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Maria mit dem Kind, von den Evangelisten Markus und Lukas verehrt

Ident. Nr.: 300

ObjID: obj:871352

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Jacopo Tintoretto (1518 - 1594),
Maler*in
Datierung
Ausführung: 1570/75
Systematik/Art
Weitere Titel
Sammlungstitel: Maria mit dem Kind, von den Evangelisten Markus und Lukas verehrt
Übersetzung: The Virgin and Child Adored by the Evangelists Sts. Mark and Luke
Geografische Bezüge
Herstellungsort: Italien,
Land
Material / Technik
Leinwand
Abmessungen
Bildmaß: 230,2 x 163,7 cm
Erwerbung
1841 Ankauf durch G. F. Waagen von dem Kunsthändler Francesco Pajaro, Venedig

Objektbeschreibung

Zu den wenigen großformatigen Bildern des venezianischen Cinquecento, die kurz vor Kriegsende aus dem Flakturm Friedrichshain gerettet werden konnten, gehört Tintorettos Altarbild der Maria mit dem Kind, von den Evangelisten Markus und Lukas verehrt, das aus den Jahren 1570/75, aus der reifen Zeit Tintorettos stammt, kurz bevor er mit der Ausmalung der Sala Grande in der Scuola di San Rocco begann. Im Gegensatz zu dem anderen erhaltenen großen Bild Tintorettos in der Berliner Galerie, den drei venezianischen Stadtkämmerern (camerlenghi), Marco da Molin, Carlo Cornaro und Nicolò Zane, vor dem heiligen Markus aus dem Palazzo dei Camerlenghi in Venedig (1571), das unseres Erachtens mit Werkstattbeteiligung ausgeführt wurde, ist das Altarbild vollkommen eigenhändig gemalt. Schon mit bloßem Auge kann man die Pentimenti an den Folianten der Evangelisten und am Schulterkontur des Lukas erkennen, doch noch mehr enthüllt das Röntgenbild die kraftvoll ausfahrende Pinselschrift des Meisters. Der segnende Arm des Christkindes scheint ursprünglich weiter ausgegriffen zu haben. Rechts neben bzw. hinter Lukas scheint noch eine weitere Figur geplant gewesen zu sein. Vielleicht sollten ursprünglich alle vier Evangelisten dargestellt werden. Für welche Kapelle oder Kirche das Bild bestimmt war, wissen wir nicht. Im Gegensatz zur ausfahrenden Pinselschrift des vorbereitenden Stadiums, wie es von der Röntgenaufnahme bloßgelegt wird, fällt beim ausgeführten Bild die ungewöhnlich markante Plastizität der Formen auf, besonders die der beiden Evangelistenfiguren, die in kontrastreichem Helldunkel modelliert sind. Von der Bercken (1942) nahm an, daß die Haltung der Marienfigur von Michelangelos Madonna in der Medicikapelle in Florenz (S. Lorenzo) abgeleitet sei. Das Faltenrelief ihres blauen Mantels ist in seiner ursprünglichen Form im Zuge einer kürzlich im J. Paul Getty-Museum in Malibu vorgenommenen Reinigung unter Übermalungen wieder zum Vorschein gekommen. Auch die ursprüngliche Farbigkeit wurde zurückgewonnen. Eine quadrierte Kreidevorzeichnung für die Figur des Lukas befindet sich im Fitzwilliam Museum in Cambridge. Eine weitere quadrierte Kreidevorzeichnung für die Madonna und das Kind ist von einigen Autoren auf das Berliner Bild bezogen worden. Maria ist durch die Mondsichel und die Sternenkrone als Apokalyptisches Weib (Offenbarung Johannis 12, 1-17) und zugleich als Immaculata gekennzeichnet. Die »Unbefleckte Empfängnis Marias« fand im 16. Jahrhundert im Zuge der Gegenreformation bildliche Verbreitung in verschiedenen ikonographischen Ausprägungen, wurde aber erst im 17. Jahrhundert zu einem der Hauptthemen der Bilderwelt der katholischen Kirche. Erst nach 1600 bildeten sich verbindliche Bildtypen heraus. Die Darstellung Marias (mit Kind) mit den Attributen des Apokalyptischen Weibes bzw. der Immaculata in Kombination mit adorierenden Heiligen auf Wolken kommt bei Tintoretto mehrfach in den siebziger Jahren vor, in der Madonna mit den heiligen Cosmas und Damian in der Akademie in Venedig und in der Madonna mit der heiligen Katharina, ehemals Sammlung Chrysler, jetzt im Kunsthandel. Diese Kombination blieb jedoch im Gesamtbereich der italienischen Malerei ungewöhnlich und ohne Folgen, abgesehen von Ludovico Carraccis Scalzi-Madonna (mit den heiligen Hieronymus und Franziskus) in der Pinakothek in Bologna, die direkt von Tintorettos Berliner Bild inspiriert scheint. Erich Schleier | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019
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Among the few large-format paintings from the Venetian Cinquecento that were successfully rescued from the flak tower in Friedrichshain just before the end of World War II was Tintoretto’s altarpiece depicting Mary with the Christ Child, Venerated by the Apostles Mark and Luke, which dates before 1570, which is to say from the later phase of Tintoretto’s career, and shortly before he began painting the Sala Grande of the Scuola di San Rocco. In contradistinction to the second surviving large-format painting by Tintoretto in Berlin, namely the Three Venetian Treasurers (camerlenghi) Marco da Molin, Carlo Cornaro and Nicolò Zane before Saint Mark, from the Palazzo dei Camerlenghi in Venice (1571), which in this author’s view was executed with workshop participation, this altarpiece is entirely from the artist’s own hand. Visible even to the naked eye are the pentimenti on the books held by the apostles and on the contour of Luke’s shoulder; even more crucial are the powerful, dynamic brushwork of the master, revealed by X-ray photographs. Originally, the Christ Child’s arm, which offers blessing, seems to have extended further. On the right-hand side, behind or alongside Luke, an additional figure seems to have been planned. Perhaps the initial intention was to depict all four Apostles. The chapel or church for which this picture was intended has not been identified. In contrast to the dynamic brushwork of the preparatory stages, as disclosed by X-ray images, the finished painting is striking by virtue of the exceptionally pronounced plasticity of the forms, in particular the two figures of Apostles, both modeled in a highly contrasting chiaroscuro. Von der Bercken (1942) believed that the pose of the figure of Mary was derived from Michelangelo’s Madonna in the Medici Chapel in Florence (San Lorenzo). In the course of a recent cleaning performed at the J. Paul Getty Museum in Malibu, later layers of paint were removed to reveal the original appearance of the drapery folds of the Virgin’s blue cloak. Restored as well was their original coloration. A square chalk drawing for the figure of Saint Luke is found in the Fitzwilliam Museum in Cambridge. A number of authors have associated another square chalk drawing, of the Madonna and Child, with the Berlin picture.

Through the crescent moon and crown of stars, Mary is identified as the Woman of the Apocalypse (Revelations 12:1–17), and at the same time as the Immaculata. In the course of the Counter Reformation of the 16th century, “Mary’s Immaculate Conception” was disseminated pictorially in various iconographic manifestations, but first developed into a principal theme of the pictorial universe of the Catholic Church in the 17th century. Only after 1600 did authoritative pictorial types evolve. During the 1570s, Tintoretto depicted Mary (with the Christ Child) with the attributes of the Woman of the Apocalypse or of the Immaculata in combination with adoring saints on clouds a number of times, in the Madonna with Saints Cosmas and Damian in the Galleria Dell’Accademia in Venice; in the Madonna with Saint Catherine, formerly in the Chrysler Collection, now on the art market. This combination nonetheless remained uncommon in Italian painting generally, with the exception of Ludovico Carracci’s Scalzi Madonna (with Saints Jerome and Francis) in the Pinacoteca Nazionale in Bologna, which seems to have been directly inspired by Tintoretto’s Berlin picture. Erich Schleier | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Gemäldegalerie

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Christus als Schmerzensmann mit Maria und Johannes

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Christus sitzt niedergesunken vor dem Kreuz am Boden, während es auf Golgatha Abend wird. Seine Glieder wirken kraftlos; Wundmale an Händen und Füßen sowie die Dornenkrone zeichnen den Gemarterten. Als weitere Arma Christi lehnen der Ysop-Stab mit Essigschwamm, die Lanze und eine Leiter gegen das Kreuz; die drei Nägel liegen weiter hinten links im Halbdunkel. Ein Stück entfernt von Christus sitzt Maria, ganz in Dunkelblau. Sie ringt die Hände im Schmerz und blickt traurig zu ihrem Sohn hinüber. Neben ihr hockt Johannes, der sich eng in seinen roten Mantel gehüllt hat und das kummervolle Gesicht in der bekannten Melancholie-Geste in die linke Hand stützt. Von der grünen Wiese um die Protagonisten herum setzt sich die felsige Hintergrundlandschaft ab. Unter einem baumbestandenen Hügel ganz links öffnet sich die für Christus bestimmte Grabeshöhle mit einem rötlichen Steinsarkophag darin, während sich rechts die ummauerte, von einem Graben geschützte Stadt Jerusalem mit zahlreichen Türmen und dem runden Salomonischen Tempel in ihrer Mitte erhebt. Durch das Stadttor kehrt soeben der letzte der an der Kreuzigung Beteiligten zurück. Er hat ein bläuliches Tuch über die Schulter geworfen, bei dem es sich um den unteilbaren Rock Christi handeln dürfte.Künstlerisch höchst subtil und poetisch ist die kleine Tafel auch ikonografisch ungewöhnlich, vielleicht sogar einzigartig unter den Gemälden der Zeit um 1400. Auf eigenwillige Art wird nämlich in dem Bild eine Szene, die einen bestimmten Moment der Passionsgeschichte aufgreifen könnte, mit der dem Handlungsablauf völlig enthobenen Gestalt Christi kombiniert. Dieser erscheint als Schmerzensmann, der gestorben und doch lebendig, Mensch und Gott zugleich ist. 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Das Berliner Täfelchen steht sowohl den Tafeln eines Marienlebens in Klosterneuburg, die unter der Bezeichnung »Meister der Darbringungen « geführt werden, als auch der großen, in London befindlichen Tafel eines Gnadenstuhls nahe; ob es aber von einem der jeweils verantwortlichen Maler selbst stammt, muss offen bleiben. Stephan Kemperdick | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________Christ is slumped on the ground below the cross as evening falls on Golgotha. His limbs are limp, drained of strength; the stigmata on his hands and feet and the crown of thorns signify his martyrdom. Other arma christi or instruments of the Passion – the hyssop reed with, the sponge of vinegar, the lance and the ladder – are leaning against the cross; further behind on the left in the semi-darkness lie the three nails. The Virgin Mary, clad entirely in dark blue, sits a short distance away from Christ. She is wringing her hands in sorrow as she looks sadly across to her son. John, who has wrapped himself tightly in his red cloak, is squatting beside herleaning his sad face on his left hand in the well-known gesture of melancholy. The rocky landscape in the background contrasts with the grassy meadow surrounding the protagonists. Below a tree-lined hill on the far left, the cave sepulchre intended for Christ containing a reddish stone sarcophagus opens up, while on the right the many towers of the walled and moated city of Jerusalem point skywards. The round Temple of Solomon can be seen in the middle. The last of those who attended the crucifixion is returning through the city gate. He has thrown a bluish cloth over his shoulder, probably the Seamless Robe of Christ. In artistic terms, the small panel is extremely subtle and poetic. Its iconography is unusual, if not indeed unique among the paintings of the period around 1400, for it combines a scene apparently portraying a moment in the Passion story with a Christ figure completely disassociated from the course of events. Here Christ is depicted as the Man of Sorrows, who has died and yet lives on simultaneously as man and God. The act of redemption has been “fulfilled” (John 19:30), but here the saviour is shown not as dead but as overcome with exhaustion. Probably the Berlin painting was an iconographic novelty painted to fulfil the specific wishes of the person who commissioned it. The work is not intended as an emblematic or showcase piece but instead seeks to go beyond the emotional substance usually associated with a Man of Sorrows to encourage the viewer to witness and empathise with what he or she sees: Saint John appears to be demonstrating the melancholy, meditative pose with which the faithful are supposed to view the painting. However, the chief intermediary is Mary. She occupies the centre of the picture, her gaze directed bothtowards the viewer and towards Christ. In art historical terms, the small panel can be placed among the large group of Austrian panel paintings from the first third of the 15th century. Although various provisional names for the artist have become established, a more precise attribution of the individual works is difficult. The little Berlin panel bears a close resemblance both to the panels depicting the Life of the Virgin Mary in Klosterneuburg, whose author is known as Master of the Presentations, and to the large panel of the Throne of Mercy in London. Whether either of the painters responsible for these works painted the Berlin panel must remain open, however. Stephan Kemperdick | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Wladislaw IV. (1595-1648) von Polen / Allegorische Darstellung der Tugend

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Der dargestellte Wladislaw IV. (1595 – 1648) war seit 1632 König von Polen. Auf seinem reich dekorierten Wams ist eine Kette erkennbar, die ihn als Ritter des Ordens vom Goldenen Vließ kennzeichnet, dem er seit 1615 angehörte. Er trägt ein violettes Käppchen. Auffällig an der Frisur Wladislaws IV. ist ein dünner Zopf, der auf die linke Schulter fällt und dessen Ende von einer breiten Schleife zusammengehalten wird. Er war in zweiter Ehe mit Louise – Marie, Prinzessin von Gonzaga, Mantua, Montferrat und Nevers („Fille de France“, d.h. Prinzessin von Geblüht) vermählt. Die Trauung fand in Abwesenheit des Bräutigams im Jahre 1645 in der Kathedrale St. Denis statt. Dabei wurde der polnische König durch den Woiwoden von Posen, Christoph Graf Bnin Opalinski vertreten. Mehrmonatige Feierlichkeiten zogen Viele nach Paris, so auch den gefragten Genfer Miniaturmaler Paul Prieur (Um 1620 - 1682/83). Der umtriebige Hugenotte schuf dort zu dieser Zeit auch die Berliner Miniatur. Es wird sich dabei um ein diplomatisches Geschenk des polnischen Königs an den Großen Kurfürsten (Friedrich Wilhelm von Brandenburg) gehandelt haben, der im Jahre 1640 Wladislaw IV. den Lehnseid als Herzog von Preußen leistete und 1646 aus Anlass des Einzugs der aus Paris kommenden polnischen Königin Louise-Marie in Danzig anwesend war. Auf dem Contreémail der Miniatur ist in der Mitte ein von der Sonne gekrönter Obelisk auf vier Kugeln auf einem Postament geschildert. Traditionell als „Gloria dei principe“ (Ruhm des Prinzen) lesbar. Dem gesellt sich die Umschrift HONOR VIRTVTIS PRAEMIVM (Ehre ist der Lohn der Tugend). Die vorzügliche, auf einem Bildträger aus Gold gearbeitet, Berliner Emailminiatur eröffnet die Reihe von Paul Prieurs datierten Arbeiten. SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. auf der Rückseite: HONOR VIRTVTIS PRAEMIVM (umlaufend); unten: prieur Fecit / 1645

Zwei Marktfrauen und ein Junge mit Geflügel und Gemüse

Zwei Marktfrauen und ein Junge mit Geflügel und Gemüse

Von den bedeutenderen Meistern des Bologneser Spätmanierismus (O. Samacchini, L. Sabatini, P. Fontana) war Bartolomeo Passarotti zweifellos der fortschrittlichste, derjenige, der am deutlichsten Stilelemente der Carracci vorwegnahm. Agostino Carracci war zeitweilig sein Schüler, Annibale Carracci wurde in seiner Frühzeit stark von ihm beeinflusst. Passarotti hat in Rom bei Taddeo Zuccari gearbeitet (1551), stand aber andererseits in der Tradition des Bologneser Manierismus (Pellegrino Tibaldi) und wurde auch von Parmigianino und Niccolò dell`Abate beeinflusst. Sein Oeuvre besteht aus drei Komplexen: Altarbilder, Porträts und Genrebilder. Die Altarbilder befinden sich ausnahmslos noch am Ort, in Kirchen Bolognas und der Emilia sowie im Museum von Bologna. Besonders berühmt war Passarotti als Porträtmaler. Seine weit verbreiteten und gelegentlich auf dem Markt vorkommenden Porträts bildeten die unmittelbare Vorstufe für die Porträtkunst der Carracci.Auch die kleinste Werkgruppe, die der Genrebilder, wurde für die Carracci vorbildlich. So galt das Berliner Bild der "Schachspieler", das 1971 dem Ludovico Carracci zuerkannt wurde, lange als Werk Passarottis (A. Venturi, 1933). Zu der kleinen Gruppe der Genrebilder Passarottis gehört das vorliegende, aus dem Londoner Kunsthandel angebotene Bild einer halb stilllebenhaft, halb porträthaft (in Dreiviertelfiguren) gefassten Marktszene: eine alte Marktfrau, die mit Geflügel und Gemüse handelt, preist ihre Hühner an. Mit beiden Armen hat sie eine Henne und einen Hahn gepackt und hält sie dem Betrachter als ideellem Käufer entgegen, ihn anblickend, den sprechend geöffneten Mund zu einem leichten Lächeln verzogen. Sie lehnt mit dem rechten Arm auf den hölzernen Hühnerkäfig, auf dem links hinten ein Hahn thront. Im Hintergrund ferner eine Stange, an der, mit einem Band befestigt, ein Schild hängt, auf dem der Buchstabe P (= Pollaiolo [Geflügel-Verkäufer], aber wohl auch das Monogramm des Künstlers) steht. In der rechten Bildhälfte sieht man eine bildeinwärts gerichtete junge Frau mit ihrem Jungen. Es bleibt unklar, ob sie eine Kundin oder eine zweite Verkäuferin ist. Das Halsband aus roten Steinen und der relativ aufwendige, schleierartige Überhang deuten wohl eher auf eine Kundin hin. Ihr verlorener Blick aus den Augenwinkeln geht am Betrachter vorbei. Sie schmiegt ihr Kind mit dem linken Arm an sich (sie greift in sein Haar), vielleicht will sie den Jungen, der gerade mit der Hand nach einem Kürbis greift, zurückhalten. Im Vordergrund unten ein Korb (oder eine Karre) prallgefüllt mit Zwiebeln und Kürbissen.Die Figuren und der stilllebenhaft arrangierte Kürbishaufen sind eng ins Bildfeld eingepasst. Figuren und Formen, ganz in der vordersten Bildebene platziert, vermitteln den Eindruck bedrängender Nähe und handgreiflicher Wirklichkeit. Dieser Eindruck wird unterstrichen durch die pastose Malweise, die freie, lockere Pinselschrift, eine Faktur, die, zusammen mit der Art der Gewandbehandlung und der Modellierung, vor allem aber der Farbigkeit, ganz unmittelbar auf die wenige Jahre später entstandenen Genrebilder Annibale Carraccis (Schlachterladen in Oxford, Bohnenesser in Rom, Gal. Colonna) vorausweist. Annibale Carracci hat in seinen Genrebildern, die alle in die Frühzeit fallen, mit dem gleichen Realismus, der gleichen Naturbeobachtung gearbeitet. Gleichwohl würde man die Bilder als lediglich realistische Markstücke im Sinne des 19. Jahrhunderts missverstehen. Im vorliegenden Bild ist offenbar eine Anspielung auf die drei Lebensalter mit gemeint, außerdem hat die neuere Forschung in den Genrestücken Passarottis und Carraccis Bezüge zur Commedia dell`arte gesehen (letztlich auf Aristoteles' Poetik fußend; vgl. B. Wind, Pitture ridicole: Some Late Cinquecento Comic Genre Paintings, in: "Storia dell'Arte", 20, 1974; ders., Annibale Carracci's "Scherzo": The Christ Church Butcher Shop, in: "The Art Bulletin" 1976). So wie Passarottis Genrebilder einerseits auf die Carracci vorausweisen, fußen sie andererseits auf niederländischen Vorbildern, vor allem von Aertsen und Beuckelaer (vgl. H. Bodmer, Die Kunst des Bartolomeo Passerotti, in: "Belvedere" 1938).Das vorliegende Werk war bis zur Erwerbung unpubliziert. Seine Komposition war jedoch aus einer qualitativ unterlegenen Werkstattreplik bekannt, die Daniele Benati (Una 'Lucrezia' e altre proposte per Bartolomeo Passerotti, in: "Paragone" 379, 1981) publiziert hat. Benati datiert das vorliegende Original in die späten siebziger bzw. frühen achtziger Jahre. Es gibt außer diesem Bild nur noch fünf vollwertige Genrebilder Passarottis, von denen drei Bilder (alle querformatig) dem vorliegenden stilistisch und ikonographisch engstens verwandt sind: "Zwei Fischverkäufer" und "Zwei Schlachter" in Rom, Galleria Nazionale d'Arte Antica (ehemals Slg. Messinger, München) und "Zwei Geflügelverkäuferinnen" (Florenz, Stiftung Longhi, ehemals Berlin, C. Benedict). Diese drei Bilder sind in einem Inventar der Slg. der Marchesi Mattei (Rom) von 1614 zusammen mit einem vierten aufgeführt, das zwei Geflügelverkäuferinnen mit einem Kind darstellt. Es läge nahe, das vorliegende Bild mit dem vierten Bild zu identifizieren, wenn nicht das andersartige Hochformat dagegen spräche. Die Verbindung von derber Drastik des Motivs, von zupackendem Realismus mit malerischer Kultur der Ausführung ist das Charakteristische dieses und der anderen Genrebilder Passarottis. Zugleich ist das Bild ein frühes und bedeutendes Beispiel der für Italien auch im frühen 17. Jahrhundert wichtigen Bildform eines vegetabilen Stilllebens (Gemüse, Früchte, Blumen) mit begleitenden Figuren. SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. auf dem Ladenschild oben: P