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Togo Kaffeetabletten

Ident. Nr.: 14020730

ObjID: obj:932650

Details (Expert)

Beteiligte
Ernst Deutsch (1887 - 1938),
Entwerfer*in
Hollerbaum & Schmidt (1889/1897 - um 1938),
Drucker*in
S. Burgstaller,
Auftraggeber*in
Datierung
1914
Geografische Bezüge
Material / Technik
Lithografie
Abmessungen
Höhe x Breite: 57,6 x 87,5 cm

Objektbeschreibung

Das Werbeplakat für „Togo Kaffeetabletten“, entstanden im historisch entscheidenden Jahr 1914, spiegelt die ineinandergreifende Dynamik von kolonialistischem Ehrgeiz, modernem Design und strategischer Vermarktung im Deutschen Reich vor dem Ersten Weltkrieg. Kaffeetabletten „ohne Satz“ waren damals ein Novum. Dabei handelt es sich vermutlich nicht um Koffeintabletten, sondern um eine frühe Version von löslichem Instantkaffee in trockengepresster Form. Das Plakat wurde in Auftrag gegeben von Dr. S. Burgstaller, einem Berliner Kaffeetablettenhersteller, der damit seine Produkte auf dem deutschen Markt bewarb: Einstiges Luxusgut wird angepriesen als greifbar für alle. Im Mittelpunkt steht das Kaffeeprodukt Togo, während im Kleingedruckten für Kakao aus Neuguinea sowie für Rum und Tee aus Tsingtao (heute Qingdao in China) geworben wird – allesamt überseeische Gebiete, in denen das Deutsche Reich damals kolonialistisch tätig war. 

Der damals 27-jährige Ernst Deutsch-Dryden, ein österreichischer Designer mit Wurzeln in der Wiener Sezession, brachte eine modernen Ansatz in die Gestaltung ein, ganz im Sinne des neuen Sachplakat-Stils. Die reduzierte Komposition, die sich auf den Produktnamen in großen blauen Buchstaben und die zylindrische weiße Verpackung der Kaffeetabletten konzentriert, erzeugt eine direkte visuelle Botschaft. Auf dem monochrom schwarzen Hintergrund – vielleicht eine Anspielung auf Togo als Teil des afrikanischen Kontinents – setzen Schrift und Produkt blaue und graue Akzente, die eine zurückhaltende aber doch auffällige Ästhetik schaffen. 

Togo, Guinea, Tsingtao – mit der Anhäufung von Namen deutscher Kolonien inszeniert das Plakat den imperialen Einfluss des Reiches als Konsumtraum. Die Nennung der Gebiete verstärkt die Assoziation zwischen den Produkten und den aus kolonialer Ausbeutung gewonnenen Ressourcen. Damit werden mehrere Ziele verfolgt: die Fiktion der globalen Expansion zu untermauern, innenpolitische Spannungen am Rande eines Krieges zu besänftigen, und die Vorstellung einer gesamtgesellschaftlichen Beteiligung am kolonialen Projekt aufrecht zu erhalten. Der Slogan „Überall erhältlich“ unterstreicht das imperialistische Narrativ der weltweiten Ressourcenextraktion und des Produktkonsums in allen Klassen westlicher Gesellschaften. Die Werbung ist zugeschnitten auf einen Markt, der sich sowohl für Luxus als auch für Nationalismus begeistert. 

Ein Großteil dieses Narrativs war jedoch pures Marketing. Es liegen keine verlässlichen Daten darüber vor, wie viel Kaffee tatsächlich ab dem späten 19. Jahrhundert unter deutscher Kolonialherrschaft in Togo gewonnen und ins Deutsche Reich importiert wurde. Wie Nicoué Lodjou Gayibors umfassende Geschichte des kolonialen Togos zeigt, arbeiteten deutsche Kolonialmächte hart daran, ein Bild von Togo als „Musterkolonie“ zu erschaffen. In Wirklichkeit blieb die Wirtschaft des Landes fragil und abhängig, geprägt von Zwangsarbeit, Besteuerung und einer Rohstoffextraktion, die der lokalen Bevölkerung wenig nutzte und dem Reich nur bescheidene Erträge brachte. In Bezug auf Kaffee wird der Widerspruch zwischen Wunschvorstellung und Realität besonders deutlich. Auf dem Plakat wird Kaffeeanbau als zentraler Bestandteil der togolesischen Wirtschaft dargestellt, obwohl er unter deutscher Herrschaft kaum stattfand. Erst nach 1919, unter französischer Mandatsverwaltung, gewann der Kaffeeanbau in Togo an Bedeutung (wobei weiterhin deutlich weniger Kaffee als Kakao angebaut wurde). Wie Benoît Antheaume aufzeigt, spielte Kaffeeanbau zwischen 1920 und 1960 eine wichtige Rolle in der modernen Umstrukturierung von Togos ländlichen Gebieten, weil er Kleinbauern an globale kapitalistische Märkte heranführte. So gesehen nahm der Entwurf von Deutsch-Dryden aus dem Jahr 1914 eine wirtschaftliche modernes Togo vorweg, das erst Jahrzehnte später unter anderen Kolonialmächten Realität werden sollte.

Im Jahr 1914 war das deutsche Kolonialprojekt jedoch bereits brüchig: Kolonien wie Togo, Kamerun und Deutsch-Ostafrika, als Bezugsquellen für Rohstoffe wie Kaffee und Kakao zentrale Faktoren in wirtschaftlichen Bestrebungen, standen auf der Kippe; dem Deutschen Reich wurden im Zuge des Ersten Weltkriegs die Grenzen seiner imperialen Ambitionen aufgezeigt, der Verlust von Gebieten in Afrika, Asien und Ozeanien an britische, französische und später japanische und australische Streitkräfte stand am Horizont. Ein Werbeplakat für Kaffee, das sich 1914 auf die „Musterkolonie“ Togo fixiert, ist auch als Beitrag zu einem kolonialen Narrativ zu verstehen, das die dem System „Kolonialware“ innewohnende Gewalt und Ausbeutung beschönigt. Ein besonders dunkles kolonialistisches Kapitel – der Völkermord an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika von 1904 bis 1908 – wirft einen (von vielen) Schatten auf jede verherrlichende Erzählung.

Der Historiker Sebastian Conrad hat dargelegt, dass Deutschland wirtschaftlich kaum von seinen Kolonien profitierte, in den kolonisierten Gebieten jedoch tiefgreifende gesellschaftliche und strukturelle Veränderungen auslöste: Die koloniale Zwangsherrschaft zerstörte soziale Strukturen, indem sie einheimische Praktiken als „rückständig“ bezeichnete und ausbeuterische europäische Arbeitsweisen an ihre Stelle setzte. Deutsch-Drydens Plakatdesign spiegelt diese Antagonismen auf subtile Art wider, wenn man sich die Wechselbeziehung zwischen Typografie und Objekt anschaut: Der zylindrische (weiße / männliche) Behälter mit den Kaffeetabletten stößt in den (dunklen / weiblichen) unteren Teil des Buchstaben „g“ im Wort Togo hinein; das Produkt wird von dem schwarzen Kreis getragen und durchdringt ihn zugleich. Die „verheißungsvollen“, idealisierten Bilder, die das Plakat und seine Sprache evozieren, stehen in drastischem Gegensatz zu den Realitäten von Ressourcenplünderung und Zwangsarbeit, insbesondere angesichts der rassistischen und frauenfeindlichen Dimensionen kolonialer Ausbeutung. 

Die Zahl 14 in der oberen rechten Ecke des Plakats bezieht sich auf das Entstehungsjahr. Wenn es vor August 1914 entworfen wurde, stammt es aus einer Zeit, als das Deutsche Reich Togo (umbenannt in Togoland) noch kontrollierte. Kurz darauf verlor Deutschland Neuguinea an australische Truppen, und Japan besetzte Kiautschou und dessen Hauptstadt Tsingtau. Wurde das Plakat nach August 1914 produziert, wäre es Ausdruck einer Kolonialnostalgie – der Sehnsucht nach Wiederherstellung imperialer Macht und des verzweifelten Versuchs, ehemaligen Besitz zurückzufordern. In beiden Fällen steht das Plakat für einen historischen Wendepunkt, an dem die koloniale Zuversicht des Deutschen Kaiserreichs bröckelte, öffentliche Kommunikation aber die Illusion der Beständigkeit wahren musste.

Recherche und Text: Marko Stamenkovic
Übersetzung aus dem Englischen: Christina Thomson

Verwandte Werktexte:
_Gruppentext Kaffee (z. B. ID 1898629)
_Gruppentext Kaffeehäuser (z. B. ID 2644379)

Zitierte Literatur: 
_Sebastian Conrad: German Colonialism. A Short History, Cambridge 2012
_Nicoué Lodjou Gayibor (ed.): Le Togo sous domination coloniale (1884-1960), Lomé 1997
_Benoît Antheaume: “Le café au Togo. Chronique d'une émergence de la modernité rurale (1920-1960)”, in: Études rurales, 180 (2007), 2, pp. 155-170


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

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Nachdem er die Kunstgewerbeschule in seiner Heimatstadt Wien besucht hatte, übersiedelte Ernst Deutsch 1910 nach Berlin. Dort wurde er bald als Plakatgestalter und Illustrator für Wochenzeitschriften wie „Lustige Blätter“ oder „Die Jugend“ bekannt. Er gründete das „Atelier Deutsch“, wo eine Vielzahl werbegrafischer Arbeiten entstand: für Theater und Konzerte ebenso wie für Zigaretten, Sekt und vor allem Mode. Nach einem Einsatz im Ersten Weltkrieg kehrte Deutsch nach Berlin zurück, wo er sich mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert sah. Er zog zurück nach Wien, begann eine zweite Karriere als Modedesigner und änderte seinen Namen zu Ernst Dryden. Unter diesem Namen emigrierte er auch 1933 in die USA, wo er die Ausstattung einiger Hollywoodfilme übernahm.

In Berlin arbeitete Ernst Deutsch-Dryden ab den 1910er-Jahren für die Kunstanstalt Hollerbaum und Schmidt, eine Druckerei und Werbeagentur. Diese war wegweisend für den Umbruch zur Moderne in der Plakatgestaltung und Druckgrafik. Gegründet 1897 von Erich Gumprecht, etablierte sie eine neue Form der Werbung in Deutschland. Vom Entwurf bis zum fertigen Druckerzeugnis bot Hollerbaum und Schmidt erstmals alle reklamerelevanten Dienstleistungen gebündelt an. Erfolg brachte vor allem eine weitere Innovation: Die Kunstanstalt nahm moderne, junge Plakatkünstler*innen unter Vertrag, die exklusiv für sie arbeiteten und ihren Stil prägten. So entwickelte sich das Berliner Sachplakat – eine ornamentfreie Gestaltungsart, die auf Fernwirkung abzielte. Vor meist einfarbigem Hintergrund treten die Motive klar hervor und konzentrieren die Aussage des Plakats.

Text: Christina Dembny

Letzte Aktualisierung: 04.05.2026

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