Logo

Volkreicher Kalvarienberg / Kaufmannsche Kreuzigung

Ident. Nr.: 1833

ObjID: obj:870133

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Unbekannt,
Maler*in
Datierung
Ausführung: um 1340
Weitere Titel
Sammlungstitel: Volkreicher Kalvarienberg / Kaufmannsche Kreuzigung
Die Kreuzigung Christi
Kaufmannsche Kreuzigung
Übersetzung: The Crucifixion of Christ (Kaufmann's Crucifixion)
Geografische Bezüge
Böhmen,
Region
Abmessungen
Bildmaß: 68 x 30 cm

Objektbeschreibung

Die schlanke Tafel, deren originaler Rahmen verloren ist, schildert das Geschehen von Golgatha. Die Komposition wird beherrscht von den die Bildfläche gliedernden Kreuzen und dem übergroßen Leib Christi. Die Kreuze, an welche die beiden Schächer in bizarren Haltungen gebunden sind, ordnen sich in ornamentaler Flächengeometrie dem Kruzifix unter. Engel mit Weihrauchfässern über den Querbalken, die die Sphäre des Himmels andeuten, beklagen den Gekreuzigten. Zu Füßen des Kreuzes herrscht dichtes Gedränge. Dem Betrachter erschließt sich das Geschehen, da er in einer Art Kavaliers perspektive von oben in die Szene hineinblickt. Vorn links stehen die Leidtragenden. Johannes stützt Maria, Magdalena umfaßt den Kreuzstamm, eine der Trauernden wendet sich schmerzerfüllt vom Geschehen ab. Dahinter ist der blinde Longinus zu sehen, der mit der Lanze die Seitenwunde Christi öffnet und durch Tropfen des heiligen Blutes von seinem Leiden geheilt wird. Rechts vom Kreuz streiten sich einige verwegen aussehende Gestalten, die Henkersknechte, um den Rock Christi, über den sie das Los geworfen hatten. Dahinter erblickt man die römischen Legionäre. Unter ihnen ragt die Gestalt des guten Hauptmanns heraus. Er hat die Gottheit Christi erkannt und weist auf ihn als den wahren Sohn Gottes hin. Longinus gegenüber reicht ein Henkersknecht den Schwamm mit Essig zu Christus hoch.
In der zusammengeballten Dichte des Geschehens, in erregten Gesichtern, eindringlichen Blicken und lebhafter Gestikulation, wird die Erschütterung, die das Ereignis bei den Beteiligten ausgelöst hat, anschaulich. Spannung erfüllt selbst noch die Kurvatur der Faltendraperien. Die Zeichnung und Modellierung der Formen ist präzis und klar, die Linienführung von kalligraphischer Eleganz. Die hellen, leuchtenden Farben, die dennoch eigentümlich gebunden erscheinen, unterstreichen in subtiler Weise die Bedeutung und Sinnhaftigkeit der einzelnen Gestalten. Die malerische Durchführung erinnert in ihrer Präzision und Detailfreude eher an Miniaturmalerei als an Tafelmalerei. Der Goldgrund ist bedauerlicherweise später erneuert worden.
Eine bolognesische Miniatur aus der Zeit um 1346/50, das Kanonblatt aus einem Missale in Rom (Archivio di S. Pietro), wurde als Vorbild benannt. Es könnte einigen Zügen der Komposition als Anregung gedient haben. Vielleicht war das Vorbild nicht zufällig eine Miniatur.
Über die regionale Herkunft der Tafel gibt es keine Gewißheit. Traditionell wird sie der Böhmischen Malerschule zugerechnet, die am Hof Karls IV. blühte. Dafür gibt es gute Gründe. Andere Wissenschaftler verweisen auf stilistische Vorbilder in Österreich. Insbesondere die gemalten Tafeln des Verduner Altars in Kloster Neuburg von etwa 1330/31 sind hier in Betracht zu ziehen. Aber auch Nachfolgewerke wie das Kanonbild aus einem Missale in St. Pölten sind in Zusammenhang mit unserer Tafel zu sehen. Die Verflechtungen zwischen den beiden Kunstlandschaften in dieser Zeit sind eng. Beide unterliegen den gleichen wechselseitigen Einflüssen. Grenzen sind schwer zu ziehen. Wilhelm H.Köhler | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019
______________________________

The slender panel, whose original frame has been lost, depicts the events at Golgotha. The composition is dominated by the three crosses dividing the pictorial space and by the over-dimensioned body of Christ. The crosses to which the two thieves are bound in contorted positions are subordinated to the crucifix by virtue of the ornamental geometric arrangement in the pictorial space. Above the crossbar, angels carrying vessels of incense, alluding to the heavenly sphere, are lamenting the crucified Christ. A throng of people has gathered at the foot of the cross. The scene is shown from a high viewpoint that allows the viewer to look down upon it as if from above. The mourners stand at the front on the left. John is supporting Mary while Mary Magdalene embraces the base of the cross. One of the mourners turns away from the scene overcome with grief. Behind them, the blind Longinus can be seen opening the wound in Christ’s side with his lance, the drops of holy blood healing
him of his affliction. To the right of the cross, a number of rakish-looking figures, the executioners’ assistants, are quarrelling over Christ’s robe, for which they have thrown dice. Behind them are the Roman legionaries, among them the figure of the Good Centurion. He has recognised Christ’s deity and proclaims that he is the true son of God. One of the executioner’s assistants standing opposite Longinus is passing a sponge soaked in vinegar to Christ.

The commotion among the crowd, the impassioned faces, their intense expressions and lively gesticulation convey the state of shock into which the crucifixion has thrown those involved. Even the curves of the drapery folds are full of tension. The drawing and modelling of the forms is clear and precise, the lines flowing with calligraphic elegance. The bright, radiant colours, which nevertheless match harmoniously, subtly underline the meaning and symbolism of each figure. In its precision and attention to detail, the painterly execution is more reminiscent of miniature painting than panel painting. Unfortunately, the gold ground was renewed at a later date.

The model for this panel painting is thought to have been a Bolognese miniature dating from the period around 1346/50, the canon page of a missal in Rome (Archivio di San Pietro). It is possible that certain features of this composition served as inspiration and indeed, it is perhaps no coincidence that the model was a miniature. The regional origin of the panel is uncertain. Traditionally, it has been attributed to the Bohemian school of painting, which flourished at the court of Charles IV, and
this supposition is certainly well grounded. Other scholars have pointed to Austrian models. The painted panels of the Verdun Altar piece in Klosterneuburg dating from around 1330/31 would be primary candidates here. But later works, such as the canon page of a missal in Saint Pölten, should also be considered in the context of the present panel, for the two artistic styles were closely connected during this period. Both were subject to the same influences, making it difficult to discover what influenced what. Wilhelm H.Köhler | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Letzte Aktualisierung: 03.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Gemäldegalerie

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Die Ausfahrt des Duc de Choiseul auf dem Petersplatz in Rom

Die Ausfahrt des Duc de Choiseul auf dem Petersplatz in Rom

Von einem leicht erhöhten Betrachterstandpunkt richtet sich der Blick über den Kirchenvorplatz auf die überkuppelte Fassade von St. Peter. Von dort kommend, fährt der aus elf prunkvollen Kutschen bestehende Korso des französischen Botschafters beim Heiligen Stuhl, Etienne-François de Choiseul (1719–1785), über den Platz. Ihn hat Panini in der zweiten Kutsche am offenen Fenster sitzend dargestellt. Choiseul trägt über der Brust das blaue Band des Ordens vom Heiligen Geist (Ordre du Saint-Esprit), den König Ludwig XV. ihm erst im Januar 1756 verliehen hatte. Anlass für die pompöse Ausfahrt war der offizielle Antrittsbesuch des Botschafters bei Papst Benedikt XIV. im Frühjahr 1756. Mit dieser Komposition ließ Choiseul von dem wichtigsten römischen Architektur- und Vedutenmaler seiner Zeit den bis dahin wichtigsten Moment seiner diplomatischen Karriere ins Bild setzen.Lange Zeit hielt man das Berliner Gemälde für die von Choiseul in Auftrag gegebene Version. Diese befindet sich jedoch in Privatbesitz (zuvor als Leihgabe in Edinburgh, National Gallery of Scotland). Bei dem Berliner Bild handelt es sich um eine zweite Version der Komposition aus der Sammlung von Claude François Rogier de Beaufort-Montboissier, abbé de Canilliac (1699–1761). Canilliac war der ranghöchste Gesandte der französischen Kirche in Rom und nach dem Botschafter der zweitwichtigste Vertreter Frankreichs in der Ewigen Stadt. Er gehörte zu jenen kirchlichen Würdenträgern, die Choiseul bei der Papstaudienz begleiteten und mit ihm in der Botschafterkutsche reisten. Während in der von Choiseul beauftragten Version lediglich er selbst als Fahrgast identifizierbar ist, ist auf dem Berliner Gemälde neben ihm auf der Sitzbank ergänzend der abbé de Canilliac dargestellt. Auch er trägt das blaue Band des Ordre du Saint-Esprit, allerdings in der Variante des Klerus nicht diagonal über der Brust sondern um den Nacken gelegt. Ein interessantes Detail des Berliner Gemäldes ist seine gut lesbare Datierung durch den Künstler auf das Jahr 1754 und damit zwei Jahre vor dem dargestellten Ereignis. Canilliac muss also eine bereits 1754 von Panini geschaffene Ansicht des Petersplatzes aus seinem Besitz nachträglich - wohl kurze Zeit nach der Fertigstellung von Choiseuls Gemälde - um die namengebende Figurenstaffage erweitert und um seine Person ergänzt haben lassen. Damit wertete er sein Gemälde nachträglich auf und sicherte sich zugleich symbolisch einen sichtbaren Platz in diesem so wichtigen diplomatischen und kirchenpolitischen Ereignis.Das Berliner Gemälde wurde nach Canilliacs Tod in Rom von Pierre-Jacques-Onésime Bergeret de Grancourt erworben. Wohl aus dieser Zeit stammt sein heutiger Louis XVI-Rahmen mit der unten eingelassenen, ausführlichen Beschreibung der Fassade und des Platzes von St. Peter in französischer Sprache, in dem das dargestellte Ereignis und seine Protagonisten jedoch schon keine Erwähnung mehr finden. | Sarah SalomonSIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. links unten auf einem Stein über dem springenden Hund: I.P. PANINI / 1754

Giovanni Mocenigo (1508-1580)

Giovanni Mocenigo (1508-1580)

Der Porträtierte wurde 1954 von Rodolfo Pallucchini überzeugend als Giovanni Mocenigo identifiziert, dem jüngeren Bruder des Dogen Alvise I. Mocenigo. Giovanni bekleidete hohe Staatsämter in Venedig, unter anderem als Consigliere und Savio del Consiglio. Ein enges persönliches Verhältnis verband ihn mit seinem Bruder; nach dem Tod des kinderlosen Dogen fielen dessen Erbansprüche an Giovannis Kinder. Beide Brüder erscheinen gemeinsam in einem Votivbild Tintorettos, das um 1575 entstand und sich heute in der National Gallery of Art in Washington befindet (Samuel H. Kress Collection; Inv.-Nr. 1961.9.44). Es zeigt den Dogen Alvise Mocenigo und seine Frau gemeinsam mit seinem Bruder Giovanni sowie dessen Söhnen vor der Jungfrau mit dem Kind. In diesem Gemälde wurden vier der dargestellten Köpfe – darunter der Giovanni Mocenigos – offenbar nach dem lebenden Modell auf kleineren Leinwänden gemalt und anschließend in die größere Komposition eingefügt. Dieses Werk ermöglichte Pallucchini die Identifizierung des Berliner Porträts. In dem Einzelporträt Giovannis in der Gemäldegalerie wählte Tintoretto das in seinem Porträtschaffen ungewöhnliche Brustbildformat. Im Vergleich zum Gemälde in Washington erscheint Giovanni Mocenigo hier gealtert; das Berliner Porträt dürfte daher kurz vor seinem Tod im Jahr 1580 entstanden sein. Unter Verzicht auf die repräsentative Würde, die Tintorettos Halb- und Dreiviertelfigurenporträts sonst auszeichnet, ging es dem Künstler hier um eine geistige Erfassung und psychologische Durchdringung des Dargestellten. In der Ausstrahlung dieses durch den musternden Blick Distanz schaffenden, zugleich aber in seiner Schlichtheit und Direktheit intim wirkenden Porträts gehört das Werk zu den bedeutenden Leistungen Tintorettos im Bereich der Porträtmalerei. | Aus: Gemäldegalerie. Katalog der ausgestellten Gemälde des 13.-18. Jahrhunderts 1975 (2025 aktualisiert von Sven Jakstat)