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Der Tod Mariae

Ident. Nr.: 1884

ObjID: obj:865492

Eigentum des Kaiser Friedrich Museumsvereins

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Giotto (um 1267 - 1337),
Maler*in
Datierung
Ausführung: um 1310
Weitere Titel
Sammlungstitel: Der Tod Mariae
Übersetzung: Death of the Virgin
Geografische Bezüge
Italien,
Land
Material / Technik
Pappelholz
Abmessungen
Bildmaß: 75,8 x 179,7 cm Giebelform
Erwerbung
1914 Ankauf von dem Kunsthändler Robert Langton Douglas, London

Objektbeschreibung

Dargestellt ist die Entschlafung Mariens, ein Bildthema, das sich aus apokryphen Quellenschriften speist, von denen die wichtigste ein mit »Transitus Mariae« überschriebener Text eines anonymen Autors (Pseudo-Meliton) ist, der von Gregor von Tours (538–594) modifiziert wurde. Aufgrund dieser Vorlagen redigierte Jakobus da Voragine seine Version des Geschehens für die Legenda aurea, eine Sammlung mit den Lebensbeschreibungen der Heiligen. In allen Quellen wird zwischen verschiedenen, zeitlich aufeinanderfolgenden Ereignissen unterschieden: Marias Bitte, im Kreise der Apostel, Patriarchen und Engel sterben zu dürfen, ihrer eigentlichen Entschlafung, den Exequien (Trauerfeier), der Grablegung sowie der Auferweckung und Himmelfahrt. Giotto hat mehrere Elemente dieser Ereignisse auf der Berliner Tafel in einer einzigen Darstellung synthetisiert. Das Sujet des Bildes ist hier demnach weniger als »historia« (Bilderzählung) zu bezeichnen, sondern vielmehr als eine ohne zeitliches Kontinuum formulierte Inszenierung des Totenkults, als Darstellung des Rituals gemeinschaftlicher Erinnerung aufzufassen.

Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht wunder, dass Giottos Komposition zahlreiche Verweise auf das mittelalterliche Bestattungsritual enthält. Dazu zeigt die Tafel Anwesende verschiedener Kategorien: Neben den Aposteln kommt insbesondere den Engeln eine wichtige Rolle zu. Bei Exequiendarstellungen und in der Grabmalsikonografie treten sie als Liturgen auf und spenden – dem Text der Apokalypse folgend – den Weihrauch. Hier übernimmt ein Engel in der rechten Bildhälfte
diese Aufgabe. Mit vollen Wangen bläst er in ein Rauchfass, um die Glut darin zu entfachen. Zudem sind, am linken Bildrand, Frauen gegenwärtig, die Gefährtinnen Mariens. Sie können gleichzeitig als Verweise auf die zum Trauergeleit gehörenden Frauen im realen Bestattungskult verstanden werden. Neben dem Sarkophag steht ferner beidseitig ein Engelpaar mit speziellen gedrehten Kerzen, die beim Sterbesegen entzündet wurden. Es folgte die Totenklage. Auf der Berliner Tafel vollführen die prominent über dem Haupt Mariens positionierten Apostel Gesten der Trauer. Der Klerus versammelte sich anschließend zur Vigil, die Bußpsalmen wurden gelesen, und der Körper wurde mit Weihwasser besprengt. Wir sehen Petrus auf der linken Seite aus den Psalmen rezitieren, während Andreas, in grüner Gewandung, von rechts das Aspergill mit dem Weihwasser führt. In anschließender Prozession geleitete man den Leichnam unter Gebet und Gesang zu Grabe.

Wenn sich diese Momente des Geschehens auf dem Bild allesamt finden lassen, dann deshalb, weil das Flachgiebeldossale um 1310 auf einem am Lettner befindlichen Seitenaltar des Florentiner Humiliatenkonvents zu Ognissanti aufgestellt war, der explizit der Verrichtung von Totenoffizien und Memorialgottesdiensten zugeeignet war. Unmittelbar vor ihm befanden sich Bodengräber. Das Kultbild war demnach thematisch auf das liturgische Ritual abgestimmt, das sich davor ereignete,
während das Zeremoniell selbst wiederum eine visuelle Überhöhung durch das im Altarbild inszenierte Geschehen erhielt. Mit der Entschlafung Mariens verbindet sich die christliche Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Das kultische Handeln um Tod und Memoria war für den Humiliatenorden von großer Bedeutung, denn mit dieser seelsorgerischen Tätigkeit waren wichtige Einnahmen verbunden, die den Mönchen durch Anteile am Nachlass Verstorbener zukamen. Als 1296 der innerstädtische Friedhof in Florenz aufgelöst wurde, zählte der außerhalb des Stadtzentrums
gelegene Konvent von Ognissanti für einige Jahre zu den wichtigsten Kirchen für den Bestattungskult, da sich in unmittelbarer Nähe ein großer Friedhof befand, der unbeschränkt ausgedehnt werden konnte. Dieses für die Existenz des Ordens wichtige Bildwerk gaben die Mönche bei dem bedeutenden Florentiner Maler Giotto di Bondone in Auftrag, der es, auf der Höhe seines reifen Schaffens, um 1310 ausführte. Die tiefenräumliche Erscheinung des Geschehens ist durch die Positionierung massiver Figuren und ihre säulenartige Staffelung erwirkt. Bildeinführend kniet einer der Apostel vor dem bildparallel gestellten Sarkophag mit dem darauf ausgestreckten Körper Mariens. Dahinter wird die in hellem Gewand mittig stehende Figur Christi von zwei Aposteln in grüner Toga flankiert. In der rosa- und cremefarbenen Gewandung ist die Gestalt Christi mit den Engelpaaren verbunden, die links und rechts vom Sarkophag stehen: Vorder- und Mittelgrund sind durch derartige Farbklänge kunstvoll miteinander verwoben. Von der mittig vor dem Sarg knienden Figur des Engels entfaltet sich die Handlung hinüber zu den Seiten, hin zum Blau des links stehenden Engels, der seine Hände ringt, und zu jenem auf der rechten Seite, der seine Ellenbogen in seinen Umhang hineindrückt. Es ist auch die prononciert vorgetragene Körperlichkeit, die Giottos Figuren von der vorhergehenden byzantinischen Formensprache abhebt, weshalb der Maler seit frühester historiografischer Tradition als Vater der modernen Malerei gilt.

Im Verlauf seiner bewegten Geschichte hat die Malschicht des Berliner Retabels stark gelitten. Das Flachgiebeldossale wurde im Zuge diverser Umgestaltungen der Ognissanti-Kirche (Entfernung des Lettners und Barockisierung des Raums im 16. Jahrhundert) von seinem Altar entfernt, schließlich veräußert und gelangte im 19. Jahrhundert nach England in die Sammlung des Reverend Walter Davenport Bromley. 1913 wurde es von dem Londoner Kunsthändler Robert Langton Douglas erworben, der es dem Kaiser Friedrich Museumsverein verkaufte. Nachdem dieses wichtige Werk zunächst hinsichtlich der Autorschaft diskutiert wurde, gilt es inzwischen unbestritten als autografes Werk des großen Florentiner Meisters, Farbkomposition und Figurenstil bestätigen dies. Stephan Weppelmann | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019
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This work depicts the Dormition of the Virgin Mary, a theme that derives from apocryphal scriptures, of which the most important is the text headed Transitus Mariae by an anonymous author (Pseudo-Meliton), which was altered by Gregory of Tours (538–594). On the basis of these sources Jacobus da Voragine edited his version of the events for the Golden Legend (legenda aurea), a collection of saints’ lives. All sources distinguish various events in a chronological sequence: Mary’s wish to be allowed to die among the apostles, patriarchs and angels, her actual dormition, the funeral, the entombment and her resurrection and ascent into heaven. On the Berlin panel, Giotto made a synthesis of several elements of these events in one single depiction. The subject of the painting in this case should therefore be understood less as a historia (pictorial narrative) than as a representation of the
funeral cult rendered without a chronological continuum, a depiction of the ritual of communal commemoration.


Given this background, it is not surprising that Giotto’s composition contains numerous references to the medieval burial ritual. Moreover, the panel shows the participating figures in different categories: alongside the apostles, an important role is given to the angels in particular. In representations of obsequies and in the iconography of funeral monuments they appear as officiants and – following the text of the Apocalypse – are the givers of incense. Here, an angel in the right-hand part of the picture performs this task. With puffed-out cheeks, he blows into a censer in order to ignite the embers within it. Also present, on the left margin of the scene, are women, Mary’s companions. They can be regarded simultaneously as references to women in the cortège in an actual burial ritual. On each side of the sarcophagus, there also stands a pair of angels with special twisted candles, which were lit for
the blessing of the dead. This was followed by the lament for the deceased. On the Berlin panel, the apostles placed prominently above Mary’s head are performing gestures of mourning. After this, the clergy assembled for the vigil, the Penitential Psalms were read, and the body was sprinkled with holy water. We see Saint Peter on the left reciting from the psalms, while Saint Andrew, clothed in green, carries the aspergillum with the holy water from the right. In the subsequent procession, the body was accompanied to the grave with prayers and song.

That all of these aspects of the funeral scene can be identified on the painting is explained by the fact that this low-gabled dossal was placed on a side altar on the screen in the Florentine Ognissanti monastery of the Umiliati order. The altar was explicitly assigned to the offices of burial and memorial services. Graves in the floor of the church were placed directly in front of it. The painting was thus thematically devoted to the liturgical ritual that took place in front of it, while the ceremony itself was visually enhanced by the events depicted on the altarpiece. The Dormition of the Virgin Mary is associated with Christians’ expectation of life after death. The cult of death and commemoration was of great importance to the Umiliati, as this pastoral activity was linked to a significant income that the monks received through a share of the deceased person’s estate. When the cemetery in the inner city of
Florence was dissolved in 1296, the Ognissanti monastery outside the city centre became one of the leading churches for burials for a period of some years, as a large cemetery that could be extended indefinitely was situated in its immediate vicinity. The commission for this painting, which was of significance for the existence of the Umiliati order, was given by the monks to Giotto di Bondone, a leading Florentine painter, who executed it in about 1310 at the pinnacle of his mature period of work.
The three-dimensional appearance of the scene is created through the positioning of weighty figures and their arrangement like staggered columns. By way of introduction, one of the apostles kneels at the sarcophagus, which is set parallel to the edge of the painting, with the body of Mary stretched out upon it. Behind this, the figure of Christ, standing in the middle with a light-coloured robe, is flanked by two apostles wearing green togas. In its pink and cream-coloured clothing, the form of Christ is linked to the pairs of angels standing to the left and right in front of the sarcophagus: by means of such chromatic harmonies, the foreground and middle ground are skilfully interwoven. From the figure of the angel kneeling in front of the sarcophagus at the centre, the story unfolds to the sides, to the blue of the angel on the left who is wringing his hands and to the angel on the right who is pressing his elbows into his cape. The pronounced rendering of corporeality is one element that distinguishes Giotto’s figures from the Byzantine formal language that preceded him. For this reason, the artist has been regarded since the beginnings of art historical tradition as the father of modern painting.

In the course of its rich history, the paint layer of the Berlin altarpiece has suffered considerably. During various alterations to the Ognissanti church (the removal of the screen and the Baroque remodelling of the interior in the 16th century) it was taken from its altar, was eventually sold, and in the 19th century came to England to the collection of Reverend Walter Davenport Bromley. In 1913,
it was purchased by the London art dealer Robert Langton Douglas, who sold it to the Kaiser Friedrich Museumsverein. Following initial discussions of the authorship of this important work, it is now regarded without dispute as a work by the great Florentine master’s own hand, as the colour composition and the style of the figures confirm. Stephan Weppelmann | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Letzte Aktualisierung: 30.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Gemäldegalerie

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Verkündigung Mariae

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Das großformatige Bild gilt als wichtige Stufe der Auseinandersetzung Tintorettos mit dem Thema und dem Gemälde Tizians in der Scuola Grande di San Marco in Venedig (um 1540). Es entstand in der Zeit, in der Tintoretto für die Scuola Grande arbeitete, und wenige Jahre vor der großen Verkündigung für die Sala Terrena (1581/82), in der er einige neue Motive, vor allem die dynamische, waagerechte Flughaltung des Engels einführte, die beim Berliner Gemälde noch fehlen. Doch auch hier ging er bereits über Tizians Bildlösungen – ein Vorbild, das schon Frey (1959) erkannte – hinaus: Fußboden,Wolken und die Haltung Gabriels sind zweifellos an Tizian angelehnt, doch ist die erhobene Rechte des Engels und damit die ganze Figur bereits stärker gedreht und die Geste somit dynamischer. Maria, die ungewöhnlicherweise steht, wendet sich von ihrem Buch ab, sodass sich die Köpfe der beiden Figuren auf gleicher Höhe befinden. Dem bei diesem Bildthema nicht üblichen Ausblick in einen manieristischen Park und vor allem dem Laubengang kommt dabei eine kompositorische und inhaltliche Bedeutung zu: Letzterer erscheint wie eine vegetabile Ehrenpforte und deren Bogenverlauf wie eine Verlängerung des erhobenen Arms des Engels. Die traditionelle Aufteilung von Außen- und Innenraum, die Visualisierung des Hereinkommens des Engels, auch bei Tizian und Tintorettos späterer Version beibehalten, sind beim Berliner Gemälde aufgelöst. Einzig der Vorhang hinter Maria deutet die private Atmosphäre an, der auch ihre stehende Haltung widerspricht. Die Datierung stammt von Pallucchini/Rossi (1982), entspricht aber im Wesentlichen auch den übrigen Forschungsmeinungen. | Tobias Kunz, in: Die Schätze. 125 Jahre Kaiser Friedrich Museumsverein, Petersberg 2022, Kat. 20, S. 182Vermutlich im Mai 1945 im Leitturm des Flakbunkers im Berliner Friedrichshain vernichtet.________________________________________________________________Most likely destroyed in May 1945 in the control tower of the flak tower in Berlin Friedrichshain.

Stillleben mit Früchten in einer Porzellanschale

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Umrahmt von Weinlaub türmen sich kunstvoll Weintrauben, Aprikosen, Pfirsiche, Pflaumen und Quitten auf einer blau-weiß gemusterten Schale, bei der es sich vermutlich um Delfter Keramik handelt. Das üppige Arrangement nimmt nahezu den gesamten Bildraum ein, was den Eindruck der Fülle verstärkt. Auf der hölzernen Tischplatte befinden sich zu beiden Seiten der Schale virtuos gemalte Schneckengehäuse. Diese waren in der Stilllebenmalerei nicht ungewöhnlich, stellten sie doch überaus kostbare und beliebte Sammelobjekte dar. Frans Snyders, der mehrfach mit Rubens zusammenarbeitete, zählt zu den bedeutendsten und produktivsten flämischen Stilllebenmalern. In diesem für ihn eher kleinformatigen Gemälde demonstriert Snyders meisterhaft seine Fähigkeit zur Naturnachahmung.| Britta Bode_______________________________________________________________________________________________________________________________________Grapes, apricots, peaches, plums and quinces, framed by vine leaves, pile up artfully on a blue and white patterned platter, most likely a work of Delft ceramics. The bountiful arrangement takes up nearly the entire space of the painting, adding to the impression of abundance. To both sides of the platter the artist virtuously painted a number of snail shells on the wooden table. These are not uncommon in still-life paintings, they were in fact, very valuable and popular collector’s items. Frans Snyder, who often collaborated with Rubens, is one of the most important and productive Flemish still life painters. In this uncharacteristically small painting, Snyders demonstrates his masterful skill of imitation.| Britta Bode

Der Raucher

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Das Genrebild zeigt einen jungen Mann mit Pelzhut und blonden Locken. Sein weißer Brustgurt mit dem dazugehörigen Säbel kennzeichnet ihn als Soldaten. Breitbeinig sitzt er an einem einfachen Holztisch, auf dessen Platte er die Arme stützt. In seiner Rechten hält er eine lange Tonpfeife, deren Ende in einem kleinen Kohlebecken ruht. Eine weitere, zerbrochene Pfeife liegt daneben. Die beruhigte Komposition, einer Momentaufnahme gleich, sowie feinmalerisch ausgearbeitete Details sind charakteristisch für ter Borch. Seitdem man Ende des 16. Jahrhunderts Tabak aus Übersee importierte, gehörte das Rauchen – zeitgenössisch sowohl positiv wie negativ bewertet – zu den häufig dargestellten Themen der niederländischen und flämischen Genremalerei des 17. Jahrhunderts._________________________________________________________________________This genre painting shows a young man with a fur hat and blonde curls. His white chest strap with sabre identifies him as a soldier. He sits at a simple wooden table, legs spread, resting his arms on the surface. In his right hand he holds a long clay pipe, the end of which rests in a coal basin. Another broken pipe lies next to it. The calm composition, a snap-shot like moment, as well as the delicately drawn out details are characteristic for ter Borch. Since the start of the overseas import of tobacco at the end of the 16th century, smoking– considered already by contemporaries positively as well as negatively – had become one of the most frequently painted topics in Dutch and Flemish genre paintings of the 17th century.

Bildnis einer vornehmen genuesischen Dame

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Als die Bildnisse von Alessandro Giustiniani-Longo und seiner vermeintlichen Ehefrau (Kat.Nr. 782C) 1901 als Pendants in die Gemäldegalerie gelangten, hatten sie bereits eine lange gemeinsame Geschichte hinter sich. Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts befanden sie sich im Besitz von Costantino Balbi (1676-1740) in Genua, der das Frauenporträt vermutlich von Giovanni Luca Spinola, das des Mannes von Alessandro Saluzzo und seinen Brüdern erworben hatte. Beide Porträts dürften etwa zur selben Zeit, um 1622/23, von Anton van Dyck während seines Aufenthaltes in Italien (1621-1627) in Genua gemalt worden sein. Auf den Bildern treten dem Betrachter ausdrucksstarke, faszinierende Persönlichkeiten entgegen, in beiden Fällen wiedergegeben in Lebensgröße und in sitzender Haltung. Es verwundert daher kaum, dass man für mehr als 200 Jahre annahm, es handle sich bei den Porträts um die Darstellung eines Ehepaares. Wie die Forschung gezeigt hat, trifft diese Annahme jedoch nicht zu. Bei dem Bildnis des alten Mannes handelt es sich um den genuesischen Senator Alessandro Giustiniani-Longo (1544-1631), der um 1622/23 bereits weit in den Siebzigern war. Er entstammte einer alteingesessenen und hoch angesehenen, genuesischen Familie. Von 1611 bis 1613 bekleidete er das höchste Amt, das der aristokratisch konstituierte, ligurische Stadtstaat zu vergeben hatte: das des Dogen. 1613 wurde er schließlich auf Lebenszeit Prokurator (Sachverwalter für Finanzen) der Genueser Republik. Das gerollte Papier in der Rechten des Mannes sowie sein ebenso herrisch wie misstrauischer Blick scheinen dieser Position, deren Ausübung Unbestechlichkeit voraussetzte, zu entsprechen. Auch die von ihm getragene schwarze Kappe weist bereits auf eine offizielle Bestimmung seiner Person hin. Im Falle des Frauenbildnisses ist eine eindeutige Identifizierung der Dargestellten dagegen bislang nicht gelungen. Die von ihr getragene, auf der Stirn spitz zulaufende Haartracht verweist jedoch auf ihren Status als Witwe, was eine Zuordnung der beiden Porträts als Ehepaar sehr unwahrscheinlich macht. Zudem belegt eine Kopie des Bildes aus dem 17. Jahrhundert, dass das Werk ursprünglich nach links hin breiter angelegt war und erst nachträglich beschnitten und so dem Männerporträt angeglichen wurde. Auch widersprechen die unterschiedlichen Schauplätze und ihre spezifische Ausstattung sowie der Umstand, dass die Frau deutlich höher im Bild sitzt als der Mann, der Annahme, es handle sich hierbei um zusammengehörige Pendants. Porträts dieser Art verhalfen van Dyck zu weit verbreiteter Anerkennung und zu reichen Aufträgen durch die Familien des Adels, für die er vornehmlich gearbeitet hat. Ausgehend von Rubens, in dessen Antwerpener Atelier er als blutjunger, genialer Künstler im Alter von 17 Jahren eingetreten war, aber auch im Rückgriff auf den höfischen Porträtstil Tizians, entwickelte er jenen vornehm-gelassenen, distanzierten Ausdruck, der die Vorstellung vom aristokratischen Menschenbild für seine Zeit außerordentlich geprägt hat. Die Werke verblieben lange im Palazzo Balbi in Genua. 1828 wurden sie, durch Vermittlung des Malers David Wilkie, von dem englischen Sammler Sir Robert Peel erworben und gelangten aus dessen Hinterlassenschaft, die 1900 versteigert wurde, schließlich nach Berlin. Jan Kelch und Katja Kleinert | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________________________________________________________When the Gemäldegalerie received these two portraits as companion pieces in 1901, they already had a long common history behind them. At the beginning of the 18th century, the two portraits were owned by Costantino Balbi (1676–1740) in Genoa; he is believed to have purchased the portrait of the woman from Giovanni Luca Spinola, and that of the man from Alessandro Saluzzo and his brothers. Both portraits are very likely to have been painted in Genoa by Anton van Dyck around the same time – 1622–23 – during the artist’s stay in Italy (1621–27). Both portraits show very individual, compelling personalities; both are depicted in life-size and shown seated. It is unsurprising that for over 200 years it was assumed that these two pictures were portraits of a married couple. However, historical records show that this is not the case.The painting of the man is the portrait of the Genoese senator Alessandro Giustiniani- Longo (1544–1631), who was in his late seventies around 1622–23. He belonged to an ancient and very noble Genoese family. Between 1611 and 1613, he held the highest office that the oligarchic merchant city-state in Liguria had: that of the Doge. In 1613, he was appointed Procurator of the Genoese Republic, a life-long office that put him in charge of finances. The rolled document in his right hand and his imperious and suspicious gaze appear to correspond to this position, which presupposed incorruptibility. The black cap on his head also illustrates that the sitter holds a public office. In contrast, the identity of the woman remains uncertain. Her hairstyle with the lacy ornament on her forehead indicates that she is a widow, thus making it unlikely that the two portraits are pictures of a married couple. In addition, a copy of the portrait made in the 17th century shows that the picture was originally wider, and that a section on the left side was removed at a later point, presumably to make it match the portrait of the man. The different settings and the furnishing details, as well as the fact that the woman is sitting higher than the man also challenge the assumption that these are companion portraits.For Anton van Dyck, portraits such as these were useful in building his reputation as a portrait painter and gaining commissions from aristocratic families, who were his main clients. Inspired originally by Rubens, whose Antwerp studio he had joined as a young but precociously talented painter aged 17, and also by the courtly portrait style of Titian, van Dyck developed a distinguished, serene and distant expression which decisively influenced the idea of what an aristocrat should look like.The paintings remained in the Palazzo Balbi in Genoa for many decades. In 1828, they were acquired by the English collector Sir Robert Peel, through the mediation of the painter David Wilkie, and finally arrived in Berlin from his estate, which was sold at auction in 1900. Jan Kelch und Katja Kleinert | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019