Die werdende Macht. Otto von Gottberg's Marineroman
Ident. Nr.: 922189
ObjID: obj:922189
Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1914
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- Lithografie
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 34 x 47 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/922189
Objektbeschreibung
Julius Klingers Plakat- und Titelmotiv zu Otto von Gottbergs Marineroman „Die werdende Macht“ aus dem Jahr 1915 zeigt eine bedrohlich-schwarze, dampfbetriebene Flotte auf blaugrünem Meer. Gottberg verherrlichte die Deutschen, das Kaiserreich, sein Militär und insbesondere die bis zum Ersten Weltkrieg aufgebaute Kriegsmarine. Das Buch erschien in Kooperation mit der populären illustrierten Zeitschrift „Die Gartenlaube“, die zunehmend kolonialistische und imperialistische Standpunkte vertrat. Der Roman erzählt mit viel Pathos die Geschichte einer tapferen deutschen Soldatenfamilie, die sich für die Hochseeflotte aufopfert, um ein größeres Deutsches Reich zu erkämpfen. Der Held stirbt im U-Boot.
In einem anderen Roman, der im selben Jahr in der Reihe „Ullsteins Kriegsbücher“ erschien, feierte Gottberg (1867–1945) „Die Helden von Tsingtau“. Die Hafenstadt (Qingdao) in dem seit 1898 bestehenden sogenannten deutschen Schutzgebiet Kiautschou (Jiaozhou) sollte eine „Musterkolonie“ der Reichsmarine werden. Hier hatte in Gottbergs Worten die „ordnende deutsche Hand“ aus „Chinas Kehrichtswinkel“ eine propere, florierende Stadt gemacht (Gottberg 1915, S. 15).
Propaganda-Autoren wie Gottberg waren ein Sprachrohr für die zwei Millionen Mitglieder, die der deutsche Flottenverein bis zum Ersten Weltkrieg für seine kriegstreiberischen Vorhaben gewinnen konnte. In „Die werdende Macht“ geht Gottbergs Verklärung der Kriegsmarine sogar so weit, dass er sich zu der Behauptung versteigt, selbst in Elsass-Lothringen (der zwischen dem Deutsch-Französischen Krieg und dem Ersten Weltkrieg zum Deutschen Reich gehörenden Region Frankreichs) seien die Menschen begeisterte Flottenanhänger. Die durch derartige Bilder und Texte beförderte Verblendung eines großen Teils der deutschen Bevölkerung führte nicht nur in den Ersten Weltkrieg, sondern auch in den Zweiten Weltkrieg – die Mythen rund um das deutsche Militär florieren weiterhin.
Recherche und Text: Kristina Lowis
Verwandte Werktexte:
_Die Gartenlaube (Obj. ID 2833386)
Zitierte Literatur:
_Otto von Gottberg: Die Helden von Tsingtau, Berlin 1915
_Otto von Gottberg: Die werdende Macht, Berlin 1915
// Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
__________
Rund 220 Plakate und Plakatentwürfe von Julius Klinger gehören zur Sammlung Grafikdesign der Berliner Kunstbibliothek. Der Grafiker und Illustrator Klinger, geboren 1876 in Österreich, spielte ab 1897 eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Plakatgestaltung in Berlin, wo er fast zwei Jahrzehnte lang lebte und arbeitete. Seine Entwürfe lassen die präzisen Formen und klaren Linien des von ihm maßgeblich mitgeprägten Sachplakats erkennen, sind dabei aber häufig verspielt oder mit Witz durchzogen. In Werbeplakaten für das Theater, für Ausstellungen oder Konsumgüter wählte er mit Vorliebe Menschen in Kostümen oder Tiere als Motiv. So verbindet Klinger, der ab 1911 auch an der Berliner Reimann-Schule Gestaltung lehrte, in seiner Reklamekunst einprägsam praktischen Nutzen mit humorvoller Ästhetik – wobei sein Humor sich mitunter in einem Bereich des Karikaturistischen bewegt, dessen öffentliche Akzeptanzgrenzen heute anders abgesteckt werden.
Julius Klinger arbeitete seit 1900 für die „Kunstanstalt Hollerbaum und Schmidt“, eine Berliner Druckerei und Werbeagentur, die wegweisend für den Umbruch zur Moderne in der Plakatgestaltung und Druckgrafik war. Gegründet 1897 von Erich Gumprecht, etablierte sie eine neue Form der Werbung in Deutschland. Vom Entwurf bis zum fertigen Druckerzeugnis bot Hollerbaum und Schmidt erstmals alle reklamerelevanten Dienstleistungen gebündelt an. Erfolg brachte vor allem eine weitere Innovation: Die Kunstanstalt nahm moderne, junge Plakatkünstler*innen unter Vertrag, die exklusiv für sie arbeiteten und ihren Stil prägten. So entwickelte sich das Berliner Sachplakat – eine ornamentfreie Gestaltungsart, die auf Fernwirkung abzielte. Vor meist einfarbigem Hintergrund treten die Motive klar hervor und konzentrieren die Aussage des Plakats.
Ab 1918 war Julius Klinger wieder von Wien aus tätig. Zwei Jahrzehnte später wurde er aufgrund seiner jüdischen Wurzeln Opfer nationalsozialistischer Verfolgung, die 1942 in der Deportation in das Vernichtungslager bei Minsk endete.
Text: Christina Dembny / Christina Thomson
In einem anderen Roman, der im selben Jahr in der Reihe „Ullsteins Kriegsbücher“ erschien, feierte Gottberg (1867–1945) „Die Helden von Tsingtau“. Die Hafenstadt (Qingdao) in dem seit 1898 bestehenden sogenannten deutschen Schutzgebiet Kiautschou (Jiaozhou) sollte eine „Musterkolonie“ der Reichsmarine werden. Hier hatte in Gottbergs Worten die „ordnende deutsche Hand“ aus „Chinas Kehrichtswinkel“ eine propere, florierende Stadt gemacht (Gottberg 1915, S. 15).
Propaganda-Autoren wie Gottberg waren ein Sprachrohr für die zwei Millionen Mitglieder, die der deutsche Flottenverein bis zum Ersten Weltkrieg für seine kriegstreiberischen Vorhaben gewinnen konnte. In „Die werdende Macht“ geht Gottbergs Verklärung der Kriegsmarine sogar so weit, dass er sich zu der Behauptung versteigt, selbst in Elsass-Lothringen (der zwischen dem Deutsch-Französischen Krieg und dem Ersten Weltkrieg zum Deutschen Reich gehörenden Region Frankreichs) seien die Menschen begeisterte Flottenanhänger. Die durch derartige Bilder und Texte beförderte Verblendung eines großen Teils der deutschen Bevölkerung führte nicht nur in den Ersten Weltkrieg, sondern auch in den Zweiten Weltkrieg – die Mythen rund um das deutsche Militär florieren weiterhin.
Recherche und Text: Kristina Lowis
Verwandte Werktexte:
_Die Gartenlaube (Obj. ID 2833386)
Zitierte Literatur:
_Otto von Gottberg: Die Helden von Tsingtau, Berlin 1915
_Otto von Gottberg: Die werdende Macht, Berlin 1915
// Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
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Rund 220 Plakate und Plakatentwürfe von Julius Klinger gehören zur Sammlung Grafikdesign der Berliner Kunstbibliothek. Der Grafiker und Illustrator Klinger, geboren 1876 in Österreich, spielte ab 1897 eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Plakatgestaltung in Berlin, wo er fast zwei Jahrzehnte lang lebte und arbeitete. Seine Entwürfe lassen die präzisen Formen und klaren Linien des von ihm maßgeblich mitgeprägten Sachplakats erkennen, sind dabei aber häufig verspielt oder mit Witz durchzogen. In Werbeplakaten für das Theater, für Ausstellungen oder Konsumgüter wählte er mit Vorliebe Menschen in Kostümen oder Tiere als Motiv. So verbindet Klinger, der ab 1911 auch an der Berliner Reimann-Schule Gestaltung lehrte, in seiner Reklamekunst einprägsam praktischen Nutzen mit humorvoller Ästhetik – wobei sein Humor sich mitunter in einem Bereich des Karikaturistischen bewegt, dessen öffentliche Akzeptanzgrenzen heute anders abgesteckt werden.
Julius Klinger arbeitete seit 1900 für die „Kunstanstalt Hollerbaum und Schmidt“, eine Berliner Druckerei und Werbeagentur, die wegweisend für den Umbruch zur Moderne in der Plakatgestaltung und Druckgrafik war. Gegründet 1897 von Erich Gumprecht, etablierte sie eine neue Form der Werbung in Deutschland. Vom Entwurf bis zum fertigen Druckerzeugnis bot Hollerbaum und Schmidt erstmals alle reklamerelevanten Dienstleistungen gebündelt an. Erfolg brachte vor allem eine weitere Innovation: Die Kunstanstalt nahm moderne, junge Plakatkünstler*innen unter Vertrag, die exklusiv für sie arbeiteten und ihren Stil prägten. So entwickelte sich das Berliner Sachplakat – eine ornamentfreie Gestaltungsart, die auf Fernwirkung abzielte. Vor meist einfarbigem Hintergrund treten die Motive klar hervor und konzentrieren die Aussage des Plakats.
Ab 1918 war Julius Klinger wieder von Wien aus tätig. Zwei Jahrzehnte später wurde er aufgrund seiner jüdischen Wurzeln Opfer nationalsozialistischer Verfolgung, die 1942 in der Deportation in das Vernichtungslager bei Minsk endete.
Text: Christina Dembny / Christina Thomson
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
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kb@smb.spk-berlin.de