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Sechs Skizzen des heiligen Sebastian und eine Madonna mit Kind (Polyptychon Averoldi)

Ident. Nr.: KdZ 5962

ObjID: obj:936855

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Tizian (1488/90 - 1576),
Zeichner*in
Datierung
Herstellung: 1520
Material / Technik
Feder in Braun, auf Papier
Abmessungen
Höhe x Breite: 16,2 x 13,6 cm

Objektbeschreibung

Überraschend expressiv in der Niederschrift, die sich mit einem Schlag von der Zeichenweise der Bellini- und Giorgione-Tradition löst, dazu ungemein sicher in der Auffassung - so präsentiert sich das Skizzenblatt, das zu den wenigen unangezweifelten und exakt zu datierenden Werken dieser Art von Tizian zählt. Mit seinem ersten großen Hauptwerk, der »Himmelfahrt Mariens« in S. Maria Gloriosa dei Frari (1516-18), begründete Tizian seinen Ruhm und die außerordentliche Stellung als bedeutendster und einflußreichster Maler Venedigs. Kurz darauf, 1520, erhielt er den Auftrag, ein Polyptychon für SS. Nazaro e Celso in Brescia zu malen. Das Werk ist 1522 datiert, die Tafel mit dem Hl. Sebastian wurde aber schon, zumindest im Entwurfsstadium, am 1. Dezember 1520 von Tebaldi, dem venezianischen Agenten des Herzogs von Ferrara, gesehen und beschrieben. Die Berliner Skizzen bereiten jene Figur vor. Mit nur leicht unterschiedenen Akzenten, die etwa die Lage des vorgeschobenen Beins die Schattierung klären, spielt der Zeichner in sechs Skizzen Variationen zu seinem Hauptanliegen durch: dem komplizierten Verhältnis zwischen der Torsion, die alle Partien der Figur in einer Ansicht vereinigt, und der äußerst krassen, Z-förmigen Bewegung. Eine weiter fortgeschrittene Studie in Frankfurt am Main [...] belegt den nächsten Schritt zu einer im Ausdruck leicht zurückgenommenen Kanonisierung der Gestalt, die sich an dem sog. »Rebellischen Sklaven« Michelangelos orientiert (Paris, Musée du Louvre).
Versuche, die »Madonna mit Kind« unten links näher zu bestimmen, mußten aufgrund des Charakters eines »primo pensiero«, einer ersten fixierten Bildidee, die noch viel Raum für Entwicklung läßt, unbefriedigend bleiben. Verbindungen bestehen zu einem Lunettenfresko im Palazzo Ducale zu Venedig (um 1523; [...]) und zu einer, dann um 1520 datierbaren Fassung der »Maria mit Kind und Heiligen« [...]. Denkbar ist aber auch, daß der Zeichner diese formal stark geschlossene Gruppe der vollkommen offenen Form seiner Sebastian-Figur als optischen Prüfstein gegenüberstellte. Ob die Marginalien von Tizian gezeichnet wurden, ist zweifelhaft. Zumindest scheinen sowohl die ungelenken Parallelschraffuren mit rechtem Neuansatz und Punktschluß, die am Balken der ersten Skizze ansetzen und die Initiale »E« umschließen, als auch die Rechnungsnotizen links oben von anderer Hand zu stammen.

Text: Hein-Th. Schulze Altcappenberg in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 266-267, Kat. V.27 (mit weiterer Literatur)

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

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