, a snap-shot like moment, as well as the delicately drawn out details are characteristic for ter Borch. Since the start of the overseas import of tobacco at the end of the 16th century, smoking– considered already by contemporaries positively as well as negatively – had become one of the most frequently painted topics in Dutch and Flemish genre paintings of the 17th century.

Bildnis einer vornehmen genuesischen Dame

Bildnis einer vornehmen genuesischen Dame

Als die Bildnisse von Alessandro Giustiniani-Longo und seiner vermeintlichen Ehefrau (Kat.Nr. 782C) 1901 als Pendants in die Gemäldegalerie gelangten, hatten sie bereits eine lange gemeinsame Geschichte hinter sich. Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts befanden sie sich im Besitz von Costantino Balbi (1676-1740) in Genua, der das Frauenporträt vermutlich von Giovanni Luca Spinola, das des Mannes von Alessandro Saluzzo und seinen Brüdern erworben hatte. Beide Porträts dürften etwa zur selben Zeit, um 1622/23, von Anton van Dyck während seines Aufenthaltes in Italien (1621-1627) in Genua gemalt worden sein. Auf den Bildern treten dem Betrachter ausdrucksstarke, faszinierende Persönlichkeiten entgegen, in beiden Fällen wiedergegeben in Lebensgröße und in sitzender Haltung. Es verwundert daher kaum, dass man für mehr als 200 Jahre annahm, es handle sich bei den Porträts um die Darstellung eines Ehepaares. Wie die Forschung gezeigt hat, trifft diese Annahme jedoch nicht zu. Bei dem Bildnis des alten Mannes handelt es sich um den genuesischen Senator Alessandro Giustiniani-Longo (1544-1631), der um 1622/23 bereits weit in den Siebzigern war. Er entstammte einer alteingesessenen und hoch angesehenen, genuesischen Familie. Von 1611 bis 1613 bekleidete er das höchste Amt, das der aristokratisch konstituierte, ligurische Stadtstaat zu vergeben hatte: das des Dogen. 1613 wurde er schließlich auf Lebenszeit Prokurator (Sachverwalter für Finanzen) der Genueser Republik. Das gerollte Papier in der Rechten des Mannes sowie sein ebenso herrisch wie misstrauischer Blick scheinen dieser Position, deren Ausübung Unbestechlichkeit voraussetzte, zu entsprechen. Auch die von ihm getragene schwarze Kappe weist bereits auf eine offizielle Bestimmung seiner Person hin. Im Falle des Frauenbildnisses ist eine eindeutige Identifizierung der Dargestellten dagegen bislang nicht gelungen. Die von ihr getragene, auf der Stirn spitz zulaufende Haartracht verweist jedoch auf ihren Status als Witwe, was eine Zuordnung der beiden Porträts als Ehepaar sehr unwahrscheinlich macht. Zudem belegt eine Kopie des Bildes aus dem 17. Jahrhundert, dass das Werk ursprünglich nach links hin breiter angelegt war und erst nachträglich beschnitten und so dem Männerporträt angeglichen wurde. Auch widersprechen die unterschiedlichen Schauplätze und ihre spezifische Ausstattung sowie der Umstand, dass die Frau deutlich höher im Bild sitzt als der Mann, der Annahme, es handle sich hierbei um zusammengehörige Pendants. Porträts dieser Art verhalfen van Dyck zu weit verbreiteter Anerkennung und zu reichen Aufträgen durch die Familien des Adels, für die er vornehmlich gearbeitet hat. Ausgehend von Rubens, in dessen Antwerpener Atelier er als blutjunger, genialer Künstler im Alter von 17 Jahren eingetreten war, aber auch im Rückgriff auf den höfischen Porträtstil Tizians, entwickelte er jenen vornehm-gelassenen, distanzierten Ausdruck, der die Vorstellung vom aristokratischen Menschenbild für seine Zeit außerordentlich geprägt hat. Die Werke verblieben lange im Palazzo Balbi in Genua. 1828 wurden sie, durch Vermittlung des Malers David Wilkie, von dem englischen Sammler Sir Robert Peel erworben und gelangten aus dessen Hinterlassenschaft, die 1900 versteigert wurde, schließlich nach Berlin. Jan Kelch und Katja Kleinert | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________________________________________________________When the Gemäldegalerie received these two portraits as companion pieces in 1901, they already had a long common history behind them. At the beginning of the 18th century, the two portraits were owned by Costantino Balbi (1676–1740) in Genoa; he is believed to have purchased the portrait of the woman from Giovanni Luca Spinola, and that of the man from Alessandro Saluzzo and his brothers. Both portraits are very likely to have been painted in Genoa by Anton van Dyck around the same time – 1622–23 – during the artist’s stay in Italy (1621–27). Both portraits show very individual, compelling personalities; both are depicted in life-size and shown seated. It is unsurprising that for over 200 years it was assumed that these two pictures were portraits of a married couple. However, historical records show that this is not the case.The painting of the man is the portrait of the Genoese senator Alessandro Giustiniani- Longo (1544–1631), who was in his late seventies around 1622–23. He belonged to an ancient and very noble Genoese family. Between 1611 and 1613, he held the highest office that the oligarchic merchant city-state in Liguria had: that of the Doge. In 1613, he was appointed Procurator of the Genoese Republic, a life-long office that put him in charge of finances. The rolled document in his right hand and his imperious and suspicious gaze appear to correspond to this position, which presupposed incorruptibility. The black cap on his head also illustrates that the sitter holds a public office. In contrast, the identity of the woman remains uncertain. Her hairstyle with the lacy ornament on her forehead indicates that she is a widow, thus making it unlikely that the two portraits are pictures of a married couple. In addition, a copy of the portrait made in the 17th century shows that the picture was originally wider, and that a section on the left side was removed at a later point, presumably to make it match the portrait of the man. The different settings and the furnishing details, as well as the fact that the woman is sitting higher than the man also challenge the assumption that these are companion portraits.For Anton van Dyck, portraits such as these were useful in building his reputation as a portrait painter and gaining commissions from aristocratic families, who were his main clients. Inspired originally by Rubens, whose Antwerp studio he had joined as a young but precociously talented painter aged 17, and also by the courtly portrait style of Titian, van Dyck developed a distinguished, serene and distant expression which decisively influenced the idea of what an aristocrat should look like.The paintings remained in the Palazzo Balbi in Genoa for many decades. In 1828, they were acquired by the English collector Sir Robert Peel, through the mediation of the painter David Wilkie, and finally arrived in Berlin from his estate, which was sold at auction in 1900. Jan Kelch und Katja Kleinert | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019