Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1913
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- Lithografie
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 60,8 x 90 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/922295
Objektbeschreibung
Ob Pferd, Kuh, Schwein, Schaf, Huhn oder Ente – alle Tiere wollen Maisfutter! Auf dem Plakat aus dem Jahr 1913 laufen sie dem prall gefüllten Sack der Marke „Siou“ hinterher, die Zungen bereits gierig aus den Mäulern herausgestreckt. Aber wie läuft der Sack? Er hat Arme und Beine – und zwar rote. Damit wird auf eine Bezeichnung aus der Rassentheorie angespielt, die – wie der Produktname des Tierfutters – die Verbindung zu der in Nordamerika ansässigen Gesellschaft der Oceti Sakowin/Očhethi Šakowiŋ Oyáte herstellt. Der Name „Sioux“ hingegen wurde von französischen Einwanderern vergeben, die sie aus ihrem angestammten Gebiet verdrängten.
Läuft der Getreidesack auf seinen drahtigen Gliedmaßen vor den Tieren davon? Masttiere waren ein wichtiger Wirtschaftsfaktor im Deutschen Reich: Seit 1870 hatte sich beispielsweise die Zahl von Mastschweinen mehr als verdreifacht, auf 25 Millionen im Jahr 1913 (2022 sind es fast 50 Millionen). Mais war schon damals ein beliebtes Futtermittel, das aufgrund der unschlagbar günstigen Preise aus den USA und insbesondere aus den Präriegebieten der am sogenannten Maisgürtel gelegenen „Sioux Nations“ importiert wurde, die seit den 1850er-Jahren intensiv bewirtschaftet wurden. Das Landrecht der hier ursprünglich lebenden Menschen wurde trotz zahlloser Abkommen missachtet, die Siedler aus Europa eigneten sich dieses mit Gewalt an. Noch heute vernichten agrarindustrielle und Fracking betreibende Unternehmen die Lebensgrundlage in der Region, gegen die etwa im Standing-Rock-Reservat seit dem legendären „Sitting Bull“ bis zu den heutigen Wasserschützenden protestiert wird.
Dabei stammen das Wissen und die Praxis des Maisanbaus von den ersten Bewohner*innen Amerikas. Soll das – wie der Werbetext verspricht – „garantiert rein weiße“ Erzeugnis nicht nur die Güte des Futters verbürgen, sondern auch, dass hier von weißen Europäer*innen in den USA für den deutschen Markt produziert und jede „nicht weiße“ Spur des Prozesses ausgeschlossen wurde? Indem der Futtersack im Plakat mit Armen und Beinen ausgestattet und als „Siou“ bezeichnet wird, werden Menschen mit einer Ressource oder Ware gleichgestellt. Das Werbemotiv steht aus heutiger Sicht symbolisch für einen Ort, an dem ohne Rücksicht auf Bevölkerung und Natur Profit gemacht wurde und wird. Die katastrophalen Folgen der exzessiven Landwirtschaft und Fleischproduktion sind unübersehbar.
Was auf dem Plakat als harmlos-spaßhafte Szene dargestellt ist, zeigt unfreiwillig an, dass Angehörige der in Nordamerika lebenden Gesellschaften besser die Flucht ergriffen, sobald Europäer*innen mit ihren Raubbaumethoden in Sicht kamen. Die Geschichte dieser Menschen, und insbesondere ihre Sicht auf den mit der gewaltvoll wirtschaftlichen Erschließung ihres Territoriums verbundenen Genozid und die systematische Auslöschung von Kulturen, wurden in Deutschland überlagert durch die extrem langlebigen Klischees nach Karl Mays Geschichten aus dem „Wilden Westen“ – oder ihre Sicht wurde durch die Verdinglichung als laufender Jutesack verunmöglicht.
Recherche und Text: Kristina Lowis
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
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Rund 220 Plakate und Plakatentwürfe von Julius Klinger gehören zur Sammlung Grafikdesign der Berliner Kunstbibliothek. Der Grafiker und Illustrator Klinger, geboren 1876 in Österreich, spielte ab 1897 eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Plakatgestaltung in Berlin, wo er fast zwei Jahrzehnte lang lebte und arbeitete. Seine Entwürfe lassen die präzisen Formen und klaren Linien des von ihm maßgeblich mitgeprägten Sachplakats erkennen, sind dabei aber häufig verspielt oder mit Witz durchzogen. In Werbeplakaten für das Theater, für Ausstellungen oder Konsumgüter wählte er mit Vorliebe Menschen in Kostümen oder Tiere als Motiv. So verbindet Klinger, der ab 1911 auch an der Berliner Reimann-Schule Gestaltung lehrte, in seiner Reklamekunst einprägsam praktischen Nutzen mit humorvoller Ästhetik – wobei sein Humor sich mitunter in einem Bereich des Karikaturistischen bewegt, dessen öffentliche Akzeptanzgrenzen heute anders abgesteckt werden.
Julius Klinger arbeitete seit 1900 für die „Kunstanstalt Hollerbaum und Schmidt“, eine Berliner Druckerei und Werbeagentur, die wegweisend für den Umbruch zur Moderne in der Plakatgestaltung und Druckgrafik war. Gegründet 1897 von Erich Gumprecht, etablierte sie eine neue Form der Werbung in Deutschland. Vom Entwurf bis zum fertigen Druckerzeugnis bot Hollerbaum und Schmidt erstmals alle reklamerelevanten Dienstleistungen gebündelt an. Erfolg brachte vor allem eine weitere Innovation: Die Kunstanstalt nahm moderne, junge Plakatkünstler*innen unter Vertrag, die exklusiv für sie arbeiteten und ihren Stil prägten. So entwickelte sich das Berliner Sachplakat – eine ornamentfreie Gestaltungsart, die auf Fernwirkung abzielte. Vor meist einfarbigem Hintergrund treten die Motive klar hervor und konzentrieren die Aussage des Plakats.
Ab 1918 war Julius Klinger wieder von Wien aus tätig. Zwei Jahrzehnte später wurde er aufgrund seiner jüdischen Wurzeln Opfer nationalsozialistischer Verfolgung, die 1942 in der Deportation in das Vernichtungslager bei Minsk endete.
Text: Christina Dembny / Christina Thomson
Läuft der Getreidesack auf seinen drahtigen Gliedmaßen vor den Tieren davon? Masttiere waren ein wichtiger Wirtschaftsfaktor im Deutschen Reich: Seit 1870 hatte sich beispielsweise die Zahl von Mastschweinen mehr als verdreifacht, auf 25 Millionen im Jahr 1913 (2022 sind es fast 50 Millionen). Mais war schon damals ein beliebtes Futtermittel, das aufgrund der unschlagbar günstigen Preise aus den USA und insbesondere aus den Präriegebieten der am sogenannten Maisgürtel gelegenen „Sioux Nations“ importiert wurde, die seit den 1850er-Jahren intensiv bewirtschaftet wurden. Das Landrecht der hier ursprünglich lebenden Menschen wurde trotz zahlloser Abkommen missachtet, die Siedler aus Europa eigneten sich dieses mit Gewalt an. Noch heute vernichten agrarindustrielle und Fracking betreibende Unternehmen die Lebensgrundlage in der Region, gegen die etwa im Standing-Rock-Reservat seit dem legendären „Sitting Bull“ bis zu den heutigen Wasserschützenden protestiert wird.
Dabei stammen das Wissen und die Praxis des Maisanbaus von den ersten Bewohner*innen Amerikas. Soll das – wie der Werbetext verspricht – „garantiert rein weiße“ Erzeugnis nicht nur die Güte des Futters verbürgen, sondern auch, dass hier von weißen Europäer*innen in den USA für den deutschen Markt produziert und jede „nicht weiße“ Spur des Prozesses ausgeschlossen wurde? Indem der Futtersack im Plakat mit Armen und Beinen ausgestattet und als „Siou“ bezeichnet wird, werden Menschen mit einer Ressource oder Ware gleichgestellt. Das Werbemotiv steht aus heutiger Sicht symbolisch für einen Ort, an dem ohne Rücksicht auf Bevölkerung und Natur Profit gemacht wurde und wird. Die katastrophalen Folgen der exzessiven Landwirtschaft und Fleischproduktion sind unübersehbar.
Was auf dem Plakat als harmlos-spaßhafte Szene dargestellt ist, zeigt unfreiwillig an, dass Angehörige der in Nordamerika lebenden Gesellschaften besser die Flucht ergriffen, sobald Europäer*innen mit ihren Raubbaumethoden in Sicht kamen. Die Geschichte dieser Menschen, und insbesondere ihre Sicht auf den mit der gewaltvoll wirtschaftlichen Erschließung ihres Territoriums verbundenen Genozid und die systematische Auslöschung von Kulturen, wurden in Deutschland überlagert durch die extrem langlebigen Klischees nach Karl Mays Geschichten aus dem „Wilden Westen“ – oder ihre Sicht wurde durch die Verdinglichung als laufender Jutesack verunmöglicht.
Recherche und Text: Kristina Lowis
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
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Rund 220 Plakate und Plakatentwürfe von Julius Klinger gehören zur Sammlung Grafikdesign der Berliner Kunstbibliothek. Der Grafiker und Illustrator Klinger, geboren 1876 in Österreich, spielte ab 1897 eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Plakatgestaltung in Berlin, wo er fast zwei Jahrzehnte lang lebte und arbeitete. Seine Entwürfe lassen die präzisen Formen und klaren Linien des von ihm maßgeblich mitgeprägten Sachplakats erkennen, sind dabei aber häufig verspielt oder mit Witz durchzogen. In Werbeplakaten für das Theater, für Ausstellungen oder Konsumgüter wählte er mit Vorliebe Menschen in Kostümen oder Tiere als Motiv. So verbindet Klinger, der ab 1911 auch an der Berliner Reimann-Schule Gestaltung lehrte, in seiner Reklamekunst einprägsam praktischen Nutzen mit humorvoller Ästhetik – wobei sein Humor sich mitunter in einem Bereich des Karikaturistischen bewegt, dessen öffentliche Akzeptanzgrenzen heute anders abgesteckt werden.
Julius Klinger arbeitete seit 1900 für die „Kunstanstalt Hollerbaum und Schmidt“, eine Berliner Druckerei und Werbeagentur, die wegweisend für den Umbruch zur Moderne in der Plakatgestaltung und Druckgrafik war. Gegründet 1897 von Erich Gumprecht, etablierte sie eine neue Form der Werbung in Deutschland. Vom Entwurf bis zum fertigen Druckerzeugnis bot Hollerbaum und Schmidt erstmals alle reklamerelevanten Dienstleistungen gebündelt an. Erfolg brachte vor allem eine weitere Innovation: Die Kunstanstalt nahm moderne, junge Plakatkünstler*innen unter Vertrag, die exklusiv für sie arbeiteten und ihren Stil prägten. So entwickelte sich das Berliner Sachplakat – eine ornamentfreie Gestaltungsart, die auf Fernwirkung abzielte. Vor meist einfarbigem Hintergrund treten die Motive klar hervor und konzentrieren die Aussage des Plakats.
Ab 1918 war Julius Klinger wieder von Wien aus tätig. Zwei Jahrzehnte später wurde er aufgrund seiner jüdischen Wurzeln Opfer nationalsozialistischer Verfolgung, die 1942 in der Deportation in das Vernichtungslager bei Minsk endete.
Text: Christina Dembny / Christina Thomson
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
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kb@smb.spk-berlin.de