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Besuchet den Tiergarten

Ident. Nr.: 932519

ObjID: obj:932519

Details (Expert)

Beteiligte
Ludwig Hohlwein (1874 - 1949),
Entwerfer*in
Tiergarten Nürnberg,
Auftraggeber*in
Datierung
1912
Geografische Bezüge
Material / Technik
Lithografie
Abmessungen
Höhe x Breite: 103,8 x 73,9 cm

Objektbeschreibung

Während Nutztiere im Zuge der Industrialisierung zunehmend aus dem städtischen Alltag verschwanden, fanden nicht-europäische, als „exotisch“ wahrgenommene Tiere im 19. Jahrhundert im großen Maßstab Einzug in die modernen Großstädte. Nach dem Vorbild der 1793 im Pariser Jardin des Plantes eröffneten Menagerie entstanden nun überall in europäischen Großstädten öffentliche Zoologische Gärten, meist auf Betreiben des Bürgertums. In den Zoos standen die nach Gattung oder geografischer Region geordneten Tiere für die Forschung zur Verfügung, während sie zugleich das zahlende Publikum belehrten und erfreuten. An sogenannten „billigen Sonntagen“ strömten etwa bis zu 100.000 Besucher*innen aus allen Gesellschaftsschichten in den 1844 eröffneten Berliner Zoo, der mit einem umfangreichen gastronomischen Angebot warb, ebenso wie mit Vorführungen dressierter Tiere.

Doch woher kamen die ausgestellten Tiere? Während die ersten zoologischen Gärten aus aufgelösten königlichen Menagerien hervorgingen und mehrheitlich einheimische Tiere zeigten, wuchs im 19. Jahrhundert der Anteil sogenannter „exotischer“ Tiere exponentiell. Sie stammten vorwiegend aus europäischen Kolonien in Afrika, Amerika, Asien, Australien und der Südsee sowie aus den arktischen Gebieten. Dort wurden sie mit der Hilfe und mit dem Wissen einheimischer Jäger gefangen, um anschließend unter der Begleitung von einheimischen Tierpflegern über Land und See auf beschwerlichen Wegen nach Europa und Nordamerika transportiert zu werden. Zooführer priesen die ausgestellten Tiere oftmals als Trophäen, die in Kolonialkriegen oder als Geschenke von Kolonialoffizieren erworben worden waren. Zoologische Gärten vermittelten dem Publikum das Gefühl einer kleinen Weltreise und ließen so die europäische Herrschaft über den Globus spürbar werden. Die Tiere wurden oft in aufwändigen Schauarchitekturen im orientalistischen Stil präsentiert, wodurch die Kulturen ihrer Herkunftsregionen als Naturen mitausgestellt wurden. Zudem gastierten auch Völkerschauen regelmäßig in zoologischen Gärten und praktizierten folglich eine entwürdigende Gleichsetzung von nicht-europäischen Menschen und Tieren.

Vergleichsweise spät eröffnete 1911 der erste Münchner Zoo, der Tierpark Hellabrunn. Orientiert am Vorbild von Carl Hagenbecks berühmtem Tierpark in Stellingen bei Hamburg arbeitete der Zoo mit zaunfreien Gehegen, die durch umlaufende, mit Wasser gefüllte Gräben einen freien Blick auf die ausgestellten Tiere ermöglichten. Nur wenige Tiere erhielten aufwändige Bauten, entworfen vom namhaften Münchner Architekten Emanuel von Seidl, darunter die Raubkatzen. Ihr stilisierter Zwinger mit zentraler, offener Terrasse, hinterfangen von einer archaisch anmutenden Schauarchitektur mit dekorativen korinthischen Säulen sollte an eine „aus dem Wüstensande blossgelegte Tempelruine“ erinnern (Roth 1913, S. 53). Vor allem dem Löwen als „majestätische[m] Tier“ sollte „die Formensprache der Architektur angepasst“ sein (Roth 1913, S. 5). Die orientalisierenden Stilelemente rückten die Tiere dabei in eine geografische und kulturelle Distanz und weckten einen Imaginationsraum der exotischen „Fremde“. Die Leoparden aus Afrika und Südasien kamen im umgitterten Rondell links der Löwenterrasse unter sowie im Raubtierhaus.

Diese beiden Raubkatzen, die der Grafiker Ludwig Hohlwein vermutlich im Tierpark Hellabrunn selbst studiert hatte, zierten sowohl das Plakat, das für den neuen Zoologischen Garten warb, als auch das Deckblatt des Zooführers. In der Bildkomposition wirkt der schwarze Panther wie der Schatten des gefleckten Leoparden und leuchtet zugleich mit seinen grünen Augen aus dem Hintergrund hervor, als käme er auf die Betrachtenden zugelaufen. Die Tiere sind ohne Käfig dargestellt, wie man sie vielfach im Tierpark beobachten konnte. Nicht umsonst entschied sich Hohlwein bei den Werbemotiven für nicht-europäische Tiere: Oft aus Kolonialgebieten nach Europa verschafft, standen sie für die europäische Vorherrschaft in der Welt und die Bezwingung der „wilden“ Natur. Als Plakatmotive boten sie zudem einen ungewohnten – im Fall des Aras auch farbenfrohen – Anblick, der im Stadtbild erfolgreich als Blickfang und Werbung für Zoo-Abenteuer wirkte.

Text und Recherche: K. Lee Chichester

Verwandte Werktexte:
_Zoologischer Garten (ID 2674476)

Zitierte Literatur:
_Hermann Roth: Offizieller Führer durch den Zoologischen Garten in München (Tierpark Hellabrunn), 3. Aufl., München 1913

Ausgewählte Quellen:
_Michael Kemp und Helmut Zedelmeier (Hg.): Nilpferde an der Isar. Die Geschichte des Tierparks Hellabrunn in München, München 2000
_Julia Strauß: Münchner, Maler, Mustertiere. Der Tierpark Hellabrunn in Zeit und Kunst, München 2011

//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

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Die Entwürfe des Gebrauchsgrafikers Ludwig Hohlwein zeichnen sich durch einen originellen und souveränen Umgang mit Farbflächen aus: Die Figuren und Produkte, die er als Werbemotive wählte, kommen oft ohne Umrisslinien aus und bringen erstaunliche visuelle Effekte hervor. Die in Plakaten dargestellten Personen entstammen häufig dem gehobenen Bürgertum und werben für damalige Luxusgüter wie Zigaretten, Kaffee, Sportbekleidung oder Jagdzubehör. Hohlwein ließ seine Plakate vor allem bei den Vereinigten Druckereien und Kunstanstalten GmbH (G. Schuh und Cie.) herstellen, vereinzelt wurden sie bei der Berliner Kunstanstalt Hollerbaum und Schmidt gedruckt. In der Sammlung der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin befinden sich rund 200 Plakate von Ludwig Hohlwein, von denen jeweils etwa 90 vor 1914 und in den Jahren der Weimarer Republik entstanden, sowie rund 20 nach 1933. Unter dem nationalsozialistischen Regime unterstützte Hohlwein mit seinen Arbeiten die Staatspropaganda. 

Text: Christina Dembny

Letzte Aktualisierung: 04.05.2026

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