Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1911
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- Lithografie
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 110,9 x 73,7 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/929808
Objektbeschreibung
Mehrere frühe Plakate für Marco Polo Tee, eine Marke der Firma Franz Kathreiners, befinden sich in der Sammlung der Kunstbibliothek. An ihren Motiven lässt sich der koloniale Blick der Vorkriegszeit auf eines der bekanntesten Importprodukte aus Asien verdeutlichen. Zwei der Plakate wurden von Ludwig Hohlwein gestaltet: Im ersten (ID 924529) serviert ein wenig gastfreundlich blickender Mann mit dunkler Haut unbeteiligt, scheinbar regungslos ein Tablett mit zwei gefüllten Teetassen. Arbeitsanzug, Zopf und die angedeutete Tonsur sollen ihn wohl als Chinesen ausweisen. Im zweiten (ID 2789400) trägt ein blonder Soldat in Husarenuniform mit gespornten Stiefeln zackig ein Tablett mit zwei Teetassen herbei. Ein drittes Plakat, entworfen von Carl Kunst (ID 929808), zeigt ein nach Volumen abgepacktes Paket Tee mit dem Konterfei Marco Polos auf der Vorderseite und einem Papagei, dem Inbegriff eines tropischen Vogels, auf der im Spiegel zu erkennenden Rückseite.
1828 gegründet und 1897 in eine GmbH umgewandelt, war die Münchner Firma Kathreiner eines der größten deutschen Kolonialwarenunternehmen. Den Namen Marco Polo Tee meldete sie 1884 im Markenregister an. Es war das Jahr der Kongokonferenz (auch Westafrika-Konferenz) zur Aufteilung Afrikas und des offiziellen Eintritts Deutschlands in den Kreis der Kolonialmächte. Dass hier ein Unternehmen seine Teemarke nach einem Venezianer aus dem 13. Jahrhundert benannte und dessen Erzählungen eine Motivation und Referenz für das europäische Kolonialunternehmen wurden, verrät viel über die Weltanschauung des Importgeschäfts.
Marco Polo (1254–1324) wurde für seine „Reiseberichte“ aus China und Indien bekannt und diente als Namensgeber für zahlreiche Textilprodukte, Reiseanbieter und eben Tee. Während der Wahrheitsgehalt seiner Ausführungen umstritten ist, haben seine Schilderungen der reichen Wunderwelt Asiens in den nachfolgenden Jahrhunderten viele Fantasien beflügelt und Scharen von Geschäftsleuten angespornt, über die Handelsrouten („Seidenstraßen“) Waren aus dem fernen Osten nach Europa zu importieren, um damit reich zu werden. Dies gelang ihnen durch systematische Ausbeutung und Unterwerfung der Menschen: Kolonialismus, Imperialismus und ein bis heute operierender globalisierter Kapitalismus waren die brutalen Folgen des Traums von der Eroberung und der Bereicherung an der großen weiten Welt.
In China führte das britische Imperium im 19. Jahrhundert einen harten Handelskrieg um den Zugang zu Ressourcen: Ihren Exportschlager Tee ließen sich die Chinesen mit britischem Silber bezahlen. Im Gegenzug importierte man massenhaft Opium aus Indien, um es sich mit demselben Silber zurückzahlen zu lassen. Das Ergebnis war neben vielen Drogensüchtigen ein gnadenloser Krieg um den freien Handel. Mit Abschluss des Vertrags von Nanking (1842) wurde China zu enormen Entschädigungszahlungen verpflichtet, die Armut und Hunger über das Land brachten, sowie zur Abtretung Hong Kongs an das Vereinigte Königreich. Die erzwungene Öffnung chinesischer Häfen und unilaterale (Handels-)Zölle waren Teil der militärisch-imperialistischen Strategie des britischen Staates, mit welcher Abhängigkeiten und Herrschaftsverhältnisse und der Einfluss des Westens konsolidiert wurden. Auch das Deutsche Reich wollte auf chinesischem Boden Fuß fassen und schloss einen „ungleichen Vertrag“ für die geplante „Musterkolonie“ der Reichsmarine in Kiautschou (dem heutigen Jiaozhou) ab. Als in China Widerstand gegen den Einfluss ausländischer, christlicher Imperialist*innen aufkam, beteiligte sich das deutsche Militär in Form des „deutschen Ostasiatischen Expeditionskorps“ nach der „Hunnenrede“ Wilhelms II. („Gefangene werden nicht gemacht!“) an der blutigen Niederschlagung des sogenannten Boxeraufstands 1900/01. Generell verfuhr das Deutsche Reich nach dem Prinzip der indirekten Herrschaft, übertrug also Regierungstätigkeiten an lokale Machthaber. Es folgten brutale militärische Interventionen in seinen „Schutzgebieten“, um die Beschaffung von Ressourcen unter ausbeuterischen Bedingungen sicherzustellen.
Die Plakate Hohlweins stellten den asiatischen Diener und den strammen Soldaten im Kontrast zueinander dar: Während der eine augenscheinlich gezwungen ist, seine dienende Haltung im starren Rahmen der grünen Quadrate einzunehmen (die vielleicht auf den traditionell in Blöcken gepressten Tee aus China anspielen), zeugt der Elan des anderen von der deutschen Lust auf kolonialistische „Weltpolitik“. Hohlwein stellte seine werbegrafischen Fähigkeiten nach 1933 in den Dienst des Nationalsozialismus, was diese Darstellung in ideologischer Hinsicht besonders aufschlussreich macht. Die hemmungslose Ausbeutung von Ressourcen durch den Westen beziehungsweise den globalen Norden sowie das Erzwingen von Zugeständnissen setzte sich, ebenso wie die positive Besetzung der Figur Marco Polos, bis in unsere Gegenwart fort.
Recherche und Text: Kristina Lowis
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
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