Madonna mit dem Kind
Ident. Nr.: 5545
ObjID: obj:869744
Details (Expert)
- Datierung
- Datierung: nach 1450 (1. Hälfte 17. Jahrhundert?)
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- —
- Abmessungen
- Höhe: 89 cmBreite: 30 cmTiefe: 20 cmGewicht: 60 kg
- Erwerbung
- Erworben 1908 in München über den von Wilhelm von Bode sehr geschätzten Bildhauer, Restaurator und Sammler Georg Schuster (1869–1937). Dieser hatte den Verkauf der von ihm zuvor restaurierten Figur nach Berlin für einen nicht weiter bekannten Geheimrat Dr. Bock arrangiert.
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/869744
Objektbeschreibung
Die Figur wurde als bayerisches, sogar explizit aus der Münchener Gegend stammendes Werk der Zeit um 1400 erworben, allerdings weist das Bildwerk so viele ikonografische Ungereimtheiten auf, dass man zunächst an der Ursprünglichkeit des heute sichtbaren Bestands zweifelt. Maria ist um 1400 ohne Schleier ebenso wenig vorstellbar wie mit einer derart kleinen Krone, einem durchgängig bis zum Boden reichenden Mantel und einer das Kind nicht direkt, sondern unter dem Mantelstoff haltenden linken Hand. Das Kind selbst ist in dieser Zeit meist nackt, manchmal von einem Zipfel des Schleiers bedeckt oder (selten) vollständig bekleidet. Einen so kleinen Schurz besitzt es jedoch erst seit dem ausgehenden Mittelalter. Weiterhin mutet sonderbar an, dass es den Apfel mit beiden Händen hält. Der Knabe passt in seiner ganzen misslungenen Gestalt wenig zum ansonsten durchaus eleganten Erscheinungsbild Marias, sodass man geneigt ist, das Kind für eine spätere Ergänzung oder für einen durch Abarbeitung eines ursprünglich dort befindlichen Objekts zustande gekommenen Teil zu halten. Da seine Mutter so wenig der gotischen Marienikonografie entspricht, liegt die Annahme nahe, dass eine weibliche Heilige (Katharina, Barbara, Agnes) erst durch diese Maßnahme zu einer Madonna umgearbeitet und das ursprüngliche Attribut in der Linken durch ein Kind ersetzt worden sei. Doch gibt es am Objekt selbst keinerlei Anzeichen für eine solche Vermutung. Den technologischen Befunden nach handelt es sich um eine als Muttergottes mit Kind geschaffene Statue.
Der Bildhauer hat verschiedene Typen von Madonnen und Skulpturen weiblicher Heiliger des 14. und 15. Jahrhunderts miteinander kombiniert und mit einem Kind verbunden, das unverständlicherweise sehr grob geratenen ist und aufgrund des knappen Lendentuchs nicht um 1400 entstanden sein kann. Gerade der letzte Punkt spricht gegen die zunächst naheliegende Erklärung, dass wir es mit einem Werk des 19. Jahrhunderts zu tun haben. Die uneinheitliche Wirkung und das starke qualitative Gefälle zwischen den einzelnen Partien deuten eher auf einen Künstler, dem es nicht um eine homogene Schöpfung im Geiste der Gotik ging, die er auf Grundlage eines eingehenden Studiums entsprechender Originale umzusetzen verstand. Vielmehr scheint er sein kompilatorisches Werk mit der Absicht geschaffen zu haben, ihm einen altertümlichen Ausdruck zu verleihen, der nicht an spätgotische Skulpturen, sondern die Zeit um 1350 bis 1450 erinnern sollte. Vielleicht hatte er ein zerstörtes Marienbild aus dieser Zeit zu ersetzen, und ihm standen andere Werke dieser Epoche als Anschauungsmaterial zur Verfügung.
Denkbar ist, dass die Figur deutlich später als 1450, vielleicht erst um 1600 entstand, als restaurative Tendenzen im Zuge des wiedererstarkenden Katholizismus an mehreren Orten des Deutschen Reichs vorkamen (z. B. im Hochstift Würzburg, wo Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn [reg. 1573–1617] in starker Anlehnung an gotische Formen bauen ließ). Vielleicht war die Madonna Teil der Erneuerungskampagne eines in einem protestantischen Intermezzo entfernten Skulpturenschmucks einer im Dreißigjährigen Krieg oder früher rekatholisierten Kirche. Eine so späte Entstehungszeit (erste Hälfte des 17. Jahrhunderts) würde jedenfalls die ikonografischen Ungereimtheiten erklären.
(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen und im Alpenraum 1380 bis 1440. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2019)
Letzte Aktualisierung: 30.07.2026
Kontakt
Einrichtung:
Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst
E-Mail:
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