Der Campo di Rialto
Ident. Nr.: Streit.5
ObjID: obj:867299
Credit: Leihgabe der Streitschen Stiftung
Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- Ausführung: um 1758/59
- Systematik/Art
- Weitere Titel
- Der Campo di RialtoÜbersetzung: The Campo di Rialto
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- Öl auf Leinwand
- Abmessungen
- Bildmaß: 119,3 x 186,6 cm
- Erwerbung
- Seit 1964 Leihgabe der Streitschen Stiftung, Berlin
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/867299
Objektbeschreibung
Der gebürtige Venezianer Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto gilt als bedeutendster italienischer Vedutenmaler der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Nachdem seine vorrangige Kundengruppe, die der englischen, zumeist adligen Reisenden auf Kavaliertour infolge des österreichischen Erbfolgekriegs am Canal Grande ausblieb, erhielt er nur noch wenige größere Aufträge. Zu diesen zählt eine vierteilige Serie für den Berliner und Wahlvenezianer Sigismund Streit (1687–1775), der ab 1709 in Venedig lebte und als Kaufmann reüssierte (Ident. Nr. Streit.1).
Schon im Frühjahr 1758 erreichte eine erste Schenkung einiger Bilder, die zuvor die Wohnräume Streits in Venedig geschmückt hatten, Berlin. Diese Bilder zumeist zeitgenössischer, in Venedig ansässiger Meister, sandte Streit zur Ausgestaltung seiner Stiftung an das Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster. Danach gab er gezielt weitere großformatige Gemälde in Venedig in Auftrag, die zur inhaltlich-ästhetischen Vertiefung seiner Stiftung in Berlin dienen sollten. So auch diese Ansicht des Campo di Rialto. Sie bildet mit drei weiteren Veduten eine Serie, deren große Gemälde Streit als „Galleriestücke“ bezeichnete. Dabei handelt es sich um zwei Stadtansichten von Venedig (Ident. Nr. Streit.3 und Streit.5) und zwei Festdarstellungen (Ident. Nr. Streit.4 und Streit.6). Je zwei der Werke bilden inhaltlich ein Paar: Das Pendant zu der hier gezeigten Vedute ist das Canal Grande-Gemälde (Ident. Nr. Streit.3). Die vier Gemälde standen für Streit in einem inhaltlichen Zusammenhang mit sechs weiteren Fest- und Zeremoniendarstellungen eines unbekannten Vedutisten, die er ebenso in Auftrag gegeben hatte, um sie nach Berlin zu senden (Ident. Nr. Streit.7–12).
Streit beauftragte Canaletto nicht mit beliebigen Ansichten touristischer Sehenswürdigkeiten seiner Wahlheimat, sondern mit Veduten, die Gebäude und Orte zeigten, die mit seiner Lebensgeschichte in Venedig eng verbunden waren. So bildet diese Vedute des Campo di Rialto auf dem er als Bankier und Kaufmann einen Teil seiner Geschäfte abgewickelt hat, mit der des Wohnhauses am Canal Grande (Ident. Nr. Streit.3), ein durch seine Biographie verwobenes Bilderpaar. Streit liess Stätten seines Lebens und Wirkens nur festhalten, um diese dann in seiner Heimatstadt im Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster der Öffentlichkeit präsentieren zu können.
Auf diesem Gemälde ist der Hauptmarktplatz von Venedig, der Campo di Rialto, zu sehen. Er war seit 1097 der wichtigste Marktplatz der Stadt und das Zentrum des venezianischen Handels und Bankwesens. Hier wickelte der Kaufmann Streit einige seiner geschäftlichen Angelegenheiten ab. Für den Campo wählte Canaletto auf Wunsch des Auftraggebers Streit eine ungewöhnliche neue Perspektive mit Blick auf die nüchternen Fassaden der Fabbriche Vecchie di Rialto. Im Hintergrund ragt der Campanile von San Giovanni Elemosinario auf. Canalettos frühere Fassungen des Platzes richteten den Blick auf die gegenüberliegende, malerische Fassade der Kirche San Giacomo und die angrenzende, bis heute als Symbol Venedigs geltende Rialtobrücke. Die Staffagefiguren wählte Canaletto wohl ebenso auf Wunsch seines Auftraggebers Streit bewusst aus: die schwarzgekleideten Beamten der venezianischen Staatsbank (Banco del Giro) an ihren Pulten; dahinter die Notare und Versicherungsagenten an ihren Schaltern. Der Platz ist durch Kaufleute verschiedener Nationalitäten belebt. Genrehaft wird auch das Alltagsleben gezeigt. Man kann unterschiedliche Waren bis hin zu Luxusgütern – selbst Gemälde – erwerben. Eine Frau hängt Wäsche auf, eine andere versorgt Blumen. Auch die budenähnlichen Läden der Goldschmiede – ein wichtiges Gewerbe Venedigs – werden vorgeführt. So ergibt sich ein Panorama venezianischen Handels und Alltags auf engem Raum, wobei die weitwinklige Perspektive den Platz größer wirken lässt, als es der Wirklichkeit entspricht.
Canalettos Gemälde zeigt die charakteristischen Merkmale seines Spätstils, wie Erich Schleier konstatiert: „die kühle, trockene Klarheit der Atmosphäre, penible Exaktheit in der Wiedergabe der Architektur, die kalligrafische Pinselschrift“ (zitiert aus: Gemäldegalerie. 200 Meisterwerke der europäischen Malerei, hrsg. v. Michael Eissenhauer, Berlin 2019, S. 403). Streit lobt das Bild in seinem „Verzeichnüß“, in dem er auch seine dem Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster vermachten Gemälde auflistet, als „schönes Gemählde vom berühmten Mahler Antonio Canal“ und taxiert es um 1763 auf beachtliche 40 Golddukaten.
Ein Kupferstich nach dem Ölgemälde erschien in der weitverbreiteten Sammlung „Prospectuum Ædium, Viarumque insigniorum Urbis Venetiarum Nautico certamine […] complectens, quas Antonius Canale coloribus expressit [&] Joannes Baptista Brustolon ære incidit“ in Venedig bei Ludovico Furlanetto 1763. Als Stecher fungierte Giovanni Battista Brustolon (1712–1796). Die Vorzeichnung für den Kupferstich stammt von Giovanni Battista Moretti (1700–1761).
Sigismund Streit, Sohn eines Berliner Huf- und Waffenschmieds sowie Bierbrauers, besuchte von 1697 bis 1701 das Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster. Nach dem Tod beider Eltern zog er vierzehnjährig 1701 zu Verwandten nach Altona und absolvierte eine kaufmännische Lehre. 1709 ging er nach Venedig, wo er zu Wohlstand gelangte. Der kinderlose Kaufmann stiftete später einen Teil seines Vermögens sowie seine Gemälde und zahlreiche Bücher seinem ehemaligen Gymnasium. Die Kriegszerstörung des Grauen Klosters in Berlin-Mitte im Zweiten Weltkrieg, die Nachkriegswirren und die Teilung der Stadt zogen die Überführung fast aller Streitschen Gemälde nach Berlin (West) nach sich. Seit 1964 befindet sich das Gemälde als Leihgabe der Streitschen Stiftung in der Gemäldegalerie Berlin.
Gemäldegalerie Berlin, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz. Katalog der ausgestellten Gemälde des 13.–18. Jahrhunderts, Berlin 1975, S. 82
Canaletto, Ausst. Kat. Metropolitan Museum of Art, New York, 30.10.1989–21.1.1990, hrsg. v. Katharine Baetjer und Joseph G. Links, New York 1989, S. 269–273, Abb. 82
Blick auf den Canal Grande. Venedig und die Sammlung des Berliner Kaufmanns Sigismund Streit, Ausst.-Kat. Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin, 6.9.2002–12.1.2003, hrsg. v. Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin, Berlin 2002 (Bilder im Blickpunkt), Kat. 8, S. 74–88, S. 130, Abb. 11
Streit, Sigismund: Verzeichnüß Aller Bücher, Gemählde und Andere Sachen, so ich von Venedig und Padua aus, am Gymnasio zum Grauen Closter in Berlin in verschiedener Zeit gesandt habe, hrsg. v. Peter P. Rohrlach und Susanne Knackmuß, Berlin 2006 (Veröffentlichungen aus den Sammlungen des Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster, Bd. 1), S. 175–182, Abb. 20, S. 274, 324, Abb. 42
Gemäldegalerie. 200 Meisterwerke der europäischen Malerei, hrsg. v. Michael Eissenhauer, Berlin 2019, S. 402f., Abb. S. 403
Inventarnummer der Streitschen Stiftung: Streitsche Stiftung Nr. 0164
Schon im Frühjahr 1758 erreichte eine erste Schenkung einiger Bilder, die zuvor die Wohnräume Streits in Venedig geschmückt hatten, Berlin. Diese Bilder zumeist zeitgenössischer, in Venedig ansässiger Meister, sandte Streit zur Ausgestaltung seiner Stiftung an das Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster. Danach gab er gezielt weitere großformatige Gemälde in Venedig in Auftrag, die zur inhaltlich-ästhetischen Vertiefung seiner Stiftung in Berlin dienen sollten. So auch diese Ansicht des Campo di Rialto. Sie bildet mit drei weiteren Veduten eine Serie, deren große Gemälde Streit als „Galleriestücke“ bezeichnete. Dabei handelt es sich um zwei Stadtansichten von Venedig (Ident. Nr. Streit.3 und Streit.5) und zwei Festdarstellungen (Ident. Nr. Streit.4 und Streit.6). Je zwei der Werke bilden inhaltlich ein Paar: Das Pendant zu der hier gezeigten Vedute ist das Canal Grande-Gemälde (Ident. Nr. Streit.3). Die vier Gemälde standen für Streit in einem inhaltlichen Zusammenhang mit sechs weiteren Fest- und Zeremoniendarstellungen eines unbekannten Vedutisten, die er ebenso in Auftrag gegeben hatte, um sie nach Berlin zu senden (Ident. Nr. Streit.7–12).
Streit beauftragte Canaletto nicht mit beliebigen Ansichten touristischer Sehenswürdigkeiten seiner Wahlheimat, sondern mit Veduten, die Gebäude und Orte zeigten, die mit seiner Lebensgeschichte in Venedig eng verbunden waren. So bildet diese Vedute des Campo di Rialto auf dem er als Bankier und Kaufmann einen Teil seiner Geschäfte abgewickelt hat, mit der des Wohnhauses am Canal Grande (Ident. Nr. Streit.3), ein durch seine Biographie verwobenes Bilderpaar. Streit liess Stätten seines Lebens und Wirkens nur festhalten, um diese dann in seiner Heimatstadt im Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster der Öffentlichkeit präsentieren zu können.
Auf diesem Gemälde ist der Hauptmarktplatz von Venedig, der Campo di Rialto, zu sehen. Er war seit 1097 der wichtigste Marktplatz der Stadt und das Zentrum des venezianischen Handels und Bankwesens. Hier wickelte der Kaufmann Streit einige seiner geschäftlichen Angelegenheiten ab. Für den Campo wählte Canaletto auf Wunsch des Auftraggebers Streit eine ungewöhnliche neue Perspektive mit Blick auf die nüchternen Fassaden der Fabbriche Vecchie di Rialto. Im Hintergrund ragt der Campanile von San Giovanni Elemosinario auf. Canalettos frühere Fassungen des Platzes richteten den Blick auf die gegenüberliegende, malerische Fassade der Kirche San Giacomo und die angrenzende, bis heute als Symbol Venedigs geltende Rialtobrücke. Die Staffagefiguren wählte Canaletto wohl ebenso auf Wunsch seines Auftraggebers Streit bewusst aus: die schwarzgekleideten Beamten der venezianischen Staatsbank (Banco del Giro) an ihren Pulten; dahinter die Notare und Versicherungsagenten an ihren Schaltern. Der Platz ist durch Kaufleute verschiedener Nationalitäten belebt. Genrehaft wird auch das Alltagsleben gezeigt. Man kann unterschiedliche Waren bis hin zu Luxusgütern – selbst Gemälde – erwerben. Eine Frau hängt Wäsche auf, eine andere versorgt Blumen. Auch die budenähnlichen Läden der Goldschmiede – ein wichtiges Gewerbe Venedigs – werden vorgeführt. So ergibt sich ein Panorama venezianischen Handels und Alltags auf engem Raum, wobei die weitwinklige Perspektive den Platz größer wirken lässt, als es der Wirklichkeit entspricht.
Canalettos Gemälde zeigt die charakteristischen Merkmale seines Spätstils, wie Erich Schleier konstatiert: „die kühle, trockene Klarheit der Atmosphäre, penible Exaktheit in der Wiedergabe der Architektur, die kalligrafische Pinselschrift“ (zitiert aus: Gemäldegalerie. 200 Meisterwerke der europäischen Malerei, hrsg. v. Michael Eissenhauer, Berlin 2019, S. 403). Streit lobt das Bild in seinem „Verzeichnüß“, in dem er auch seine dem Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster vermachten Gemälde auflistet, als „schönes Gemählde vom berühmten Mahler Antonio Canal“ und taxiert es um 1763 auf beachtliche 40 Golddukaten.
Ein Kupferstich nach dem Ölgemälde erschien in der weitverbreiteten Sammlung „Prospectuum Ædium, Viarumque insigniorum Urbis Venetiarum Nautico certamine […] complectens, quas Antonius Canale coloribus expressit [&] Joannes Baptista Brustolon ære incidit“ in Venedig bei Ludovico Furlanetto 1763. Als Stecher fungierte Giovanni Battista Brustolon (1712–1796). Die Vorzeichnung für den Kupferstich stammt von Giovanni Battista Moretti (1700–1761).
Sigismund Streit, Sohn eines Berliner Huf- und Waffenschmieds sowie Bierbrauers, besuchte von 1697 bis 1701 das Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster. Nach dem Tod beider Eltern zog er vierzehnjährig 1701 zu Verwandten nach Altona und absolvierte eine kaufmännische Lehre. 1709 ging er nach Venedig, wo er zu Wohlstand gelangte. Der kinderlose Kaufmann stiftete später einen Teil seines Vermögens sowie seine Gemälde und zahlreiche Bücher seinem ehemaligen Gymnasium. Die Kriegszerstörung des Grauen Klosters in Berlin-Mitte im Zweiten Weltkrieg, die Nachkriegswirren und die Teilung der Stadt zogen die Überführung fast aller Streitschen Gemälde nach Berlin (West) nach sich. Seit 1964 befindet sich das Gemälde als Leihgabe der Streitschen Stiftung in der Gemäldegalerie Berlin.
Literatur:
Rohrlach, Peter P.: La collezione di quadri nel Graues Kloster a Berlino, in: Arte Veneta V (1951), S. 198–201, hier S. 199, Abb. 195
Zimmermann, Heinrich: Über einige Bilder der Sammlung Streit im Grauen Kloster zu Berlin, in: Zeitschrift für Kunstwissenschaft VII (1953), S. 197–224, hier S. 208–215, Abb. 9–12
Constable, William G.: Four Paintings by Antonio Canale in the Gymnasium zum Grauen Kloster, Berlin, in: Scritti di Storia dell’Arte in onore di Lionello Venturi, 1956, II, S. 81–93, Abb. 4
Constable, William G.: Canaletto. Giovanni Antonio Canal 1697–1768, Bd. I, Oxford 1962, S. 308f., Nr. 282, Abb. 282
Venedig im 18. Jahrhundert. Bilder aus der Streitschen Stiftung, hrsg. v. Erich Schleier, Ausst.-Kat. Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin, Juni–September 1974, Berlin 1974, S. 20f., Abb. 2
Gemäldegalerie Berlin. Gesamtverzeichnis der Gemälde, hrsg. v. den Staatlichen Museen zu Berlin, Berlin 1986, S. 20, Abb. 1357; S. 547.
Venedigs Ruhm im Norden. Die großen venezianischen Maler des 18. Jahrhunderts, ihre Auftraggeber und ihre Sammler, Ausst. Kat. Forum des Landesmuseums Hannover, 3.12.1991–2.2.1992, Kunstmuseum Düsseldorf in Ehrenhof, 16.2.1992–26.4.1992, Hannover 1991, S. 35–36
Gemäldegalerie Berlin. Gesamtverzeichnis der Gemälde, hrsg. v. den Staatlichen Museen zu Berlin, Berlin 1996, S. 26, Abb. 2492; S. 630.
Streit, Sigismund: Verzeichnüß Aller Bücher, Gemählde und Andere Sachen, so ich von Venedig und Padua aus, am Gymnasio zum Grauen Closter in Berlin in verschiedener Zeit gesandt habe, hrsg. v. Peter P. Rohrlach und Susanne Knackmuß, Berlin 2006 (Veröffentlichungen aus den Sammlungen des Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster, Bd. 1), S. 175–182, Abb. 20, S. 274, 324, Abb. 42
Gemäldegalerie. 200 Meisterwerke der europäischen Malerei, hrsg. v. Michael Eissenhauer, Berlin 2019, S. 402f., Abb. S. 403
Letzte Aktualisierung: 22.10.2026
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