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Heiliger Martin

Ident. Nr.: AE 385

ObjID: obj:868855

Details (Expert)

Beteiligte
Datierung
Datierung: um 1425
Material / Technik
Abmessungen
Höhe x Breite x Tiefe: 52 x 54,5 x 29,5 cm
Erwerbung
Erworben 1915 gemeinsam mit einem weiteren Schlussstein (AE 386, heilige Katharina, um 1450, erhalten und unpubliziert) vom Hof antiquiar J. Rosenbaum in Frankfurt am Main; ohne weitere Provenienzangabe. 1945–90 Ost-Berlin

Objektbeschreibung

Die stark beschädigte Szene der Mantelspende des heiligen Martin befindet sich auf einem tellerförmigen, liegenden Vierpass mit Spitzen eines Quadrats. Dessen Rand ist mit kräftigem, außen und innen gekehlten Rahmen versehen, über den die Akteure mehrfach hinausragen bzw. -greifen. Durch diese Überschneidungen werden die bemerkenswerte Dynamik und der Eindruck des Momenthaften der Darstellung verstärkt, die eine nicht ganz gewöhnliche Ikonografie aufweist.

Der jugendliche, bartlose Heilige reitet – so viel ist noch zu erkennen – schwungvoll nach links vorn, wobei bei der Wiedergabe des aus dem Reliefgrund hervorkommenden Pferdes auf Dreidimensionalität bzw. Perspektive geachtet wurde. Das Tier mit reich verziertem Brustblattgeschirr wendet den Kopf gegen die Laufrichtung und verweist damit auf die zentrale Handlung. Es scheint gemeinsam mit dem Reiter in der Vorwärtsbewegung jäh innezuhalten oder bereits im Aufbruch zu sein. Martin lehnt sein Haupt weit zurück und gibt somit Raum für die Übergabe seines halben Mantels an einen nach zeitgenössischer Konvention als fußamputierter Krüppel mit Trippen wiedergegebenen Bettler. Das Besondere an dieser Szene ist, dass die ansonsten meist dargestellte oder zumindest synchron zur Überreichung gezeigte Teilung des Mantels bereits erfolgt ist. Das lange und wie eine diagonale Zäsur ins Bild gesetzte Schwert steckt bereits wieder in der Scheide. Auch deshalb wirkt die Übergabe flüchtig und wie im Vorüberreiten vollzogen, das sich in dem deutlichen Hinausragen des Pferdes über den Rahmen bereits ankündigt.

Martin trägt wahrscheinlich keine Rüstung, sondern einen knappen Rock über eng anliegenden Beinlingen; da aber die Einzelheiten zu stark zerstört sind, muss dies offenbleiben. Das gilt auch für seine Physiognomie, die nicht mehr erkennbar ist; sichtbar sind noch sein prächtiges langes Lockenhaar, das glatte Kinn und der freie Hals. Sein Wams ist langärmlig, wie am ausgestreckten linken Arm gut zu sehen ist. Der Bettler ergreift die ihm hingehaltene Mantelhälfte mit beiden Händen. Er trägt einen kurzen Rock, der nur die Oberarme bedeckt. Sein leicht verdrehtes Haupt scheint überwiegend kahl oder rasiert zu sein. Die Darstellung des Hässlichen und Deformierten in der Gestalt des Bettlers fungiert durchaus als Kontrastfolie zu dem ehemals sicher überaus schön und in strahlender, überirdischer Jugendlichkeit auftretenden Heiligen. Auch der Bettler wirkt durch Drehungen und perspektivische Verkürzungen sehr plastisch.

(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen und im Alpenraum 1380 bis 1440. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2019)

Letzte Aktualisierung: 12.04.2026

Kontakt

Einrichtung:

Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Wandkonsole mit reichem Blattbesatz (Laubwerkkonsole)

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Die Konsole hat eine kelchförmige Gestalt mit Blattornamenten und rechteckiger Deckplatte. Die Deckplatte zeigt jeweils fünf Seiten eines Achtecks und ist wohl dadurch zu erklären, dass sie an einer der beiden Wandzungen, an den rechtwinklig abknickenden Seiten des Portals gestanden haben wird. Der vegetabile Schmuck besteht aus einer Reihe von Blättern, die dem Kelch aufgelegt sind und zur eckigen Form der Deckplatte vermitteln. Dadurch wird die tektonische Strenge überspielt, ohne gegen die Konventionen des Aufbaus einer gotischen Konsole zu verstoßen.Die Kirche des in den 1030er-Jahren am linken Aaufer gegründeten Damenstifts Liebfrauen war von Beginn an zugleich Pfarrkirche der Bürger der Münsteraner Vorstadt Überwasser. Diese Doppelfunktion, die sich auch in der Finanzierung und Nutzung des 1340 begonnenen Neubaus spiegelt, dürfte für die Konzeption des Westportals von Bedeutung gewesen sein. Mit der Errichtung des Turms wurde, wie man aus einem Bauvertrag weiß, 1363/64 begonnen. 1374 ließ Fürstbischof Florenz von Wevelinghoven (amt. 1364–78) mehrere Reliquien in der rechten Schulter des Marienbildes am Portal einschließen und man hat zu Recht angenommen, dass zu diesem Zeitpunkt das Portal mit seinem Figurenschmuck vollendet war, vielleicht auch schon bereits seit mehreren Jahren. Die Funktion der Konsolen ist die Vermittlung zwischen der streng geometrischen Architektursprache des kunstvollen Portalgebildes und der menschlichen Figur. Daher wurden auch die einzelnen Glieder (Halsring und Kelch) in fantasievolle pflanzliche Gebilde aufgelöst, deren wohl kalkulierter Verismus nicht auf effektvolle Überraschung abzielt, sondern der Wirkungs- und Bedeutungseinheit von Architektur und Skulptur dient.Die Konsolen des Westportals der Liebfrauenkirche passen gut in die Genese gotischer Laubwerkgestaltung, bei der um 1350 eine Tendenz zur stärkeren Bewegung und einem Verwischen der Grenzen zwischen Wand und Ornament festzustellen ist. Die Werkstatt hat, wie die geringere Qualität der späteren Konsolen in Münster zeigt, die Stadt wieder verlassen, möglicherweise, um in Utrecht zu arbeiten, wo sich am Dom um 1380 vergleichbare figürliche Darstellungen finden. Der Steinmetz hat sich eindeutig an der Bauornamentik des Kölner Doms orientiert, wie eine Durchsicht der dortigen Kapitelle im Chor und Langhaus zeigt. (Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)

Backsteinfragment mit ornamentalem Dekor

Backsteinfragment mit ornamentalem Dekor

Bei den zwei Fragmenten handelt es sich, wie die äußere Form und die Tiefe des Reliefs zeigt, um eine ehemalige Wandfliese, die Teil eines Fensterpfostens oder einer Türrahmung gewesen ist. Sie zeigen einen Fries senkrecht laufender und miteinander verbundener Herzpalmetten, die aus gebündelten Ranken bestehen, die herzförmig zusammenlaufen und in fächerförmigen Palmetten enden. Sie stammen aus dem Zisterzienserkloster St. Urban bei Luzern, wo es in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine florierende Produktion von Formsteinen gab, die weit über die umliegenden Ortschaften hinaus exportiert wurden. Von den bekannten Backsteinherstellungen hebt sich das St. Urbaner Stück in mehrerer Hinsicht ab: Es ist übermäßig groß, Maße von 54 x 30 x 22 cm sind die Regel, wofür man einen riskanten Brennprozess in Kauf nahm; es imitiert Hausteinformen, die in keine backsteingerechte Formen übersetzt wurden. Die Backsteinproduktion in St. Urban lässt sich vor allem aufgrund der zum Teil sicher datierten Burgen und Kirchen, an denen sie zum Einsatz kamen, zeitlich gut eingrenzen. Klar ist außerdem, dass sie gegen Ende des 13. Jahrhunderts zum Erliegen gekommen ist. Es wurde immer wieder vermutet, dass der reiche Motivschatz der St. Urbaner Muster (mehr als 100 verschiedene Motive nachgewiesen) illustrierten Handschriften der Klosterbibliothek entnommen wurde. Immerhin fallen in diese Zeit auch andere Verfeinerungen bestimmter Kunsttechniken in St. Urban (Inkrustationen, Glasuren), die auch dort betrieben wurden.(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)

Würfelkapitell mit Blattornamenten

Würfelkapitell mit Blattornamenten

Das Kapitell ist aus der Grundform des Würfels entwickelt und an allen vier Seiten ausgearbeitet. Aus einem mittig unter der Kämpferplatte hervorragenden Knopf wächst eine sich nach unten schildartig ausbreitende Palmette, deren oberer Rand nach vorn umgeschlagen ist. Es stammt aus dem Benediktinerkloster auf dem Huy, ein in fränkischer Zeit militärisch genutzter Höhenrücken im nördlichen Harzvorland. Von Beginn an stand das Kloster unter dem Schutz der Halberstädter Bischöfe, Burchard I. hatte neben der Marienkapelle auch eine Pfalz errichtet. Die Klosterchronik des 12. Jahrhunderts erwähnt die Fertigstellung des „monasteriums“ noch in der Regierungszeit Abt Alfrieds. Der Kreuzgang, der noch stehende, zweigeschossig gewölbte Bau an der Westseite des Südflügels und möglicherweise auch Gebäude östlich der Kirche können erst nach 1150 fertiggestellt worden sein. Dieser späteren Phase gehört wohl auch das Kapitell an. Im südlichen Abschnitt des Ostflügels hat es noch einen Zweistützenraum mit den bekannten Basen gegeben, in dem dieses Kapitell aufgestellt gewesen sein könnte. Die Bildhauer, die im dritten Viertel des 12. Jahrhunderts zum Ausbau der Huysburger Klausurgebäude herangezogen wurden, haben unter Verwendung des in Sachsen seit dem 11. Jahrhundert üblichen Würfelkapitells, aber auch der korinthischen Ordnung, vor allem durch die ausgeprägte Dreidimensionalität der Formen neue Maßstäbe in der Region gesetzt. Das ornamentale Kapitell ist eng mit der Bauskulptur des nördlichen Harzvorlandes verbunden und man kann davon ausgehen, dass die meisten der auf der Huysburg tätigen Bildhauer in sächsischen Werkstätten ausgebildet wurden und wohl auch an verschiedenen Baustellen der Region tätig waren.(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)

Backsteinfragment mit ornamentalem Dekor

Backsteinfragment mit ornamentalem Dekor

Bei dem Fragment handelt es sich, wie die äußere Form und die Tiefe des Reliefs zeigt, um eine ehemalige Wandfliese, die Teil eines Fensterpfostens oder einer Türrahmung gewesen ist. Der Stein besitzt eine gleichschenklig trapezförmige und könnte zur Mittelstütze einer Fenstergruppe gehört haben, die aus einem schmalen lotrechten Wandstreifen und den im stumpfen Winkel anschließenden Schrägen bestand. An den drei ornamentierten Seiten kamen jeweils unterschiedliche Modeln zum Einsatz: auf der linken Seite sind zwei horizontale Streifen zu sehen, in denen zwei, ursprünglich aber drei perlengeschmückte Medaillons nebeneinander lagen mit Darstellungen von Adler, Teufel und Löwe (zerstört). Die Zwickel zwischen den Medaillons sind mit Blattmotiven gefüllt. An der Schmalseite wurde ein Model in den Ton gedrückt, das eigentlich für ein längeres Stück vorgesehen war, weshalb die untere Darstellung angeschnitten ist. Es zeigt eine Abfolge von vier Vierpässen aus dünnen Graten, in denen besonders virtuos ein Einhorn (oben, halb zerstört), ein Panther mit heraushängender gespaltener Zunge, ein Greif sowie ein Drache (angeschnitten) eingefügt sind. Am besten erhalten ist die rechte Seite, in die passgerecht ein quadratisches Model gedrückt wurde. In miteinander verbundenen Rankenmedaillons sind oben Hirsch und Löwe, unten Greif und Einhorn dargestellt. Er stammt aus dem Zisterzienserkloster St. Urban bei Luzern, wo es in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine florierende Produktion von Formsteinen gab, die weit über die umliegenden Ortschaften hinaus exportiert wurden. Von den bekannten Backsteinherstellungen hebt sich das St. Urbaner Stück in mehrerer Hinsicht ab: Es ist übermäßig groß, Maße von 54 x 30 x 22 cm sind die Regel, wofür man einen riskanten Brennprozess in Kauf nahm; es imitiert Hausteinformen, die in keine backsteingerechte Formen übersetzt wurden. Die Backsteinproduktion in St. Urban lässt sich vor allem aufgrund der zum Teil sicher datierten Burgen und Kirchen, an denen sie zum Einsatz kamen, zeitlich gut eingrenzen. Klar ist außerdem, dass sie gegen Ende des 13. Jahrhunderts zum Erliegen gekommen ist. Es wurde immer wieder vermutet, dass der reiche Motivschatz der St. Urbaner Muster (mehr als 100 verschiedene Motive nachgewiesen) illustrierten Handschriften der Klosterbibliothek entnommen wurde. Immerhin fallen in diese Zeit auch andere Verfeinerungen bestimmter Kunsttechniken in St. Urban (Inkrustationen, Glasuren), die auch dort betrieben wurden.(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)

Zwickel mit drachenreitendem Fabelwesen

Zwickel mit drachenreitendem Fabelwesen

Der glatte Rand der Vorderseite dies figürlich geschmückten Zwickelstücks umschließt das Vollrelief zweier Fabelwesen: Auf einem nach links gewendeten drachenartigen Wesen, von dem lediglich der linke Hinterlauf zu sehen ist, sitzt ein Mann mit Vogelkopf, gerüstet mit einem (teils abgebrochenen) Schwert, an das er die linke Hand gelegt hat, während die rechte gebieterisch oder bändigend um die Nasenpartie des Drachens greift. Er sitzt auf einer bizarr gezackten Satteldecke und ist mit knielangem Rock und nach unten geschlitztem Wams bekleidet, aus dem der Bauch hervortritt. Derartige Fantasiewesen waren besonders im 12. und 13. Jahrhundert in unzähligen Varianten und fast allen Gattungen von der Buchmalerei bis zur Bauornamentik geläufig. Das Berliner Zwickelrelief stellt eine ungewöhnliche Vermischung mehrerer Bildmotive dar; es vereinigt den Drachenreiter, Tierbändiger und den tierköpfigen Menschen. Der vogelköpfige Reiter gehört zu den sogenannten Mirabilia, den Fabelvölkern der Erde, die in auf den spätantiken Physiologus zurückgehenden mittelalterlichen Bestiarien beschrieben und in theologischen Schriften gedeutet wurden.Das Zwickelrelief dürfte Teil einer Blendarkatur gewesen sein, wobei ein Sakralraum ebenso möglich ist wie etwa der Kreuzgang bzw. die Klausur eines Klosters oder ein Raum in einem profanen Gebäude. Zweifüßige Drachenwesen tauchen mehrfach im Umkreis des Samsonmeisters auf (Maria Laach, Vorhalle, rechter Fries des Mittelportals der Vorhalle; Bonner Münster, südlicher Chorbogenfries); dort finden sich auch ähnlich gebildete Blätter wie die am Schwanzende des Berliner Fabelwesens. In Maria Laach besitzt der Drache ebenfalls die länglichen Spitzohren seines Artgenossen im Bode-Museum. Dort sowie bei anderen Werken der rheinischen Goldschmiedekunst und Bildhauerei ist die fantasievolle Mischwelt aus Pflanzen, Tierreitern und Mirabilia, der das Berliner Relief zuzurechnen ist, zu einer besonders reichen Entfaltung gekommen. Die Plastizität der Darstellung, die Umrandung der Augen durch zwei parallele Rillen, die Gestaltung der Ohren und Blätter durch leichte Vertiefungen gehören zum Repertoire niederrheinischer Bildhauer des frühen 13. Jahrhunderts. (Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)