Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1908
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- Lithografie
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 77,8 x 57,5 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/925442
Objektbeschreibung
Dieses Plakat wirbt für das Buch „Von Tieren und Menschen“, in dem der Dompteur, Tierhändler und Zoodirektor Carl Hagenbeck 1908 seine „Erlebnisse und Erfahrungen“ publizierte. Es ist eine anekdotisch verfasste Abhandlung über seinen eigenen Werdegang, vom Assistent im väterlichen Fischgeschäft zum größten „Völkerschau“-Entrepreneur Deutschlands, reich bebildert mit Fotos, vor allem von Menschen unterschiedlichster Kulturen. Im Jahr 1907 hatte der Autor einen gitterlosen Zoo im Hamburger Stadtteil Stellingen eröffnet: den Tierpark Hagenbeck. Schon seit Ende des 19. Jahrhunderts war Hagenbeck durch seinen Schwager Johann Friedrich Gustav Umlauff mit der Praxis der sogenannten Völkerschauen vertraut und beschäftigte sich mit Themen wie Zoologie, Anthropologie, Ethnologie und Soziologie. Vernetzt in Deutschland und der gesamten Welt, wurde Hagenbeck zum bedeutenden Akteur der Zuschaustellung von Menschen: Er organisierte Ausstellungen mit und über Lappländer*innen, Äthiopier*innen, Somalier*innen und andere Menschengruppen in Hamburg, Berlin, Leipzig und weiteren Orten.
„Völkerschauen“ sollten „das Interesse für unsere Schutzbefohlenen […] erwecken und sie uns menschlich näher […] bringen“ (Honold/Scherpe 2004, S. 193). „Der „ethnografische Teil“ der Kolonialausstellung war im „N-dorf“ untergebracht. Dort hatte man für jede der deutschen Kolonien typische Bauten, teilweise sogar aus eigens importierten Materialien gefertigt: ein festungsartiges Baumhaus und Pfahlbauten aus Neuguinea, afrikanische Temben, ein Togo-Dorf und eines aus Kamerun, einen Dornkraal mit Ochsenwagen und ein Hartebeest-Haus aus Deutsch-Südwest. […] Ferner sollten Vorführungen von Fetischtänzen, Kriegsspielen oder der Trommeltelephonie der Kameruner ein anschauliches Bild vom „bunt bewegten Leben der Eingeborenen vermitteln.“ (S. 193). Als Werbekampagne war die Ausstellung gleichermaßen im Interesse der Reichsregierung und der Wirtschaft. Letzterer ging es ausschließlich um materielle Interessen: Es galt, die Deutschen als Konsumenten für „ihre“ Kolonialprodukte zu gewinnen und Investoren für die besetzten Gebiete anzuwerben. Zu einer Zeit, als Kaffee und Schokolade, Bananen und Erdnussöl Luxusgüter waren, musste man diese zunächst einem breiten Publikum bekannt und als Kolonialwaren schmackhaft machen.
Mit seinen Thesen, die aus pseudowissenschaftlichen Grundlagen der „Rassentheorie“ schöpften, und seiner Ausstellungspraxis trug Hagenbeck zur Verfestigung des hierarchischen Narrativs von Gesellschaften und Kulturen bei. Die Präsentation der Menschen auf eine dehumanisierende Art und Weise war in Hagenbecks Ausstellungen selbstverständlich und wurde nicht hinterfragt. Dies galt auch für die vermeintliche Überlegenheit der weißen Weltsicht. Somit bildeten bei Umlauffs wie auch bei Hagenbecks „Inszenierungen […] außereuropäische Menschen und Tier gemeinsam und gleichrangig das Fremde“ (Lange 2004, S. 154) ab. Zur Veröffentlichung von Hagenbecks Buch „Von Tieren und Menschen. Erlebnisse und Erfahrungen“ – das schon im ersten Jahr 100.000 mal gekauft wurde – schuf Paul Scheurich 1908 ein Werbeplakat, auf dem ein Affe (wohl ein junger Schimpanse) und ein kleiner Junge nebeneinander im Gras hocken, einen Arm freundschaftlich auf die Schulter des anderen gelegt. Die Haut des Jungen und das Fell des Tiers sind mit derselben dunklen Farbe gemalt und ihre Köpfe befinden sich auf gleicher Höhe. Mit dieser plumpen, aber visuell einprägsamen Analogie wird die Gleichheit von Affen und Schwarzen Menschen suggeriert. 1870 forderte der Zoologe Alfred Brehm die Anerkennung der Schimpansen als der Gattung Mensch zugehörig: „Die Affen lachen, weinen und sind den Menschen, die sie ansprechen und dressieren dankbar.“ In Hinblick auf die Menschenähnlichkeit am ausdrucksvollsten, so Brehm, sei der gebrochene Blick des sterbenden Affen, der ganz nah und unmittelbar, gleichwohl aber schon entrückt, von bedingungsloser Anhänglichkeit erzähle.
Die Konstruktion dieses Narrativs, das durch Reiseliteratur, Wissenschaft und Wirtschaft geprägt wurde, suggeriert eine Überlegenheit des westlichen Kulturkreises gegenüber dem Rest der Welt: Beispiele hierfür fanden sich bei Leo Africanus und seinem Buch „Historiale description de l’Afrique, tierce partie du monde“ (1556), in Carl von Linnés Werk „Systema Naturae“ (1735) oder bei Georges-Louis Leclerc de Buffon in „Histoire naturelle“ (ab 1749). Dieses Narrativ bereitete und legitimierte den Weg zur Versklavung und Ausbeutung anderer Kulturen, Gesellschaften und Menschen. Die auf rassistischen Theorien basierende Hierarchisierung unterschiedlicher Gesellschaften, in der Schwarze Menschen auf dem vermeintlich „niedrigsten“ Entwicklungsstand und damit als dem Tier ähnlich angesehen wurden. Nach der Versklavung in den Kolonien und der Industrialisierung des Waren- und Rohstoffverkehrs fand die Dehumanisierung durch die Zurschaustellung mitten in Europa einen Höhepunkt. Neben Büchern, Schulmaterialien und Verpackungen gehörten auch Plakate und andere Werbemittel zu den massenhaft verbreiteten Drucksachen, deren Bildmotive die Vorstellung von vermeintlich „primitiven Menschen“ in unseren Köpfen verankert haben.
Recherche und Text: Ibou Coulibaly Diop
„Völkerschauen“ sollten „das Interesse für unsere Schutzbefohlenen […] erwecken und sie uns menschlich näher […] bringen“ (Honold/Scherpe 2004, S. 193). „Der „ethnografische Teil“ der Kolonialausstellung war im „N-dorf“ untergebracht. Dort hatte man für jede der deutschen Kolonien typische Bauten, teilweise sogar aus eigens importierten Materialien gefertigt: ein festungsartiges Baumhaus und Pfahlbauten aus Neuguinea, afrikanische Temben, ein Togo-Dorf und eines aus Kamerun, einen Dornkraal mit Ochsenwagen und ein Hartebeest-Haus aus Deutsch-Südwest. […] Ferner sollten Vorführungen von Fetischtänzen, Kriegsspielen oder der Trommeltelephonie der Kameruner ein anschauliches Bild vom „bunt bewegten Leben der Eingeborenen vermitteln.“ (S. 193). Als Werbekampagne war die Ausstellung gleichermaßen im Interesse der Reichsregierung und der Wirtschaft. Letzterer ging es ausschließlich um materielle Interessen: Es galt, die Deutschen als Konsumenten für „ihre“ Kolonialprodukte zu gewinnen und Investoren für die besetzten Gebiete anzuwerben. Zu einer Zeit, als Kaffee und Schokolade, Bananen und Erdnussöl Luxusgüter waren, musste man diese zunächst einem breiten Publikum bekannt und als Kolonialwaren schmackhaft machen.
Mit seinen Thesen, die aus pseudowissenschaftlichen Grundlagen der „Rassentheorie“ schöpften, und seiner Ausstellungspraxis trug Hagenbeck zur Verfestigung des hierarchischen Narrativs von Gesellschaften und Kulturen bei. Die Präsentation der Menschen auf eine dehumanisierende Art und Weise war in Hagenbecks Ausstellungen selbstverständlich und wurde nicht hinterfragt. Dies galt auch für die vermeintliche Überlegenheit der weißen Weltsicht. Somit bildeten bei Umlauffs wie auch bei Hagenbecks „Inszenierungen […] außereuropäische Menschen und Tier gemeinsam und gleichrangig das Fremde“ (Lange 2004, S. 154) ab. Zur Veröffentlichung von Hagenbecks Buch „Von Tieren und Menschen. Erlebnisse und Erfahrungen“ – das schon im ersten Jahr 100.000 mal gekauft wurde – schuf Paul Scheurich 1908 ein Werbeplakat, auf dem ein Affe (wohl ein junger Schimpanse) und ein kleiner Junge nebeneinander im Gras hocken, einen Arm freundschaftlich auf die Schulter des anderen gelegt. Die Haut des Jungen und das Fell des Tiers sind mit derselben dunklen Farbe gemalt und ihre Köpfe befinden sich auf gleicher Höhe. Mit dieser plumpen, aber visuell einprägsamen Analogie wird die Gleichheit von Affen und Schwarzen Menschen suggeriert. 1870 forderte der Zoologe Alfred Brehm die Anerkennung der Schimpansen als der Gattung Mensch zugehörig: „Die Affen lachen, weinen und sind den Menschen, die sie ansprechen und dressieren dankbar.“ In Hinblick auf die Menschenähnlichkeit am ausdrucksvollsten, so Brehm, sei der gebrochene Blick des sterbenden Affen, der ganz nah und unmittelbar, gleichwohl aber schon entrückt, von bedingungsloser Anhänglichkeit erzähle.
Die Konstruktion dieses Narrativs, das durch Reiseliteratur, Wissenschaft und Wirtschaft geprägt wurde, suggeriert eine Überlegenheit des westlichen Kulturkreises gegenüber dem Rest der Welt: Beispiele hierfür fanden sich bei Leo Africanus und seinem Buch „Historiale description de l’Afrique, tierce partie du monde“ (1556), in Carl von Linnés Werk „Systema Naturae“ (1735) oder bei Georges-Louis Leclerc de Buffon in „Histoire naturelle“ (ab 1749). Dieses Narrativ bereitete und legitimierte den Weg zur Versklavung und Ausbeutung anderer Kulturen, Gesellschaften und Menschen. Die auf rassistischen Theorien basierende Hierarchisierung unterschiedlicher Gesellschaften, in der Schwarze Menschen auf dem vermeintlich „niedrigsten“ Entwicklungsstand und damit als dem Tier ähnlich angesehen wurden. Nach der Versklavung in den Kolonien und der Industrialisierung des Waren- und Rohstoffverkehrs fand die Dehumanisierung durch die Zurschaustellung mitten in Europa einen Höhepunkt. Neben Büchern, Schulmaterialien und Verpackungen gehörten auch Plakate und andere Werbemittel zu den massenhaft verbreiteten Drucksachen, deren Bildmotive die Vorstellung von vermeintlich „primitiven Menschen“ in unseren Köpfen verankert haben.
Recherche und Text: Ibou Coulibaly Diop
Verwandte Werktexte:
_Zoologischer Garten (ID 2674476)
Zitierte Literatur:
_Alexander Honold, Klaus R. Scherpe (Hg.): Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit, Stuttgart 2004, S. 152–162
_Zoologischer Garten (ID 2674476)
Zitierte Literatur:
_Alexander Honold, Klaus R. Scherpe (Hg.): Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit, Stuttgart 2004, S. 152–162
_Britta Lange: „Unterhaltung und Vermarktung, 1892: Die Firma J.F.G. Umlauff präsentiert ‚anthropoloisch-zoologische Prachtgruppen‘“, in: Honold/Scherpe 2004, S. 152–162
_Leo Africanus: Historiale description de l’Afrique, tierce partie du monde, Lyon 1556
_Georges-Louis Leclerc de Buffon: Histoire naturelle, Paris 1749–1804
_Carl von Linné: Systema Naturae, 1735
Ausgewählte Quellen:
_Carl Hagenbeck: Von Tieren und Menschen. Erlebnisse und Erfahrungen, Berlin 1908
_Lothar Dittrich, Annelore Rieke-Müller: Carl Hagenbeck (1844-1913). Tierhandel und Schaustellung im Deutschen Kaiserreich. Frankfurt am Main 1998
_Eric Ames: Carl Hagenbeck’s Empire of Entertainments, Seattle 2009
_Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870–1940, Frankfurt am Main 2005
_Rea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei, Zürich 2023
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
_Leo Africanus: Historiale description de l’Afrique, tierce partie du monde, Lyon 1556
_Georges-Louis Leclerc de Buffon: Histoire naturelle, Paris 1749–1804
_Carl von Linné: Systema Naturae, 1735
Ausgewählte Quellen:
_Carl Hagenbeck: Von Tieren und Menschen. Erlebnisse und Erfahrungen, Berlin 1908
_Lothar Dittrich, Annelore Rieke-Müller: Carl Hagenbeck (1844-1913). Tierhandel und Schaustellung im Deutschen Kaiserreich. Frankfurt am Main 1998
_Eric Ames: Carl Hagenbeck’s Empire of Entertainments, Seattle 2009
_Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870–1940, Frankfurt am Main 2005
_Rea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei, Zürich 2023
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
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Paul Scheurich, der von 1900 bis 1902 an der Berliner Kunstakademie studiert hatte, war in vielen künstlerischen Bereichen tätig. Als Zeichner und Grafiker entdeckte er das gebrauchsgrafische Metier als Auftragsfeld für sich: Er entwarf Plakate und andere Werbemedien, illustrierte Zeitschriften und Bücher. Als Maler schuf er häufig Arbeiten für das Theater, etwa Bühnenbilder für Max Reinhardt im Jahr 1913. Berühmt wurde Scheurich jedoch als Kleinplastiker: Seine vom Rokoko inspirierten Figuren für die Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen (wo er auch eine Professur innehatte), die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin sowie die Porzellanmanufaktur Nymphenburg sind bis heute Sammlerstücke. Unter dem nationalsozialistischen Regime wurde Scheurich gefördert.
Text: Christina Dembny
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
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