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Johnson gegen Bruno. Weltmeister gegen Glühstrumpf

Ident. Nr.: 14005338

ObjID: obj:925219

Details (Expert)

Beteiligte
Julius Klinger (1876 - 1942),
Entwerfer*in
Hollerbaum & Schmidt (1889/1897 - um 1938),
Drucker*in
Bruno Gesellschaft,
Auftraggeber*in
Datierung
1910
Geografische Bezüge
Material / Technik
Lithografie
Abmessungen
Höhe x Breite: 70 x 95,2 cm
Erwerbung
Keine Inventar-Nummer vorhanden

Objektbeschreibung

Der österreichische Chemiker und Unternehmer Carl Auer (1858–1929) entwickelte 1885 den Glühstrumpf und revolutionierte damit die Gasbeleuchtung der Städte. Auer gilt als Erfinder der Metallfadenlampe und des Zündsteins im Feuerzeug. Er gründete die Treibacher Industrie AG und die Auer-Gesellschaft in Berlin, zudem ist er Schöpfer der Marke Osram.

Das hier abgebildete Plakat, gezeichnet von Julius Klinger im Jahr 1910, zeigt den ersten Schwarzen Boxweltmeister im Schwergewicht John Arthur alias Jack Johnson im Kampf gegen den Glühstrumpf „Bruno“. Sie kämpfen vor einem grauen Hintergrund; ein roter Rahmen korrespondiert farblich mit der Hose und den Lippen von John Arthur. Produktname und Weltmeister erscheinen in gleich gestalteten Schriftzügen über den beiden Figuren. Damit will der Zeichner die beiden Protagonisten offenbar auf eine Ebene stellen: So wie John Arthur ist auch der Glühstrumpf ein Weltmeister.  
 
Johnson wurde am 31. März 1878 in Galveston, Texas, geboren. Bis 1902 hatte er mindestens 50 Kämpfe gegen weiße und Schwarze Gegner gewonnen und 1903 die Weltmeisterschaft im Schwergewicht für Farbige errungen. 1908 sicherte Johnson sich die Weltmeisterschaft im Schwergewicht durch einen technischen K.O. in der 14. Runde gegen Tommy Burns. Im Jahr 1910 kehrte der ehemalige, bis dahin ungeschlagene Schwergewichtsweltmeister James Jeffries extra aus dem Ruhestand zurück, um zu beweisen, dass ein weißer besser als ein Schwarzer Boxer sei. Der Kampf endete mit einem K. o. von Jeffries in der 15. Runde: Johnsons Sieg löste in mehr als 50 US-Städten Unruhen aus. Er verlor seinen Titel 1915, kämpfte aber noch bis 1938 als Profi. Schließlich zog sich Johnson mit einer Bilanz von 73 Siegen, 13 Niederlagen und 9 Unentschieden zurück.

Auf dem Plakat ist der Glühstrumpf in einer realistischen Form erkennbar, Johnson hingegen erscheint als eine Art Schwarzer Masse. Nase, Hals und andere Organe verschmelzen miteinander, nichts daran lässt das Antlitz der historischen Person erkennen. Er wird nicht nur „homogenisiert“, sondern sogar in einer unsympathischen, bedrohlichen Art und Weise dargestellt. Derartige Plakatmotive sind geprägt von der Herrschaftsgeschichte des weißen Europas. Normen wurden von europäischen Wissenschaftler*innen etabliert, um die ausbeuterische Praxis und Verdinglichung des Schwarzen Körpers zu rechtfertigen, wie Frantz Fanon beim Ersten Kongress der Schwarzen Intellektuellen und Künstler*innen in Paris 1956 betonte: „Es ist nicht möglich Menschen zu kolonisieren, ohne sie logisch Stück für Stück für minderwertig zu erklären. Und der Rassismus ist nur die emotionale, affektive, manchmal intellektuelle Erklärung dieser vorausgehenden Abwertung.“ (Fanon 2022, S. 74). Die Theorie der Minderwertigkeit, die sich in Texten und Theorien verfestigt hatte, übersetzte sich nicht zuletzt anhand von Plakatmotiven in die Köpfe Schwarzer und weißer Menschen weltweit. Schwarze als Schaulustige, in Nebenrollen oder als Sexobjekte prägen die Erzählungen in Text und Bild in Europa mindestens seit dem 16. Jahrhundert. Diese fremdartige Bestimmung des Schwarzseins und dessen Geschichte formt die Wahrnehmung des Schwarzen Körpers überall auf der Welt. 

Recherche und Text: Ibou Coulibaly Diop

Zitierte Literatur: 
_Frantz Fanon: Für eine afrikanische Revolution. Politische Schriften, herausgegeben von Barbara Kalender, Berlin 2022

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Auf den ersten Blick könnte man annehmen, hier trainiere ein Boxer mit einem Sandsack. „Johnson Weltmeister gegen Bruno Glühstrumpf“, ist auf dem Plakat aus dem Jahr 1910 zu lesen. „Höchste Leuchtkraft. Unerreichte Haltbarkeit.“ Wer tritt hier im Ring gegeneinander an und auf wen beziehen sich die genannten Eigenschaften? Der aus Texas stammende Jack Johnson (1878–1949) hatte 1908 als erster Schwarzer Mensch den Weltmeistertitel im Schwergewicht errungen und damit dazu beigetragen, die Segregation im Boxen zu überwinden. Zwar galt der berühmte Sportler seit dieser Zeit und auch schon zuvor als unschlagbar, wurde aber zugleich von Rassisten verfolgt und bedroht. Ab 1912 lebte der von den US-amerikanischen Behörden verfolgte Johnson sieben Jahre lang im europäischen Exil, bevor er sich zeitweilig in Mexiko niederließ. 

Ein Glühstrumpf ist ein chemisch beschichtetes Textil, das, in historischen Lampen entzündet, als Lichtquelle genutzt wurde. Dieses Produkt ist der „eigentliche Held“ des Plakats. Das grafisch effektvolle Gegenüber von schwarzem Boxerkörper und weißem „Leuchtkörper“ kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier ein Mensch und ein Produkt gegenübergestellt und verglichen werden. Erinnert diese Konfiguration daran, dass Johnsons Kampf mit dem weißen Weltmeister und sein Sieg über diesen von vielen Boxfans als Skandal betrachtet wurde? In den Augen vieler waren Afroamerikaner es nicht würdig, mit weißen Menschen zu boxen. Sollte der Glühstrumpf als technische Errungenschaft einer als weiß begriffenen Zivilisation stellvertretend die Überlegenheit dieser Hautfarbe markieren? Johnson wird stereotyp dargestellt – undifferenziert schwarz, mit großen weißen Augäpfeln und überdimensionierten roten Lippen. Man sieht ihn hier nicht als Hochleistungssportler und Persönlichkeit, sondern eher das Klischee eines muskelbepackten Tölpels, der offenbar mit seinen weißen Boxhandschuhen auf alles losgeht, was ihm entgegenkommt. 

Der Gestalter Julius Klinger setzte schlichte Formen und starke Farbkontraste wirkungsvoll in Szene, um einen Gebrauchsgegenstand der Firma Bruno zu bewerben. Zugleich entwarf und manifestierte sein Plakat eine diffamierende Sichtweise auf Jack Johnson, der als Sohn ehemals versklavter Menschen in den USA auch außerhalb des Boxrings für die Gleichberechtigung Schwarzer Bürger und Sportler kämpfte. Werbebilder wie dieses trugen dazu bei, die Abwertung und Diskriminierung Schwarzer Menschen in Deutschland zu festigen.

Recherche und Text: Kristina Lowis


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Letzte Aktualisierung: 04.05.2026

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