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Palm Silber. Die 10 Pfennig-Cigarre

Ident. Nr.: 1966,2/22

ObjID: obj:933794

Details (Expert)

Beteiligte
Julius Klinger (1876 - 1942),
Entwerfer*in
Hollerbaum & Schmidt (1889/1897 - um 1938),
Drucker*in
Eduard Palm,
Auftraggeber*in
Datierung
1908
Geografische Bezüge
Material / Technik
Lithografie
Abmessungen
Höhe x Breite: 69 x 47 cm

Objektbeschreibung

Der Zigarren- und Zigarettenhersteller Palm hatte seit 1889 Ladengeschäfte in Berlin, Hamburg und Düsseldorf und entwickelten sich zur festen Größe in vielen deutschen Städten. Palm-Zigarren waren viele Jahrzehnte im Umlauf und ihre Bild- und Werbemotive millionenfach verbreitet: Das Palm-Logo prangte auf Verpackungen, Streichholzschachteln, Reklamemarken, Ladenschildern wie auch in der Inneneinrichtung der Geschäfte. 

Der schwarze Schriftzug „Palm“ in schwungvoller Typografie mit Groß- und Kleinbuchstaben in Weiß, Schwarz und Rot beherrscht auch dieses Plakat. Die Marke ist ein Klassiker der neusachlichen Werbegrafik, entworfen von Julius Klinger, 1906 beauftragt von Eduard Palm. Von links wächst aus einem grünen, quer liegenden Block die namensgebende Palme im Bogen nach rechts durch die Öffnung des großen „P“. Auf dem Stamm der Palme sitzt eine karikaturhafte Figur: ein kleines Schwarzes Kind mit brennender Zigarre in der Hand. Den durch dicke rote Lippen betonten Mund kreisrund geöffnet, pustet es Rauchkringel in die Luft. Doch bei genauer Betrachtung bemerken wir, dass das kleine Schwarze Kind ein Affengesicht hat. Die Grenze zwischen Mensch und Tier wird überschritten. Der Körper des Schwarzen Kindes wird durch das Rauchen pervertiert. Ein weißes Kind würde wohl kaum – egal in welcher Epoche – in dieser Haltung rauchend dargestellt. 

In blinder Begeisterung für Klingers grafische Modernität wurde meist übersehen, dass das Palm-Motiv auf kolonial-rassistischem Denken basiert. Auch der Hinweis auf Klingers generellen bissig-karikaturistischen Ansatz, der von „fett“ bis „hakennasig“ vor kaum einem Stereotyp Halt machte, liefert hierfür keine Rechtfertigung. Die Plakatmotive sind geprägt von der Herrschaftsgeschichte des weißen Europas. Eine Norm, die von europäischen Wissenschaftlern festgelegt wurde, um die ausbeuterische Praxis und Verdinglichung des Schwarzen Körpers zu legitimieren. So betonte Frantz Fanon 1956 beim Ersten Kongress der Schwarzen Intellektuellen und Künstler*innen in Paris: „Es ist nicht möglich Menschen zu kolonisieren, ohne sie logisch Stück für Stück für minderwertig zu erklären. Und der Rassismus ist nur die emotionale, affektive, manchmal intellektuelle Erklärung dieser vorausgehenden Abwertung.“ (Fanon 2022, S. 74). Dieses Axiom der „Minderwertigkeit“, das sich in Texten und Theorien verfestigt hatte, wurde anhand von Plakatmotiven in das Bewusstsein Schwarzer und weißer Menschen weltweit eingegraben. Schwarze in Nebenrollen oder als Sexobjekte prägten die Erzählungen in Europa mindestens seit dem 16. Jahrhundert. Diese fremdartige Bestimmung Schwarzer Identität in Text und Bild formte die Wahrnehmung des Schwarzen Körpers in der Welt. So kann Klingers Bildplakat als eine Art Fragment dieser Erzählung und ihrer Geschichte gelesen werden.

Recherche und Text: Ibou Coulibaly Diop

Zitierte Literatur: 
_Frantz Fanon: Für eine afrikanische Revolution. Politische Schriften, herausgegeben von Barbara Kalender, Berlin 2022

Weiterführende Literatur:
_David Ciarlo: Advertising Empire. Race and Visual Culture in Imperial Germany, Harvard 2010


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

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Rund 220 Plakate und Plakatentwürfe von Julius Klinger gehören zur Sammlung Grafikdesign der Berliner Kunstbibliothek. Der Grafiker und Illustrator Klinger, geboren 1876 in Österreich, spielte ab 1897 eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Plakatgestaltung in Berlin, wo er fast zwei Jahrzehnte lang lebte und arbeitete. Seine Entwürfe lassen die präzisen Formen und klaren Linien des von ihm maßgeblich mitgeprägten Sachplakats erkennen, sind dabei aber häufig verspielt oder mit Witz durchzogen. In Werbeplakaten für das Theater, für Ausstellungen oder Konsumgüter wählte er mit Vorliebe Menschen in Kostümen oder Tiere als Motiv. So verbindet Klinger, der ab 1911 auch an der Berliner Reimann-Schule Gestaltung lehrte, in seiner Reklamekunst einprägsam praktischen Nutzen mit humorvoller Ästhetik – wobei sein Humor sich oft in einem Bereich des Karikaturistischen bewegt, dessen öffentliche Akzeptanzgrenzen heute anders abgesteckt werden.

Julius Klinger arbeitete seit 1900 für die Kunstanstalt Hollerbaum und Schmidt, eine Berliner Druckerei und Werbeagentur, die wegweisend für den Umbruch zur Moderne in der Plakatgestaltung und Druckgrafik war. Gegründet 1897 von Erich Gumprecht, etablierte sie eine neue Form der Werbung in Deutschland. Vom Entwurf bis zum fertigen Druckerzeugnis bot Hollerbaum und Schmidt erstmals alle reklamerelevanten Dienstleistungen gebündelt an. Erfolg brachte vor allem eine weitere Innovation: Die Kunstanstalt nahm moderne, junge Plakatkünstler*innen unter Vertrag, die exklusiv für sie arbeiteten und ihren Stil prägten. So entwickelte sich das Berliner Sachplakat – eine ornamentfreie Gestaltungsart, die auf Fernwirkung abzielte. Vor meist einfarbigem Hintergrund treten die Motive klar hervor und konzentrieren die Aussage des Plakats.

Ab 1918 war Julius Klinger wieder von Wien aus tätig. Zwei Jahrzehnte später wurde er aufgrund seiner jüdischen Wurzeln Opfer nationalsozialistischer Verfolgung, die 1942 in der Deportation in das Vernichtungslager bei Minsk endete.

Text: Christina Dembny / Christina Thomson

Letzte Aktualisierung: 02.07.2026

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