Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- Ausführung: 1502
- Weitere Titel
- Sammlungstitel: Die heilige BarbaraÜbersetzung: Saint Barbara
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- Pappelholz
- Abmessungen
- Bildmaß: 172 x 113,5 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/870892
Objektbeschreibung
Die
Figur der Heiligen Barbara erhebt sich vor einer Landschaft mit mittelhohem
Horizont und strahlend blauem Himmel. Die rechte Seite wird von einer
Hügelkette beherrscht, die in eine Felsformation übergeht, während links eine
entfernte, von Wasser umgebene Burg zu sehen ist. Die Heilige steht im
Vordergrund auf einer am Boden schattierten Stelle, an deren Rand einige
Pflanzen wachsen. Ihre mächtige Figur ist in ein langes, schlichtes rotes
Gewand gehüllt, unter dessen Faltenwürfen ihre Fußspitzen sichtbar sind. Ein
grün-dunkelblauer Überwurf mit goldfarbener Rückseite fällt anschwellend mit
elaborierten Bündeln und plastischen Falten über die Unterarme und den
Unterkörper. Ein entsprechend kräftiger Hals stützt das symmetrische, ovale,
wie in Wachs modellierte Gesicht mit androgynen Zügen, das von langen
dunkelbraunen Haaren eingefasst und mit einem schlichten Reif geschmückt ist.
Der Blick ist direkt auf den Betrachter gerichtet. In beiden Händen hält sie
einen goldenen Kelch mit einer Hostie, eines ihrer Attribute. Das andere ist
der walzenförmige Turm im Mittelgrund links, in den sie der hagiografischen
Überlieferung zufolge wegen ihrer Schönheit und aus Eifersucht von ihrem
heidnischen Vater Dioscuros eingesperrt wurde. Dort bekehrte sie sich zum
Christentum, und ließ ein drittes Fenster als Symbol der Dreifaltigkeit in den
bis dahin zweifenstrigen Turm brechen. Als sie ihrem Vater ihre Bekehrung
mitteilt, will dieser sie sofort erschlagen. Sie kann jedoch fliehen, denn
durch ein Wunder öffnet sich ein Felsen, in dem sie sich verbirgt, bis ein
Hirte sie verrät. Erneut wird sie eingekerkert, mit Ruten gegeißelt und mit
Fackeln verbrannt. Letztlich wird sie vom eigenen Vater enthauptet, der
daraufhin von einem Blitz getroffen und getötet wird.
Auf
dem Bild sind alle für die Erzählung bedeutenden Elemente zu sehen: Der Felsen,
der Turm, selbst das Gewölk oben links gehört zur Legende. Es soll Barbara
verhüllt haben, als sie im Laufe ihres Martyriums nackt auf dem Markt zur Schau
gestellt wurde. Irritierend ist, dass der Turm, das Hauptattribut der Barbara,
nur mit einem statt drei Fenstern versehen ist.
Bereits
Albuzzi 1775 und Bianconi 1787 erwähnen das Gemälde, damals noch befindlich in
der Sakristei der Mailänder Kirche Santa Maria presso San Satiro, als
eigenhändiges Werk Giovanni Antonio Boltraffios. Ein 1905 von Malaguzzi Valeri
veröffentlichtes und kommentiertes Dokument bestätigt die Zuschreibung und die
Kirche Santa Maria als ursprünglichen Bestimmungsort des Gemäldes. Es handelt
sich um das Protokoll des Beschlusses von Prioren und Mitgliedern der
Bruderschaft derselben Kirche vom 27. Oktober 1502, den Meister „Johanne
Antonio Boltraffio dipintore de Milano” mit der Anfertigung einer Tafel mit
der Darstellung der hl. Barbara für deren Altar zu beauftragen. Das Werk wurde
aller Wahrscheinlichkeit nach in dem folgenden Jahr fertiggestellt.
Boltraffio,
den Vasari in der zweiten
Aufgabe seiner „Viten“ 1568, als tüchtigen und erfahrenen
Schüler Leonardos erwähnt, ist als einer besten und engsten Schüler und
Mitarbeiter des Florentiners während dessen Aufenthalts in Mailand in die
Kunstgeschichtsschreibung eingegangen. Ein Musterstück des fruchtbaren
Austausches zwischen Meister und Schüler ist Die Auferstehung Christi mit den hll. Leonhardt und Lucia, ebenfalls in der Berliner
Gemäldegalerie (Kat. Nr. 90B), die er gemeinsam mit Marco d’Oggiono, einem
weiteren Schüler und Mitarbeiter Leonardos um 1495 ausführte.
Wenngleich sich Boltraffio in seinem Frühwerk
häufig an die Bildsprache Leonardos anlehnt, greift er in der Tafel der
Heiligen Barbara nicht, wie zu erwarten wäre, auf dessen Formeln zurück,
sondern bezieht sich auf das Werk anderer zeitgenössischer Maler, unter denen,
wie Malaguzzi Valeri 1905 bemerkt, das von Ambrogio da Fossano, genannt Il Bergognone,
das bedeutendste ist.
Nicht
lange vor der Entstehung des Berliner Gemäldes hatte Bergognone 1498 die
Nischen des Querschiffes der Kirche Santa Maria presso San Satiro mit einem
Freskenzyklus ausgestattet. Die Fresken, heute auf Leinwand übertragen und in
der Pinacoteca di Brera in Mailand aufbewahrt, geben eine Reihe Heiliger
beiderlei Geschlechts in ganzfiguriger Darstellung wieder. Bergognones hl.
Barbara aus dieser Reihe (Inv. Reg. Cron 1200) diente Boltraffio als
Vorbild für sein Gemälde. Er übernimmt für seine Figur die gleiche Haltung, die
Anordnung des Überwurfs und die Platzierung des Attributs, doch das Endergebnis
und die Gesamtwirkung sind sehr verschieden. Boltraffio schafft durch die
Beschränkung auf Blau- und Ocker-Töne der Landschaft eine nüchterne Atmosphäre,
in der die Figur der Heiligen plastischer und majestätischer wirkt.
Das Berliner Gemälde stellt deutlich die
stilistische Emanzipation Boltraffios von Leonardo dar, die auf seine
berufliche Trennung von ihm zurückzuführen ist. Unmittelbar nachdem Ludovico
Sforza, Il Moro, 1499 durch die Franzosen aus Mailand verbannt worden war,
kehrte Leonardo nach Florenz zurück, während Boltraffio eine Reise nach Bologna
antrat.
Suida 1929 beobachtet am Berliner Bild, wie
der Maler „im Spiegel der beruhigenden schlichteren Klarheit eines
Bergognones oder Zenales seine eigene Art wiederfindet“. Venturi wiederum kritisiert 1941 das Bild
als eine misslungene Mischung aus Elementen des lombardischen Realismus und der
leonardesken Phantasie. Sieht man einmal von Venturis stets abwertender Kritik
an den Werken der Nachfolger Leonardos ab, lässt sich sagen, dass die
stilistische Orientierung Boltraffios jedoch nicht nur mit seiner Rückbesinnung
auf das Werk lokaler Maler, sondern auch mit seinem Aufenthalt in Bologna
zusammenhängt. Dort führte er 1500 ein Altarbild im Auftrag seines Freundes, des Dichters Girolamo Casio
aus. Die sogenannte Pala Casio, aufbewahrt im Pariser Musée du Louvre
(Inv. 103.), wurde von Vasari 1568 als ein „wahrhaft schönes Werk“ gelobt.
Ihm zufolge hatte sich der Maler in der heute nicht mehr vorhandenen Signatur
als Schüler Leonardos bezeichnet.
Während
seines Aufenthaltes in Bologna könnte Boltraffio, wie Frangi 1998 vermutet,
leicht in Kontakt mit dem Werk Francesco Francias gekommen sein. Das Ergebnis
seiner Auseinandersetzung mit der Leitfigur der Bologneser Malerei jener Zeit
kristallisiert sich erstmals in der Pala Casio und später im Berliner
Bild heraus. Auf dem unausgewogenen Verhältnis von Figur und Landschaft, einem
Kompositionsprinzip, bei dem die Figuren stark in den Vordergrund gerückt
werden, das Francia in zahlreichen Gemälden anwandte und das den Figuren eine
monumentale Wirkung verleiht, scheint die klassizistische, fast statuarische
Plastizität und Schwere der Figur der Barbara zu beruhen.
Die Figur der hl. Barbara steht in enger Beziehung zu einer
Pastellzeichnung Boltraffios mit dem Porträt einer jungen Frau in der
Pinacoteca Ambrosiana in Mailand (Inv. Nr. 14.). Gesichtszüge und Frisur sind
auffallend ähnlich, auch einige Schatten, wie etwa unter der Nase und auf der
rechten Wange, wurden in das Gemälde übertragen, nur im Gegensatz zum Bild
richtet die Porträtierte den Blick nach unten. Die Skizze eines geöffneten
Augenpaares auf der rechten Seite zeigt, wie bereits Malaguzzi Valeri 1917
feststellte, dass die Zeichnung Teil des Bildfindungsprozesses war. Im
Endeffekt entscheidet sich der Maler für das Gemälde, für die Darstellung der
Figur mit geöffneten Augen.
Auf dem Berliner Gemälde lässt sich erkennen,
wie Boltraffio im Gegensatz zu anderen Schülern und Mitarbeitern Leonardos über
dessen Ausbildung hinausging und einen eigenen Stil entwickelte, ohne jedoch
die Lehren des Florentiner Meisters zu vernachlässigen. Das Antlitz der Barbara mit dem auf den
Betrachter gerichteten Blick drückt eine - wenn auch nicht näher bestimmbare -
seelische Verfassung aus, ganz im Sinne der Überlegungen Leonardos zur
Darstellung innerer Zustände, die er oft in seinem Malereitraktat als eine der
zentralen Aufgaben des Malers preist.
Anmerkung zur
Provenienz
Während der
französischen Herrschaft in Mailand im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wurde
das Gemälde, wie zahlreiche Werke im Eigentum der Kirche, beschlagnahmt und zum
Verkauf angeboten. Kurz darauf gelangte es in die Sammlung des Bankiers Edward
Solly, die ihrerseits 1821 für die Königliche Sammlung in Berlin erworben
wurde.
Llane Fragoso Maldonado (veröffentlicht am 25.01.2024)
Literatur
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Francesco
Antonio Albuzzi: Memorie per servire alla storia de’ pittori, scultori e
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Bianconi 1787
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Verzeichnis 1830
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Königlichen Museums Berlin. Berlin 1830. (S. 70.)
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in den Galerien von München, Dresden und Berlin. Ein kritischer Versuch,
Leipzig 1880. (S.468)
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hrsg. von der Generalverwaltung, 2 Bde., Berlin 1888. (I, S. 72, Abb. S. 70.)
Bode 1889
Wilhelm Bode, La Renaissance au Musée
de Berlin, in «Gazette des Beaux-Arts», I, 1889, S. 487-505. (S. 500.)
Bode
1891
Wilhelm
Bode (hrsg.), Königliche Museen zu Berlin. Beschreibendes Verzeichnis der
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Lermolieff
(= Morelli) 1893
Ivan Lermolieff (=Giovanni Morelli), Kunstkritische
Studien über italienische Malerei: Die Galerie zu Berlin, (nebst
einem Lebensbilde Giovanni Morelli’s), hrsg. von Gustavo Frizzoni, Leipzig
1893. (S. 138.)
Fabriczy
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von Fabriczy, Boltraffios hl. Barbara im Berliner Museum, in
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Malaguzzi Valeri 1905
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(S.
147.)
Kunstchronik 1904/1905
Unbekannter Verfasser (evtl. Ernst Arthur Seemann? Verleger und
Redaktor), Kommentar zu Malaguzzi Valeris Veröffentlichung von 1905 in
«Kunstchronik» Heft 2, 1904, Spalte 31.
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Seidlitz
1909
Woldemar
Seidlitz, Leonardo da Vinci: der Wendepunkt der Renaissance, 2 Bde.,
Berlin 1909. (I, S. 273.)
Kaiser-Friedrich-Museum 1910
Führer durch die Königlichen Museen zu Berlin: Das
Kaiser-Friedrich-Museum, hrsg. von Wilhelm Bode, Berlin
1910. (S.
254-255.)
Posse
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Hans
Posse, Die Gemäldegalerie des Kaiser-Friedrich-Museums: Die romanischen
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Venturi 1915
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Suida 1929
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Venturi 1941
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Carminati 1994
Marco Carminati Cesare da Sesto
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Pozzolo 1995
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Lorenzo Lotto ad Asolo. Una Pala e i suoi segreti, Venedig 1995. (S.
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hrsg. von Giulio Bora/ David Alan Brown/Marco Carminati, Mailand 1998. (S. 152.
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Francesco Frangi in: Pittura a Milano. Rinascimento e Manierismo, hrsg.
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Alessandro Rovetta in: L’Ambrosiana e Leonardo, hrsg. von
Pietro C. Marani/ Marco Rossi/ Alessandro Rovetta, Ausst.-Kat. Mailand, Biblioteca –Pinacoteca Ambrosiana, 01. Dez. 1998
– 30 April 1999, Mailand 1998. (S. 100.)
Bandera/Fiorio 2000
Sandrina Bandera/ Maria Teresa Fiorio (hrsg.), Bernardino Luini e la pittura
del Rinascimento a Milano. Gli affreschi di San Maurizio al Monastero Maggiore,
Mailand 2000. (S. 61-62.)
Fiorio 2000
Maria Teresa Fiorio, Giovanni Antonio Boltraffio: un pittore milanese
nel lume di Leonardo, Mailand 2000. (S.
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Magnani 2000
Ada Magnani in: Il Cinquecento Lombardo. Da Leonardo a Caravaggio, hrsg.
von Flavio Caroli, Ausst.-Kat. Mailand, Palazzo Reale, 4. Okt. 2000 - 25. Feb.
2001, Mailand 2000. (S. 110.)
Ballarin 2010
Alessandro Ballarin, Leonardo a
Milano. Problemi di Leonardismo Milanese tra Quattrocento e Cinquecento. Giovanni
Antonio Boltraffio prima della Pala Casio, 4 Bde. Mailand 2010. (I,
S. 5. Abb. CXXXIX.)
Letzte Aktualisierung: 03.07.2026
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