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Johannes der Täufer in der Einöde

Ident. Nr.: 1631

ObjID: obj:869372

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Geertgen tot Sint Jans (um 1460 - um 1495),
Maler*in
Datierung
Ausführung: um 1480/90
Weitere Titel
Sammlungstitel: Johannes der Täufer in der Einöde
Übersetzung: John the Baptist in the Wilderness
Geografische Bezüge
Material / Technik
Eichenholz
Abmessungen
Bildmaß: 41,5 x 27,9 cm
Erwerbung
1902 Ankauf aus der Sammlung Percy Macquoid, Crowood, Ramsbury

Objektbeschreibung

Nach Aelbert van Ouwater begegnet uns mit Geertgen tot Sint Jans erneut ein Künstler, der die Entwicklung der Malerei in den nördlichen Niederlanden maßgeblich geprägt hat. Der Name Geertgen tot Sint Jans weist auf die enge Beziehung zu den Johanniter-Rittern hin, für die er manches Kunstwerk geschaffen hat. Vermutlich diente die Darstellung des Schutzpatrons der Johanniter einst einem der Haarlemer Ordensritter zu frommer Andacht. Wir sehen den Heiligen, der sich im Wald auf einer grasbewachsenen Felsbank niedergelassen hat. Sinnend stützt er den Kopf in die rechte Hand, den Blick ins Unbestimmte gerichtet. Er trägt das dunkelbraune Gewand aus Kamelhaar und einen blauen Mantel, der über die Schultern herabfällt. Goldene Strahlen umgeben das Haupt des Heiligen. Seine bloßen Füße, die er gedankenverloren an ein anderreibt, künden von langer Wanderschaft und einem entbehrungsreichen Leben. Die stille Melancholie, die aus der Haltung des Heiligen spricht, steht in eigentüm lichem Kontrast zur grünenden Landschaft, die ihn umgibt. Es ist Sommer, die Zeit, in der alles blüht und lebt. Am Himmel ziehen Mauersegler ihre Bahn. Kaninchen knabbern an den frischen Blättern. Ein Hase springt im Übermut herum, während eine Elster durch das Gras hüpft, Fasane aus den Büschen auffliegen, Hirsche unter schattenspendenden Bäumen äsen und ein Reiher am Ufer eines sumpfigen Teiches nach Nahrung sucht. Über die Bodenwellen, den sich durch das Wiesengelände schlängelnden Bach, das Wasser, in dem sich der Himmel spiegelt, und die Bäume wird der Blick schrittweise in die Tiefe geführt. Erst in der Ferne, vor einer blauen, im Dunst verschwimmenden Bergkette, erblickt man die Türme einer Stadt. An der Seite des Heiligen ruht ein weißes Lamm, von dessen Haupt goldene Strahlen ausgehen. Das Tier ist ein Symbol für Christus, den Johannes selbst mit den Worten bezeichnete: »Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt« (Johannes 1, 29). Die Meditation des Heiligen gilt deshalb vor allem dem Leidensweg Christi und der Gnade der Sündenvergebung. Die zu seinen Füßen wachsende Akelei mit den dunkelblauen Blüten sowie die dornige Distel weisen ebenfalls symbolhaft darauf hin. Es ist nicht die vegetationslose Wüste, in der sich Johannes auf seine Aufgabe als Wegbereiter und Vorläufer Christi vorbereitet, sondern die ebenso menschenleere Wildnis des Waldes, die von Geertgen wie von vielen anderen Künstlern des Nordens mit der Wüste, der Einöde, gleichgesetzt wurde. Aus der Gegenüberstellung von stiller, friedvoller Landschaft und dem von bitteren Gedanken bewegten Heiligen erwächst die geheimnisvolle, lyrisch-dramatische Stimmung des Bildes. Seit altchristlicher Zeit hat man die Geburt Christi und Johannes’ des Täufers mit den großen Wendepunkten im Lauf des Jahres verknüpft und auf die Winter- und Sommer sonnenwende verlegt. Die ergreifenden Worte Johannes’ des Täufers: »Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen« (Johannes 3, 30) sind dabei stets auf die unterschiedliche Länge der Tage bezogen worden. Es hat den Anschein, als habe Geertgen tot Sint Jans auch diesen Aspekt, die Johannes geburt im Sommer, in seiner sommerlich grünenden Landschaft anklingen lassen, um so das tragische Ende des Täufers mit dem Tod Christi unauflöslich zu verbinden. Bemerkenswert ist vor allem die Wiedergabe der freien Natur, die eine bis dahin unerreichte künstlerische Neuerung darstellt. Daher gilt das kleine Bild zu Recht als Inkunabel der abendländischen Landschaftsmalerei. Rainald Grosshans | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019
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After considering Albert van Ouwater, we now encounter Geertgen tot Sint Jans, an artist who decisively shaped the development of painting in the northern Netherlands. The name Geertgen tot Sint Jans points up the artist’s close relationship to the Knights of Saint John, for whom he produced a number of works. Presumably, this depiction of the patron saint of the order served to facilitate the pious devotions of a knight of the order, living in Haarlem.

In this picture, we see the saint seated in a forest on a rocky shelf that is overgrown with grass. Absorbed in meditation, he supports his head with his right hand, his gaze directed into an indefinite distance. He wears a dark-brown camel hair robe and a blue cloak, which is drawn around his shoulders. His head is surrounded by golden rays. His naked feet, which he rubs together absentmindedly, tell of his extended peregrinations and a life of privation. The silent melancholy of John’s attitude stands in peculiar contrast to the verdant landscape that surrounds him. It is summertime, when everything blossoms and comes to life. Swifts fly back and forth in the sky. Rabbits nibble on fresh leaves. A hare leaps exuberantly, while a magpie hops along on the grass, pheasants fly up from the bushes, deer graze, shaded by trees, and a heron search for food at the edge of a marshy pond. Step-by-step, the eye is led into the distance, from the hilly terrain, to the brook that meanders through the meadow landscape, to the water’s surface, which mirrors the sky, and finally to the trees. Only in the far distance, in front of a chain of mountains that is enveloped in blue haze, do we catch a glimpse of the towers of a town.

Resting at John’s side is a white lamb, its head emanating golden rays. This creature is a symbol of Christ, to whom John himself refers with the words: “Behold the Lamb of God, who takes away the sins of the world” (John 1:29). The saint’s meditations, then, are devoted in particular to the Passion of Christ and to the grace of the forgiveness of sins. Symbolic references to these themes are the aquilegia that grows at his feet, with its dark-blue blossoms, and the thorny thistles. In this image, John does not prepare himself for his tasks as the forerunner and harbinger of Christ in a desert that is denuded of vegetation, but instead in a forested wilderness that is equally devoid of people, and which is equated by Geertgen, along with many other transalpine artists, with the desert, the wasteland. And it is the juxtaposition between this silent, tranquil landscape and the bitter thoughts that preoccupy the saint that give rise to the mysterious, lyrical yet dramatic atmosphere of this image.

Ever since the early Christian era, the birth of Christ and that of John the Baptist have been associated with the major turning points that occur in the course of the year, and have been aligned with the inception of wintertime and summertime respectively. The moving words of John the Baptist, “He must increase, I must decrease.” (John 3:30), have been consistently related to the differing lengths of the day. It appears as though Geertgen tot Sint Jans also allows this aspect, namely John’s summertime birth, to resonate in this blooming, summer landscape, thereby indissolubly linking John the Baptist’s tragic end with the death of Christ. Remarkable first and foremost is the rendering of the natural surroundings, which represents a hitherto unmatched artistic innovation. For this reason, this little picture is regarded with justice as the incunabulum of European landscape painting. Rainald Grosshans | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Letzte Aktualisierung: 03.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Gemäldegalerie

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Christus nimmt Abschied von seiner Mutter

Christus nimmt Abschied von seiner Mutter

Am Tor, vor den Mauern einer Stadt, umfängt Christus seine im Abschiedsschmerz niedersinkende Mutter. Drei Begleiterinnen Marias stehen rechts neben dem Stadttor. Links, weiter zurück zwischen Bäumen, steht Petrus neben anderen Jüngern. Der Hintergrund bietet einen Ausblick auf Wälder, eine Burg und schroffe, zerklüfteteGebirgsketten am Horizont.Die Tafel ist Teil eines umfangreichen Altarretabels gewesen. Eine weitere Tafel mit der Entkleidung Christi befindet sich ebenfalls in der Gemäldegalerie (Abb.links). Diese Szene zeigt, wie die Henker Christus die Kleider vom Leib reißen, während Maria bemüht ist, die Blöße ihres Sohnes zu bedecken. Die beiden Gruppen sind in einer Bildebene konfrontiert. Die wesentlichen Bewegungen und Gesten spielen sich in bildparallelen Flächen ab. Das Gefüge der Komposition ist wesentlich linear bestimmt. Christus beugt sich zur Mitte hin, sein Gesicht ist so gleichsam ins Zentrum gerückt und frontal dem Betrachter zugekehrt. Das Ereignisbild wird zu einem Andachtsbild erhöht, das Haupt Christi wird zum Heiligen Antlitz, ein Bild im Bild.Wesentliche Züge der Kunst Bernhard Strigels, die aus der schwäbischen Spätgotik erwachsen sind, werden in den beiden Darstellungen sichtbar. Charakteristisch sind die sehr schlanken, manierierten Gestalten, deren Ausdruck überwiegend in der preziösen oder auch brutalen Gebärde liegt. Die Kompositionen sind in klar geschiedenen, in die Tiefe gestaffelten Plänen aufgebaut. Linie und Fläche sind Strigels wesentliche Ausdrucksmittel, das zeigt auch der Vorrang, den die Profilansichten genießen. Von dem zerstörten Retabel sind noch zwei weitere Tafeln in Karlsruhe (Kunsthalle) erhalten: die Verkündigung an Maria und die Fußwaschung. Vier Tafeln mit je zwei Heiligen sind 1945 in Berlin verbrannt. Einige der Themen setzen eine umfangreiche Passionsfolge voraus. Es muss sich demnach um ein sehr großes Retabel mit mehreren Flügelpaaren gehandelt haben. Eine Aussage darüber, wie es aussah, ist jedoch kaum möglich, da das Erhaltene keine ausreichende Basis zur Rekonstruktion bietet.Der klar gegliederte Aufbau der Szenen, das Verhältnis der monumentalen Figuren zur Landschaft und die breit angelegte Malerei mit den tiefleuchtenden Farben deuten auf den Beginn des Spätstils Strigels gegen 1520 hin. Die Provenienz aus Isny im Allgäu ist nicht gesichert. Wilhelm H.Köhler | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019____________________________________________________________________________________ At a gate outside the walls of a city, Christ is embracing his mother who is sinking to the ground overcome with grief at their parting. The three women accompanying Mary are standing on the right, next to the city gate. In the left-hand background and between trees Peter stands next to the other disciples. Behind them, one can see a landscape with woods, a castle and craggy rugged mountains on the horizon.The panel was part of large altarpiece. The Gemäldegalerie holds another panel belonging to the same altarpiece, the Disrobing of Christ (fig. left). This scene shows the executioners tearing off Christ’s clothes, while Mary tries to cover her son’s nakedness. The two groups face one another in a single pictorial plane. The main movements and gestures take place in parallel pictorial fields. The structureof the composition is essentially linear. Christ is leaning over towards the middle, thus bringing his face into central focus, looking directly at the viewer. This raises the narrative painting to the status of a devotional painting. Christ’s head becomes the Holy Countenance, a picture within a picture.Both depictions feature important elements of the art of Bernhard Strigel that developed out of the Swabian late-Gothic style. Characteristic are the very slender, mannered figures whose expressions are generally informed by either contrived or brutal gestures. The compositions are constructed in clearly divided receding planes. Lines and planes are Strigel’s chief means of expression, demonstrated alsoby his penchant for profile views. Two further panels from the destroyed altarpiece have been preserved in Karlsruhe (Kunsthalle): the Annunciation and Christ Washes the Feet of His Disciples. Four panels each showing two saints burned in Berlin in 1945. Some of the themes suggest the context of a major Passion cycle scenes. The altarpiece must therefore have been very large, with several pairs of wings. But it is almost impossible to say what it looked like, since the surviving pieces do not provide a sufficient basis for a reconstruction.The clear structure of the scenes, the relationship of the monumental figures to the landscape and the large-scale painting with the luminescent colours suggest that Strigel’s late style began around 1520. The provenance from Isny im Allgäu is unconfirmed. Wilhelm H.Köhler | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Eislandschaft mit Schlitten und eingefrorenen Booten

Eislandschaft mit Schlitten und eingefrorenen Booten

Isaac van Ostade kreierte in der Berliner Winterlandschaft ein poetisches Stimmungsbild, das eine vermeintliche Alltagsszene zeigt. Eingefasst von dem kahlen Geäst eines Baumes rechts und einigen Bootsmasten zur Linken, gibt das Bild den Blick auf die eisbedeckte Fläche eines zugefrorenen Binnengewässers frei. Die dargestellten, mit Lasten schwer beladenen Schlitten werden von Hand über das Eis geschoben oder von Pferden gezogen. Was im Sommer durch Schiffe, die nun festgefroren im Eis liegen, einfach zu transportieren ist, muss im Winter mühselig befördert werden. Im Hintergrund der Szene sind silhouettenhaft Spaziergänger und Schlittschuhläufer zu erkennen. Im Gegensatz zu den sehr summarisch angelegten Figuren, deren Formen nur sehr grob angelegt sind, treten die aufgeworfenen Schneereste, die Ufergräser und Zweige des Baumes, in feinmalerischer Prägnanz hervor. Auf diese Weise schafft Ostade eine atmosphärisch überzeugende Darstellung der im 17. Jahrhundert noch wenig menschenfreundlichen Jahreszeit des Winters. Einige wenige Lokalfarben in der vorderen Zone – das gedeckte Karminrot eines Rockes, etwas Zitronengelb unter dem stumpfen Blau einer Mütze oder das pastose Weiß eines Schimmels – lösen sich in perspektivisch differenzierter Abfolge in den weich verfließenden Brauntönen von Mittel- und Hintergrund auf. Das Landschaftliche beherrscht das Blickfeld. Dabei gehörte Isaacs Vorliebe der Figuren- bzw. Genremalerei. In Anlehnung an seinen älteren Bruder Adriaen, dessen Schüler er war, bevorzugte er Themen aus dem bäuerlichen Alltagsleben. Nehmen die Figurenszenen in seinen früheren Bildern einen großen Stellenwert ein, so gewinnt die Landschaft in den späteren Werken zunehmend an Bedeutung. Winterlandschaften und der Halt vor einem Wirtshaus gehören dabei zu den Hauptsujets des bereits mit 28 Jahren verstorbenen Malers. Am Ende von Ostades künstlerische Entwicklung entstanden Werke, die ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Figur und Landschaft zeigen. Die Grenzen zum Landschaftsfach hat der spezialisierte Genremaler jedoch nur selten überschritten. Aber gerade seine Tätigkeit auf diesem Gebiet hat herausragende Leistungen hervorgebracht. Denn die von graulilafarbenen Wolkenzügen und frostigem Himmelsblau überspannte Eisansicht erschöpft sich nicht allein in realistischer Wiedergabe der heimischen Natur, sondern erweist sich in den behutsam nuancierten Licht- und Tonwerten als ein poetisch gesteigertes Stimmungsbild. Der berührende Ausdrucksgehalt des Bildes, der an Rembrandts Winterlandschaft von 1647 (Kassel, Staatliche Kunstsammlungen) denken lässt, macht deutlich, welchen Verlust die holländische Malerei durch den frühen Tod Isaac van Ostades erlitten hat. Katja Kleinert und Jan Kelch | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. links unten: Isack .ostade___________________________________________________________________In this winter landscape, Isaac van Ostade created a poetic mood showing what appears to be an everyday scene. Framed by the bare branches of a tree on the right and several boats’ masts on the left, the painting opens a view of the ice-covered surface of a body of water that has frozen over. Heavily laden sledges are being pushed across the ice by hand or pulled by horses. What can easily be transported in summer by ships that now lie in the ice, frozen fast, has to be moved laboriously in winter. In the background, the silhouettes of people walking and skating can be made out. In contrast to the figures, which are delineated very sketchily with forms only depicted roughly, the piled-up remains of snow, the grasses on the banks and the branches of the tree are painted with fine clarity. In this way, Ostade creates an atmospherically convincing representation of winter, a season that was still hostile to humans in the 17th century. A very few patches of local colour in the foreground zone – the muted crimson of a coat, some lemon yellow beneath the matt blue of a cap and the pastose white of a horse – dissolve in a differentiated perspectival sequence into the softly blurring shades of brown of the middle ground and the distance. The landscape element dominates the view.Despite this, Isaac van Ostade’s preference was for painting figures and genre scenes. Following his older brother Adriaen, who was his teacher, he had a liking for subjects from everyday rustic life. Whereas scenes with figures possessed great importance in his early paintings, in later works the landscape became increasingly significant. Winter landscapes and a stop in front of an inn are among the main themes of the artist, who died at the age of only 28. At the end of his artistic development, Ostade painted works that display a balanced relationship between figures and landscape. As a specialised genre painter, he seldom crossed the border to landscape painting, but it was his work in this field that produced outstanding achievements: the view of ice beneath trails of clouds in grey-purple colours and a frosty sky-blue is not limited to the realistic reproduction of nature in his homeland, but in its carefully nuanced gradations of light and colour tones manifests itself asa poetically enhanced portrayal of atmosphere. The touching expressiveness of the work, which is reminiscent of Rembrandt’s winter landscape of 1647 (Kassel,Staatliche Kunstsammlungen), emphasises how great a loss to Dutch painting the early death of Isaac van Ostade was. Katja Kleinert und Jan Kelch | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Maria mit dem Kind

Maria mit dem Kind

Seit dieses anmutige Bild 1823 erstmals in Berlin inventarisiert wurde, hat man es um das Jahr 1500 datiert und zunächst mit der venezianischen, dann mailändischen Schule in Verbindung gebracht. Stilistische Vergleiche legten eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Stil von Ambrogio Bergognone nahe, während eine andere Einschätzung eher auf die Schule von Verona hindeutete, und auf Paolo Morando, genannt Cavazzola. Die Zuschreibung an Johannes Hispanus stammt von Federico Zeri und unabhängig davon von Franco Moro. Giovanni Romano fasst hervorragend die Stilelemente zusammen und verortet die Maria mit dem Kind zwischen Ferrara (mit Ortolano und Niccolò Pisano) und Cremona (mit Boccaccio Boccaccino). Sowohl die Landschaft als auch die glänzenden Stoffe, etwa der Umhang der Jungfrau Maria, zeigen eine Nähe zu Malern aus dem Gebiet von Venedig, nicht nur zu Giorgione, sondern insbesondere auch zu Dosso Dossi, Romanino und Tizian, was die geografische Zuordnung unterstützt. Die klar erkennbaren Ähnlichkeiten zwischen dieser Arbeit und einer von Johannes Hispanus signierten Grablegung in der Sammlung Saibene in Mailand bestätigen die Zuschreibung der Tafel zu diesem Maler. Allerdings fand das Berliner Werk in der Literatur zu Johannes Hispanus zunächst nur wenig Beachtung. Dies änderte sich erst mit der ersten Monografie über den Maler von Stefania Castellana (2017), die für diese Tafel eine Datierung zwischen 1502 und 1504 anregt; als Grund nennt sie die stilistische Nähe zur Jungfrau Maria auf dem Altarbild von Boccaccino in der Kirche San Zulian in Venedig (um 1502), während Gestalt und Antlitz denen der Meister von Ferrara und insbesondere von Niccolò Pisano ähneln. Zugleich erinnert die typisch puppenartige, wie eingefroren wirkende Darstellung des Jesuskindes an ein entsprechendes Detail auf dem später entstandenen Altarbild von Montecassiano in den Marken (1506–08). Sechzig Jahre nach seinem Erwerb zusammen mit der Sammlung Solly wurde das Bild, nachdem es 1830 nur einige Jahre in der Berliner Galerie zu sehen gewesen war, 1884 an das Provinzialmuseum in Hannover und dann 1912 an das Landesmuseum der Provinz Westfalen in Münster gegeben. 1942 kehrte es nach Berlin zurück.__________________________________________________________________Ein erlesenes Werk des ´Johannes Hispanus`, einem Maler aus Spanien (Valencia) mit stilistischem Bezug zur Toskana (Piero di Cosimo), der Lombardei (Luini), zu Venedig (Boccaccino, Giovanni Agostino da Lodi) und Ferrara (Nicola Pisano, Garofalo, Ortolano) aus dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts. Die starken italienischen Einflüsse haben Teile der Krtiker gespalten, so glauben manche Kunsthistoriker eher an die Autorschaft eines italienischen Malers.

Die Venezianerin (Heilige Maria Magdalena)

Die Venezianerin (Heilige Maria Magdalena)

Die früheren Fassungen in London (The National Gallery), Florenz (Gallerie degli Uffizi) und Los Angeles (J. Paul Getty Museum) geben links unten statt der Signatur das Salbgefäß vor dem offenen Grab. Im Berliner Gemälde fehlt dieses Attribut der Magdalena, und es wird die Identität der Dargestellten bewusst offengelassen. Es bleibt das verwirrende Spiel mit dem halb abgewandten, aber aus dem Bild schauenden Gesicht der ansonsten verhüllten, jedoch durch das Licht und Gold des Gewands aufs Äußerste hervorgehobenen Frau. Die Mauer verstärkt noch ihre Dominanz, verstellt dem Blick des Betrachters die Flucht. Im Londoner Gemälde schimmert der Stoff silbern – vielleicht als Abglanz des Auferstandenen. Die scheinbar dickere Oberfläche im Berliner Bild lässt beinah an eine Metallfolie denken. | Prestel-Museumsführer - Gemäldegalerie Berlin, 2017SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. unten links an der Mauer: Joanes Jeroni̅us / Savoldus. de / brisia / faciebat._________________________________________Earlier versions of this work in London (The National Gallery), Florence (Gallerie degli Uffizi) and Los Angeles (J. Paul Getty Museum) depict a vessel of ointment before the open tomb in the bottom left-hand corner, rather than a signature. This attribute of Mary Magdalene is missing in the Berlin painting; thus the subject’s identity is deliberately ambiguous. What we see, then, is a bewildering game played with the veiled face of the woman, whose image is powerfully highlighted by the light and gold of her garments. The wall further increases her dominance of the picture, as it does not allow the viewer’s eye to escape. In the London picture the fabric has a silver sheen—perhaps as a reflection of the risen Christ. The dense surface of the Berlin painting almost suggests metal foil. | Prestel Museum Guides - Gemäldegalerie Berlin, 2017

Thronende Maria mit dem Kind

Thronende Maria mit dem Kind

Schützend hält die Jungfrau Maria ihren Sohn Jesus, während sie gleichzeitig eine Rose von ihm fernhält. Trotz ihres Ausdrucks tiefster Schwermut hat sie die fundamentale Aufgabe angenommen, ihren Sohn auf seinem Weg zu begleiten. Der Jesusknabe wiederum hält lächelnd zwei Weinbeeren in der linken Hand. Sie verweisenebenso wie die Rose auf seinen künftigen Leidensweg: Der Rosenzweig deutet symbolisch auf die Dornenkrone hin, wohingegen die Trauben auf jene Episode beim Letzten Abendmahl anspielen, in der Jesus seinen Jüngern Wein reicht und dabei sagt: »Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.« (Lukas 22,20)Robust und majestätisch wie ein Thron wirkt Maria wie ein integraler Bestandteil der Architektur. Das rote Samtkleid spiegelt die Rottöne der Steine wider und ihr Umhang zeigt dieselbe umfassende Geste wie die hinter ihr liegende Nische. Gleich einem stützenden Schemel faltet er sich zugleich unter den Füßen des Kindes undbegrenzt die Intimität der mütterlichen Szene ebenso wie das Brüstungssims aus weißem Marmor den Vordergrund von der Landschaft im Hintergrund trennt. Nur ihr Blick erinnert uns daran, dass sie trotz dieser Transformation immer noch auch eine Mutter ist.Die leuchtende Farbpalette und der Zug zur exakten Wiedergabe der Details ließen anfänglich Flandern als Ursprungsort dieser Tafel vermuten. Auf einen italienischen Urheber schienen hingegen die Monumentalität der Figuren, das Einbinden architektonischer Ruinen und die elaborierte perspektivische Landschaftsdarstellunghinzudeuten. Die Lösung dieses Rätsels findet sich vermutlich in der Entwicklung der spanischen Malerei des 15. Jahrhunderts. In diesem Zeitraum existierten auf der iberischen Halbinsel neben- und gegeneinander flämische und italienische Einflüsse, die sukzessive dem spanischen Geschmack angepasst und zu einer eigenenDarstellungsweise zusammengeführt wurden.Einer der Protagonisten dieses Prozesses war Pedro Berruguete, der um das Jahr 1445 nahe Palencia in Paredes de Nava geboren wurde und vermutlich 1503 in Madrid verstarb. Ausgebildet wurde er wahrscheinlich bei einem Meister der spanisch-flämischen Tradition mit guten Kenntnissen der aktuellen Entwicklungenin Flandern. Konkrete Anhaltspunkte für einen eigenen Aufenthalt Berruguetes in Flandern gibt es nicht, dafür deutet vieles darauf hin, dass er im Zeitraum zwischen etwa 1473/74 und 1483 am Hof Federico da Montefeltros in Urbino wirkte. Die um das Jahr 1475 datierte Tafel könnte somit von ihm in Italien gefertigt worden sein.Hierfür spricht auch das offenkundige Interesse an einer exakten Wiedergabe der verschiedenen Marmorsorten und der architektonischen Details, denn Vergleichbares findet sich in Berruguetes späteren, nach seiner Rückkehr in Kastilien geschaffenen Arbeiten nicht wieder. Das Bild hängt seit 2019 im spanischen Kabinett des Bode-Museums. Maria López-Fanjul | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019____________________________________The Virgin Mary protectively holds her son Jesus, at the same time holding a rose away from him. Despite her expression of deep sadness, she has accepted her fundamental task of accompanying her son on his path. The Child, for his part, smiles and holds two grapes in his left hand. Like the rose, they point to his future suffering: the rose branch refers symbolically to his crown of thorns, the grapes to the episode at the Last Supper in which Jesus serves wine to his apostles, saying: “This cup is the new covenant in my blood, which is shed for you.” (Luke 22:20)Robust and majestic as a throne, Mary seems to be an integral part of the architecture. Her red velvet dress mirrors the red tones of the stones, and her cloak displays the same enclosing gesture as the niche behind her. Like a supporting stool, the cloak is also folded beneath the feet of the child, limiting the intimacy of the scene of mother and child, just as the white marble parapet separates the foreground from the landscape in the background. Only the look in Mary’s eyes reminds us that, despite this transformation, she is still a mother.The palette of glowing colours and the tendency to exact reproduction of detail initially led to the assumption that this panel was painted in Flanders. The monumentality of the figures, the incorporation of architectural ruins and the elaborate representation of the landscape in perspective, on the other hand, seemed to suggest an Italian artist. The solution to this riddle is probably to be found in the development of Spanish painting in the 15th century. In this period in the Iberian peninsula, there existed competing and co-existing Flemish and Italian influences, which were successively adapted to Spanish taste and combined to form a characteristically Spanish manner of depiction.One of the protagonists in this process was Pedro Berruguete, who was born in about 1445 in Paredes de Nava near Palencia and probably died in 1503 in Madrid. He was presumably trained by a master of the Spanish Flemish tradition who had a good knowledge of the latest developments in Flanders. There is no specific indication that Berruguete himself spent time in Flanders, but much to suggest that he was active at the court of Federico da Montefeltro in Urbino between 1473/74 and 1483. The panel dating from approximately 1475 could therefore have been painted by him in Italy. This is suggested by his obvious interest in the exact rendering of different kinds of marble and the architectural details, as comparable traits are not present in Berruguete’s later work, produced after his return to Castile. Since 2019, the picture hangs in the Spanish room of the Bode-Museum. Maria López-Fanjul | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019