Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1900
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- Lithografie
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 86 x 56,7 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/928300
Objektbeschreibung
In diesem Plakat werden das Markenlogo und eine Tasse Kaffee in den Fokus gestellt. Der Name des Kaffees steht auf einer Tasse, die von einem Schwarzen rauchenden Mann vor einem gelben Hintergrund gehalten wird. Sowohl der Kaffee als auch der Mann werden hier als Genussmittel dargestellt, mit erotisierenden Untertönen. Das Homogene Andere kommt klar zum Ausdruck. Auch wenn keine explizit rassistische Darstellung gewählt ist, schaut uns dieser Mann nicht in die Augen, sondern auf die Seite und auf den Kaffee. Der nicht vorhandene Blickkontakt macht diesen Mann zu einem zu betrachtenden Objekt, ein dekoratives Element auf gleicher Bildebene wie die Kaffeetasse und der Schriftzug. Die Präzision der Proportionen von Kopf und Körper sowie die Wahl der kräftigen Farben und Proportionen stellen eine vermeintlich homogene Einheit des „Anderen“ her, bestehend aus dem Schwarzen Mann und dem türkischen Kaffee.
In kolonial rassistischen Diskursen ist das Abbilden Schwarzer Menschen und Frauen in Hilfsrollen oder stilisierenden in kräftigen kontrastierenden Farben eine gängige Methode und Praxis; ebenso das Abbilden des kultivierten weißen Mannes, der sich von Schwarzen Menschen bedienen lässt. Derartige Plakatmotive sind geprägt von der Herrschaftsgeschichte des weißen Europas. Eine Norm, die von europäischen Wissenschaftler*innen gesetzt wurde, um die ausbeuterische Praxis und Verdinglichung des Schwarzen Körpers zu etablieren, wie Frantz Fanon beim Ersten Kongress der Schwarzen Intellektuellen und Künstler*innen in Paris 1956 betonte: „Es ist nicht möglich Menschen zu kolonisieren, ohne sie logisch Stück für Stück für minderwertig zu erklären. Und der Rassismus ist nur die emotionale, affektive, manchmal intellektuelle Erklärung dieser vorausgehenden Abwertung.“ Dieses Axiom der „Minderwertigkeit“, das sich in Texten und Theorien verfestigt hatte, wurde anhand von Plakatmotiven in das Bewusstsein Schwarzer und weißer Menschen weltweit eingegraben. Schwarze als Schaulustige, in Nebenrollen oder als Sexobjekte prägen die Erzählungen in Text und Bild in Europa seit mindestens dem 16. Jahrhundert. Diese fremdartige Bestimmung des Schwarz-Seins und dessen Geschichte formt die Wahrnehmung der Welt des Schwarzen Körpers. Die Vergewaltigung der Schwarzen Körper, die Objektivierung und Sexualisierung von Frauenkörpern und der bildliche Missbrauch der Körper von Kindern wurden so selbstverständlich im öffentlichen Raum europäischer Länder gezeigt. Dieses intersektionale Vernichten der Körper von Schwarzen, Frauen und Kindern, das sich in Text und Theorie propagierte, übersetzt sich (bis heute) in eine einfache Bildsprache, verfestigte und verankerte sich in unserer geistigen Prädisposition der Hierarchisierung des Weltverständnisses der heteronormativen Subjekte.
Text und Recherche: Ibou Coulibaly Diop
In kolonial rassistischen Diskursen ist das Abbilden Schwarzer Menschen und Frauen in Hilfsrollen oder stilisierenden in kräftigen kontrastierenden Farben eine gängige Methode und Praxis; ebenso das Abbilden des kultivierten weißen Mannes, der sich von Schwarzen Menschen bedienen lässt. Derartige Plakatmotive sind geprägt von der Herrschaftsgeschichte des weißen Europas. Eine Norm, die von europäischen Wissenschaftler*innen gesetzt wurde, um die ausbeuterische Praxis und Verdinglichung des Schwarzen Körpers zu etablieren, wie Frantz Fanon beim Ersten Kongress der Schwarzen Intellektuellen und Künstler*innen in Paris 1956 betonte: „Es ist nicht möglich Menschen zu kolonisieren, ohne sie logisch Stück für Stück für minderwertig zu erklären. Und der Rassismus ist nur die emotionale, affektive, manchmal intellektuelle Erklärung dieser vorausgehenden Abwertung.“ Dieses Axiom der „Minderwertigkeit“, das sich in Texten und Theorien verfestigt hatte, wurde anhand von Plakatmotiven in das Bewusstsein Schwarzer und weißer Menschen weltweit eingegraben. Schwarze als Schaulustige, in Nebenrollen oder als Sexobjekte prägen die Erzählungen in Text und Bild in Europa seit mindestens dem 16. Jahrhundert. Diese fremdartige Bestimmung des Schwarz-Seins und dessen Geschichte formt die Wahrnehmung der Welt des Schwarzen Körpers. Die Vergewaltigung der Schwarzen Körper, die Objektivierung und Sexualisierung von Frauenkörpern und der bildliche Missbrauch der Körper von Kindern wurden so selbstverständlich im öffentlichen Raum europäischer Länder gezeigt. Dieses intersektionale Vernichten der Körper von Schwarzen, Frauen und Kindern, das sich in Text und Theorie propagierte, übersetzt sich (bis heute) in eine einfache Bildsprache, verfestigte und verankerte sich in unserer geistigen Prädisposition der Hierarchisierung des Weltverständnisses der heteronormativen Subjekte.
Text und Recherche: Ibou Coulibaly Diop
Zitierte Literatur:
_Frantz Fanon: Für eine afrikanische Revolution. Politische Schriften, herausgegeben von Barbara Kalender, Berlin 2022Zitierte Literatur
_Frantz Fanon: Für eine afrikanische Revolution. Politische Schriften, herausgegeben von Barbara Kalender, Berlin 2022Zitierte Literatur
_____
Werbung für importierte Genussmittel wie Kaffee, Tee, Kakao oder Tabak –
bezeichnenderweise als „Kolonialwaren“ bekannt – machte einen
erheblichen Teil der Reklame um 1900 aus. Frühe Plakate für Kaffee
zeigten oft den europäischen Ort des Konsums: elegante Damen und Herren
im Kaffeehaus beim Genuss des herben Heißgetränks, Close-ups von
Kaffeetassen und Verpackungen oder sogar der heimatlichen Kaffeefabrik.
Wie aber verhielt es sich mit der Herkunft des Produkts aus dem Nahen
Osten und Afrika? Können orientalisierende Motive wie dieser
Messmer-Kaffeetrinker als Verweis auf die Ursprungskulturen gelesen
werden oder blenden sie koloniale Realitäten ebenso aus wie die Bilder
europäischen Kaffeegenusses?
Der Alltag in Deutschland ist heute ohne Kaffee, Kaffeetafel und Kaffeewerbung kaum vorstellbar. Dabei wird die dampfende Tasse in der Hand zum Sinnbild für Genuss und Geselligkeit ebenso wie für Dynamik und Leistungsfähigkeit. Kaffee steht aber auch für die Herausbildung und Entfesselung des globalen Kapitalismus. Seit dem 17. Jahrhundert genossen die europäischen Eliten den ursprünglich aus Äthiopien stammenden, zunächst in der arabischen und osmanischen Welt gebrauten Kaffee. Nachdem die niederländische Ostindien-Kompanie Kaffeesamen aus Mokka (al Mukha) im Jemen zunächst nach Batavia (das heutige Jakarta) verschickt hatte, wurde Kaffee in Brasilien und vielen weiteren Ländern des globalen Südens angepflanzt. Erste Kaffeehäuser öffneten in den großen Städten, hier schmiedete man neue (Geschäfts-)Ideen. Die Produktion der im 18. Jahrhundert zunehmend auch der bürgerlichen Mittelschicht zugänglichen Bohne wurde fortlaufend intensiviert und verbilligt. Dies war möglich durch koloniale Expansion und ein System der Versklavung, bei dem Menschen aus Afrika gefangen genommen und in andere Länder verschleppt wurden. Dort mussten sie unter brutalen Bedingungen Zwangsarbeit verrichten. Gleichzeitig pries man Kaffee in Europa aufgrund seiner angeblichen medizinischen Vorzüge an und empfahl ihn anstelle von Alkohol als Alltagsgetränk – ob in Reinform oder mit Ersatzstoffen wie Getreide versetzt. Im 19. Jahrhundert wurde der Tagesablauf in Europa, vor allem der Arbeiter*innen, immer stärker rationalisiert und nach dem Leistungsprinzip durchgetaktet. Dabei half das Aufputschmittel Kaffee, das Menschen in die Lage versetzen sollte, ganze Nächte durchzuarbeiten, ohne das Bedürfnis nach Schlaf zu entwickeln.
Viele große Unternehmen, die mit Erzeugnissen aus den europäischen Kolonien handelten, setzten um 1900 auf Kaffee. Marken wie Rajah oder Messmer wählten als Werbemotive bevorzugt Menschen aus Afrika oder dem Nahen Osten beim idyllisch entspannten Genuss einer Tasse des dampfenden Gebräus. Oft wurde die Bohne in der Reklame auch stolz als Erzeugnis landeseigener Kolonien ausgewiesen – wie etwa im Deutschen Reich das ostafrikanische Usambara oder das westafrikanische Togo. Viele Plakate skizzieren die dynamische Atmosphäre in Cafés (Café Imperator, Café Jacqmotte), etwa anhand von herbeieilenden Obern (Schmidt‘s Kaffee-Rösterei). Nicht selten wurden Schwarze Männer oder als Kellner (Germundsons) oder Jungen als kindliche Diener dargestellt, wie in Hohlweins „Café Odeon“.
Nie thematisiert wurde in den Bildern die Ausbeutung und Gnadenlosigkeit gegenüber den Arbeitenden auf den Plantagen. Im Gegenteil: Indem die Afrikaner*innen bei einer angenehmen Kaffeepause oder stillen Serviertätigkeit gezeigt wurden, wies man nicht nur auf die ferne (exotische) Herkunft des Produkts hin, sondern demonstrierte auch das vermeintliche Einverständnis und die Zufriedenheit der Kolonisierten und Versklavten mit den ihnen aufgezwungenen Verhältnissen. In anderen Fällen betonten Sachplakate die kompetente deutsche Weiterverarbeitung (Kaffee Hag, Kaffeerösterei) oder die Freude am Kaffee – die umso grösser ausfiel weil das Produkt so gut verträglich war – quer durch alle Gesellschaftsschichten (Senioren-Kaffee, Hansa-Kaffee). Weder die Machtverhältnisse und Arbeitsbedingungen noch die Werbestrategien haben sich ein Jahrhundert später grundlegend geändert: Der weltweite Kaffeemarkt ist in seiner Zoll- und Mehrwertschöpfungspolitik so unerbittlich wie protektionistisch. Immer noch gibt es Kinderarbeit und systematisch organisierte Unterbezahlung auf Kaffeeplantagen weltweit, und immer noch lächeln uns die Erntenden auf Paketen und Plakaten glücklich entgegen.
Recherche und Text: Kristina Lowis
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1843-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.Der Alltag in Deutschland ist heute ohne Kaffee, Kaffeetafel und Kaffeewerbung kaum vorstellbar. Dabei wird die dampfende Tasse in der Hand zum Sinnbild für Genuss und Geselligkeit ebenso wie für Dynamik und Leistungsfähigkeit. Kaffee steht aber auch für die Herausbildung und Entfesselung des globalen Kapitalismus. Seit dem 17. Jahrhundert genossen die europäischen Eliten den ursprünglich aus Äthiopien stammenden, zunächst in der arabischen und osmanischen Welt gebrauten Kaffee. Nachdem die niederländische Ostindien-Kompanie Kaffeesamen aus Mokka (al Mukha) im Jemen zunächst nach Batavia (das heutige Jakarta) verschickt hatte, wurde Kaffee in Brasilien und vielen weiteren Ländern des globalen Südens angepflanzt. Erste Kaffeehäuser öffneten in den großen Städten, hier schmiedete man neue (Geschäfts-)Ideen. Die Produktion der im 18. Jahrhundert zunehmend auch der bürgerlichen Mittelschicht zugänglichen Bohne wurde fortlaufend intensiviert und verbilligt. Dies war möglich durch koloniale Expansion und ein System der Versklavung, bei dem Menschen aus Afrika gefangen genommen und in andere Länder verschleppt wurden. Dort mussten sie unter brutalen Bedingungen Zwangsarbeit verrichten. Gleichzeitig pries man Kaffee in Europa aufgrund seiner angeblichen medizinischen Vorzüge an und empfahl ihn anstelle von Alkohol als Alltagsgetränk – ob in Reinform oder mit Ersatzstoffen wie Getreide versetzt. Im 19. Jahrhundert wurde der Tagesablauf in Europa, vor allem der Arbeiter*innen, immer stärker rationalisiert und nach dem Leistungsprinzip durchgetaktet. Dabei half das Aufputschmittel Kaffee, das Menschen in die Lage versetzen sollte, ganze Nächte durchzuarbeiten, ohne das Bedürfnis nach Schlaf zu entwickeln.
Viele große Unternehmen, die mit Erzeugnissen aus den europäischen Kolonien handelten, setzten um 1900 auf Kaffee. Marken wie Rajah oder Messmer wählten als Werbemotive bevorzugt Menschen aus Afrika oder dem Nahen Osten beim idyllisch entspannten Genuss einer Tasse des dampfenden Gebräus. Oft wurde die Bohne in der Reklame auch stolz als Erzeugnis landeseigener Kolonien ausgewiesen – wie etwa im Deutschen Reich das ostafrikanische Usambara oder das westafrikanische Togo. Viele Plakate skizzieren die dynamische Atmosphäre in Cafés (Café Imperator, Café Jacqmotte), etwa anhand von herbeieilenden Obern (Schmidt‘s Kaffee-Rösterei). Nicht selten wurden Schwarze Männer oder als Kellner (Germundsons) oder Jungen als kindliche Diener dargestellt, wie in Hohlweins „Café Odeon“.
Nie thematisiert wurde in den Bildern die Ausbeutung und Gnadenlosigkeit gegenüber den Arbeitenden auf den Plantagen. Im Gegenteil: Indem die Afrikaner*innen bei einer angenehmen Kaffeepause oder stillen Serviertätigkeit gezeigt wurden, wies man nicht nur auf die ferne (exotische) Herkunft des Produkts hin, sondern demonstrierte auch das vermeintliche Einverständnis und die Zufriedenheit der Kolonisierten und Versklavten mit den ihnen aufgezwungenen Verhältnissen. In anderen Fällen betonten Sachplakate die kompetente deutsche Weiterverarbeitung (Kaffee Hag, Kaffeerösterei) oder die Freude am Kaffee – die umso grösser ausfiel weil das Produkt so gut verträglich war – quer durch alle Gesellschaftsschichten (Senioren-Kaffee, Hansa-Kaffee). Weder die Machtverhältnisse und Arbeitsbedingungen noch die Werbestrategien haben sich ein Jahrhundert später grundlegend geändert: Der weltweite Kaffeemarkt ist in seiner Zoll- und Mehrwertschöpfungspolitik so unerbittlich wie protektionistisch. Immer noch gibt es Kinderarbeit und systematisch organisierte Unterbezahlung auf Kaffeeplantagen weltweit, und immer noch lächeln uns die Erntenden auf Paketen und Plakaten glücklich entgegen.
Recherche und Text: Kristina Lowis
Verwandte Werktexte:
_Togo Kaffeetabletten (ID 932650)
_Café Odeon (ID 1420073)
_Gruppentext Kaffeehäuser (z. B. ID 2644379)
_Togo Kaffeetabletten (ID 932650)
_Café Odeon (ID 1420073)
_Gruppentext Kaffeehäuser (z. B. ID 2644379)
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
Kontakt
Einrichtung:
Kunstbibliothek
E-Mail:
kb@smb.spk-berlin.de