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Christus im Haus des Pharisäers Simon

Ident. Nr.: 533A

ObjID: obj:868627

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Dierick Bouts (1410 - 6.5.1475),
Maler*in
Datierung
Ausführung: 1465/70
Weitere Titel
Sammlungstitel: Christus im Haus des Pharisäers Simon
Übersetzung: Christ in the House of the Pharisee Simon
Material / Technik
Eichenholz
Abmessungen
Tafelmaß: 42,2 x 62,5 cm
Erwerbung
1904 Ankauf aus Sammlung Adolph Thiem, Berlin/ San Remo

Objektbeschreibung

Der von Dieric Bouts geschilderten Begebenheit liegt der Bericht des Lukas-Evangeliums (7, 36-50) zugrunde. Dort wird erzählt, daß der Pharisäer Simon Christus einst zu sich bat, um ihn in seinem Haus zu bewirten. Während des Mahles erschien eine in der Stadt wohlbekannte Sünderin, die der Evangelist nicht mit Namen nennt, die jedoch später stets mit Maria Magdalena, der Schwester des Lazarus, gleichgesetzt worden ist. Zum Befremden des Gastgebers kniete sie vor Christus nieder und weinte, netzte seine Füße mit ihren Tränen, trocknete sie mit ihrem Haar, küßte und salbte sie. Als dies der Pharisäer sah, tadelte er Christus, indem er zu sich selbst sprach: »Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn anrührt, denn sie ist eine Sünderin.« Christus antwortete dem Pharisäer darauf mit einem Gleichnis, um diesem sein Verhalten in verständlicher Form begreiflich zu machen. Es handelt von einem Wucherer, der zwei Schuldner hatte, von denen ihm einer 500, der andere jedoch nur 50 Groschen schuldete, und denen er beiden ihre Schuld erließ. Auf die Frage Christi, welcher der Schuldner seinen Gläubiger nun am meisten lieben müsse, antwortete ihm der Pharisäer sogleich, daß dies nur jener sein könne, dem die größere Schuldenlast erlassen und dem deshalb mehr geschenkt worden sei. Da wies Christus den Pharisäer darauf hin, daß er ihn bei seinem Eintritt in sein Haus weder geküßt noch gesalbt habe, und er von ihm nicht so reich beschenkt worden sei wie von dem mißachteten Weib zu seinen Füßen. Aus diesem Grunde seien ihr viele Sünden vergeben, »denn sie hat viel geliebt; welchem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig«. Und zu der Sünderin sprach Christus: »Dein Glaube hat dir geholfen, gehe hin in Frieden.« So war Maria Magdalena, wie es in der Legenda aurea des Jacobus de Voragine (1230-1298/99) heißt, diejenige, »die in der Zeit der Gnade als erste Buße tat; die das beste Teil erwählte; die zu den Füßen des Herrn sein Wort hörte und sein Haupt salbte; die neben dem Kreuze stand beim Tode des Herrn; die da Salbe bereitete, seinen Leichnam zu salben; die sich nicht von dem Grabe kehrte, da die Jünger davongingen; der Christus bei seiner Auferstehung zuerst erschien; und die er machte zur Apostelin der Apostel«. Den Ort der Handlung bildet ein schmaler Raum mit hölzerner tonnengewölbter Decke. In der Mitte steht der gedeckte Tisch. Zwei Teller mit geräucherten Fischen, irdene Krüge, Gläser, Messer und Brote bilden ein kunstvoll arrangiertes Stilleben. Hinter dem Tisch sitzt Simon, der Pharisäer, der sich unwillig über die Unterbrechung des Mahles vorbeugt. Sein Mund ist leicht geöffnet, ganz so als würde er soeben sein Mißfallen an der vor seinen Augen sich abspielenden Szene bekunden. Christus, der als Gast des Hauses zur Rechten des Pharisäers sitzt, blickt still zu der vor ihm knienden Frau herab, die er mit der rechten Hand segnet. Erstaunen und Unwillen kennzeichnen auch die Haltung Petri, der zur Linken des Pharisäers sitzt, während sich Johannes, als wolle er den Vorgang erläutern, zu dem neben ihm knienden Geistlichen umwendet. Dieser ist der Auftraggeber des von Bouts geschaffenen Bildes, dessen weißes Gewand ihn als Angehörigen des Ordens der Kartäuser ausweist. Andachtsvoll kniet er mit gefalteten Händen neben der Tafel, den Blick des einprägsamen Gesichtes unbestimmt in die Ferne gerichtet. Dieric Bouts stammte aus Haarlem, hatte in seiner Vaterstadt seine erste künstlerische Ausbildung erhalten und war dann in die südlichen Niederlande ausgewandert.Um 1445 ließ er sich in Löwen nieder. 1468 wurde ihm das ehrenvolle Amt eines Stadtmalers übertragen. Im Auftrage des Magistrats und der geistlichen Bruderschaften der berühmten Universitätsstadt entstanden die Hauptwerke des Künstlers. Noch heute bewahrt die Sint-Pieterskerk in Löwen sein berühmtes Triptychon mit der Einsetzung des Abendmahls, das Bouts von 1464 bis 1467 im Auftrag der Bruderschaft des Heiligen Sakraments geschaffen hat. In die Zeit vor der Entstehung dieser großen Werke fällt die Vollendung unseres Bildes, das hinsichtlich der liebevollen Schilderung des Innenraumes, der differenzierten Lichtführung, der tiefleuchtenden Farben sowie der still und in sich gekehrt erscheinenden Bildfiguren alle wesentlichen Charakterzüge seiner Kunst in sich einschließt. Die Eindringlichkeit und einprägsame Schlichtheit des Bildes sind auch später empfunden worden. So ist die Komposition nicht nur von Aelbrecht Bouts, einem Sohn des Künstlers, sondern auch von anderen Meistern immer wieder als Ausgangspunkt und Vorbild für die Gestaltung dieses Bildthemas herangezogen worden. Die Faszination, die von den Werken des Dieric Bouts ausgeht, beruht auf dem ausgeprägten Sinn für die Schilderung des Raumes, zu der ihn seine Ausbildung in den nördlichen Niederlanden und die eingehende Beschäftigung mit dem Schaffen von Petrus Christus und Rogier van der Weyden befähigten. Rainald Grosshans | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019
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The incident narrated by Dierick Bouts in this image is based on the Gospel of Saint Luke (7:36–50). There, we read how the Pharisee Simon invites Christ to dine at his home. Appearing during the meal is a female sinner who is well-known in the town, and who is not named by the evangelist, but is later identified as Mary
Magdalen, the sister of Lazarus. To the dismay of his host, she kneels down before Christ and weeps, moistening his feet with her tears, drying them with her hair and anointing them.

When the Pharisee sees all of this, he rebukes Christ, saying to himself: “If this man were a prophet, he would know who is touching him and what kind of woman she is – that she is a sinner”. In order to make his behaviour comprehensible, Christ replies to the Pharisee with a simile. He tells the story of a usurer who has two
debtors, one of whom owes him 500 groschen, and the other only 50, and both of whose debs he forgives. To Christ’s question: Which of the two debtors should love his creditor the most?, the Pharisee answers that it can only be the one who has been forgiven the larger debt, and has been hence had more bestowed upon him.
Christ says to the Pharisee that when he entered his house, the Pharisee neither kissed nor anointed his feet, that the Pharisee had hence not been as generous towards him as the scorned woman at his feet. For this reason, her many sins have been forgiven, for “she has shown great love. But the one to whom little is forgiven, loves little”. And Christ spoke to the sinning woman, saying: “Your faith has saved you; go in peace.”

Mary Magdalen is the personality of whom Jacobus de Voragine (1230–98/99) writes in his Legenda aurea: “In the time of grace she did her first penitence. She elected the best part, she sat at the feet of the Lord to hear His word, she anointed His head, she stood near the cross when He died, she prepared the ointment for
His corpse, she did not leave the grave when the disciples did leave the grave. She was the one to whom the Lord appeared first when He was resurrected and she was the woman whom the Lord made the Apostle of the Apostles”.

The setting for these events is a narrow room with a wooden, barrel vaulted ceiling at whose centre stands a laid table. Two plates with smoked fish, earthenware jugs, glasses, knives and bread have been arranged into an artful still-life. Seated behind the table is Simon, the Pharisee, who leans forward, indignant over the interruption of the meal. His mouth is opened slightly, as though he wishes to articulate his displeasure at the scene that plays itself out before him. Christ, who is the guest of the house, sits to the right of the Pharisee, gazing silently at the
kneeling woman, blessing her with his right hand. Astonishment and indignation also characterise the attitude of Peter, who sits to the left of the Pharisee, while John turns towards the kneeling ecclesiastical as though wishing to explain the goings-on to him. This figure is the donor of Bouts’ picture, his white garments identifying him as a member of the Carthusian Order. He kneels devoutly with folded hands next to the table, the gaze of his memorable face directed into an indeterminate distance.

Dierick Bouts was a native of Haarlem, and received his initial artistic training in his hometown before migrating to the southern Netherlands. He settled in Leuven around 1445. In 1468, he was entrusted with the honourable office of city painter. His principal masterwork was produced on commission from the municipal authorities
and the spiritual fraternity of this celebrated university town. Today, the Sint Pieterskerk in Leuven still preserves this celebrated triptych, centred around the Last Supper, which Bouts executed between 1464 and 1467 on a commission from the Fraternity of the Blessed Sacrament.

Occurring somewhat earlier than the execution of this monumental work was the production of the present picture, which itself exemplifies all of the essential traits of Bouts’ art: the loving rendering of an interior, the differentiated illumination, the deep, luminous colours, as well as the silent, seemingly self-absorbed figures.
Later, as well, the poignancy and unforgettable simplicity of this picture made a strong impression. Repeatedly, this composition served as a point of departure and model for later versions of this scene – and not just for Aelbrecht Bouts, one of the artist’s sons, but for other masters as well. The fascination that emanates from the works of Dierick Bouts is attributable to his pronounced sensibility for the shaping of space, a capacity that is attributable to his training in the northern Netherlands, and to his extensive preoccupation with the achievement of Petrus Christus and Rogier van der Weyden. Rainald Grosshans | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Letzte Aktualisierung: 03.07.2026

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Gemäldegalerie

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Zwei angekettete Affen

Zwei angekettete Affen

Das ungewöhnliche Bild entstand im Jahre 1562, kurz bevor Bruegel aus Antwerpen nach Brüssel übersiedelte. Dargestellt sind zwei Affen, die an einen eisernen Ring gekettet sind und in einer gewölbten Fensteröffnung sitzen. Die schweren Ketten, das massive Mauerwerk und die niedrige Fensterwölbung verstärken den Eindruck der Gefangenschaft, aus der ein Entkommen kaum möglich erscheint. Mit großem Einfühlungsvermögen hat Bruegel das Verhalten und die Mimik der Affen charakterisiert, die in der Gefangenschaft ihr lebhaftes Wesen verloren haben. Den äußersten Kontrast zur Enge der verliesartigen Nische bildet der Blick aus dem Fenster. Man erkennt die Stadt Antwerpen mit dem Hafen und dem hoch aufragenden Turm der »Onze Lieve Vrouwekerk «. Davor leitet der breite Strom der Schelde in die Ferne, wo Wasser und Himmel ineinander übergehen. Der Kontrast zwischen der bedrückenden Enge der schattigen Maueröffnung und der lichten Weite der Landschaft mit den am Himmel dahinfliegenden Vögeln und den Schiffen, die von Reisen in ferne Länder künden, läßt die Gefangenschaft der beiden Tiere eindringlich empfinden. Die formalen Anregungen für Bruegel mögen die Stiche der Vier Affen von Israhel van Meckenem oder Dürers Madonna mit der Meerkatze geliefert haben. Von noch größerer Bedeutung müssen jedoch Studien nach der Natur gewesen sein. Bei den von Bruegel dargestellten Affen handelt es sich um die Halsband- oder Rotkopfmangabe (Cercocebus torquatus), deren Verbreitungsgebiet vom Kap Verde im Westen Afrikas bis an den Unterlauf des Kongo reicht. Bruegels meisterhafte Darstellung der beiden Affen beruht also auf exakter Naturbeobachtung. Daß es ihm dabei lediglich um eine Tierstudie ging, darf mit Recht bezweifelt werden. Fraglich ist auch, inwieweit das kleine Bild mit den Lebensumständen des Künstlers, dem bevorstehenden Umzug nach Brüssel, der Heirat und dem Verlust seiner Unabhängigkeit in Verbindung gebracht werden darf. Es ist hingegen denkbar, daß daß Bild für einen Freund gedacht war, den der Künstler in Antwerpen zurückließ. Von seiner symbolischen oder allegorischen Bedeutung her war der Affe Sinnbild für den an seine Triebe geketteten Menschen, der der Gefangene seiner animalischen Begierden ist. Offensichtlich hat Bruegel mit den angeketteten Affen gleichnishaft auf den verblendeten Menschen anspielen wollen, der, wie die zerbrochene Nuß neben den Tieren zeigt, angesichts eines Gewinnes von zweifelhaftem Wert bereit ist, seine Freiheit zu opfern. Die Gefangenschaft der Tiere ist von Bruegel als Paraphrase auf die in tierischer Versklavung lebenden Menschen gedeutet worden, die sich nicht von den christlichen Tugenden leiten lassen und deshalb einem traurigen Ende entgegensehen. Bruegel wäre nicht der Moralist, als der er sich in vielen seiner Bilder zu erkennen gibt, wenn er sich mit der Darstellung des als unabänderlich empfundenen Zustandes zufriedengegeben hätte. In diesem Bild sind die Ketten Sinnbild einer verzweifelten Situation. Erst die genaue Betrachtung zeigt, daß es einen Ausweg gibt. Sie enden nämlich in einem Knebel, der durch einen Ring gesteckt ist. Zöge man den Knebel etwas zurück und brächte ihn in eine senkrechte Position, ließe er sich durch den Ring zurückschieben und die Verbindung wäre gelöst. Da sich die beiden Affen in ihr dumpfes Schicksal ergeben haben, gelangen sie nicht zu der Erkenntnis, daß sie sich selbst befreien könnten. Sie sind außerstande, die ihnen von der Natur verliehenen Gaben sinnvoll einzusetzen und sich selbst zu retten. Ähnlich ergeht es dem Menschen, der aufgrund mangelnder Einsicht sein eigener Gefangener bleibt. Bruegels Botschaft lautet deshalb, daß erst die Besinnung des Menschen auf sich selbst ihn auf den rechten Weg zu führen vermag. Ein in Klugheit und Bescheidenheit geführtes Leben wird ihn dann in die Lage versetzen, die selbstverschuldete Gefangenschaft abzuschütteln und sich aus der seelischen Knechtschaft zu befreien. Diese ethisch-rationalistische Grundhaltung begegnet uns beispielhaft in den humanistischen Schriften des Erasmus von Rotterdam und des Dirck Volckertsz Coornhert. Sie ist Ausdruck einer Moralphilosophie, die viele der tiefgründigen Allegorien Pieter Bruegels erfüllt, den spätere Generationen allzu oberflächlich als »Bauern-Bruegel« bezeichnet haben. Rainald Grosshans | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. links unten: • BRVEGEL • MDLXII •___________________________________________________________This unusual picture dates from the year 1562, shortly before Bruegel relocated from Antwerp to Brussels. Depicted is a pair of monkeys, both chained to an iron ring and sitting in the opening of an arched window. The heavy chains, the massive masonry, and the low arch of the window strengthen an impression of confinement,from which there is apparently no possibility of escape. With great sensitivity and empathy, Bruegel has characterised the attitudes and expressions of the monkeys, which seem to have been deprived of their liveliness by their imprisonment. There is a powerful contrast between the constriction of the dungeon-like niche and the view through the window. Recognisable is the town of Antwerp with its harbour, and the tall, looming tower of the “Onze Lieve Vrouwekerk” (Church of our Lady). Before the town, the broad stream of the Scheldt River leads into the distance, where water and sky merge. The contrast between the oppressive closeness of theshadowy wall opening and the bright expense of the landscape, with its birds flying in the sky and its ships, which herald journeys to distant lands, allows the holder to empathise all the more strongly with the captive condition of these creatures.Among the stimuli Bruegel drew upon for this painting may have been an engraving entitled Four Monkeys by Israhel van Meckenem and Dürer’s Madonna with the Monkey. Of even greater significance however must have been studies after nature. The monkeys depicted by Bruegel were Collared or Red-capped Mangabeys(Cercocebus torquatus), whose area of distribution ranges from Cape Verde in West Africa to the Lower Congo. Bruegel’s masterful depiction of these animals was based on the precise observation from life. It can hardly be supposed however that he attempted here to produce a mere animal study. Questionable as well is the degree to which this little picture can be related to the artist’s life circumstances, his imminent relocation to Brussels, or his marriage and concomitant loss of independence. On the other hand, it is conceivable that this picture was intended for a friend the artist left behind in Antwerp.Concerning this image’s symbolic or allegorical significance, the monkey was an emblem of the individual who is chained to his desires, a prisoner to animalistic cravings. With the image of the chained monkeys, evidently, Bruegel sought to allude allegorically to deluded people who were prepared – as implied by the broken nutslying next to the animals – to sacrifice their freedom for a gain of dubious value. The captivity of these animals in Bruegel’s picture can be interpreted as a paraphrase of people who exist in bestial enslavement, who are not guided by Christian virtue, and can therefore look forward to a pitiful end. Bruegel would not however have been the moralist we recognise in so many of his pictures if he had been content to merely depict a situation that is conceived as irrevocable. In this painting, the chains are emblems of a desperate situation. And a precise examination of that situation reveals that there is in fact a way out. As it happens, the chains terminate in a toggle, which has been inserted into a ring. If the toggle is retracted and brought into a vertical position, it can be forced back through the ring, disengaging the connection. Having surrendered to their gloomy fate, the two monkeys never arrive at the awareness that they can liberate themselves. They are incapable of meaningfully employing the gifts with which nature has endowed them in order to rescue themselves. Much the same is true of people who, lacking sufficient insight, remain their own prisoners. Bruegel’s message, then, is that only the individual’s self-reflection is capable of leading him onto the right path. A life that is conducted with wisdom and modesty will enable him to shake off his self-imposed imprisonment, to free himself from spiritual bondage. This is the same fundamentally ethical and rationalistic ethic we encounter in exemplary form in the humanistic writings of Erasmus of Rotterdam and Dirck Volckertsz Coornhert. It is an expression of the moral philosophy that is materialised in many of profound allegories of Pieter Bruegel – who was referred to with striking superficiality by later generations as “Peasant Bruegel”. Rainald Grosshans | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Früchte- und Blumenkartusche mit Weinglas

Früchte- und Blumenkartusche mit Weinglas

In einer kartuschenartigen Nische aus Stein steht auf einem Sockel ein halb gefüllter und mit Beerennuppen verzierter Römer. Flankiert wird das Trinkgefäß von zwei in Stein gehauenen und mit Flügeln versehenden Kinderfiguren, so genannten Seraphim. Drei üppige Girlanden mit verschiedensten Blumen-, Getreide- und Fruchtsorten zu denen Trauben, Granatäpfel, Pfirsiche, Pflaumen, Nüsse, Feigen, Kastanien und Erdbeeren zählen, sind am oberen und unteren Rand der Kartusche gruppiert. Belebt wird das Ganze durch zahlreiche kleine Tierchen, wie einem Spatzen, einer Eidechse, einer Heuschrecke oder einem Schmetterling. De Heem stellt hier in der mikroskopischen Feinheit der Ausführung und der vollendeten Nachbildung der Natur seine malerische Meisterschaft unter Beweis. In der präzisen Darstellung von Stachelbeeren, deren Kerne sich zart durch die Schale hindurch abzeichnen, von prallgefüllten Trauben mit durchscheinend leuchtender Haut oder der überzeugend gestalteten stumpfen Oberfläche der Walnüsse, zeigt sich seine sorgfältige Beobachtung der verschiedensten Erscheinungsformen von Pflanzen und Früchten. Bei dem Berliner Bild handelt es sich um eine Sonderform der Stilllebenmalerei, die in den südlichen Niederlanden aufkam und hier ihre Blütezeit erlebte. Diese Stillleben mit christlich-religiösem Gehalt zeigen ein zentrales oft auch materiell abgesetztes Motiv, um das ein dicht gemalter Blumenkranz oder üppiges Fruchtgehänge angeordnet ist. Die dargestellten Blumen und Früchte tragen dabei nicht nur zur Steigerung der ästhetischen Bedeutung bei, vielmehr leiten sie zu genauem Schauen an und führten über zu einer meditativ-adorierenden Betrachtung des Mittelmotivs. Gleichzeitig fungieren sie oft auch als inhaltliche Verweise. Auf dem Berliner Bild darf das zentrale Motiv des gefüllten Römers, über dem das Auge der Providentia (Vorhersehung) als Lichterscheinung schwebt, sicherlich als Verweis auf die Eucharistie gewertet werden. Neben einer eher allgemein gehaltenen christlichen Pflanzen- und Tiersymbolik fällt zudem das Motiv der Sonnenblume auf, das in diesem Zusammenhang wahrscheinlich christologisch, im Sinne einer Ausrichtung der menschlichen Seele auf Christus, zu deuten ist.In der Regel entstanden derartige Stillleben in der Zusammenarbeit von zwei spezialisierten Malern. Häufig wurden derartige Kartuschen auch auf Vorrat gemalt und erst später ergänzt. In diesem Sinne handelt es bei dem Berliner Bild um eine Ausnahme, da de Heem hier alle Teile des Bildes eigenhändig ausführte.Jan Davidsz de Heem war gebürtiger Holländer, der zunächst in Utrecht und Leiden arbeitete, bevor er weiter nach Antwerpen zog. Seine frühen Werke, kleinformatige Vanitas-, Früchte- und Blumenstücke, malte er noch im Stile holländischer Stillebenspezialisten, deren kompositorischer Aufbau streng und überschaubar war. Angeregt durch die Haarlemer Stillebenmalerei legte er seine Bilder dieser Zeit oft monochrom an. Mit der Übersiedlung nach Antwerpen im Jahre 1636 wandelte sich de Heems künstlerische Auffassung grundlegend. Unter dem Einfluss der monumentalen und farbenfrohen Stillleben des Frans Snysders oder der Blumenkränze bzw – kartouchen von Daniel Seghers, entwickelte er eigene Formen des Stilllebens und führte hier diverse Neuerungen ein. Als einer der begabtesten und einflussreichsten Stillebenmaler seiner Zeit wurden seine Werke bereits zu Lebzeiten außerordentlich geschätzt und blieben auch nach seinem Tod begehrte Sammelobjekte. Katja Kleinert | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. links unten: J•D•DE.HEEM f__________________________________________________________The painting shows a half-filled Roman-style goblet decorated with stylised grapes standing in a stone niche on a pedestal. The drinking vessel is flanked by two stone cherubs: children’s figures with wings called seraphs. Three sumptuous garlands with a rich variety of flowers, grains and fruits, including grapes, pomegranates, peaches, plums, nuts, figs, chestnuts and strawberries, are grouped at the top and bottom edges of the niche. There are also numerous small animals in amongst the flowers, including a sparrow, a lizard, a grasshopper and a butterfly. De Heem’s exceptional artistic skill is demonstrated in the microscopic detail and the perfect reproduction of nature. The precise depiction of gooseberries, with the seeds visible through the translucent skins, the lusciously plump grapes, the very realistic dusky surface of the walnuts show the artist’s great attention to detail and careful observation of the many different shapes and forms of plants and fruits.The Berlin painting is a special form of still-life pictures that emerged in the southern Netherlands and reached their pinnacle here. These still-lifes with Christian- religious symbolism very often used a central, materially contrasting motif surrounded by a dense wreath of flowers or sumptuous arrangement of fruits. The flowers and fruits not only serve the purpose of enhancing the appearance and aesthetic significance, they also encourage viewers to take a closer look and engage in a meditative adoration of the central motif. At the same time, they also often act as key references for the underlying meaning of the picture. On this picture, the central motif of the filled goblet, above which floats the eye of Providentia (providence) in the form of bright light, is almost certainly a reference to the Eucharist. Amongst the more common Christian flower and animal symbolism the sunflower stands out, which in this context can be read as being Christological in the sense that it expresses the orientation of the human soul towards Christ.As a rule, still-lifes such as this were a collaboration between two specialized painters. Often, the cartouche would be produced in advance and details added at a later point. The Berlin painting is an exception to this rule, as de Heem executed all parts of this picture himself.Jan Davidsz de Heem was born in the Netherlands and first worked in Utrecht and Leiden before moving to Antwerp. His early work, small vanitas paintings, fruit and flower pieces, were done in the style of the Dutch still-life specialists, who tended to use a rigid and uncluttered compositional style. Inspired by stilllife painting in Haarlem, in this period his paintings were often monochrome. De Heem’s artistic style changed fundamentally after he moved to Antwerp in 1636. Influenced by the monumental and vividly coloured still-lifes of Frans Snyders and the floral wreaths and cartouches of Daniel Seghers, de Heem developed his own style and introduced several innovations. As one of the most gifted and influential still-life painters of his era, his paintings were highly regarded during his lifetime and after his death were in great demand as collectors’ items. Katja Kleinert | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Anna Sophie Agnes von Lehwald, geb. von Buddenbrock

Anna Sophie Agnes von Lehwald, geb. von Buddenbrock

Anna Sophie Agnes von Lehwald, geb. von Buddenbrock (1699-1773) war eine Tochter des Generalfeldmarschalls Wilhelm Dietrich Freiherr von Buddenbrock (1672-1757). In zweiter Ehe ehelichte sie 1749 im Königsberger Schloss den Generalleutnant Johann von Lehwald (1685–1768), Gouverneur von Memel (Ostpreußen). Die links oben erkennbaren Wappen der Familien von Lehwald und von Buddenbrock nehmen auf diese Eheschließung Bezug. Sie sind wohl auch erst zu diesem Termin von fremder Hand aufgetragen worden. Anna Agnes Sophie von Lehwald wird in einem spitzengesäumten Atlaskleid, kontrastiert von einem roten Mantel, präsentiert. Sie steht neben einem Springbrunnen, dessen bildhauerischer Schmuck allerlei Schalentierwerk zeigt. Gemäß damaliger Vorliebe für mythologische Andeutungen, dürfte die Porträtierte hierdurch als Quellnymphe zu interpretieren sein. Im dunklen Hintergrund ist links eine Balustrade mit Skulptur in Parklandschaft erkennbar. Da Barbara Rosina Lisiewska-Matthieu-de Gasc, so sie signierte, stets ihren aktuellen Namen verwendete, wird das Berliner Bildnis noch vor ihrer ersten Vermählung im Jahre 1741 entstanden sein. In dieser Zeit arbeitete die Malerin im Atelier des Vaters Georg Lisiewski (1674-1750). Das Kleid mit den Kaskadenspitzenärmel sowie die unmotiviert in eine Mantelfalte greifenden Finger sind charakteristische Eigenarten ihrer Gemälde der 1740er Jahre. Gemeinsam mit den später eingezeichneten Wappen wurde das allseitig beschnittene Porträt nachträglich zu einem Pedant eines Bildnisses ihres Gatten von der Hand ihres Vaters Georg Lisiewski gemacht, das sich ebenfalls im Besitz der Berliner Gemäldegalerie befindet (Kat.Nr. 2287).SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. rechts unten am Brunnenbeckenrand: „peint par Rosina Lisiews[ka]“