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Landschaft mit Satyrfamilie

Ident. Nr.: 638A

ObjID: obj:868688

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Albrecht Altdorfer (ca. 1480 - 1538),
Maler*in
Datierung
Ausführung: 1507
Weitere Titel
Sammlungstitel: Landschaft mit Satyrfamilie
Übersetzung: Landscape with Satyr Family
Geografische Bezüge
Material / Technik
Lindenholz
Abmessungen
Bildmaß: 23,1 x 20,4 cm
Erwerbung
1874 Ankauf mit der Sammlung des Bankiers Berthold Suermondt

Objektbeschreibung

In einer wilden Naturlandschaft, fern der menschlichen Zivilisation, spielen sich rätselhafte Szenen ab. Am Fuß einer steilen Felswand lagern, geschützt vom Dickicht, drei nackte Figuren auf einem üppigen Wiesenstreifen: ein brauner Satyr mit Hörnern und Bocksfüßen, eine hellhäutige Frau, wohl eine Nymphe, und ein Kleinkind, ihr gemeinsamer Sohn. Offensichtlich sind alle drei soeben durch zwei Eindringlinge aus ihrer mittäglichen Ruhe aufgeschreckt worden. Das Kind scheint durch die beiden alarmiert worden zu sein, die Frau blickt zu ihnen hinüber und macht den Satyr aufmerksam, der eine Keule packt und zur handgreiflichen Verteidigung seiner Familie bereit ist. Bei den beiden Gestalten, denen ihre Aufmerksamkeit gilt, handelt es sich um einen gänzlich nackten Mann mit einer Rute in der Hand und eine Frau in rotem Kleid, die er zu halten versucht; sie hat offenbar vor, mit ausgestreckten Armen und weiten Laufschritten nach rechts hin in den Wald zu fliehen. In der Ferne öffnet sich eine weite, im Sonnenlicht liegende Landschaft mit Gewässer und felsigen Bergen, in denen schemenhaft eine Burg oder Burgruine erkennbar wird.

Viel ist über die dargestellte Handlung gerätselt worden: Ist es eine antike mythologische Geschichte, unkonventionell erzählt und daher schwer erkennbar? Man dachte bei der Gruppe im Mittelgrund beispielsweise an Herkules und Dejanira oder bei der Familie vorne an das aus Italien bekannte Motiv eines Satyrn und einer Nymphe, doch müsste der Bocksbeinige dann der Nymphe auflauern – hier aber bilden sie eine harmonische kleine Familie. Es scheint näher zu liegen, dass sich hier frühe, mit dem Humanismus verbundene Vorstellungen von antiker Mythologie mit der im Norden Europas seit dem Mittelalter geläufigen Vorstellung der »Wilden Leute« verbinden, die bereits im 15. Jahrhundert oftmals als »Wilde Familie« vorkommen – aus dem ganz mit Haaren bedeckten, meist zierlichen »Wilden Mann« wäre dann hier der antikische Satyr geworden. Ohne Zweifel steht die kleine Gruppe im Vordergrund für ein »wildes« Leben in der Natur, ob sie aber zugleich auch auf animalisches Treiben und unkontrollierte Sinnlichkeit verweist, dürfte äußerst fraglich sein: Das Verhalten der drei wird als ganz menschlich gezeigt, als vorsichtig und sorgend, keineswegs als ungezügelt. Indes wird das Naturidyll zumindest von der bekleideten Gestalt und vielleicht auch von ihrem Verfolger weiter hinten gestört. Gehört Letzterer aber in den Wald, so wie die Familie? Um einen Satyr handelt es sich jedenfalls nicht, denn er hat weder Hörner noch Bocksfüße. So scheint es also ein menschliches Tun zu sein – vielleicht wirklich eine Begebenheit aus der klassischen Mythologie –, das die Naturfamilie aufschreckt. Das Eindringen in ihren Lebensbereich fern der Zivilisation scheint eine Provokation der friedlich ruhenden Geschöpfe zu sein.

Die kleine Tafel gehört zu den frühesten Werken Albrecht Altdorfers und zu den ersten Beispielen einer nicht-christlichen Ikonografie in Deutschland und generell außerhalb Italiens. Das wunderbare, fantastisch gewundene Laubwerk verweist deutlich auf die Inspiration durch die frühen Werke Lucas Cranachs, etwa dessen Berliner Flucht nach Ägypten. Wenig später sollte Altdorfer die ersten reinen Landschaftsbilder malen, die ganz oder fast ganz ohne Figuren und Narration auskommen. Stephan Kemperdick | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019

SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. links auf dem Baum: 1507 / AA
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In a wild landscape, far from human civilisation, mysterious scenes are taking place. At the foot of a sheer cliff, sheltered by undergrowth, three naked figures can be seen on a lush strip of meadow: a brown satyr with horns and goat’s feet; a lightskinned woman, probably a nymph; and a small child, their son. Evidently, all three of them have been woken from their afternoon nap by two intruders. The child seems to be alarmed by them. The woman looks across at the intruders and tries to alert the satyr. He, in turn, seizes a club and prepares physically to defend his family. The two figures towards whom their attention is directed are a completely naked man with a stick in his hand and a woman in a red dress, whom he is trying to prevent fleeing into the forest on the right, taking large steps with outstretched arms. In the distance, a broad sunlit landscape with bodies of water and mountains opens up. One can faintly make out a castle or the ruin of a castle.

Art historians have spent a long time puzzling over what is happening here. Is this an ancient myth told in an unconventional way and thus difficult to identify? Some have suggested that the group in the middle ground might be Hercules and Dejanira and the family in the foreground, the motif of a satyr and a nymph familiar from Italy. But then, the goat-footed satyr should really be stalking the nymph; here, however, they form a harmonious little family. A more probable explanation is that early ideas about antique mythology informed by Humanism have been combined here with the commonly held idea in northern Europe since the Middle Ages of “wild people”, who from the 15th century onwards often appear as a “wild family”. In line with this theory, the hairy, usually diminutive “wild man” has here become the antique satyr. We can certainly say that the small group in the foreground stands
for “wild” life in nature, but whether it also refers to animal urges and uncontrolled sensuality is highly questionable: the three are shown behaving in an extremely human manner, cautious, anxious, but certainly not wild or uninhibited. At the same time, the idyll of nature is being disturbed by the robed figure in the background and perhaps also by her pursuer. But does the latter belong in the forest, like the family? It is certainly not a satyr, for it has neither horns nor goat’s feet. So it appears to be a human act – perhaps an occurrence from classical mythology – that has startled the nature family. The intrusion into their realm far from civilisation seems like a provocation of these peacefully resting creatures.

The little panel is among Albrecht Altdorfer’s earliest works and one of the first examples of non-Christian iconography in Germany and generally outside Italy. The wonderful, fantastically twining foliage is clearly inspired by the early works of Lucas Cranach, his Berlin Flight into Egypt, for instance. A short time later, Altdorfer was to begin painting the first pure landscapes that dispense almost entirely with figures or a narrative. Stephan Kemperdick | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Letzte Aktualisierung: 03.07.2026

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Einrichtung:

Gemäldegalerie

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Früchte- und Blumenkartusche mit Weinglas

Früchte- und Blumenkartusche mit Weinglas

In einer kartuschenartigen Nische aus Stein steht auf einem Sockel ein halb gefüllter und mit Beerennuppen verzierter Römer. Flankiert wird das Trinkgefäß von zwei in Stein gehauenen und mit Flügeln versehenden Kinderfiguren, so genannten Seraphim. Drei üppige Girlanden mit verschiedensten Blumen-, Getreide- und Fruchtsorten zu denen Trauben, Granatäpfel, Pfirsiche, Pflaumen, Nüsse, Feigen, Kastanien und Erdbeeren zählen, sind am oberen und unteren Rand der Kartusche gruppiert. Belebt wird das Ganze durch zahlreiche kleine Tierchen, wie einem Spatzen, einer Eidechse, einer Heuschrecke oder einem Schmetterling. De Heem stellt hier in der mikroskopischen Feinheit der Ausführung und der vollendeten Nachbildung der Natur seine malerische Meisterschaft unter Beweis. In der präzisen Darstellung von Stachelbeeren, deren Kerne sich zart durch die Schale hindurch abzeichnen, von prallgefüllten Trauben mit durchscheinend leuchtender Haut oder der überzeugend gestalteten stumpfen Oberfläche der Walnüsse, zeigt sich seine sorgfältige Beobachtung der verschiedensten Erscheinungsformen von Pflanzen und Früchten. Bei dem Berliner Bild handelt es sich um eine Sonderform der Stilllebenmalerei, die in den südlichen Niederlanden aufkam und hier ihre Blütezeit erlebte. Diese Stillleben mit christlich-religiösem Gehalt zeigen ein zentrales oft auch materiell abgesetztes Motiv, um das ein dicht gemalter Blumenkranz oder üppiges Fruchtgehänge angeordnet ist. Die dargestellten Blumen und Früchte tragen dabei nicht nur zur Steigerung der ästhetischen Bedeutung bei, vielmehr leiten sie zu genauem Schauen an und führten über zu einer meditativ-adorierenden Betrachtung des Mittelmotivs. Gleichzeitig fungieren sie oft auch als inhaltliche Verweise. Auf dem Berliner Bild darf das zentrale Motiv des gefüllten Römers, über dem das Auge der Providentia (Vorhersehung) als Lichterscheinung schwebt, sicherlich als Verweis auf die Eucharistie gewertet werden. Neben einer eher allgemein gehaltenen christlichen Pflanzen- und Tiersymbolik fällt zudem das Motiv der Sonnenblume auf, das in diesem Zusammenhang wahrscheinlich christologisch, im Sinne einer Ausrichtung der menschlichen Seele auf Christus, zu deuten ist.In der Regel entstanden derartige Stillleben in der Zusammenarbeit von zwei spezialisierten Malern. Häufig wurden derartige Kartuschen auch auf Vorrat gemalt und erst später ergänzt. In diesem Sinne handelt es bei dem Berliner Bild um eine Ausnahme, da de Heem hier alle Teile des Bildes eigenhändig ausführte.Jan Davidsz de Heem war gebürtiger Holländer, der zunächst in Utrecht und Leiden arbeitete, bevor er weiter nach Antwerpen zog. Seine frühen Werke, kleinformatige Vanitas-, Früchte- und Blumenstücke, malte er noch im Stile holländischer Stillebenspezialisten, deren kompositorischer Aufbau streng und überschaubar war. Angeregt durch die Haarlemer Stillebenmalerei legte er seine Bilder dieser Zeit oft monochrom an. Mit der Übersiedlung nach Antwerpen im Jahre 1636 wandelte sich de Heems künstlerische Auffassung grundlegend. Unter dem Einfluss der monumentalen und farbenfrohen Stillleben des Frans Snysders oder der Blumenkränze bzw – kartouchen von Daniel Seghers, entwickelte er eigene Formen des Stilllebens und führte hier diverse Neuerungen ein. Als einer der begabtesten und einflussreichsten Stillebenmaler seiner Zeit wurden seine Werke bereits zu Lebzeiten außerordentlich geschätzt und blieben auch nach seinem Tod begehrte Sammelobjekte. Katja Kleinert | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. links unten: J•D•DE.HEEM f__________________________________________________________The painting shows a half-filled Roman-style goblet decorated with stylised grapes standing in a stone niche on a pedestal. The drinking vessel is flanked by two stone cherubs: children’s figures with wings called seraphs. Three sumptuous garlands with a rich variety of flowers, grains and fruits, including grapes, pomegranates, peaches, plums, nuts, figs, chestnuts and strawberries, are grouped at the top and bottom edges of the niche. There are also numerous small animals in amongst the flowers, including a sparrow, a lizard, a grasshopper and a butterfly. De Heem’s exceptional artistic skill is demonstrated in the microscopic detail and the perfect reproduction of nature. The precise depiction of gooseberries, with the seeds visible through the translucent skins, the lusciously plump grapes, the very realistic dusky surface of the walnuts show the artist’s great attention to detail and careful observation of the many different shapes and forms of plants and fruits.The Berlin painting is a special form of still-life pictures that emerged in the southern Netherlands and reached their pinnacle here. These still-lifes with Christian- religious symbolism very often used a central, materially contrasting motif surrounded by a dense wreath of flowers or sumptuous arrangement of fruits. The flowers and fruits not only serve the purpose of enhancing the appearance and aesthetic significance, they also encourage viewers to take a closer look and engage in a meditative adoration of the central motif. At the same time, they also often act as key references for the underlying meaning of the picture. On this picture, the central motif of the filled goblet, above which floats the eye of Providentia (providence) in the form of bright light, is almost certainly a reference to the Eucharist. Amongst the more common Christian flower and animal symbolism the sunflower stands out, which in this context can be read as being Christological in the sense that it expresses the orientation of the human soul towards Christ.As a rule, still-lifes such as this were a collaboration between two specialized painters. Often, the cartouche would be produced in advance and details added at a later point. The Berlin painting is an exception to this rule, as de Heem executed all parts of this picture himself.Jan Davidsz de Heem was born in the Netherlands and first worked in Utrecht and Leiden before moving to Antwerp. His early work, small vanitas paintings, fruit and flower pieces, were done in the style of the Dutch still-life specialists, who tended to use a rigid and uncluttered compositional style. Inspired by stilllife painting in Haarlem, in this period his paintings were often monochrome. De Heem’s artistic style changed fundamentally after he moved to Antwerp in 1636. Influenced by the monumental and vividly coloured still-lifes of Frans Snyders and the floral wreaths and cartouches of Daniel Seghers, de Heem developed his own style and introduced several innovations. As one of the most gifted and influential still-life painters of his era, his paintings were highly regarded during his lifetime and after his death were in great demand as collectors’ items. Katja Kleinert | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Anna Sophie Agnes von Lehwald, geb. von Buddenbrock

Anna Sophie Agnes von Lehwald, geb. von Buddenbrock

Anna Sophie Agnes von Lehwald, geb. von Buddenbrock (1699-1773) war eine Tochter des Generalfeldmarschalls Wilhelm Dietrich Freiherr von Buddenbrock (1672-1757). In zweiter Ehe ehelichte sie 1749 im Königsberger Schloss den Generalleutnant Johann von Lehwald (1685–1768), Gouverneur von Memel (Ostpreußen). Die links oben erkennbaren Wappen der Familien von Lehwald und von Buddenbrock nehmen auf diese Eheschließung Bezug. Sie sind wohl auch erst zu diesem Termin von fremder Hand aufgetragen worden. Anna Agnes Sophie von Lehwald wird in einem spitzengesäumten Atlaskleid, kontrastiert von einem roten Mantel, präsentiert. Sie steht neben einem Springbrunnen, dessen bildhauerischer Schmuck allerlei Schalentierwerk zeigt. Gemäß damaliger Vorliebe für mythologische Andeutungen, dürfte die Porträtierte hierdurch als Quellnymphe zu interpretieren sein. Im dunklen Hintergrund ist links eine Balustrade mit Skulptur in Parklandschaft erkennbar. Da Barbara Rosina Lisiewska-Matthieu-de Gasc, so sie signierte, stets ihren aktuellen Namen verwendete, wird das Berliner Bildnis noch vor ihrer ersten Vermählung im Jahre 1741 entstanden sein. In dieser Zeit arbeitete die Malerin im Atelier des Vaters Georg Lisiewski (1674-1750). Das Kleid mit den Kaskadenspitzenärmel sowie die unmotiviert in eine Mantelfalte greifenden Finger sind charakteristische Eigenarten ihrer Gemälde der 1740er Jahre. Gemeinsam mit den später eingezeichneten Wappen wurde das allseitig beschnittene Porträt nachträglich zu einem Pedant eines Bildnisses ihres Gatten von der Hand ihres Vaters Georg Lisiewski gemacht, das sich ebenfalls im Besitz der Berliner Gemäldegalerie befindet (Kat.Nr. 2287).SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. rechts unten am Brunnenbeckenrand: „peint par Rosina Lisiews[ka]“

Küchenstück mit dem Gleichnis vom Großen Gastmahl

Küchenstück mit dem Gleichnis vom Großen Gastmahl

In den Evangelien des Matthäus (22, 2-14) und des Lukas (14, 15-24) wird als Gleichnis für die Gerechtigkeit am Jüngsten Tag berichtet, wie ein reicher Pharisäer zu einem Gastmahl lädt, sich aber alle Gäste mit fadenscheinigen Entschuldigungen verweigern. Darauf schickt er seine Knechte auf die Straße und lässt Krüppel und Bettler in sein Haus bitten. Gott wird die zur Seligkeit Auserwählten nicht nach Reichtum und äußerem Ansehen bestimmen. Am Tage des Jüngsten Gerichtes wird er vielmehr die Armen und Kranken bevorzugen, da sie sich seiner Gnade wert erweisen. Wtewael verlagert in seiner Komposition das lebhafte, vielfigurige Geschehen in den Hintergrund, wo die von städtischen Plätzen herandrängen Armen zu erkennen sind. Links ist durch einen großen Rundbogen der Blick in eine Stadt freigegeben. Heftig bewegte und gestikulierende Menschen drängen von der Anhöhe draußen, über eine Straße heran und werden von einem Hausknecht an der Treppe mit einladenden Armbewegungen ins Haus gebeten. Rechts führt eine weitere rundbogige Öffnung in einen Saal des Hauses, in dem hinter den zahlreich an Tischen sitzenden Menschen hohe rundbogige Fenster den Blick ins Freie lenken. Gestützt auf einen Stab, von einem Mann und einem Hündchen begleitet, strebt ein Beinamputierter gerade dem gastlichen Saal zu und schafft so die Verbindung zwischen den beiden Hintergrundszenen. Obwohl der Maler mit diesem zweifachen Aufbrechen des Hintergrundes eine große Tiefenwirkung und einen lebhaften Licht- und Schattenwechsel erzeugt hat, wird die Aufmerksamkeit des Betrachters doch zunächst ganz vom Treiben vorn, von dem wie eine Bühne geöffneten Küchenraum in Anspruch genommen. Hier hantieren, das Festmahl vorbereitende Mägde und Knechte an den Tischen, zwischen Körben, Kesseln, Bottichen und Kannen. Die vertikale Betonung des Bildzentrums übernimmt eine schlanke junge Magd, die gerade Hühner auf einen Bratspieß reiht. In ihrer gespreizten, tänzelnden Pose scheint sie einer antiken Götterszene entstiegen zu sein. Auch der einen großen Fisch zerhackende Knecht, ein junges, sich liebkosendes Paar am Kamin mit offenem Feuer und ein kleiner, auf einen am Boden liegenden Kessel gestützter Knabe scheinen in ihren kraftvollen oder grazilen Haltungen dem vertrauten Figurenapparat mythologischer Szenen des Spätmanierismus entnommen zu sein. Und doch bewegen sie sich zwischen so gewöhnlichen Dingen wie Fischen, Wildbret, Kohlköpfen, Zwiebeln und Mohrrüben. Ein Hund und eine Katze erzählen, indem sie angriffslustig einen zwischen ihnen liegenden Fisch belauern, nebenbei eine kleine Tiergeschichte. Gerade aus der Zuordnung dieser alltäglichen Dinge zu den Gestalten ergeben sich volkstümliche allegorische Doppelbedeutungen, wie sie in der niederländischen Malerei verbreitet waren, dienten die Bilder doch auch der moralischen Belehrung des Betrachters. Dieser war gewohnt hinter der primären Darstellungsebene auch eine symbolische zu suchen. So galt der Fisch als christliches Symbol (hier zudem mit anderen Fischen kreuzweise am Boden übereinandergeschichtet) zugleich auch als erotisch-phallische Metapher. Zwiebeln, Möhren und Artischocken schrieb man aphrodisierende Kraft zu. Vögel und Hasen, gar das Aufspießen von Hühnern unterstreichen das erotische Moment. Die Frau verkörpert die Fleischeslust (voluptas carnis), mit der der Mann neben ihr vom christlichen Tugendpfad abgelenkt wird. Die alte Frau hinter dem Tisch mit Mörser und Stößel versinnbildlicht ebenfalls diesen Topos. In dem Paar rechts, das das Feuer der Liebe anfacht und einen Korb mit Eiern, Inbegriff der Sinnenlust, trägt, wird er am deutlichsten. Die an malerischen Details und allegorischem Gedankengut reiche Bilderfindung hat Wtewael in einer ebenfalls signierten Federzeichnung (Kunstsammlungen Weimar, Kupferstichkabinett) vorbereitet, die jedoch in einigen Partien – etwa der Straßensituation, dem Eingang zum Haus und der Anordnung der Gegenstände in der Küche – von dem Berliner Bild abweicht. Wtewael steht mit seiner Darstellung in der Tradition der flämischen Maler von Küchen- und bäuerlichen Marktszenen, wie Pieter Aertsen und Joachim Bueckelaer. Seine helle, sehr farbige Palette und sein feines Gespür für malerische Atmosphäre zeugen italienischen und französischen Farb- und Formeindrücken, die er auf Reisen empfangen hatte. Das Berliner Bild, von dem noch drei weitere Fassungen bekannt sind, lässt sich sehr wahrscheinlich bis in den Nachlass der Witwe von Jan Nicquet, Amsterdam 1612, zurückverfolgen. 1927 konnte es mit Mitteln des Kaiser Friedrich Museumsvereins für die Berliner Galerie aus dem Berliner Kunsthandel erworben werden. Irene Geismeier | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. am Mauerpfeiler rechts: W•TE•WÆL / FECIT•ANo•1605.____________________________________________________________The gospels according to Saint Matthew (22:2–14) and Saint Luke (14:15–24) tell of a parable of the Last Judgment, in which a rich Pharisee invites guests to a feast but all decline with flimsy excuses. At this, he sends his servants out into the street to ask cripples and beggars to dine in his house. God will not decide whois called to be blessed according to their wealth and outward appearance. At the Last Judgement, he will favour the poor and the sick instead, as they show that they deserve his mercy.In his composition Wtewael moves this lively scene with its numerous figures to the background, where the poor can be seen hurrying in from the streets of the town. On the left, a large round-headed arch allows a view of the town. Gesticulating, urgently moving people are pressing forward down a street from higher ground, and are being asked inside by a servant on the steps whose arm gestures usher them into the house (fig. left). On the right, a further opening with a round arch leads into a room of the house where tall, round-arched windows behind numerous people sitting at tables provide a view outside. Supported on a stick, with a companion and a small dog, a one-legged man is heading towards the banqueting room, thus linking the two background scenes. Although the artist has created a great depth of field and a lively alternation of light and shade through this double break in the background, the viewer’s attention is entirely captured at first by the foreground activity, by a kitchen that is opened out like a stage. Here the maids and manservants preparing the feast are busy at the tables, between baskets, cauldrons, tubs and jugs. The vertical emphasis at the centre of the painting is given by a slender young maid who is skewering a row of chickens on a roasting spit. With her straddling, dance-like pose, she seems to have emerged from a scene of the ancient gods. The servant chopping up a large fish, the young couple caressing each other at the open fire, and a small boy leaning on a cauldron placed on the floor also seem, in their vigorous or graceful postures, to derive from the familiar repertoire of figures from the mythological scenes of late Mannerism. Yet they move among such everyday things as fish, game, cabbages, onions and carrots. At the side, a dog and a cat, lying in wait to pounce on a fish lying between them, tell a little tale of animals.The arrangement of these everyday items in relation to the figures generates folksy, allegorical double meanings of the kind that were common in painting from the Netherlands, as the pictures also served to give moral instruction to beholders who were used to looking behind the primary pictorial level to find a symbolic one. Thus, the fish was seen as a Christian symbol (in this case, furthermore, layered on the floor cross-wise with other fish) and simultaneously as an erotic, phallic metaphor. Aphrodisiac powers were ascribed to onions, carrots and artichokes. Birds and hares, even the skewering of chickens, underline the erotic component. The woman embodies physical desire (voluptas carnis), which diverts the man next to her from the path of Christian virtue. The old woman behind the table with a pestle and mortar also symbolises this topos. The clearest representation of the theme is the couple on the right, kindling the fire of love and carrying a basket of eggs, the epitome of sensual desire. This visual invention, rich in painterly details and allegorical ideas, was prepared by Wtewael in a pen drawing (Kunstsammlungen Weimar, Kupferstichkabinett), also signed, which diverges in parts from the painting in Berlin, for example in the street scene, the entrance to the house and the arrangement of items in the kitchen. With this depiction, Wtewael has a place in the tradition of Flemish painters of kitchen and rustic market scenes such as Pieter Aertsen and Joachim Bueckelaer. His pale, brightly coloured palette and his fine sensitivity for picturesque atmosphere bear witness to Italian and French impressions of colour and form that he received on his travels. The Berlin painting, of which three further versions are known, can in all probability be traced back to the bequest of the widow of Jan Nicquet, in Amsterdam in 1612. In 1927, it was acquired for the Berlin Gemäldegalerie from a Berlin art dealership with funds from the Kaiser Friedrich Museumsverein. Irene Geismeier | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Die heilige Cäcilie

Die heilige Cäcilie

Nachdem Rubens am 30. Mai 1640 verstarb, ging von insgesamt 300 hinterlassenen Gemälden eine Tafel mit der Darstellung einer Heiligen Cäcilia als Dank für vermittelnde Tätigkeiten an Jacob van Ophem aus Brüssel. Es ist anzunehmen, dass es sich bei diesem Werk um das Berliner Gemälde handelte, das somit zu einem der letzten von Peter Paul Rubens ausgeführten Werken zu zählen ist und ohne Auftrag entstand.Dargestellt ist in lebensgroßer Gestalt die heilige Cäcilie, Schutzheilige der Musik und des Orgelspiels, wie sie am Virginal musiziert. Inspiriert und bewegt, mit großen gen Himmel gewandten Augen, geöffneten Lippen und geröteten Wangen lauscht sie den Klängen überirdischer Musik. Alles scheint in Entzückung und Bewegung: ihr braunes lockiges Haar, die seidig glänzenden und zarten Stoffe ihrer Kleidung. Ihre Finger berühren kaum die Tasten des Instruments, sogar ihr rechter Fuß hat sich aus dem Pantöffelchen gelöst. Sie ist umgeben von Putten, die ebenfalls von den himmlischen Klängen ergriffen zu sein scheinen. Inszeniert hat Rubens diese Szene in einem monumentalen Innenraum, der sich nach links hin zu einem Ausblick in die Weite einer sonnendurchfluteten Landschaft öffnet. Am rechten Bildrand ist eine übermächtig proportionierte Säule, Symbol ihrer unbeirrbaren Glaubensstärke, zu erkennen, an deren Postament sie auf einer Steinbank sitzt. Das rechts zu ihren Füßen schlafende Hündchen dürfte dagegen als allgemein gebräuchliches Treuesymbol auf das Eheverhältnis Cäcilies zu ihrem Gatten Valerian zu deuten sein, den sie am Tage der Hochzeit zum wahren Glauben und zu einer keuschen ehelichen Bindung bekehrte. Der Legenda aurea zufolge erlitten beide zusammen den Märtyrertod.In seiner Darstellung der heiligen Cäcilia präsentiert Rubens das eigentlich ungegenständliche Phänomen des Erklingens und Aufsteigens von Musik. Unwillkürlich assoziiert man bei dem Bild mit dem Reichtum der Farbklänge auch Musiktöne, die Rubens als herausragender Kolorist in einer Art von sinnlichem Rausch in zahllosen Farbnuancierungen und -facetten umsetzt. Zugleich gestaltete er in dem Bild jedoch auch eine der empfindsamsten Darstellungen seiner zweiten Frau, Hélène Fourment (1614-1673), die er 1630, vier Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau, als Sechzehnjährige heiratete. Nachdem er 1635 den alten Landsitz „Het Steen“ unweit von Mechelen erwarb, lebte das Paar dort bis zu Rubens Tod 1640.Der Eindruck, dieses großformatige, ausdrucksstarke Bild sei aus einem Guss gefertigt, trügt. Auch hier liegt dem Kunstwerk ein längerer Entstehungsprozess mit eindrucksvollem Arbeitsverlauf zugrunde. Zunächst als Halbfigurenbild angelegt wurde es in einem Anlauf nach unten hin zu einem Ganzfigurenbild erweitert, um anschließend nochmals nach links und rechts ergänzt zu werden. Die komplexe Konstruktion der Tafel setzt sich damit aus insgesamt sieben Brettern zusammen.In bestimmten Bereichen lassen sich Farbaufträge feststellen, die erst ganz zum Schluss in schneller und technisch nachlässiger Manier aufgetragen wurden und lange Laufspuren dünnflüssiger Farbe aufweisen. Es ist vermutet worden, dass die Ursache hierfür in Gichtanfällen, an denen er seit 1626 zu leiden hatte und die kurz vor seinem Tod schließlich zur vollständigen Lähmung der Hände führten, liegen könnte. Inwiefern es sich hierbei um Partien handelte, die noch weiter ausgeführt hätten werden sollten, ob Rubens – aus welchen Gründen auch immer - der frühere Anspruch an die technische Qualität seiner Malerei unwichtiger geworden war oder sogar andere Hände zur Vollendung beigetragen haben, muss offen bleiben. Katja Kleinert und Babette Hartwieg | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019_________________________________________________________________________Rubens died on 30 May 1640, leaving behind 300 paintings. One of these, a panel entitled Saint Cecilia was gifted to Jacob van Ophem from Brussels in recognition of his services. It can be assumed that this picture is the Berlin painting, which would make it one of the last works completed by Peter Paul Rubens and suggests that it was not painted for a commission.The picture portrays Saint Cecilia, the patron saint of music and organ playing, showing her sitting and playing a virginal. Inspired and moved, she looks up towards heaven with large, limpid eyes, open lips and flushed cheeks, listening to the sound of divine music. Every detail speaks of rapture and delighted motion: her wavy brown hair, the silky sheen and delicate flow of the fabrics of her gown. Her fingers barely touch the keys of the instrument and even her right foot has slipped out of her shoe. She is surrounded by cherubs who also seem enraptured by the heavenly sound of the music. Rubens presents this scene inside a monumental interior, with a window to the left opening out onto a wide, sun-dappled landscape. On the right edge of the painting, there is a massive column, a symbol of Cecilia’s unwavering and strong faith. The saint is shown sitting on a stone bench next to the pedestal. The small dog, shown asleep beside her right foot, can be understood as a commonly used symbol of marital fidelity and it applies to the marriage between Cecilia and her husband, Valerian, whom she converted to the true faith and a chaste marriage on the day of their wedding. According to the Legenda aurea they suffered martyrdom together.In his portrayal of Saint Cecilia, Rubens attempts to depict the immaterial phenomenon of the sound of music and how it rises up. Involuntarily, upon seeing the painting, one associates the richness of the colour tones in the picture with musical tones, which Rubens, as an outstanding colourist, translates into a kind of sensual intoxication by using countless shades and nuances. At the same time, this painting is also one of the most penetrating and perceptive portraits of his second wife, Hélène Fourment (1614–73), whom he married four years after the death of his first wife, in 1630 when she was 16. In 1635, he purchased the old country mansion “Het Steen” not far from Mechelen, where the couple lived until Rubens’ death in 1640.The impression that this large, highly expressive picture was painted successively on the basis of a set composition is deceptive. This is another Rubens painting that was the result of a very long period of creation with an astonishing genesis. Initially composed as a half-figure picture, it was extended downwards to form a full-figure and then details and figures were subsequently added on the left and right. The complex structure of the panel consists of seven boards.In specific sections there are areas where the paint was obviously applied rapidlyright at the very end and in a slightly slap-dash manner, even to the extent that there are long drips or runs of thin paint. A likely explanation for this is the gout in his hands that had afflicted Rubens since 1626, and which shortly before his death had almost fully paralysed his hands. Whether these are sections that would have been corrected at a later point, or whether for whatever reason the technical quality of his paintings had simply become less important for the artist, or even whether others helped to complete the picture are all matters for conjecture. Katja Kleinert und Babette Hartwieg | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Bildnis eines Herrn Rehlinger

Bildnis eines Herrn Rehlinger

Dargestellt ist ein junger Mann in einem kostbaren Turnierharnisch. Das Wappen am Fingerring weist den Porträtierten als Angehörigen der Patrizierfamilie Rehlinger aus, die in Haimhofen bei Regensburg ansässig war. Die reiche und sehr charakteristische Ornamentik des geätzten und kannelierten Harnischs weist auf Arbeiten des Augsburger Ätzmalers Jörg Sorg d. Ä. hin, der seit 1517 als Meister nachgewiesen werden kann. Der Harnisch trägt auf dem Halsschutz die Jahreszahl 1527, die wohl zugleich als Entstehungsdatum des Gemäldes aufgefasst werden kann. Aus stilistischen Gründen dürfte dem Maler des Bildnisses auch ein ungefähr zeitgleiches Triptychon mit stehenden Heiligen zuzuschreiben sein, der gleichfalls aus Augsburg stammende sogenannte Universitätsaltar, heute in der Alten Pinakothek in München.| Prestel-Museumsführer – Gemäldegalerie Berlin, 2017SIGNATUR / INSCHRIFT: LS 1540_______________________________________________This is a portrait of a young man in costly tournament armour. The coat of arms on his finger ring identifies the subject as a member of the patrician Rehlinger family, whose seat was in Hainhofen near Augsburg. The lavish and highly typical ornamentation on the etched and fluted armour indicates work by the Augsburg etcher-painter Jörg Sorg the Elder, who is in the records as a master from 1517. At the throat the armour bears the date 1527, which can also be presumed to be the year when the painting was completed. On stylistic grounds a triptych of approximately the same date can be attributed to the painter of this portrait. This triptych, the so-called University Altar, also originated in Augsburg and is today in the Alte Pinakothek in Munich.| Prestel Museum Guides – Gemäldegalerie Berlin, 2017