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Johannes der Täufer in der Einöde

Ident. Nr.: 1631

ObjID: obj:869372

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Geertgen tot Sint Jans (um 1460 - um 1495),
Maler*in
Datierung
Ausführung: um 1480/90
Weitere Titel
Sammlungstitel: Johannes der Täufer in der Einöde
Übersetzung: John the Baptist in the Wilderness
Geografische Bezüge
Material / Technik
Eichenholz
Abmessungen
Bildmaß: 41,5 x 27,9 cm
Erwerbung
1902 Ankauf aus der Sammlung Percy Macquoid, Crowood, Ramsbury

Objektbeschreibung

Nach Aelbert van Ouwater begegnet uns mit Geertgen tot Sint Jans erneut ein Künstler, der die Entwicklung der Malerei in den nördlichen Niederlanden maßgeblich geprägt hat. Der Name Geertgen tot Sint Jans weist auf die enge Beziehung zu den Johanniter-Rittern hin, für die er manches Kunstwerk geschaffen hat. Vermutlich diente die Darstellung des Schutzpatrons der Johanniter einst einem der Haarlemer Ordensritter zu frommer Andacht. Wir sehen den Heiligen, der sich im Wald auf einer grasbewachsenen Felsbank niedergelassen hat. Sinnend stützt er den Kopf in die rechte Hand, den Blick ins Unbestimmte gerichtet. Er trägt das dunkelbraune Gewand aus Kamelhaar und einen blauen Mantel, der über die Schultern herabfällt. Goldene Strahlen umgeben das Haupt des Heiligen. Seine bloßen Füße, die er gedankenverloren an ein anderreibt, künden von langer Wanderschaft und einem entbehrungsreichen Leben. Die stille Melancholie, die aus der Haltung des Heiligen spricht, steht in eigentüm lichem Kontrast zur grünenden Landschaft, die ihn umgibt. Es ist Sommer, die Zeit, in der alles blüht und lebt. Am Himmel ziehen Mauersegler ihre Bahn. Kaninchen knabbern an den frischen Blättern. Ein Hase springt im Übermut herum, während eine Elster durch das Gras hüpft, Fasane aus den Büschen auffliegen, Hirsche unter schattenspendenden Bäumen äsen und ein Reiher am Ufer eines sumpfigen Teiches nach Nahrung sucht. Über die Bodenwellen, den sich durch das Wiesengelände schlängelnden Bach, das Wasser, in dem sich der Himmel spiegelt, und die Bäume wird der Blick schrittweise in die Tiefe geführt. Erst in der Ferne, vor einer blauen, im Dunst verschwimmenden Bergkette, erblickt man die Türme einer Stadt. An der Seite des Heiligen ruht ein weißes Lamm, von dessen Haupt goldene Strahlen ausgehen. Das Tier ist ein Symbol für Christus, den Johannes selbst mit den Worten bezeichnete: »Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt« (Johannes 1, 29). Die Meditation des Heiligen gilt deshalb vor allem dem Leidensweg Christi und der Gnade der Sündenvergebung. Die zu seinen Füßen wachsende Akelei mit den dunkelblauen Blüten sowie die dornige Distel weisen ebenfalls symbolhaft darauf hin. Es ist nicht die vegetationslose Wüste, in der sich Johannes auf seine Aufgabe als Wegbereiter und Vorläufer Christi vorbereitet, sondern die ebenso menschenleere Wildnis des Waldes, die von Geertgen wie von vielen anderen Künstlern des Nordens mit der Wüste, der Einöde, gleichgesetzt wurde. Aus der Gegenüberstellung von stiller, friedvoller Landschaft und dem von bitteren Gedanken bewegten Heiligen erwächst die geheimnisvolle, lyrisch-dramatische Stimmung des Bildes. Seit altchristlicher Zeit hat man die Geburt Christi und Johannes’ des Täufers mit den großen Wendepunkten im Lauf des Jahres verknüpft und auf die Winter- und Sommer sonnenwende verlegt. Die ergreifenden Worte Johannes’ des Täufers: »Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen« (Johannes 3, 30) sind dabei stets auf die unterschiedliche Länge der Tage bezogen worden. Es hat den Anschein, als habe Geertgen tot Sint Jans auch diesen Aspekt, die Johannes geburt im Sommer, in seiner sommerlich grünenden Landschaft anklingen lassen, um so das tragische Ende des Täufers mit dem Tod Christi unauflöslich zu verbinden. Bemerkenswert ist vor allem die Wiedergabe der freien Natur, die eine bis dahin unerreichte künstlerische Neuerung darstellt. Daher gilt das kleine Bild zu Recht als Inkunabel der abendländischen Landschaftsmalerei. Rainald Grosshans | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019
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After considering Albert van Ouwater, we now encounter Geertgen tot Sint Jans, an artist who decisively shaped the development of painting in the northern Netherlands. The name Geertgen tot Sint Jans points up the artist’s close relationship to the Knights of Saint John, for whom he produced a number of works. Presumably, this depiction of the patron saint of the order served to facilitate the pious devotions of a knight of the order, living in Haarlem.

In this picture, we see the saint seated in a forest on a rocky shelf that is overgrown with grass. Absorbed in meditation, he supports his head with his right hand, his gaze directed into an indefinite distance. He wears a dark-brown camel hair robe and a blue cloak, which is drawn around his shoulders. His head is surrounded by golden rays. His naked feet, which he rubs together absentmindedly, tell of his extended peregrinations and a life of privation. The silent melancholy of John’s attitude stands in peculiar contrast to the verdant landscape that surrounds him. It is summertime, when everything blossoms and comes to life. Swifts fly back and forth in the sky. Rabbits nibble on fresh leaves. A hare leaps exuberantly, while a magpie hops along on the grass, pheasants fly up from the bushes, deer graze, shaded by trees, and a heron search for food at the edge of a marshy pond. Step-by-step, the eye is led into the distance, from the hilly terrain, to the brook that meanders through the meadow landscape, to the water’s surface, which mirrors the sky, and finally to the trees. Only in the far distance, in front of a chain of mountains that is enveloped in blue haze, do we catch a glimpse of the towers of a town.

Resting at John’s side is a white lamb, its head emanating golden rays. This creature is a symbol of Christ, to whom John himself refers with the words: “Behold the Lamb of God, who takes away the sins of the world” (John 1:29). The saint’s meditations, then, are devoted in particular to the Passion of Christ and to the grace of the forgiveness of sins. Symbolic references to these themes are the aquilegia that grows at his feet, with its dark-blue blossoms, and the thorny thistles. In this image, John does not prepare himself for his tasks as the forerunner and harbinger of Christ in a desert that is denuded of vegetation, but instead in a forested wilderness that is equally devoid of people, and which is equated by Geertgen, along with many other transalpine artists, with the desert, the wasteland. And it is the juxtaposition between this silent, tranquil landscape and the bitter thoughts that preoccupy the saint that give rise to the mysterious, lyrical yet dramatic atmosphere of this image.

Ever since the early Christian era, the birth of Christ and that of John the Baptist have been associated with the major turning points that occur in the course of the year, and have been aligned with the inception of wintertime and summertime respectively. The moving words of John the Baptist, “He must increase, I must decrease.” (John 3:30), have been consistently related to the differing lengths of the day. It appears as though Geertgen tot Sint Jans also allows this aspect, namely John’s summertime birth, to resonate in this blooming, summer landscape, thereby indissolubly linking John the Baptist’s tragic end with the death of Christ. Remarkable first and foremost is the rendering of the natural surroundings, which represents a hitherto unmatched artistic innovation. For this reason, this little picture is regarded with justice as the incunabulum of European landscape painting. Rainald Grosshans | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Letzte Aktualisierung: 03.07.2026

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Einrichtung:

Gemäldegalerie

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Die Taufe Christi

Die Taufe Christi

Entweder von den Augustiner-Nonnen selbst oder von einem ihrer Schutzherren muss Bartolomé Esteban Murillo um 1655 den Auftrag zu einer Serie von vier Gemälden über das Leben Johannes’ des Täufers erhalten haben. Möglicherweise gehörten diese Werke ursprünglich zu einem Altaraufsatz in der Klosterkirche und wurden nach dessen Abbau zur Ausschmückung des Refektoriums verwendet. Der erste Hinweis auf diese Gemälde findet sich in historischen Quellen von 1781, in denen es heißt, dass sich im Refektorium von San Leandro »vier große Gemälde zum Leben des Täufers« befänden. Als die Nonnen die Gemälde Mitte des 19. Jahrhunderts zum Kauf anboten, gerieten sie in verschiedene Sammlungen und sind auch heute noch an unterschiedlichen Orten zu finden. Die erste Szene dieser Serie, „Johannes der Täufer deutet auf Christus", ist im Besitz des Art Institute of Chicago, die zweite ist die hier besprochene „Taufe Christi" und die dritte, „Johannes der Täufer und die Pharisäer", befindet sich im Fitzwilliam Museum in Cambridge. Das vierte Gemälde ist verschollen und sein Motiv nicht bekannt; vermutlich handelte es sich jedoch um eine Darstellung des Martyriums des Täufers.Die hier zu sehende Szene „Taufe Christi" ist in der traditionellen Machart der europäischen Barockmalerei wiedergegeben. Christus kniet am Flussufer und Johannes benetzt ihn mit Wasser. Ihre in diagonaler Linie angeordneten Gesichter tragen einen Ausdruck von moralischer Energie, die bei Johannes von Gefühlen und bei Christus von demütiger Gedankenversunkenheit geprägt ist. Beide Figuren zeichnen sich durch eine erhabene Größe und spirituelle Bedeutung aus, die sich in ihren physischen Merkmalen deutlich widerspiegeln. Das Bild wird von dem Rot des Umhangs des Täufers dominiert, das einen Kontrast zu dem zarten Inkarnat Christi und dem Weiß seines Lendentuchs bildet. Die von den beiden Hauptfiguren ausgehende intensive spirituelle Ausstrahlung wird durch die ruhige Landschaft am Ufer des Jordans gemildert.Das Gemälde wurde 1968 von den Staatlichen Museen zu Berlin erworben, um die beiden Werke von Murillo zu ersetzen, die angeblich dem geheimnisumwitterten Brand vom Mai 1945 im Leitturm des Flakbunkers in Berlin-Friedrichshain zum Opfer fielen: die berühmten Bilder „Anbetung der Hirten" und „Der heilige Antonius von Padua und das Jesuskind". | Ausst.Kat. El Siglo de Oro 2016, Kat. 108, S. 281SIGNATUR / INSCHRIFT: Oben links: (HIC EST) FILIVS MEVS DILECTVSUnten in der Mitte ist die originale Sig., die sich vermutlich auf dem abgeschnittenen unteren Randstreifen befand, wieder eingesetzt: MRLLo, f.___________________________________________________________________________________________________Either the Augustinian nuns of the convent of San Leandro in Seville or one of their protectors must have commissioned Murillo around 1655 to produce a series of four paintings on the life of St John the Baptist. These works may initially have been part of an altarpiece in the church and were subsequently used to decorate the convent refectory after the altarpiece was dismantled.The first historical reference to these paintings is dated 1781 and states that in the refectory of San Leandro there were “four large canvases of the Baptist’s life”. When the nuns sold the paintings in the mid-nineteenth century, they were acquired by various collectors and thus dispersed; today they can be found in various locations. The first scene in the series, "St John the Baptist Pointing to Christ", belongs to the Art Institute of Chicago; the second is the present "Baptism of Christ"; and the third, which depicts "St John the Baptist with the Scribes and Pharisees", is housed in the Fitzwilliam Museum in Cambridge. The fourth painting is no longer extant and its subject is not known, though it would probably have been the "Martyrdom of St John the Baptist".The present "Baptism of Christ" depicts a scene rendered in the traditional manner of European Baroque painting, with Christ kneeling on the river bank while St John pours water over him. Their faces are arranged on a diagonal line, their expressions conveying moral energy – St John’s tinged with emotion and Christ’s marked by humble absorption in thought. Both figures have an intense grandeur and spiritual significance that clearly defines their physical traits. The painting is dominated by the red of the Baptist’s cloak, which contrasts with Christ’s subtle flesh tones and the white of His loincloth. The serene landscape of the banks of the River Jordan softens the intense spiritual vibration that emanates from the two main figures.This painting was acquired by the Staatliche Museen zu Berlin in 1968 to replace the two Murillo paintings that are said to have been destroyed in the infamous fire in the lead tower of the flak bunker in Berlin-Friedrichshain in May 1945: the famous "Adoration of the Shepherds" and "St Anthony of Padua and the Christ Child". | Exhibition Catalogue El Siglo de Oro 2016, Cat. no. 108, p. 281

Die Keuschheit

Die Keuschheit

Giacomo Francia entstammt einer Bologneser Goldschmied- und Malerfamilie. Sein Vater, Francesco di Marco di Giacomo Raibolini, gen. Francia, war der Begründer dieser Künstlerdynastie, dessen ruhige und ausgewogene Kompositionen sich bereits dem Stil der Hochrenaissance näherten und in Bologna eine große Nachfolge fanden, die auch von seinen beiden Söhnen Giacomo und Giulio weitergeleitet wurden. Beide Brüder arbeiteten viel gemeinsam, doch scheint die hier vorgestellte Darstellung der "Keuschheit" allein von Giacomo ausgeführt worden zu sein. Die als Dreiviertelfigur gegebene Personifikation der "Keuschheit" ist nur in eine feine, transparente Gaze gehüllt, durch den ihr jugendlicher nackter Körper eher betont als verhüllt wird. In ihrer Rechten hält sie einen die Ehe symbolisierenden Palmenzweig, in der Linken, als Zeichen der Keuschheit, einen spiegelblanken Schild, in der das Interieur eines Gemachs reflektiert wird. Den Hintergrund bildet eine Landschaft, wo links die "Keuschheit" in einem von Einhörnern gezogenen und von Genien begleitenden Wagen einem Palast entgegenfährt; rechts überquert eine Barke mit den Unkeuschen den Höllenfluß, um dem Feuerschlunde übergeben zu werden. Laut Morelli (Lermolieff) fertigte Giacomo das in seiner Frühzeit entstandene Bild nach einer Zeichnung seines Vaters Francesco an. Das üblicherweise Giacomo zugeschriebene Gemälde wurde erst kürzlich dem Oeuvre seines Bruders Giulio zugeordnet (Negro/Roio, 1998, S. 257). Eine nicht überzeugende Behauptung. Im Inventar des Kardinal Benedetto Giustiniani von 1621 wird es unter der Nummer 153 wie folgt erwähnt: "Un quadro senza cornice da una mezza figura nuda con un manto de velo ligato alla spalla et al braccio."Vermutlich im Mai 1945 im Leitturm des Flakbunkers im Berliner Friedrichshain vernichtet.________________________________________________________________Most likely destroyed in May 1945 in the control tower of the flak tower in Berlin Friedrichshain.

Bildnis der Catharina Hooft mit ihrer Amme

Bildnis der Catharina Hooft mit ihrer Amme

Das von Frans Hals um 1620 gemalte Porträt eines kleinen Mädchens stellt eine große Seltenheit innerhalb der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts dar, ist das Kind hier doch zusammen mit seiner Amme präsentiert. Zudem handelt es sich bei dem Bild um das einzige Kinderporträt von Frans Hals, das wir heute noch kennen. Dargestellt ist Catharina Hooft, die 1618 als einziges Kind ihrer Eltern in Amsterdam geboren wurde. Kurz darauf übersiedelten ihre Eltern nach Haarlem, wo ihr Vater, der Jurist Pieter Hooft ein Haus erworben hatte und wo auch das Berliner Porträt entstanden sein dürfte. Ihr Onkel war der berühmte niederländische Dichter, Historiker und Dramatiker Pieter Corneliszoon Hooft. Mit nur 17 Jahren heiratete Catharina 1635 den sehr vermögenden, 19 Jahre älteren Cornelis de Graeff, einen der einflussreichsten Regenten und mehrfachen Bürgermeister von Amsterdam, sowie Staatsmann und Diplomat von Holland und der Republik der Vereinigten Niederlande. Ihrer hervorgehobenen gesellschaftlichen Stellung entsprechend, begegnet uns Catharina 18 Jahre später standesbewusst als einer der ersten Damen des Landes zusammen mit ihrem Ehemann auf zwei lebensgroßen Pendantbildnissen des Amsterdamer Malers Nicolaes Eliasz Pickenoy.Der besondere gesellschaftliche Status des kleinen, hier präsentierten Mädchens wird schnell anhand ihrer aufwendigen Kleidung deutlich. Sie trägt ein kostbares Brokatkleid mit feinsten Spitzen, das detailgetreu wiedergegeben ist. Insbesondere die zarte Klöppelspitze wurde von Frans Hals betont, indem er die abstehenden Spitzen des Kragens und des Häubchens vor einem dunklen Hintergrund präsentiert. Deutlich zu erkennen ist auch der steife Charakter der gestärkten Spitze, die gerade vom Körper absteht und deren Enden nicht umknicken. Obgleich Mädchen und Jungen im 17. Jahrhundert erst ab dem siebten Lebensjahr geschlechtsspezifisch gekleidet wurden, lässt sich aufgrund von Kostümdetails, wie dem flachen, breiten Kragen und der leicht eckigen Form der Haube feststellen, dass es sich bei dem Kind um ein Mädchen handeln muss. Sowohl Jungen als auch Mädchen trugen die rückseitig von den Schultern herabhängenden Stoffbänder, die u.a. als Lauflernhilfe dienten und auch an dem Kleidchen der Catharina Hooft vom rückwärtigen Ärmelansatz herabfallend zu erkennen sind. Neben der sehr hochwertigen Kleidung trägt Catharina Hooft auch reichlich goldenen Schmuck mit einem Anhänger, der mittig einen großen roten Stein zeigt. In ihrer linken Hand hält sie zudem eine goldene Rassel mit kleinen Schellen. Am oberen Ende der Rassel ist ein Stück aus einem dunklen, nicht eindeutig zu definierendem Material zu erkennen. Derartige Aufsätze bestanden in der Regel aus Halbedelsteinen, Korallen oder Perlmutt und dienten als eine Art von Beißring während des Zahnens. Vermutlich wurde die hier dargestellte Rassel nach einem konkreten Vorbild gemalt und befand sich vermutlich wirklich im Besitz von Catharina Hooft. Tatsächlich ist im Nachlass ihres Sohnes, der 1709 kinderlos verstarb, „eine goldene Rassel“ mit exakter Gewichts- und Wertangabe aufgeführt, die möglicherweise von seiner Mutter stammte. Da sich eine erstaunlich große Vielfalt von Rasseln auf niederländischen Kinderporträts des 17. Jahrhunderts finden lässt, geht man heute davon aus, dass es sich in den meisten Fällen um den realen Besitz der präsentierten Kinder handelt.Im Gegensatz zu dem kleinen Mädchen, ist die dargestellte Amme ihrem Status als Bedienstete entsprechend schlicht gekleidet. Sie trägt ein altmodisches, schwarzes Kleid, eine Haube und einen einfachen Faltenkragen. Vor allem jedoch fehlen ihr, die für eine Dame obligatorischen, Manschetten an den Ärmeln. In ihrer Rechten befindet sich eine Birne, die sie empor hält und dem Kind anbietet. Ammen, deren Aufgabe ausschließlich in dem Stillen und Betreuen eines Kindes bestand, nahmen in der Regel im Hausgesinde eine hervorgehobene Stellung ein. Nur wenige Familien der Oberschicht oder des gehobenen Bürgertums konnten sich den Luxus einer Amme leisten, die damit zu einer Art von Statussymbol wurde. Im Gegensatz zu Frankreich oder England, wo viele Kinder zu einer Amme auf dem Land gegeben wurden, handelte es sich in der Republik der Vereinigten Niederlande bei den Ammen um hauseigene Bedienstete. Aufgrund der innigen Bindung zum Kind waren Bezahlung und Wertschätzung der Ammen deutlich höher, als bei anderen Bediensteten. Oftmals blieb auch nach dem Weggang der Frauen eine herzliche Beziehung zu ihnen bestehen. In Frans Hals Porträt kommen die große Vertrautheit und das innige Verhältnis von Amme und Kind, aber auch die deutlichen Standesunterschiede, die sich vor allem in der Kleidung wiederspiegeln, deutlich zum Ausdruck. Möglicherweise wurde das Doppelporträt denn auch als Erinnerungsstück beauftragt. Wie zeitgenössische Dokumente belegen, bewahrte Catharina Hooft ihr Kinderbildnis zeitlebens. Nach ihrem Tod 1691 gelangte es in den Besitz ihres Sohnes Pieter de Graeff, in dessen Nachlassinventar es als »een minne met een Kindje van Frans Hals« (eine Amme mit einem kleinen Kind von Frans Hals) auftaucht.So spontan und natürlich die Berliner Komposition erscheint: die Amme mag derart posiert haben, das einjährige Kind ganz sicher nicht. Es ist Frans Hals Kunstfertigkeit zu verdanken, dass das Bild einen so unkomplizierten, die Figuren einen so eng aufeinander bezogenen Eindruck machen, in dem die Momenthaftigkeit der Erscheinung und die lebensvolle Gegenwärtigkeit in der meisterhaft-illusionistischen Malweise festgehalten wurde.Katja Kleinert | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019______________________________________________________________________________This portrait of a little girl painted by Frans Hals in about 1620 is a great rarity in 17th-century Dutch painting, as she is presented here with her nurse, a highly unusual form of depiction. Furthermore, this painting is the only portrait of a child by Frans Hals that is known today.It represents Catharina Hooft, who was born in 1618 in Amsterdam, her parents’ only child. Shortly afterwards they moved to Haarlem, where her father, the lawyer Pieter Hooft, had bought a house, and where the Berlin portrait was presumably painted. Her uncle was the famous Dutch poet, historian and dramatist Pieter Corneliszoon Hooft. In 1635, at the age of only 17, she married a man 19 years older, the extremely wealthy Cornelis de Graeff, one of the most influential figures in then government of Amsterdam, mayor of the city several times, and also a statesman and diplomat in the service of the province of Holland and the Republic of the United Netherlands. In keeping with her elevated social status, Catharina was shown in 1636 with her husband on two life-sized matching portraits by the Amsterdam painter Nicolaes Eliasz Pickenoy, conscious of her rank as one of the leading ladiesin the country (fig. p. 241).The special social status of the small girl presented here is quickly made apparent by her elaborate clothing. She wears a precious brocade dress, reproduced in faithful detail, with the finest lace. Frans Hals particularly emphasised the bobbin lace by showing the projecting tips of the collar and the bonnet against a dark background. The stiffness of the starched lace, which stands out straight from the body without bent ends, is clearly visible. Although in the 17th century girls and boys were not given gender-specific clothes until their seventh year, it can be seen from details of the costume, for example the flat, broad collar and the slightly angular form of the bonnet, that this child must be a girl. Both girls and boys wore ribbons hanging down at the back from their shoulders, partly as an aid in learning to walk. These can be seen dangling from the top rear of the sleeve of Catharina Hooft’s little dress. In addition to her highly exclusive clothes, Catharina Hooft wears a good deal of golden jewellery, with a pendant that includes a large red stone at its centre. In her left hand, she also holds a golden rattle with small bells. At the top of the rattle is a piece of a dark material that cannot be conclusively identified. Such pieces were usually made of semi-precious stones, coral or mother of pearl, and were used as a kind of teething ring. The rattle shown here was presumably painted according to a specific original and really belonged to Catharina Hooft. Indeed, in the estate of her son, who died childless in 1709, is listed “a golden rattle” with exact details of its weight and value that may have been passed down by his mother. As an astonishing variety of rattles can be seen on Dutch children’s portraits of the 17th century, it is believed today that in most cases they actually belonged to the children portrayed.In contrast to the little girl, the nurse is clothed in accordance with her status as a servant. She wears an old-fashioned black dress, a bonnet and a plain pleated collar. Above all, she lacks the cuffs on her sleeves that were obligatory accessories for a woman. In her right hand is a pear, which she holds up and offers to the child. Nurses, whose tasks consisted exclusively in breast-feeding and looking after a child, usually had a leading position among the household servants. Only a small number of families from the upper class or the higher bourgeoisie could afford the luxury of a nurse, who thus became a kind of status symbol. In contrast to the situation in France and England, where many children were sent out to a nurse in the country, nurses were domestic staff in the Republic of the United Netherlands. In recognition of their close ties to the child, nurses enjoyed considerably higher wages and appreciation than other servants. A warm relationship to these women often remained even after they left. Frans Hals’ portrait clearly expresses the great intimacy and close relationship between nurse and child, but also the large difference in rank, which is reflected above all in their clothing. The double portrait was possibly commissioned as a souvenir piece. As shown by contemporary documents, Catharina Hooft kept the portrait from her childhood to the end of her life. After her death in 1691, it came into the possession of her son Pieter de Graeff and appears in the inventory of his estate as “een minne met een Kindje van Frans Hals” (a nurse with a small child by Frans Hals).Spontaneous and natural as the composition of the work in Berlin seems, the nurse may have posed in this way, but the one-year-old child undoubtedly did not. It is a mark of Frans Hals’ artistry that the painting makes such an uncomplicated impression, the persons portrayed an appearance of such closeness, thanks to his masterly illusionistic manner of painting that captures the momentary nature of the scene and its lifelike presence. Katja Kleinert | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Die Trauernden einer Kreuzabnahme

Die Trauernden einer Kreuzabnahme

Das in Tempera auf Leinwand gemalte Bild gehört zu den wenigen in dieser Technik ausgeführten Gemälden, den sogenannten Tüchlein, die aus dem 15. Jahrhundert erhalten sind. Der empfindliche Farbauftrag und Bildträger sowie das feuchte Klima diesseits der Alpen haben dazu beigetragen, daß die Zahl der Tüchlein gering und ihr Erhaltungszustand oft nicht sehr gut ist. Nicht nur deshalb, sondern auch wegen der halbfigurigen Kompositionsform verdient dieses von Hugo van der Goes geschaffene Werk besondere Beachtung. Dargestellt ist die Gruppe der nächsten Angehörigen Christi, die seinen Tod betrauern. Dicht gedrängt stehen sie beieinander, vereint in ihrem gemeinsamen Schmerz, dem der Künstler auf höchst subtile Weise Ausdruck verliehen hat. Im Vordergrund steht die jugendliche Gottesmutter, die ihre Hände in einer Gebärde tiefer Ergebenheit vor der Brust kreuzt und ihr gesenktes Haupt leicht zur Seite neigt. Bei ihr ist Johannes, der Lieblingsjünger Christi, der ihre Schultern berührt, sie stützt und zu trösten sucht. Lebhafter in den Äußerungen ihrer Trauer erscheint Maria Magdalena, die rechts daneben steht, ihre Hände ringt und den Kopf mit den verweinten Augen zur Seite wendet. Die Gruppe beschließen die beiden anderen Marien, Maria Salome und Maria Jacobi, von denen eine die Hände klagend emporhebt, während sich die andere die Tränen aus den Augen wischt. Den Hintergrund bilden der Hügel Golgathas und ein schmaler Streifen blauen Himmels. Die Farbigkeit des Bildes, in der einst der leuchtendrote Mantel des Johannes und das blaue Kleid Marias die Akzente setzten, wirkt heute matt und gedämpft. Die Komposition und die geschilderte Begebenheit sind unvollständig ohne den Bezugspunkt der Klage und Trauer: die Darstellung des toten Christus, die einst das Gegenstück zu unserem Tüchlein gebildet hat. Die Kopien der beiden Kompositionen, insbesondere die bemerkenswerte Neufassung des Werkes durch Hans Memling (Granada, Capilla Real), vermitteln eine gute Vorstellung von dem ursprünglichen Eindruck der beiden Tüchlein. Erst 1950 ist das vermißte Gegenstück mit der Kreuzabnahme aufgetaucht. Die Darstellung ist hier ganz auf die Präsentation des von drei Männern gehaltenen und dem Betrachter vorgewiesenen Körpers Christi abgestimmt. Den Mittelpunkt bildet der entseelte Leib mit der Seitenwunde und den kraftlos herabhängenden Armen. Der Hügel Golgathas und die Leiter, mit deren Hilfe Christus vom Kreuz abgenommen wurde, sind die einzigen Hinweise auf den Ort der Handlung und den Zeitpunkt des Geschehens. Für das Tüchlein-Diptychon hat sich in der Forschung die Bezeichnung Kleine Kreuzabnahme eingebürgert, im Gegensatz zur sogenannten Großen Kreuzabnahme, einer breitformatigen Komposition des Künstlers, deren originale Fassung nicht mehr erhalten, jedoch durch zahlreiche Kopien überliefert ist. Die anhaltende Bewunderung für die von Hugo van der Goes geschaffenen Kompositionen ist gewiß auch damit zu erklären, daß der Künstler die Bildform des Halbfigurenbildes konsequent auf ein handlungs- und figurenreiches Thema übertragen hat. Es war dies eine kompositionelle und thematische Bereicherung, die die Entwicklung des »erzählenden Halbfigurenbildes« in den Niederlanden bis weit ins 16. Jahrhundert hinein bestimmt hat. | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2010_____________________________________________________________________This picture in tempera on canvas is one of the few 15th-century paintings using this technique to have survived. It shows Christ’s followers mourning his death. In the foreground is the Mother of God, crossing her hand over her breast and inclining her lowered head slightly to the side. Next to her is John, supporting her and trying to comfort her. The group is completed by Mary Magdalene and the two other Marys. In the background the hill of Golgotha and a narrow strip of blue sky can be seen. The composition the event depicted are incomplete without the reference point for the lamentation and mourning. The former companion piece is a depiction of the dead Christ (New York, private collection).| Prestel Museum Guides - Gemäldegalerie Berlin, 2012