Logo

Muratti's

Ident. Nr.: 14005343

ObjID: obj:931306

Details (Expert)

Beteiligte
Louis Oppenheim (1879 - 1936),
Entwerfer*in
Keleti, V.,
Drucker*in
Datierung
1913
Geografische Bezüge
Material / Technik
Lithografie
Abmessungen
Höhe x Breite: 70 x 94 cm

Objektbeschreibung

Plakatwerbung für Tabakprodukte hat eine lange Tradition: Mit Erfindung neuer Rauchwaren und dem massiven Anstieg des Tabakkonsums im 19. Jahrhundert hielt sie Einzug in den öffentlichen Außenraum und blieb jahrzehntelang dort präsent; erst kürzlich wurde sie in vielen Ländern verboten. In Europa wurde Tabak um 1900 – wie auch Kaffee, Kakao, Tee oder Gewürze – zu „Kolonialwaren“ gezählt. Historisch trifft die Bezeichnung wohl zu, denn im 17. und 18. Jahrhundert wurde Tabak noch teuer aus Amerika angeschifft. Im 19. Jahrhundert jedoch stammte der Rohtabak, der in immer mehr europäischen Tabakfabriken verarbeitet wurde, meist aus Anbaugebieten im südöstlichen Mittelmeerraum – und nur selten aus überseeischen Kolonien. „Kolonialware“ war zum Vermarktungsbegriff geworden und stand generisch für „Exotik“, Ferne, Genuss und den neuen Alltagsluxus in der imperialen Konsumgesellschaft.

Denn im Zuge der Industrialisierung hatte das einst sehr Wohlhabenden vorbehaltene Genussmittel massenhaft Verbreitung in Europa gefunden: Es gab Tabak jetzt nicht mehr nur zum Schnupfen, Kauen (ID 2645549), Pfeifenrauchen oder in Zigarrenform, sondern auch in Papier gewickelt als fertige Zigarette oder zum Selberdrehen – und all das zu erschwinglichen Preisen. Neue Marken sprangen wie Pilze aus dem Boden, und mit der Konkurrenz auf dem internationalen Markt vermehrte sich auch die Werbung. Die Sammlung der Frühen Plakate in der Kunstbibliothek bildet dies in großer Breite ab. Vertreten sind etwa Werbeplakate des irischen Fabrikanten Gallaher, der 1896 in Belfast die weltweit größte Tabakfabrik besaß (ID 2649379), oder des griechisch-ägyptischen Unternehmens Kyriazi Frères, das im Jahr 1901 über 103 Millionen Zigaretten exportierte (ID 2615623). Auch Dresden, das sich seit Eröffnung der Companie Laferme 1862 (ID 2835412) zum deutschen Zentrum für Tabakumschlag und Zigarettenproduktion entwickelte, ist mit zahlreichen Herstellern präsent, darunter Sulima (ID 2685416), Réunion (ID 2737452), Eckstein (ID 2679421) und Yenidze (ID 2676436). 

Zum typischen Motivrepertoire der frühen Tabakwerbung gehörten distinguierte Herren, Überseeschiffe und emanzipierte Raucherinnen ebenso wie „orientalische“ Bildwelten. Daneben gab es aber auch eine Form der Gestaltung, die sich von Motivik und Narration distanzierte: das sogenannte Sachplakat, eine moderne Designbewegung in Deutschland. In Reaktion auf die überschwängliche Ornamentik des Jugendstils und klischeebeladene Traditionsreklame gestalteten moderne Grafiker*innen, darunter Julius Klinger (1876–1942), Louis Oppenheim (1879–1936), Lucian Bernhard (1883–1972) und Julius Gipkens (1883¬–1962), sachliche Werbung im reduzierten Stil. Dargestellt wurden nur die Produkte, Verpackungen oder Logos, ohne narratives Beiwerk, in klaren Farben und markanter Typografie, meist auf einfarbigem Hintergrund. Die „Kunstanstalt Hollerbaum und Schmidt“, eine Berliner Druckerei und Werbeagentur, war wegweisend in der Entwicklung der modernen Plakatgestaltung. Mit dem totalen Fokus auf das in Europa produzierte Produkt verschwand auch jede mögliche Referenz auf die Herkunft der Rohstoffe, in diesem Fall Tabak.

Recherche und Text: Christina Thomson

Verwandte Werktexte:
_Esquire Problem (ID 2722386)
_Manoli Kardash (ID 2638716)
_Moslem (ID 922470)
_La Roumanie (ID 2679421)
_Eckstein Zigaretten (ID 2830396)


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854–1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854–1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Letzte Aktualisierung: 04.05.2026

Kontakt

Einrichtung:

Kunstbibliothek

Weitere Objekte aus den Sammlungen