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Parklandschaft mit Schloss

Ident. Nr.: M.508

ObjID: obj:870385

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Hans Bol (1534 - 1593),
Maler*in
Datierung
Ausführung: 1589
Weitere Titel
Sammlungstitel: Parklandschaft mit Schloss
Übersetzung: Park Landscape with Castle
Geografische Bezüge
Material / Technik
Wasserfarbe & Pergament
Abmessungen
Bildmaß: 23,7 x 33,1 cm
Erwerbung
1894 Überweisung aus dem Berliner Kupferstichkabinett

Objektbeschreibung

Von einem erhöhten Standpunkt aus fällt der Blick auf eine prächtige Schloßanlage inmitten eines gepflegten Parks, der in eine weite sommerliche Flachlandschaft mit Wiesen, Baumreihen, Kanälen und ausgedehnten Wasserflächen übergeht. Am Horizont sind die Türme einer fernen Stadt zu erkennen. Schloß und Park bilden die Kulisse für das bunte Treiben unzähliger Bildfiguren. Ein am linken Bildrand aufragender Baum und ein vom rechten Bildrand stark überschnittenes Gebäude rahmen auf beiden Seiten den Blick in die Weite. Sie wirken versatzstückhaft und erinnern an Kulissen auf der Bühne eines Theaters. Auf diese Weise entsteht der Eindruck, als blicke man in einen Guckkasten, der für den Betrachter ebenso vielfältige wie überraschende Einblicke bereithält. Die Nahsichtigkeit der bunten Szenerie trägt mit dazu bei, die Distanz zum Betrachter zu verringern. In der Schloßanlage glaubte man den Binnenhof und Rittersaal in Den Haag zu erkennen, während die am Horizont aufragende Stadt an die Ansicht Delfts erinnert. Der Schloßbereich und seine nähere Umgebung sind von vornehm gekleideten Menschen, von Pferden, Hunden und Kutschen belebt. Im Vordergrund findet ein Fest mit Musikanten, tanzenden Paaren und Höflingen statt, die sich unterhalten oder als Zuschauer einem Ballspiel beiwohnen. Wir sehen neun Spieler, die, in zwei Gruppen geteilt, einander meh rere Bälle zutreiben. Es ist ein Spiel, das, ähnlich wie das Faustballspiel, Kraft, Ausdauer und Geschicklichkeit erfordert. Der schwere lederne Ball wird mittels einer hölzernen Armwehr über eine Linie geschlagen, die ein Diener mit dem Stock im Gras markiert. Daneben sieht man einen Balljungen, der einen schlaffen Lederball aus dem Spiel holt, während ein anderer einen Reserveball aufpumpt. Das in der dargestellten Form seit dem 16. Jahrhundert in Italien als »giuoco del pallone« bekannte »Ballonspiel« hatte sehr bald an den Höfen aller europäischen Länder Aufnahme gefunden, wo es sich als sportlicher Zeitvertreib des Adels größter Beliebtheit erfreute. Diener, die mit Getränken und Speisen über das Spielfeld eilen, sorgen für das Wohl einer vornehmen Tischgesellschaft. Diese hat sich bei Musik zur zwanglosen Unterhaltung in einem von Rosen berankten Gartenpavillon eingefunden, den ein Standbild der Göttin Fortuna bekrönt. In den Höfen und Gärten des Schlosses sieht man lustwandelnde Menschen. Andere üben sich im Bogenschießen, reiten zur Jagd aus oder haben sich den Bootspartien auf den Schloßteichen angeschlossen. Auf einer Insel im hinteren Teich erkennt man ein kreisrundes Labyrinth aus niedrigen Hecken. Möglicherweise verbindet sich damit eine Warnung an die galante Gesellschaft, sich nicht in den Irrgarten der Liebe und Leidenschaft zu begeben, in dem man sich leicht verliert, dem man aber nur schwer entrinnen kann. Vielleicht soll auch das Standbild Fortunas an die Unbeständigkeit des Glücks gemahnen. In die gleiche Richtung weist das Ballspiel, das oft als Sinnbild der Unbeständigkeit und der Wechselfälle des Lebens gedeutet wurde. Daneben galt das Aufblasen des Balles als ein erotisches Motiv, das in der Emblemliteratur der Zeit als Hinweis auf das Liebesspiel und dessen Folgen verstanden wurde. Das Liebespaar im Rücken des mit der Pumpe hantierenden Balljungen läßt keinen Zweifel an der Interpretation aufkommen. In einer anderen, vier Jahre zuvor entstandenen Miniatur hatte Hans Bol einen volkstümlichen Wettkampf auf dem Weiher in Den Haag geschildert, bei dem die in leichten, schwankenden Kähnen stehenden Gegner versuchen, einander mit hölzernen Stangen ins Wasser zu stoßen. Hans Bol gehört neben Hieronymus Cock (1507-1570) und Pieter Bruegel d. Ä. (um 1525/30-1569) zu den Hauptvertretern der niederländischen Landschaftskunst im 16. Jahrhundert. Die Malerei mit Wasserfarben auf Leinwand hatte der Künstler in Mecheln erlernt. Neben den »gemalten Tüchlein« entstanden später in seiner Werkstatt in Antwerpen sowie zuletzt in Amsterdam Miniaturbilder in Aquarell- und Temperatechnik auf Pergament, die er als besondere Kunstrichtung weiterentwickelte. Die in der sogenannten Gouachemalerei ausgeführten Bilder stellen eine eigene Gattung der Malerei dar, die man als »Kabinettminiatur« bezeichnet. Den Bildtyp der Flachlandschaft hat Hans Bol in seinem reifen Schaffen in zahlreichen Miniaturen mit Schloßansichten und bunter Figurenstaffage auf unverwechselbare Weise gestaltet. Seine miniaturhaften Landschaftsbilder waren gesuchte und begehrte Sammelobjekte, die sich schon früh in den Kunstkammerinventaren fürstlicher Sammlungen nachweisen lassen. Rainald Grosshans | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019

SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. links unten am Baumstamm: HANS:BOL / 1589
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From an elevated standpoint, our gaze falls downward onto a splendid palace, set in the middle of a well-maintained park, which merges into a flat, expansive summer landscape with meadows, rows of trees, canals, and extensive bodies of water. Recognisable on the horizon are the towers of a distant town. Palace and park form the backdrop for the busy doings of countless figures.

This view into the distance is framed along the left-hand side of the image by a towering tree, and on the right by a building, nearly all of which is cut off from view. They function here as set pieces, and recall the scenery of a theatre stage. As a result, one has the impression of gazing into a peep box, which holds various and astonishing views ready for the beholder’s enjoyment. The detail with which the colourful
scenery has been rendered does much to reduce a sense of distance from the viewer.

The palace itself seems reminiscent of the Binnenhof and Ridderzaal in The Hague, while the town that looms up on the horizon seems to recall a view of Delft. The palace and environs are enlivened by elegantly dressed people, along with animals, dogs, and coaches. Taking place in the foreground is a celebration with musicians, dancing couples, and courtiers, who engage in conversation or watch a ballgame. We see nine players, divided into two groups, who drive a number of balls towards one another. Not unlike fist ball, this game requires strength, endurance, and skill. The heavy, leather ball is hit across the line by means of a curved wooden stick, and is marked in the grass by a servant with a stick. Next to him, we see a ball boy, who removes a limp leather ball from the game, while another pumps up a reserve ball.

The “ball game”, familiar in Italy beginning in the 16th century as the “gioco del pallone”, was taken up at courts throughout Europe, where it enjoyed great favour as a sporting diversion among the aristocracy. The servants, who hurry across the playing field with drinks and food, ensure the well-being of a genteel dinner party. This group has arrived, accompanied by music, at a garden pavilion that is overgrown with roses and crowned by a statue of the goddess Fortuna, and its members are
now engaged in relaxed conversation. Visible in the courtyards and gardens of the palace are promenading figures. Others practice archery, go hunting on horseback, or join boating parties on the palace ponds.

Recognisable on an island situated in the middle of the rearmost pond is a circular labyrinth consisting of low hedges. Conceivably, this motif may be interpretable as an admonition to this gallant society to avoid entering the maze of love and passion, where one readily loses oneself, and from which escape can be difficult. It may be that the statue of Fortuna warns as well of the impermanence of happiness. Pointing in the same direction is the ball game, which often serves as a symbol for the volatility and vicissitudes of life. The inflation of the ball, meanwhile, serves as an erotic motif, serving in the emblem literature of the time as a reference to lovemaking and its consequences. The romantic pair visible behind the ball boy who is busy with the pump leaves little doubt about this interpretation. In another miniature produced four years before the present picture, Hans Bol depicts a popular contest on the court pond in The Hague, where the antagonists stand on lightweight, unsteady rowboats, attempting to push each other into the water with wooden poles.

Alongside Hieronymus Cock (1507–70) and Pieter Bruegel the Elder (circa 1525/30–69), Hans Bol is among the key representatives of Netherlandish landscape in the 16th century. In Mechelen, he learned the art of painting with watercolour on canvas. Produced later alongside such “painted cloths” in his workshop in Antwerp, and finally in Amsterdam, were miniature paintings in watercolour and tempera on parchment, which he developed further as a specialised art form. The painting executed in so-called gouache represented an independent genre which is referred to as the “cabinet miniature”. During his late period, Hans Bol placed his unmistakable stamp on the pictorial type of the flat landscape, producing numerous miniatures featuring palaces with colourful accessory figures. His miniature-style landscape paintings were sought after and coveted by collectors, and their early presence in the inventories of princely art collections is well documented. Rainald Grosshans | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Letzte Aktualisierung: 03.07.2026

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Einrichtung:

Gemäldegalerie

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Die heilige Margarete vor Olybrius

Die heilige Margarete vor Olybrius

Geschichten auf Gold, Kat.Nr. 9, pp. 192-195: Stefan WeppelmannDie Predellenszene ist ein repräsentatives Beispiel für die Sieneser Malerei in den ersten beiden Dekaden des 15. Jahrhunderts. Diese Jahre stehen zwar noch im Zeichen der in spätmittelalterlicher Tradition gründenden Kunst eines Bartolo di Fredi, eines Martino di Bartolomeo und vor allen eines Taddeo di Bartolo, der bis 1422 aktiv bleibt, allerdings lässt sich aus dem Wirken dieser Maler die gänzlich andersartige Formensprache der beiden großen Hauptmeister, die Siena in der Folgezeit zwischen 1420 und 1480 prägen – gemeint sind Giovanni di Paolo und Sassetta – nicht unmittelbar erklären. Es bedarf gleichsam eines stilistischen Bindeglieds zwischen der spätgotischen Kunst des Trecento und den Werken der Frührenaissance. Diese Rolle kommt, neben Gregorio di Cecco di Luca, besonders Benedetto di Bindo zu. Benedetto schreibt sich gegen Ende des 14. Jahrhunderts in die Gilderolle der Sieneser Maler ein. 1409 ist er, gemeinsam mit Andrea di Bartolo, mit dem Fassen zweier Büsten der Sieneser Stadtpatrone beschäftigt. 1415 wird er nach Perugia berufen, wo er Kartons für Fenster der dortigen Dominikanerkirche entwirft. Nur zwei Jahre später stirbt er. Die Szene aus dem Leben der Hl. Margarete, die 1821 aus dem Solly-Bestand in die Berliner Galerie gelangte, hat ihre originalen Rahmung verloren; ihre Oberfläche wurde zu unbekannter Zeit drastisch gereinigt, so dass die Farben verrieben sind. Ein Teil der Goldborten auf den Gewandungen ist nachgezogen. Im unteren Bereich des Bildträgers verläuft ein 20 Zentimeter breiter Riss. Die von Miklós Boskovits vorgenommene Rekonstruktion des Ensembles, zu dem das Stück wahrscheinlich gehörte, beinhaltet eine Kreuzigungsdarstellung, die heute im Szepmüveszeti Muzeum zu Budapest ist, und die mit einem Format von 24 x 41 cm gut zu der Berliner Predellentafel passt sowie zwei Flügel, von denen der rechte die Hl. Margarete darstellt (unbekannter Aufbewahrungsort). Für die Mitteltafel, welche somit von der Budapester Kreuzigung unterfangen war, dürfte man eine Madonnendarstellung annehmen. Es bleibt offen, ob die beiden kleinformatigen Heiligenfiguren des Katharinenkonvents in Utrecht, die Boskovits als Teile seitlicher Pilaster in die Rekonstruktion einbezieht (je ca. 34 bzw. 35 x 10 cm), tatsächlich dafür in Frage kommen, da für sie auch andere Werke Benedettos in Betracht zu ziehen wären. Für Boskovits’ Vorschlag spricht jedoch, dass beide Figuren aus der Ramboux-Sammlung stammen, auf die sich auch die Budapester Kreuzigung zurückführen lässt. Hingewiesen sei an dieser Stelle auch auf eine dritte Figur, die bislang nur ein Auktionskatalog abbildet, wobei allerdings nicht erkannt wurde, dass sie mit Abmessungen von 33,4 x 10,8 cm zur gleichen Serie wie die Utrechter Heiligen gehört. Der ursprüngliche Aufstellungsort des Retabels ist unbekannt, jedoch kommt, angesichts der privilegierten Position der Hl. Margarete, eigentlich nur ein dieser Heiligen geweihter Altar in Frage. Hinsichtlich einer zeitlichen Einordnung in das Œuvre Benedettos haben wir es mit einem Werk zu tun, das eine relativ frühe Phase innerhalb der kurzen Schaffenszeit des Künstlers repräsentiert und, in Relation zu den datierten Werken, etwa um 1410 anzusetzen ist. Geht man von der Korrektheit der o. g. Rekonstruktion aus, so lag eine dreiteilige Predella vor. Da rechts der Kreuzigung Margaretes Versuchung durch den Präfekten Olybrius erscheint, wäre zur Linken mit der Antoniusversuchung zu rechnen, die im 14. und 15. Jahrhundert zu einem häufig dargestellten Thema avancierte.Die Passio der Heiligen Margarete geht auf eine griechische Quelle zurück, die in lateinischer Übersetzung im Mittelalter weite Verbreitung findet. Die Heiligenvita wird in das Martirologio Romano aufgenommen; wichtig für die Verbreitung der Legende war auch die unter dem Titel Misteri di S. Margherita bekannt gewordene Schrift, im Spätmittelalter dann schließlich die Vita der Heiligen innerhalb der Legenda aurea. Dargestellt ist auf der Berliner Tafel die Begegnung Margaretes mit dem römischen Präfekten Olybrius, der sich von links zu Pferd mit seinem Gefolge nähert, und der die Heilige zu sich ruft. Margarete steht in der Bildmitte, hinter ihr befinden sich zwei ihrer Begleiterinnen und blicken besorgt auf das Geschehen. Zunächst herrscht der Eindruck vor, dass Benedetto in der Komposition des Ganzen Topoi und Standards der ihm vorausgehende Malerei einbringt. Speziell an die Kunst des frühen Trecento ist zu denken, und hier vornehmlich an Simone Martini. Benedettos Nähe zu älteren Vorbildern geht dabei so weit, dass nicht nur Motive sondern auch modische Details aus der älteren Malerei in die Darstellung einfließen, wie etwa die im Ellenbogen endenden, schräg angeschnittenen und weiten Ärmel des Kleides der Heiligen. Der Ansprache des Präfekten, die dieser mit seiner Rechten unterlegt, wobei er deren schlanke Finger abspreizt, begegnet Katharina ihrerseits durch Hervortun der Linken, hat jedoch dabei den Zeigefinger belehrend erhoben. Diese höfisch anmutende Dialoggestik der Hauptfiguren, die als Frage und Antwort zu lesen ist, hat ihren Ursprung direkt in Werken des Simone Martini. Auch der Lorbeerkranz, der den Präfekten nicht nur als Römer kennzeichnet sondern auch als Heiden, ist keine Invention Benedettos sondern ein weit verbreiteter Topos, der bereits im frühen Trecento vorkommt. Im Blick auf die massiven und plastischen Leiber der Pferde ist schließlich an bildplastische Darstellungen zu denken, wie sie etwa der Sienese Goro di Gregorio am Schrein des Hl. Cerbonius im Dom zu Massa Marittima zeigt (1324). Trotz dieser generell retardierenden Haltung ist zugleich festzuhalten, dass sich unser Maler für die Komposition nicht auf eine Vielzahl existenter Darstellungen dieses Themas berufen konnte, sondern weitgehend eigenständig die schriftliche Fixierung des Geschehens ins Bild umzusetzen hatte. Dies ist an sich schon etwas Besonderes, womit sich diese Szene gegenüber den meisten der in der Ausstellung vertretenen Tafeln abhebt. Von dieser erzählerischen Freiheit ist dann auch Einiges auf diesem kleinen Werk spürbar. Was ist geschehen?Margarete war mit ihren Gefährtinnen dabei, die Schafe ihrer Amme zu hüten, einige der Tiere der Herde sind am rechten Bildrand zu sehen. Da nähert sich Olybrius mit seinem Gefolge. Er entsendet einen Reiter, der Margarete von ihren Gefährtinnen trennt und zu Olybrius geleitet. Da steht sie nun vor dem Pferd des Präfekten, während ihr der Gefolgsmann des Olybrius, ebenfalls hoch zu Ross, den Rückzug versperrt. Dieser Weg führt nämlich über eine hölzerne Brücke, die einen Bach oder eine tiefe Erdspalte überspannt. Margarete ist gefangen und damit ausgeliefert. Dieser Situation tragen die Begleiterinnen Rechnung, die auf der echten Bildhälfte verängstigt dreinschauen, die eine hat die Hände unter dem Kinn in einer Geste der Verzweiflung und zugleich wie im Gebet verschränkt, die andere hebt ihre Rechte und zeigt, wie zur Abwehr, ihre Handinnenseite. In der Linken hält sie die Flachsspindel; offenbar waren die Frauen damit beschäftigt, Schurwolle zu spinnen. Doch nicht nur diese beiden Mädchen nehmen besorgt am Geschehen Anteil, auch der Hirtenhund ist rechts im Bildvordergrund zornig herbei gesprungen und kläfft die Herannahenden an. Hervorzuheben ist ferner die genaue Wiedergabe zeittypischer Details der Rüstungen sowie der Sättel und des Zaumzeugs. Ein naturalistischer Zug ist Benedetto bei der Darstellung der unter Spannung stehenden Steigbügel gelungen. Einhergehend mit diesem Bemühen um Wirklichkeitsnähe ist der Griff zu einem Gestaltungsmittel, mit dem Benedetto dynamische Bewegung des Ganzen suggeriert. Vollkommen unkonventionell und geradezu kühn ist, wie die Heilige mit ihrer massiven Aureole den Kopf des Pferdes überdeckt, das dem Reiter hinter ihr gehört. Damit wird einesteils der über die diagonale Verkürzung des Pferdes schon sehr stark ausgeprägte Tiefenzug noch unterstrichen, andererseits aber der Eindruck von Spontaneität und Momenthaftigkeit erwirkt. Ebendies ist ein Merkmal, das Benedetto die erwähnte Rolle eines Vorläufers der Kunst der Frührenaissance zuweist.Quellen:„Margareta ist von der Stadt Antiochia geboren und war die Tochter des heidnischen Patriarchen Theodosius. Sie ward einer Amme übergeben, und da sie zu ihren Tagen kam, ward sie getauft; darum hasste ihr Vater sie gar sehr. Als sie fünfzehn Jahre alt war, geschah es eines Tages, da sie mit anderen Jungfrauen die Schafe ihrer Amme hütete, dass der Praefect Olybrius daselbst vorüberzog; und da er die schöne Jungfrau erblickte, entbrannte er alsbald in Liebe zu ihr. Er sprach zu seinen Knechten: »Gehet hin und bringt sie mir; ist sie frei, so will ich sie zur Ehe nehmen, ist sie eine Magd, so soll sie meine Beischläferin sein«. Also ward sie vor ihn geführt, und er fragte sie nach Herkunft, Namen und Glauben. Sie antwortete, dass sie wäre von edlem Geschlecht, dass ihr Name wäre Margareta, und dass sie halte Christenglauben. Sprach der Praefect: »Die beiden ersten Dinge stehen dir wohl an: dass du edel bist und dem Steine Margarita gleichest an Schönheit; das dritte aber ist nicht ziemlich, dass eine so schöne Jungfrau einen gekreuzigten Gott habe«. Sie antwortete: »Woher weißt du, dass Christus gekreuzigt ward?«. Er sprach: »Das weiß ich aus den Büchern der Christen«. Margareta antwortete: »Es ist darin geschrieben von Christi Leiden und von seiner Herrlichkeit; wie mag es sein, dass du das eine glaubest und das andere nicht?«. Und hub an zu sagen, wie Christus aus freiem Willen gekreuzigt sei für unsere Erlösung, und dass er nun ewig lebe. Da war der Praefect zornig und hieß sie in das Gefängnis werfen.“(LEGENDA AUREA DES JACOBUS DE VORAGINE (ED. BENZ, 2004), S. 356-357)

Christus nimmt Abschied von seiner Mutter

Christus nimmt Abschied von seiner Mutter

Am Tor, vor den Mauern einer Stadt, umfängt Christus seine im Abschiedsschmerz niedersinkende Mutter. Drei Begleiterinnen Marias stehen rechts neben dem Stadttor. Links, weiter zurück zwischen Bäumen, steht Petrus neben anderen Jüngern. Der Hintergrund bietet einen Ausblick auf Wälder, eine Burg und schroffe, zerklüfteteGebirgsketten am Horizont.Die Tafel ist Teil eines umfangreichen Altarretabels gewesen. Eine weitere Tafel mit der Entkleidung Christi befindet sich ebenfalls in der Gemäldegalerie (Abb.links). Diese Szene zeigt, wie die Henker Christus die Kleider vom Leib reißen, während Maria bemüht ist, die Blöße ihres Sohnes zu bedecken. Die beiden Gruppen sind in einer Bildebene konfrontiert. Die wesentlichen Bewegungen und Gesten spielen sich in bildparallelen Flächen ab. Das Gefüge der Komposition ist wesentlich linear bestimmt. Christus beugt sich zur Mitte hin, sein Gesicht ist so gleichsam ins Zentrum gerückt und frontal dem Betrachter zugekehrt. Das Ereignisbild wird zu einem Andachtsbild erhöht, das Haupt Christi wird zum Heiligen Antlitz, ein Bild im Bild.Wesentliche Züge der Kunst Bernhard Strigels, die aus der schwäbischen Spätgotik erwachsen sind, werden in den beiden Darstellungen sichtbar. Charakteristisch sind die sehr schlanken, manierierten Gestalten, deren Ausdruck überwiegend in der preziösen oder auch brutalen Gebärde liegt. Die Kompositionen sind in klar geschiedenen, in die Tiefe gestaffelten Plänen aufgebaut. Linie und Fläche sind Strigels wesentliche Ausdrucksmittel, das zeigt auch der Vorrang, den die Profilansichten genießen. Von dem zerstörten Retabel sind noch zwei weitere Tafeln in Karlsruhe (Kunsthalle) erhalten: die Verkündigung an Maria und die Fußwaschung. Vier Tafeln mit je zwei Heiligen sind 1945 in Berlin verbrannt. Einige der Themen setzen eine umfangreiche Passionsfolge voraus. Es muss sich demnach um ein sehr großes Retabel mit mehreren Flügelpaaren gehandelt haben. Eine Aussage darüber, wie es aussah, ist jedoch kaum möglich, da das Erhaltene keine ausreichende Basis zur Rekonstruktion bietet.Der klar gegliederte Aufbau der Szenen, das Verhältnis der monumentalen Figuren zur Landschaft und die breit angelegte Malerei mit den tiefleuchtenden Farben deuten auf den Beginn des Spätstils Strigels gegen 1520 hin. Die Provenienz aus Isny im Allgäu ist nicht gesichert. Wilhelm H.Köhler | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019____________________________________________________________________________________ At a gate outside the walls of a city, Christ is embracing his mother who is sinking to the ground overcome with grief at their parting. The three women accompanying Mary are standing on the right, next to the city gate. In the left-hand background and between trees Peter stands next to the other disciples. Behind them, one can see a landscape with woods, a castle and craggy rugged mountains on the horizon.The panel was part of large altarpiece. The Gemäldegalerie holds another panel belonging to the same altarpiece, the Disrobing of Christ (fig. left). This scene shows the executioners tearing off Christ’s clothes, while Mary tries to cover her son’s nakedness. The two groups face one another in a single pictorial plane. The main movements and gestures take place in parallel pictorial fields. The structureof the composition is essentially linear. Christ is leaning over towards the middle, thus bringing his face into central focus, looking directly at the viewer. This raises the narrative painting to the status of a devotional painting. Christ’s head becomes the Holy Countenance, a picture within a picture.Both depictions feature important elements of the art of Bernhard Strigel that developed out of the Swabian late-Gothic style. Characteristic are the very slender, mannered figures whose expressions are generally informed by either contrived or brutal gestures. The compositions are constructed in clearly divided receding planes. Lines and planes are Strigel’s chief means of expression, demonstrated alsoby his penchant for profile views. Two further panels from the destroyed altarpiece have been preserved in Karlsruhe (Kunsthalle): the Annunciation and Christ Washes the Feet of His Disciples. Four panels each showing two saints burned in Berlin in 1945. Some of the themes suggest the context of a major Passion cycle scenes. The altarpiece must therefore have been very large, with several pairs of wings. But it is almost impossible to say what it looked like, since the surviving pieces do not provide a sufficient basis for a reconstruction.The clear structure of the scenes, the relationship of the monumental figures to the landscape and the large-scale painting with the luminescent colours suggest that Strigel’s late style began around 1520. The provenance from Isny im Allgäu is unconfirmed. Wilhelm H.Köhler | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Eislandschaft mit Schlitten und eingefrorenen Booten

Eislandschaft mit Schlitten und eingefrorenen Booten

Isaac van Ostade kreierte in der Berliner Winterlandschaft ein poetisches Stimmungsbild, das eine vermeintliche Alltagsszene zeigt. Eingefasst von dem kahlen Geäst eines Baumes rechts und einigen Bootsmasten zur Linken, gibt das Bild den Blick auf die eisbedeckte Fläche eines zugefrorenen Binnengewässers frei. Die dargestellten, mit Lasten schwer beladenen Schlitten werden von Hand über das Eis geschoben oder von Pferden gezogen. Was im Sommer durch Schiffe, die nun festgefroren im Eis liegen, einfach zu transportieren ist, muss im Winter mühselig befördert werden. Im Hintergrund der Szene sind silhouettenhaft Spaziergänger und Schlittschuhläufer zu erkennen. Im Gegensatz zu den sehr summarisch angelegten Figuren, deren Formen nur sehr grob angelegt sind, treten die aufgeworfenen Schneereste, die Ufergräser und Zweige des Baumes, in feinmalerischer Prägnanz hervor. Auf diese Weise schafft Ostade eine atmosphärisch überzeugende Darstellung der im 17. Jahrhundert noch wenig menschenfreundlichen Jahreszeit des Winters. Einige wenige Lokalfarben in der vorderen Zone – das gedeckte Karminrot eines Rockes, etwas Zitronengelb unter dem stumpfen Blau einer Mütze oder das pastose Weiß eines Schimmels – lösen sich in perspektivisch differenzierter Abfolge in den weich verfließenden Brauntönen von Mittel- und Hintergrund auf. Das Landschaftliche beherrscht das Blickfeld. Dabei gehörte Isaacs Vorliebe der Figuren- bzw. Genremalerei. In Anlehnung an seinen älteren Bruder Adriaen, dessen Schüler er war, bevorzugte er Themen aus dem bäuerlichen Alltagsleben. Nehmen die Figurenszenen in seinen früheren Bildern einen großen Stellenwert ein, so gewinnt die Landschaft in den späteren Werken zunehmend an Bedeutung. Winterlandschaften und der Halt vor einem Wirtshaus gehören dabei zu den Hauptsujets des bereits mit 28 Jahren verstorbenen Malers. Am Ende von Ostades künstlerische Entwicklung entstanden Werke, die ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Figur und Landschaft zeigen. Die Grenzen zum Landschaftsfach hat der spezialisierte Genremaler jedoch nur selten überschritten. Aber gerade seine Tätigkeit auf diesem Gebiet hat herausragende Leistungen hervorgebracht. Denn die von graulilafarbenen Wolkenzügen und frostigem Himmelsblau überspannte Eisansicht erschöpft sich nicht allein in realistischer Wiedergabe der heimischen Natur, sondern erweist sich in den behutsam nuancierten Licht- und Tonwerten als ein poetisch gesteigertes Stimmungsbild. Der berührende Ausdrucksgehalt des Bildes, der an Rembrandts Winterlandschaft von 1647 (Kassel, Staatliche Kunstsammlungen) denken lässt, macht deutlich, welchen Verlust die holländische Malerei durch den frühen Tod Isaac van Ostades erlitten hat. Katja Kleinert und Jan Kelch | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. links unten: Isack .ostade___________________________________________________________________In this winter landscape, Isaac van Ostade created a poetic mood showing what appears to be an everyday scene. Framed by the bare branches of a tree on the right and several boats’ masts on the left, the painting opens a view of the ice-covered surface of a body of water that has frozen over. Heavily laden sledges are being pushed across the ice by hand or pulled by horses. What can easily be transported in summer by ships that now lie in the ice, frozen fast, has to be moved laboriously in winter. In the background, the silhouettes of people walking and skating can be made out. In contrast to the figures, which are delineated very sketchily with forms only depicted roughly, the piled-up remains of snow, the grasses on the banks and the branches of the tree are painted with fine clarity. In this way, Ostade creates an atmospherically convincing representation of winter, a season that was still hostile to humans in the 17th century. A very few patches of local colour in the foreground zone – the muted crimson of a coat, some lemon yellow beneath the matt blue of a cap and the pastose white of a horse – dissolve in a differentiated perspectival sequence into the softly blurring shades of brown of the middle ground and the distance. The landscape element dominates the view.Despite this, Isaac van Ostade’s preference was for painting figures and genre scenes. Following his older brother Adriaen, who was his teacher, he had a liking for subjects from everyday rustic life. Whereas scenes with figures possessed great importance in his early paintings, in later works the landscape became increasingly significant. Winter landscapes and a stop in front of an inn are among the main themes of the artist, who died at the age of only 28. At the end of his artistic development, Ostade painted works that display a balanced relationship between figures and landscape. As a specialised genre painter, he seldom crossed the border to landscape painting, but it was his work in this field that produced outstanding achievements: the view of ice beneath trails of clouds in grey-purple colours and a frosty sky-blue is not limited to the realistic reproduction of nature in his homeland, but in its carefully nuanced gradations of light and colour tones manifests itself asa poetically enhanced portrayal of atmosphere. The touching expressiveness of the work, which is reminiscent of Rembrandt’s winter landscape of 1647 (Kassel,Staatliche Kunstsammlungen), emphasises how great a loss to Dutch painting the early death of Isaac van Ostade was. Katja Kleinert und Jan Kelch | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019