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Die niederländischen Sprichwörter

Ident. Nr.: 1720

ObjID: obj:867614

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Pieter Bruegel (der Ältere) (ca. 1525 - 1569),
Maler*in
Datierung
Ausführung: 1559
Weitere Titel
Sammlungstitel: Die niederländischen Sprichwörter
Übersetzung: The Dutch Proverbs
Geografische Bezüge
Material / Technik
Eichenholz
Abmessungen
Bildmaß: 117,2 x 163,8 cm
Erwerbung
1914 Ankauf aus englischem Besitz

Objektbeschreibung

Lodovico Guicciardini bezeichnete den Künstler 1567 in seiner Beschreibung der Niederlande als »Pietro Brueghel di Breda«, was uns vermuten läßt, daß er aus Breda stammte und daher in der Stadt und nicht auf dem Land aufgewachsen ist. Bruegel dürfte dort zwischen 1525 und 1530 geboren worden sein. Kaiser Karl V. (1500-1558), der die Niederlande regierte, war damals etwa 30 Jahre alt und Philipp II. (1527-1598) gerade zur Welt gekommen. Es war die Zeit, da sich die Niederlande eines ungewöhnlichen Wohlstandes erfreuten. Als Bruegel starb, war das Land von den Söldnern des Herzogs von Alba ausgeplündert, während das Volk zu den Waffen griff, um sich zu verteidigen. Vor dem Hintergrund dieser wechselvollen Geschichte entfaltete sich das Schaffen Bruegels, des bedeutendsten und genialsten Künstlers seiner Zeit. 1551 war Bruegel als freier Meister in die Antwerpener Malerzunft aufgenommen worden. Kurz darauf reiste er nach Italien, wo er sich einige Jahre aufhielt. Es war jedoch nicht die Kunst der Antike oder die der italienischen Maler, sondern die grandiose Szenerie der Alpen, das Tessintal und die Gegend um den St. Gotthard, die bei ihm einen tiefen Eindruck hinterließ und seine Landschaftsgestaltung entscheidend bestimmt hat. 1555 befand sich Bruegel wieder in Antwerpen, wo er für den Verleger Hieronymus Cock Zeichnungen lieferte, die in Stichen Verbreitung erlangten. 1563 hatte Bruegel in Brüssel die Tochter des Malers Pieter Coecke van Aelst geheiratet, der nach dem Bericht von Carel van Mander (1604) sein Lehrmeister gewesen ist. In Antwerpen ließ Bruegel zahlreiche Freunde zurück. Zu ihnen gehörte der Humanist und Geograph Abraham Ortelius (1527-1598), der Bruegel in jene Kreise der durch die Weltanschauung des Erasmus geprägten Katholiken eingeführt hatte, die aus innerster Überzeugung die Intoleranz von Staat und Kirche verurteilten. Der Sinn für Toleranz und Menschlichkeit, der aus den Werken Bruegels spricht und uns heute noch so un - mittelbar berührt, ist im Kreise der Antwerpener Freunde vertieft worden. Doch auch in Brüssel fand Bruegel bald neue Förderer. Zu ihnen zählte kein geringerer als Kardinal Antoine Perrenot de Granvella (1517-1586), der Vertraute Philipps II. von Spanien und Berater der Statthalterin Margarete von Parma. Den Kunstfreunden seiner Zeit galt Bruegel als kongenialer Nachfolger des im Jahre 1516 verstorbenen Hieronymus Bosch. Abraham Ortelius ehrte seinen früh verstorbenen Freund durch einen in Latein abgefaßten Nachruf (um 1573), in dem es heißt: »Von den Manen verehrt, war Pieter Bruegel zweifelsohne der größte Maler seiner Zeit, das würde niemand je zu leugnen wagen, höchstens ein Eifersüchtiger, ein Rivale oder ein Mensch, dem die Kunst dieses Meisters vollkommen fremd ist. Um alles zu sagen, würde ich sogar wiederholen, er sei nicht nur der größte Maler, sondern er sei für sich allein schon die ganze Welt der Bilder. Und dieser Bruegel, den ich preise, hat viele Dinge gemalt, die nicht gemalt werden können, wie einst Plinius sagte, als er von Apelles sprach. In allen seinen Werken trachtet er stets danach, mehr zu verstehen zu geben, als was er uns zur Betrachtung vorlegt.« Im Schaffen Bruegels bezeichnen die Jahre 1559 und 1560 einen deutlichen Einschnitt. Es entstanden die niederländischen Sprichwörter sowie zwei in Wien (Kunsthistorisches Museum) bewahrte Gemälde, der Streit zwischen Fasching und Fasten und die Kinderspiele. Diese ersten großen Bilder stehen am Beginn einer reichen Gemäldeproduktion, die den Ruhm des Künstlers begründete und noch heute die Bewunderung des Betrachters erregt. Die niederländische Sprache zur Zeit Bruegels besaß einen größeren Schatz an Sprichwörtern, als dies heute der Fall ist. Erasmus von Rotterdams »Adagiorum Collectanea«, die berühmte Sammlung lateinischer sprichwörtlicher Redewendungen, ist eines der schönsten Beispiele für die auch von Bruegel geteilte Vorliebe für das Sprichwort, die in seiner Darstellung der niederländischen Sprichwörter wahrhaft enzyklopädisches Ausmaß angenommen hat. Unmittelbar vor der Vollendung dieses Bildes hat Bruegel in einer Zeichnung den »Elck«, das heißt den sprichwörtlichen Vertreter des »Jedermann« dargestellt, der mit der Laterne in der Hand Fässer, Körbe und Säcke durchwühlt. Dabei ist er nur auf seinen Gewinn bedacht, ebenso wie jene Männer, die verbissen an den Enden eines Tuches ziehen. In der Beischrift des nach der Zeichnung gefertigten Stiches heißt es: »Überall auf der Welt sieht jeder sich selbst, und in allen Dingen will er sich selbst finden. Wie könnte einer sich selbst finden, wenn jeder sich selbst sucht? Jeder reißt sich um den Vorteil (das längere Ende), die einen von oben, die andern von unten. Fast niemand kennt sich selbst. Wer das erkennt, wird große Wunder sehen.« Die in diesen Worten ausgedrückte Erkenntnis liefert zweifellos einen der wichtigsten Anhaltspunkte für das Verständnis des Sprichwörterbildes. In diesem Bild sind zum ersten Mal mehr als 100 Sprichwörter und Redewendungen mit einander vereint und in eine Umgebung versetzt, die ebenso real ist wie die durch die Spruchweisheiten in knapper und treffender Form enthüllten Verhaltensweisen des Menschen. Dabei spielen die einzelnen Szenen gleichzeitig nebeneinander, ohne unmittelbar voneinander abhängig zu sein, ganz so, wie es der Zufall im menschlichen Leben mit sich bringen könnte. Ein Dorf an einem Fluß nahe dem Meer bildet die weiträumige Bühne für das scheinbar alltägliche Treiben seiner Bewohner. Ein Bauernhaus, baufällige Hütten, eine steinerne Brücke mit Pranger und Turm, der Dorfplatz im Zentrum des Geschehens und ein Gehöft zwischen Kornfeldern nahe dem Wald bilden die Kulisse für das bunte Treiben. In der Ferne erstreckt sich das offene Meer, überstrahlt von der leuchtenden Sonne eines spätsommerlichen Tages. Durch die subtile Farbgebung sind die verschiedenen Szenen miteinander verknüpft. Kräftige Rot- und Blautöne bilden dabei die Angelpunkte der Komposition. Im Zentrum der Darstellung dominiert das Blau des Mantels, den eine junge Frau in leuchtendrotem Kleid ihrem alten, hinfälligen Mann umhängt. Von dem Motiv des blauen Mantels, einem geläufigen Sinnbild des Betruges, leitet sich eine der alten Benennungen des Bildes ab. Dieselbe Bezeichnung findet sich auch auf einem 1558 in Antwerpen erschienenen Stich, der eine der Anregungen für Bruegels Bild geliefert haben dürfte. In der Beischrift des Stiches heißt es: »Der blaue Mantel wird dies meist genannt, doch als die Torheiten der Welt wäre es besser bekannt.« Die Vorstellung, daß Torheit und Selbstbetrug am Anfang allen Unglücks stehen, hatte in Erasmus von Rotterdams »Lob der Torheit« (1511) greifbaren Ausdruck erlangt. Die andere alte Benennung unseres Bildes als Verkehrte Welt geht auf das Motiv der auf den Kopf gestellten Weltkugel zurück, die Bruegel als auffallendes Wahrzeichen am links im Bild wiedergegebenen Haus darstellte. Dieses Sinnbild macht deutlich, daß wir uns in einer verkehrten Welt befinden. Die Menschen, das heißt die Bildfiguren Bruegels, sind dabei wohl als typische Vertreter der einzelnen Stände, nicht jedoch als Individuen charakterisiert. Gleich seelenlosen Marionetten bewegen sie sich auf der Bühne, ohne an ihrer Umgebung Anteil zu nehmen. Es ist ein Schauspiel, dessen Inszenierung an die von Rabelais 1564 geschilderte Reise des Pantagruel ins Reich der Quintessenz erinnert, deren Untertanen in ihrem wunderlichen Treiben sprichwörtliche Absurditäten verkörpern. Die Schilderung der Ungereimtheit, Sinnwidrigkeit und Narretei im Verhalten der Menschen nimmt auch in der Darstellung Bruegels unter dem Leitmotiv der verkehrten Welt breiten Raum ein. Da wird der Brunnen zugeschüttet, nachdem das Kalb ertrunken ist, oder das Licht mit Körben an den Tag getragen. Andere Sprichwörter enthalten Anspielungen auf die Todsünden. Betrug, Lüge und Heuchelei gehören zu weiteren negativen Eigenschaften der Menschen, die durch die Sprichwörter nachdrücklich belegt werden. Es ist eine Welt, in der man nicht Gott, sondern dem Teufel dient. Selbst die Vertreter des geistlichen Standes bilden da keine Ausnahme, wenn sie dem Herrgott einen Bart aus Flachs umhängen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, daß Bruegels Bild in Wahrheit eine scharfe Kritik enthält und dabei pessimistisch gestimmt ist. Dennoch handelt es sich um mehr als eine bloße Darlegung des als unabänderlich empfundenen Schauspiels menschlichen Treibens. Bruegel hat vielmehr die Menschen seiner Zeit in die Lage versetzen wollen, die Sinnwidrigkeit ihres Handelns zu erkennen und in ihrer ganzen Tragweite zu begreifen. In dieser Hinsicht hat seine Botschaft auch heute kaum etwas von ihrer Aktualität verloren.| Rainald Grosshans

SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. rechts unten: BRVEGEL • 1559
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The picture brings together 100 proverbs and places them in surroundings that are as real as the people’s behaviour, revealed in terse and apposite form by the wise sayings. The individual scenes are played out side by side, without being directly dependent on each other. A village near the sea provides a spacious stage for the apparently everyday tasks of its inhabitants. The background for all the varied activity is made up of a farmhouse, dilapidated huts, a stone bridge with pillory and tower, the village square at the centre of the activity and a farmstead among cornfields near the wood. In the distance is the open sea, shining in the sun of a late summer’s day. The painting’s old title, The Upside-Down World, derives from the symbol of a globe standing on its head. This is intended to illustrate that we are in a world in which nothing is as it should be. The wise sayings are evidence of man’s folly and sinfulness in a crazy world that has turned away from God. This proverb picture is evidence of Bruegel’s intense pre-occupation with the spiritual and moral questions of his time, which give the work its timeless validity.| Rainald Grosshans

Letzte Aktualisierung: 28.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Gemäldegalerie

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Bildnis einer vornehmen genuesischen Dame

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Als die Bildnisse von Alessandro Giustiniani-Longo und seiner vermeintlichen Ehefrau (Kat.Nr. 782C) 1901 als Pendants in die Gemäldegalerie gelangten, hatten sie bereits eine lange gemeinsame Geschichte hinter sich. Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts befanden sie sich im Besitz von Costantino Balbi (1676-1740) in Genua, der das Frauenporträt vermutlich von Giovanni Luca Spinola, das des Mannes von Alessandro Saluzzo und seinen Brüdern erworben hatte. Beide Porträts dürften etwa zur selben Zeit, um 1622/23, von Anton van Dyck während seines Aufenthaltes in Italien (1621-1627) in Genua gemalt worden sein. Auf den Bildern treten dem Betrachter ausdrucksstarke, faszinierende Persönlichkeiten entgegen, in beiden Fällen wiedergegeben in Lebensgröße und in sitzender Haltung. Es verwundert daher kaum, dass man für mehr als 200 Jahre annahm, es handle sich bei den Porträts um die Darstellung eines Ehepaares. Wie die Forschung gezeigt hat, trifft diese Annahme jedoch nicht zu. Bei dem Bildnis des alten Mannes handelt es sich um den genuesischen Senator Alessandro Giustiniani-Longo (1544-1631), der um 1622/23 bereits weit in den Siebzigern war. Er entstammte einer alteingesessenen und hoch angesehenen, genuesischen Familie. Von 1611 bis 1613 bekleidete er das höchste Amt, das der aristokratisch konstituierte, ligurische Stadtstaat zu vergeben hatte: das des Dogen. 1613 wurde er schließlich auf Lebenszeit Prokurator (Sachverwalter für Finanzen) der Genueser Republik. Das gerollte Papier in der Rechten des Mannes sowie sein ebenso herrisch wie misstrauischer Blick scheinen dieser Position, deren Ausübung Unbestechlichkeit voraussetzte, zu entsprechen. Auch die von ihm getragene schwarze Kappe weist bereits auf eine offizielle Bestimmung seiner Person hin. Im Falle des Frauenbildnisses ist eine eindeutige Identifizierung der Dargestellten dagegen bislang nicht gelungen. Die von ihr getragene, auf der Stirn spitz zulaufende Haartracht verweist jedoch auf ihren Status als Witwe, was eine Zuordnung der beiden Porträts als Ehepaar sehr unwahrscheinlich macht. Zudem belegt eine Kopie des Bildes aus dem 17. Jahrhundert, dass das Werk ursprünglich nach links hin breiter angelegt war und erst nachträglich beschnitten und so dem Männerporträt angeglichen wurde. Auch widersprechen die unterschiedlichen Schauplätze und ihre spezifische Ausstattung sowie der Umstand, dass die Frau deutlich höher im Bild sitzt als der Mann, der Annahme, es handle sich hierbei um zusammengehörige Pendants. Porträts dieser Art verhalfen van Dyck zu weit verbreiteter Anerkennung und zu reichen Aufträgen durch die Familien des Adels, für die er vornehmlich gearbeitet hat. Ausgehend von Rubens, in dessen Antwerpener Atelier er als blutjunger, genialer Künstler im Alter von 17 Jahren eingetreten war, aber auch im Rückgriff auf den höfischen Porträtstil Tizians, entwickelte er jenen vornehm-gelassenen, distanzierten Ausdruck, der die Vorstellung vom aristokratischen Menschenbild für seine Zeit außerordentlich geprägt hat. Die Werke verblieben lange im Palazzo Balbi in Genua. 1828 wurden sie, durch Vermittlung des Malers David Wilkie, von dem englischen Sammler Sir Robert Peel erworben und gelangten aus dessen Hinterlassenschaft, die 1900 versteigert wurde, schließlich nach Berlin. Jan Kelch und Katja Kleinert | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________________________________________________________When the Gemäldegalerie received these two portraits as companion pieces in 1901, they already had a long common history behind them. At the beginning of the 18th century, the two portraits were owned by Costantino Balbi (1676–1740) in Genoa; he is believed to have purchased the portrait of the woman from Giovanni Luca Spinola, and that of the man from Alessandro Saluzzo and his brothers. Both portraits are very likely to have been painted in Genoa by Anton van Dyck around the same time – 1622–23 – during the artist’s stay in Italy (1621–27). Both portraits show very individual, compelling personalities; both are depicted in life-size and shown seated. It is unsurprising that for over 200 years it was assumed that these two pictures were portraits of a married couple. However, historical records show that this is not the case.The painting of the man is the portrait of the Genoese senator Alessandro Giustiniani- Longo (1544–1631), who was in his late seventies around 1622–23. He belonged to an ancient and very noble Genoese family. Between 1611 and 1613, he held the highest office that the oligarchic merchant city-state in Liguria had: that of the Doge. In 1613, he was appointed Procurator of the Genoese Republic, a life-long office that put him in charge of finances. The rolled document in his right hand and his imperious and suspicious gaze appear to correspond to this position, which presupposed incorruptibility. The black cap on his head also illustrates that the sitter holds a public office. In contrast, the identity of the woman remains uncertain. Her hairstyle with the lacy ornament on her forehead indicates that she is a widow, thus making it unlikely that the two portraits are pictures of a married couple. In addition, a copy of the portrait made in the 17th century shows that the picture was originally wider, and that a section on the left side was removed at a later point, presumably to make it match the portrait of the man. The different settings and the furnishing details, as well as the fact that the woman is sitting higher than the man also challenge the assumption that these are companion portraits.For Anton van Dyck, portraits such as these were useful in building his reputation as a portrait painter and gaining commissions from aristocratic families, who were his main clients. Inspired originally by Rubens, whose Antwerp studio he had joined as a young but precociously talented painter aged 17, and also by the courtly portrait style of Titian, van Dyck developed a distinguished, serene and distant expression which decisively influenced the idea of what an aristocrat should look like.The paintings remained in the Palazzo Balbi in Genoa for many decades. In 1828, they were acquired by the English collector Sir Robert Peel, through the mediation of the painter David Wilkie, and finally arrived in Berlin from his estate, which was sold at auction in 1900. Jan Kelch und Katja Kleinert | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Bildnis des Alessandro Giustiniani-Longo

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Als die Bildnisse von Alessandro Giustiniani-Longo (1544-1631) und seiner vermeintlichen Ehefrau (Kat.Nr. 782C) 1901 als Pendants in die Gemäldegalerie gelangten, hatten sie bereits eine lange gemeinsame Geschichte hinter sich. Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts befanden sie sich im Besitz von Costantino Balbi (1676-1740) in Genua, der das Frauenporträt vermutlich von Giovanni Luca Spinola, das des Mannes von Alessandro Saluzzo und seinen Brüdern erworben hatte. Beide Porträts dürften etwa zur selben Zeit, um 1622/23, von Anton van Dyck während seines Aufenthaltes in Italien (1621-1627) in Genua gemalt worden sein. Auf den Bildern treten dem Betrachter ausdrucksstarke, faszinierende Persönlichkeiten entgegen, in beiden Fällen wiedergegeben in Lebensgröße und in sitzender Haltung. Es verwundert daher kaum, dass man für mehr als 200 Jahre annahm, es handle sich bei den Porträts um die Darstellung eines Ehepaares. Wie die Forschung gezeigt hat, trifft diese Annahme jedoch nicht zu. Bei dem Bildnis des alten Mannes handelt es sich um den genuesischen Senator Alessandro Giustiniani-Longo, der um 1622/23 bereits weit in den Siebzigern war. Er entstammte einer alteingesessenen und hoch angesehenen, genuesischen Familie. Von 1611 bis 1613 bekleidete er das höchste Amt, das der aristokratisch konstituierte, ligurische Stadtstaat zu vergeben hatte: das des Dogen. 1613 wurde er schließlich auf Lebenszeit Prokurator (Sachverwalter für Finanzen) der Genueser Republik. Das gerollte Papier in der Rechten des Mannes sowie sein ebenso herrisch wie misstrauischer Blick scheinen dieser Position, deren Ausübung Unbestechlichkeit voraussetzte, zu entsprechen. Auch die von ihm getragene schwarze Kappe weist bereits auf eine offizielle Bestimmung seiner Person hin. Im Falle des Frauenbildnisses ist eine eindeutige Identifizierung der Dargestellten dagegen bislang nicht gelungen. Die von ihr getragene, auf der Stirn spitz zulaufende Haartracht verweist jedoch auf ihren Status als Witwe, was eine Zuordnung der beiden Porträts als Ehepaar sehr unwahrscheinlich macht. Zudem belegt eine Kopie des Bildes aus dem 17. Jahrhundert, dass das Werk ursprünglich nach links hin breiter angelegt war und erst nachträglich beschnitten und so dem Männerporträt angeglichen wurde. Auch widersprechen die unterschiedlichen Schauplätze und ihre spezifische Ausstattung sowie der Umstand, dass die Frau deutlich höher im Bild sitzt als der Mann, der Annahme, es handle sich hierbei um zusammengehörige Pendants. Porträts dieser Art verhalfen van Dyck zu weit verbreiteter Anerkennung und zu reichen Aufträgen durch die Familien des Adels, für die er vornehmlich gearbeitet hat. Ausgehend von Rubens, in dessen Antwerpener Atelier er als blutjunger, genialer Künstler im Alter von 17 Jahren eingetreten war, aber auch im Rückgriff auf den höfischen Porträtstil Tizians, entwickelte er jenen vornehm-gelassenen, distanzierten Ausdruck, der die Vorstellung vom aristokratischen Menschenbild für seine Zeit außerordentlich geprägt hat. Die Werke verblieben lange im Palazzo Balbi in Genua. 1828 wurden sie, durch Vermittlung des Malers David Wilkie, von dem englischen Sammler Sir Robert Peel erworben und gelangten aus dessen Hinterlassenschaft, die 1900 versteigert wurde, schließlich nach Berlin. Jan Kelch und Katja Kleinert | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________________________________________________________When the Gemäldegalerie received these two portraits as companion pieces in 1901, they already had a long common history behind them. At the beginning of the 18th century, the two portraits were owned by Costantino Balbi (1676–1740) in Genoa; he is believed to have purchased the portrait of the woman from Giovanni Luca Spinola, and that of the man from Alessandro Saluzzo and his brothers. Both portraits are very likely to have been painted in Genoa by Anton van Dyck around the same time – 1622–23 – during the artist’s stay in Italy (1621–27). Both portraits show very individual, compelling personalities; both are depicted in life-size and shown seated. It is unsurprising that for over 200 years it was assumed that these two pictures were portraits of a married couple. However, historical records show that this is not the case.The painting of the man is the portrait of the Genoese senator Alessandro Giustiniani- Longo (1544–1631), who was in his late seventies around 1622–23. He belonged to an ancient and very noble Genoese family. Between 1611 and 1613, he held the highest office that the oligarchic merchant city-state in Liguria had: that of the Doge. In 1613, he was appointed Procurator of the Genoese Republic, a life-long office that put him in charge of finances. The rolled document in his right hand and his imperious and suspicious gaze appear to correspond to this position, which presupposed incorruptibility. The black cap on his head also illustrates that the sitter holds a public office. In contrast, the identity of the woman remains uncertain. Her hairstyle with the lacy ornament on her forehead indicates that she is a widow, thus making it unlikely that the two portraits are pictures of a married couple. In addition, a copy of the portrait made in the 17th century shows that the picture was originally wider, and that a section on the left side was removed at a later point, presumably to make it match the portrait of the man. The different settings and the furnishing details, as well as the fact that the woman is sitting higher than the man also challenge the assumption that these are companion portraits.For Anton van Dyck, portraits such as these were useful in building his reputation as a portrait painter and gaining commissions from aristocratic families, who were his main clients. Inspired originally by Rubens, whose Antwerp studio he had joined as a young but precociously talented painter aged 17, and also by the courtly portrait style of Titian, van Dyck developed a distinguished, serene and distant expression which decisively influenced the idea of what an aristocrat should look like.The paintings remained in the Palazzo Balbi in Genoa for many decades. In 1828, they were acquired by the English collector Sir Robert Peel, through the mediation of the painter David Wilkie, and finally arrived in Berlin from his estate, which was sold at auction in 1900. 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Blick in den Chorumgang von St. Bavo in Haarlem

Blick in den Chorumgang von St. Bavo in Haarlem

Als einer der ersten niederländischen Maler spezialisierte sich Saenredam auf die Darstellung von Kirchenansichten, insbesondere von Kircheninnenräumen. Seine Bilder basieren auf exakten, nach Gesetzen der Perspektive konstruierten Vorstudien und liefern ein genaues Abbild der vorhandenen Situation. Auch zu dem Berliner Bild, einer Innenansicht der zwischen 1370 und 1520 erbauten spätgotischen St. Bavo-Kirche in Haarlem, existieren zwei Vorzeichnungen (Haarlem, Gemeentearchief / London, Courtauld Institute of Art, Witt Collection). Die dreischiffige Basilika wurde von Saenredam auch aus weiteren Blickwinkeln verewigt. Im Querschiff stehend, blickt der Betrachter Richtung Osten in den südlichen Chorumgang. Die sechs Joche, aus denen das Kreuzrippengwölbe entspringt, werden mit Rundpfeilern und Halbsäulen gebildet. Durch drei hohe Lanzettfenster mit weißer Verglasung und gotischen Maßwerkabschlüssen fällt kühles Licht ein. Den Eingangsbogen in den Umgang hat Saenredam aus der Symmetrieachse leicht nach links verschoben. Er wird vom oberen Bildrand überschnitten, was seine monumentale Wirkung noch unterstreicht und rahmt durch seine Positionierung im Bildvordergrund die Komposition.Seit ihrer Reformierung 1578 von allem bildlichen und architektonischen Zierrat befreit, wirkt die weiß getünchte Kirche ausschließlich über ihre architektonischen Formen und das Spiel von Licht und Schatten. Es entfaltet seine Wirkung insbesondere in der Gewölbezone, wo die tiefen Zwickelfelder zwischen den Kreuzrippen starke Hell- und Dunkelkontraste erzeugen und den Raum in abstrakt geometrische Formen auflösen. Dies sind die gestalterischen Mittel, die den Kern von Saenredams künstlerischem Schaffen bilden. Kristalline, grafische Klarheit sowie eine reduzierte Farbskala mit fein nuancierten Weiß- Grau- und Gelbwerten, für die auch Goldstaub zur Verwendung kam, sind charakteristische Merkmale seines Werks. Auf diese Weise verlieh der Maler den Kircheninnenräumen eine schlichte und zugleich differenzierte Lichtwirkung, ganz so, als würde die Architektur aus sich heraus leuchten. Die einzigen schmückenden Elemente sind zwei jeweils an einem Pfeilern bzw. einer Halbsäule angebrachte Totenschilde, sowie zwei vergoldete Kerzenleuchter. Eine in starkem Kontrast zu den hellen Wandflächen stehende Orgel aus dunklem Holz ist zwischen zwei Jochen an der Außenwand angebracht, an deren Brüstung der Maler das Gemälde gut sichtbar mit seiner Signatur „P. Saenredam fecit.“ versehen hat. Ergänzend findet sich die Datierung „P[ieter]S[aenredam]A[nno] 1635“ am Fuße eines Pfeilers in der rechten vorderen Bildecke.Die Figurenstaffage erzählt die biblische Szene der Darbringung Christi im Tempel: In der Brouwerskapel (die Kapelle der Brauergilde) wartet der Hohepriester auf die Heilige Familie. Maria und Josef folgen Simeon mit dem Jesuskind auf dem Arm. Die Prophetin Hanna tritt, auf einen Stock gestützt, aus dem Mittelschiff der Kirche zur der Gruppe. Durch ihre Verlegung in die Haarlemer Kirche wird die Szene in die Lebenswelt der zeitgenössischen Betrachter übertragen. Formal dient die Figurenstaffage der Klärung des Raumzusammenhangs, da sie auf die jenseits des Bildraums gelegenen Bauteile verweist, aus denen die Personen herantreten oder sich entfernen, wie etwa der Mann im Hintergrund, der nur diesem Zweck dient. Die Figurenstaffage wurde, in Kooperation mit Saenredam, von einem anderen, namentlich heute nicht mehr bekannten Künstler eingefügt. Eine derartige Form der Zusammenarbeit von zwei Spezialisten war gängige Praxis in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts. Sarah Salomon | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: An der Plinthe der Orgelbalustrade: P. Saenredam fecit. PSA (verbunden) 1635___________________________________________________________________Saenredam was one of the first Dutch painters to specialise in depicting churches, especially church interiors. His works are based on exact preliminary studies, designed according to the laws of perspective, and provide a precise depiction of the situations that he found. For the painting in Berlin, an interior view of the late Gothic church of Sint Bavo in Haarlem, built between 1370 and 1520, two preliminary drawings exist (Haarlem, Gemeentearchief, and London, Courtauld Institute of Art, WittCollection). This basilica, with its nave and two aisles, was also commemorated by Saenredam from other viewpoints. Standing in the transept, the viewer looks east to the south choir ambulatory. The six bays that support the cross-ribbed vaulting are shown with round piers and half-columns. Cool light falls through three tall lancet windows with white glass and Gothic tracery at the top. Saenredam has shifted the arch at the entrance to the ambulatory slightly to the left of the axis of symmetry. It is cropped by the upper edge of the picture, underlining its monumental effect and framing the composition through its position in the foreground.Cleared of all visual and architectural adornment since becoming a Reformed church in 1578, the whitewashed building generates its effect entirely through its architectural forms and the play of light and shade. This applies particularly to the vaulting zone, where the deep squinches between the crossed ribs produce strong contrasts of dark and light, dissolving the space into abstract geometrical shapes. These are the artistic means that constitute the core of Saenredam’s creative work. Crystalline, graphic clarity and a reduced colour scale with finely nuanced shades of white, grey and yellow, for which gold dust was sometimes used, are characteristic features of his oeuvre. In this way the artist lent simple but at the same time differentiated effects of lighting to church interiors, as if the architecture radiated from within. The only decorative elements are the two memorials, one attached to a pier and one to a half-column, and two gilded candelabra. An organ of dark wood, forming a strong contrast to the bright surfaces of wall, is installed between two bays on the outer wall. On its balustrade, the artist has added his clearly visible signature “P. Saenredam fecit”. To complement this, the date “P[ieter]S[aenredam] A[nno] 1635” can be seen at the foot of a pier in the right-hand corner at the front.The staffage of figures tells the biblical story of the presentation of Christ in the temple: in the Brouwerskapel (the chapel of the guild of brewers), the high priest waits for the Holy Family. Mary and Joseph follow Simeon, who has the Christ Child on his arm. The prophet Hanna, supported by a stick, emerges from the choir of the church towards the group. By transporting the scene to the church in Haarlem, Saenredam transferred it to the world in which contemporary beholders lived. In formal terms the figures serve to clarify the spatial context, as they indicate parts of the building that lie beyond the space depicted, from which people approach or into which they disappear, like the man in the background who serves this purpose only. In cooperation with Saenredam, these figures were inserted by another artist, whose name is no longer known. This type of collaboration between two specialists was common practice in the Netherlands in the 17th century. Sarah Salomon | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019