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Neue Secession. Dritte Ausstellung

Ident. Nr.: 14050366

ObjID: obj:933751

Details (Expert)

Beteiligte
Max Pechstein (1881 - 1955),
Entwerfer*in
Neue Secession (1910–1914),
Auftraggeber*in
Datierung
1911
Material / Technik
Lithografie
Abmessungen
Höhe x Breite: 57,5 x 47 cm

Objektbeschreibung

Zur dritten Ausstellung der „Neuen Secession“, organisiert von Protagonisten der expressionistischen Kunstgruppe Brücke, fertigte Max Pechstein 1911 dieses Plakat an. Zu sehen ist eine unbekleidete Frau, dargestellt als Amazone mit ausgeprägten Lippen und nackten Brüsten, die kniend einen Pfeil im Bogen spannt. Die Frau ist Charlotte Kaprolat, genannt Lotte, mit der Pechstein seit jenem Jahr verheiratet war. Zwischen 1909 und 1920 war sie sein bevorzugtes Modell, und auch andere Künstler, darunter Georg Kolbe, malten sie gelegentlich. Pechsteins Plakat, gezeichnet in einfacher und reduzierter Formsprache, war Ausdruck der Neuorientierung einzelner Mitglieder des Brücke-Kollektivs: Max Pechstein, Emil Nolde und Ernst Ludwig Kirchner hatten sich im Jahr zuvor als Neue Secession von der Berliner Secession abgetrennt, nachdem diese ihre Werke abgelehnt hatte. Auf der Suche nach neuen Formen und Inhalten, bestrebt nach mehr „Authentizität“ und „Materialität“ in ihrer Kunst, wandten sie sich außereuropäischen Kulturen, Menschen und Objekten zu. Sie waren vor allem von der afrikanischen und ozeanischen Kunst fasziniert – wie fast alle Brücke-Künstler. Mit diesem Motivrepertoire trugen sie letztlich dazu bei, dass sich rassistische Bildtraditionen und Lesarten verfestigten. Dorthe Aagesen und Beatrice von Bormann fassten es so zusammen: „Trotz unterschiedlicher Ansätze teilten Kirchner und Nolde ein – für Künstler*innen ihrer Zeit nicht ungewöhnliches – Interesse an der kulturellen und vermeintlichen ethnischen Andersartigkeit und reagierten beide auf die im Deutschland der Kaiserzeit allgegenwärtige ‚rassische‘ Bildwelt sowie die zeitgenössische Ethnologie.“ (Agagesen/Bormann 2021, S. 21). 

Die hier dargestellte Amazone kann zunächst durchaus als emanzipatorischer Akt gelesen und gesehen werden. Gleichzeitig markiert das Plakat einen wichtigen Moment in der Geschichte des Expressionismus: Die Amazone mit dem Bogen in der Hand symbolisiert die Abspaltung der avantgardistischen Neuen Secession von der traditioneller gesinnten Berliner Secession, und damit einen Neuanfang. Doch obwohl die Gruppe mit ihrer Praxis des juryfreien Ausstellens eine neue Modernität zeigte, blieb sie motivisch oft der Konvention verhaftet: In der Wahl von Frauen als Motiv und in deren Darstellungen wurde der voyeuristische Blick auf andere Menschen und Kulturen sowie auf weibliche Körper fortgeschrieben. Nackte Frauen in erotischen Posen als Objekte des Begehrens waren fester Bestandteil des künstlerischen Vokabulars und Selbstverständnisses in der Künstlergruppe, wie wir auch bei diesem Plakat sehen. 

Während das Leben von Lotte dokumentiert wurde, bleiben die Biografien von anderen Modellen, etwa die von Kirchner dargestellten Schwarzen Nelly, Melli und Sam, bislang unbekannt. Viele sind nicht (mehr) identifizierbar. Die von einem Katalog begleitete Ausstellung „I am Milli“, 2022 im Kunstraum hase 29 in Osnabrück gezeigt, verbindet diesen verdrängten Teil der Geschichte mit der Aktualität des Rassismus und der Diskriminierung von Schwarzen weiblichen Körpern. So schreibt Nana Badenberg: „In den Augen der europäischen Künstler blieben die ozeanischen und afrikanischen Werke ohne zeitliche Verankerung, ohne Historie und kulturellen Kontext, und waren damit frei für eine eklektizistische Aneignung, wie sie nicht nur für die Zusammenstellung der expressionistischen Stillleben charakteristisch ist, sondern auch für die ethnologischen Sammlungen.“ (Badenberg 2004, S. 440).

Recherche und Text: Ibou Diop

Zitierte Literatur: 
_Dorthe Aagesen, Beatrice von Bormann: Kirchner und Nolde. Expressionismus Kolonialismus, München 2021 
_Nana Badenberg: „Zwischen Ästhetisierung und Kontextualisierung. Afrikanische Objekte im Spannungsfeld zwischen Kunst und Ethnologie“, in: Thomas Ernst, Birgit Neumann (Hg.): Ästhetik und Ethnologie. Grenzgänge zwischen Kunst und Kulturwissenschaften, Köln 2004, S. 427–444
_Natasha A. Kelly u. a. (Hg.): I AM MILLI. Ikonografien des Schwarzen Feminismus, Berlin 2022


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Letzte Aktualisierung: 04.05.2026

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Einrichtung:

Kunstbibliothek

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