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sog. Interims-Schnelle

Ident. Nr.: K 1381

ObjID: obj:883454

Details (Expert)

Datierung
um 1570
Material / Technik
Steinzeug, Deckel Zinn
Abmessungen
Höhe: 26,1 cm

Objektbeschreibung

Die bis 1552 geltende vorläufige Religionsordnung des Augsburger Reichstags von 1548, das sog. Augsburger Interim, wurde von den meisten Protestanten vehement bekämpft. Beliebte Träger antipäpstlicher Bildpropaganda waren die unter anderem in Siegburg, Köln und Raeren hergestellten so genannten Schnellen – schlanke, sich nach oben leicht verjüngende zylindrische Krüge aus Steinzeug mit Bandhenkel und Metalldeckel. Die serielle Anfertigung dieser Gefäße und damit ihre relativ weite Verbreitung wurden durch die Verwendung von Matrizen für die Herstellung der hochrechteckigen reliefierten Auflagen ermöglicht.
Diese wahrscheinlich rund zwei Jahrzehnte nach dem Interim in Siegburg entstandene Schnelle zählt zu einer gut erforschten Gruppe rheinischer Interims-Schnellen (vgl. Kunstgewerbemuseum Berlin, Inv. Nr. F 3304, K 1591), die ungeachtet verschiedener Fabrikationsorte und Entstehungszeiten ein weitgehend identisches Bild- und Textprogramm aufweist.
Auf einer der jeweils drei Auflagen ist stets ein Baum dargestellt, in dessen Geäst verschiedene sakrale Geräte sowie eine Ablassurkunde mit der Aufschrift DROITI / ANLAIT hängen. Von links stützen drei katholische Geistliche den Baum, während rechts Christus darangeht, ihn mit einer Axt zu fällen. Über dessen Kopf erscheint die Inschrift DAS VNKRVT / WIL ICH AVS / ROTEN VND / WERFEN ES / INS FEVR. Die zweite Auflage zeigt Christus, der mit beiden Händen die Figur des Teufels fortschiebt. In einer Kartusche oberhalb der Szene erscheint die bei den Gegnern des Interims weit verbreitete Devise PACK ◦ DICH ◦/ TEVFEL ◦ IN / INTRVM ◦. Die dritte Auflage zeigt ohne jeden textlichen Kommentar den dreiköpfigen ‚Interimsdrachen‘ in der um 1550 gleichsam kanonisch gewordenen Gestalt mit den Häuptern des Papstes, eines Türken und eines Engels, wie sie in zahlreichen zeitgenössischen Darstellungen weite Verbreitung gefunden hatte.
Lothar Lambacher

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Kunstgewerbemuseum

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Drehleierspieler

Drehleierspieler

Stehende männliche Figur auf einer Plinthe mit abgeschrägten Ecken. Der bärtige Mann trägt einen Hut, einen blauen Umhang, einen grauen Wams, dunkelrote Kniebundhosen und Schnallenschuhe. Er spielt eine Drehleier, die er mit dem linken, leicht angewinkelten Bein stützt. // Der Künstler, Georges Pull, war Naturforscher und Keramiker. Er war fasziniert von den Arbeiten des französischen Keramikers Bernard Palissy (1510-1589/90), dessen Werke sich im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreuten und auch gefälscht wurden. Pull hingegen hat die Werke Palissys nachempfunden und technisch noch übertroffen, er hat sie nicht einfach kopiert und hatte auch keine fälscherischen Absichten. Er signierte seine Keramiken mit dem Stempel "PULL", was auch bei dem Drehleierspieler der Fall ist. Die Figur ist eine vergrößerte Kopie der Statuette "joueur de vielle", die im 19. Jahrhundert als Arbeit von Palissy galt und von der sich mehrere Ausformungen im Pariser Louvre befinden. Heute gilt die Statuette als anonyme Arbeit des frühen 17. Jahrhunderts aus der Region um Fontainebleau, Paris, Avon, siehe https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010114355Barbara Mundt schreibt in ihrem 1973 erschienenen Katalog des Berliner Kunstgewerbemuseums zum Historismus: "Pulls erklärtes Leitbild war das keramische Werk Palissys, wobei sein Interesse sich auf die Farbglasuren konzentrierte. Intensive Studien in den Sammlungen des Louvre gingen Hand in Hand mit wissenschaftlichen Experimenten. Es gelang Pull schließlich, dünnere, höher brennbare und damit härtere sowie glanzvollere Glasuren mit einer größeren Zahl von Farben hervorzubringen als sein großes Vorbild." (zu Kat. Nr. 199).ClKa