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Evangelist Lukas vom Münnerstädter Retabel

Ident. Nr.: 403

ObjID: obj:868371

Details (Expert)

Beteiligte
Tilman Riemenschneider (7.7.1531),
Bildhauer*in
Datierung
Datierung: 1490-1492
Geografische Bezüge
Material / Technik
Lindenholz
Abmessungen
Höhe x Breite x Tiefe: 77 x 44 x 24 cm
Gewicht: 12,3 kg

Objektbeschreibung

Die Evangelisten vom Münnerstädter Altar
Der Altar, den Riemenschneider 1490-1492 für die Pfarrkirche St. Maria Magdalena in Münnerstadt anfertigte, ist ein Schlüsselwerk in der Entwicklung der spätmittelalterlichen Skulptur. Er gehörte zu den frühesten Retabeln, die ohne Farbfassung geliefert wurde, aber die Abwesenheit von Polychromie scheint als störend empfunden gewesen zu sein und 1504-1506 wurde der Nürnberger Bildhauer Veit Stoss beauftragt, den Altar zu vergolden und bemalen. Der Altar wurde zwischen 1649 und 1653 auseinander genommen und umgestaltet. Mehrere skulpturalen Elemente wurden entfernt und fanden ihren Weg letztendlich in öffentliche Sammlungen. In den frühen 1980er Jahren wurden die Teile, die in Münnerstadt geblieben waren, in eine moderne Umrahmung im Kirchenraum installiert, damit sie wieder auf der richtigen Höhe und im richtigen Licht präsentiert werden konnten. Kopien der Skulpturen in München und Berlin wurden später dem Ensemble hinzugefügt.



Das Bildprogramm thematisierte das Leben der Hl. Maria Magdalena, Patronin der Kirche. Als reuende Kurtisane, die sich Gott gewandt hatte, diente Sie als Vorbild, dass sogar Sünder Heiligen werden können und dass die Hoffnung auf Erlösung jedem zusteht. Im Schrein des Münnerstädter Altars wurde sie, zwischen dem Hl. Kilian und der Hl. Elisabeth von Thüringen, von Engeln zum Himmel getragen. Im Aufzug standen die Muttergottes und Johannes der Evangelist an beiden Seiten der Dreifaltigkeit; noch höher stand Johannes der Täufer. Die Predella enthielt die vier Evangelisten. Auf den Flügeln waren vier Reliefs mit Szenen aus der Legende der Hl. Maria Magdalena zu sehen: links Christus im Hause Simons über Die Erscheinung Christi vor Maria Magdalena und rechts die letzte Kommunion von Maria Magdalena über einer Darstellung ihrer Grablegung. Die Gesamthöhe des Retabels betrug ca. 13 Meter.



Die Evangelisten in der Predella bildeten das theologische und visuelle Fundament für den Altar, dessen vereinheitlichende Thema die Erlösung durch Christi Tod ist. Die Aneinanderreihung der Figuren von links nach rechts widerspiegelt die Reihenfolge, in welcher ihre Evangelien in der Bibel erscheinen. Ihre Haltungen und die Anordnung ihrer Gewänder korrespondieren miteinander und führen das Auge zur Mitte der Gruppe. Die Evangelisten sind im Alter, Stimmung und Pose höchst unterschiedlich dargestellt. Man glaubte im Mittelalter, dass die Evangelisten Matthäus und Johannes den Aposteln dieser Namen identischen seien; deswegen sind sie in zeitlosen Draperien portraitiert. Demgegenüber tragen Markus und Lukas die Kopfbedeckung und Gelehrtentracht der Humanisten. Riemenschneider folgt einer Tradition, die zur frühchristlichen Zeit zurückführt, in der Matthäus und Johannes als Augenzeugen Christi erkannt wurden, während Markus und Lukas, als vermuteten Nachfolger von Petrus und Paulus, als Vorbilder frommer Gelehrsamkeit verehrt wurden. Der Engel von Matthäus und der Adler von Johannes waren einzeln geschnitzt und an der Rückwand der Predella befestigt.

Letzte Aktualisierung: 29.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Beweinung Christi (4 teilig)

Beweinung Christi (4 teilig)

Die aus Einzelfiguren zusammengesetzte Figurengruppe zeigt die Beweinung Christi - ein Motiv, das in den Evangelien nicht erwähnt wird. Der vom Kreuz abgenommene Leichnam Christi lagert ausgestreckt mit halb aufgerichtetem Oberkörper über dem Schenkel der seitlich nach hinten sinkenden Maria. Sie ist in ein weites Kleid und in ein über ihr Haupt gezogenes Tuch gehüllt, Voll Schmerz ringt sie mit den von sich gestreckten Händen, ihre Augen sind fast geschlossen. In Ohnmacht fallend, wird sie von Johannes aufgefangen, der von rechts herantritt und die Komposition auf dieser Seite abschließt. Diese Dreiergruppe bildet von den Füßen Christi ausgehend bis zum Kopf des Lieblingsjüngers Jesu ein aufsteigendes Dreieck, das links von der knienden Maria Magdalena ausbalanciert wird. Die von Jesus bekehrte Sünderin benetzt mit ihren Tränen den Leib Christi und salbt diesen mit einem Tuch, das sie in ihrer erhobenen Linken hält.Die Dramatik des Geschehens wird nicht allein durch Gesten und Mimik veranschaulicht, sondern vor allem auch durch die Gewänder, die mit ihren bewegten Draperien die Seelenzustände der jeweiligen Personen widerzuspiegeln scheinen. Eingebettet ist darin der nackt lagernde Leichnam des Erlösers, dessen schwerer, lebloser Körper in einem fließenden S-Schwung dem Betrachter zugewandt ist. Hier greift der Bildschnitzer italienische Vorbilder des 16. Jahrhundert und frühen 17. Jahrhunderts auf, bei denen die Christusfigur in einer ähnlich aufsteigenden Torsion komponiert ist. Die für die private Andacht konzipierte Gruppe darf dem venezianischen Bildhauer Giovanni Giuliano oder einem seines engsten Umkreises angehörigen Mitarbeiters zugeschrieben werden. Giuliano ging bereits in jungen Jahren nach München, wo er in den 1680er-Jahren in der Werkstatt des Bildhauers Andreas Faistenberger tätig war. Anschließend zog er nach Wien. Die letzten 33 Jahre lebte er als Laienbruder im Stift Heiligenkreuz, wo er mit vielen Mitarbeitern zahlreiche Werke für das Stift schuf. In diese Zeit fällt auch die Gruppe der Beweinung Christi. Kennzeichnend sind für ihn Ensembles, bei denen sich die Einzelfigur als rhythmisch bewegte Silhouette der Harmonie des Ganzen einzufügen hat. Auffallend ist zugleich, dass die leicht fließende Kontur der Komposition immer an eine Fläche gebunden ist und somit nur eine bestimmte Ansicht zulässt.

Thronende Maria mit dem Kind

Thronende Maria mit dem Kind

Die schlanke Gestalt der Muttergottes sitzt auf einer mit flachem Kissen belegten Thronbank, der eine im Achteck gebrochene, hohe Plinthe vorgelegt ist. Marias überlängter Oberkörper ist leicht schräg nach links gebogen, parallel zur diagonal verschobenen Stellung der Knie. In der Rechten hielt sie vielleicht ursprünglich ein Zepter (aufgrund des Fehlens des originalen Unterarms unklar), mit der Linken umgreift sie die Hüfte des Kindes, dessen linker Fuß noch auf dem Sitzkissen steht, während es das rechte Bein nach vorn auf den Oberschenkel der Mutter gesetzt hat. Die Schrittstellung bewirkt eine leicht gekippte Haltung, besonders im linken Halbprofil, von wo aus das linke Standbein nicht zu sehen ist. Das Kind dürfte mit der Hand einst nach Marias Oberkörper gegriffen haben, wie es bei zahlreichen Figuren des Typs der Fall ist. In der Linken hält es einen (ergänzten) Vogel. Die beiden Köpfe (der des Kindes stark ergänzt) neigen sich leicht einander zu, Maria blickte das Kind an, wie der Verlauf der vorgeritzten Pupillen zeigt. Bekleidet ist sie mit langem Kleid und einem Mantel, der über dem rechten Arm gerafft, von dort quer über den Oberkörper gespannt und unter dem linken Arm eingeklemmt wird. Das über die linke Schulter fallende Ende dient dem Kind als Standfläche. Am Oberkörper bildet der Mantel zahlreiche Parallelfalten aus, die strahlenförmig auf das Kind zulaufen. Dieses Motiv ist innerhalb der großen Gruppe Kölner Madonnen dieses Typs einzigartig; üblicherweise fällt der Mantel in den Schoß Marias und gibt den Blick auf den Gürtel frei. Das Kind trägt ein langes Kleid. Maria trägt keinen Schleier, in den lockigen Haaren zeichnet sich noch die Auflage für den ehemals aufgesetzten Kronreif ab. Wie die rückseitige Ansicht zeigt, stand die Figur ursprünglich vor einem Rückbrett. Sie dürfte sich in einem Schrein auf einem Altar befunden haben, entweder als Einzelfigur oder in einem größeren Kontext.(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)

Allegorie des Wahnsinns

Allegorie des Wahnsinns

Die auf einem Segmentbogen lagernde Aktfigur eines kahlköpfigen, finster dreinblickenden Mannes scheint in einem Anfall von Wut mit weit geöffnetem Mund zu brüllen. Aufgrund seines unberechenbaren Temperaments sind die Hände an den Gelenken miteinander verkettet. Nicht nur der sanft geschwungene Giebel, auch die Komposition der darauf ausgestreckten Figur erinnert an Michelangelos lagernde, die Zeiten des Tages symbolisierende Gottheiten aus der Medici-Kapelle in San Lorenzo in Florenz. Insbesondere das Motiv des sich auf dem Unterarm stützenden Armes, der die Aufrichtung des Oberkörpers erlaubt, ist Michelangelos Figur des „Abends“ entlehnt.Das bei seiner Erwerbung 1908 zunächst noch Pietro Tacca (1577-1640) zugeschriebene Modell konnte inzwischen mit überzeugenden Argumenten dem dänischen und überwiegend in England tätigen Bildhauer Caius Gabriel Cibber zugewiesen werden. Die hier dargestelte Allegorie des Wahnsinns ist das Pendant zur Liegefigur der Melancholie, die der Bildhauer als Giebelfiguren für das Hauptportal des Royal Bethlem Hospitals in Moorfields schuf. Das 1247 in Bedlam, vor den Toren Londons gegründete Hospital war seit dem Ende des 14. Jahrhunderts ein Heim für Geisteskranke. Als die Stadt 1666 einem Brand weitgehend zum Opfer fiel, ließ man zwischen 1674 bis 1676 einen Neubau nach den Plänen des Architekten Robert Hooke (1635-1703) außerhalb der Stadt in Moorfields errichten, wofür Cibber schließlich die beiden lebensgroßen Liegefiguren in Stein schuf. Bei dem hier ausgestellten Werk handelt es sich um einen ersten künstlerischen Entwurf des Künstlers.