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Venus und Vulkan

Ident. Nr.: KdZ 4193

ObjID: obj:937911

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Jacopo Tintoretto (1518 - 1594),
Zeichner*in
Datierung
Herstellung: um 1555
Abmessungen
Blattmaß: 20,1 x 27,2 cm

Objektbeschreibung

Wie durch eine Guckkastenöffnung wird der Blick auf eine roh gezimmerte, dicht zusammengeschobene Bühne freigegegeben. In rhythmischer Abfolge sind kastenförmige Elemente eingestellt. Auf und zwischen diesen agieren zwei senkrecht zur Raumdiagonale disponierte Figuren, die Tintoretto wahrscheinlich nach Gliederpuppen (»manichini«) oder Wachsmodellen studierte: der Gott des Feuers und seine Gattin Venus, die sich dem Betrachter zuwendet. Ihre Körper sind mit breit gezeichneten, gewellten Linien umrissen. Pinselschattierungen geben deren Binnenleben wie auch die Lichtverhältnisse im Raum an. Die Fluchtlinien treffen sich außerhalb der Darstellung am rechten oberen Rand. Sie laufen im Zentrum durch einen Rundspiegel, der zunächst separat und überdimensioniert, später aber verkleinert und nach links verschoben wurde. Vielleicht entwickelte Tintoretto sogar aus diesem Spiegelbild die ganze Szene: Es legt den Oberkörper Vulkans entgegen den Gesetzen der Optik seitenrichtig aus.
Die Zeichnung, der einzig erhaltene »concetto« des Meisters, bereitet ein Gemälde in München vor, das Kultzen und Eikemeier um 1555 datieren [Venezianische Gemälde des 15. und 16. Jahrhunderts. Best. Kat. Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München 1971]. Aus der Kenntnis dieses Bildes ist uns die nähere Bestimmung des Themas möglich, denn dort lugt Mars unter dem mittleren Tisch hervor. Der mächtige Kriegsgott muß sich verstecken - offen bleibt, ob vor, während oder nach dem Liebesspiel mit der Geliebten, die nun von ihrem Mann entschleiert wird. Damit gibt Tintoretto die Frage an das Publikum weiter, ob eine Göttin, insbesondere die der Liebe, überhaupt Ehebruch begehen, oder umgekehrt, treu bleiben kann. Der Spiegel deutet das Paradoxon an. Er zeigt ständig sich wandelnde Bilder, verkehrt die Wirklichkeit und könnte hier als Zeichen für den Betrug stehen, darüberhinaus aber, dem Thema gemäßer, als ironische Reflexion der Wahrheit von Kunst. Der Betrachter wird immer getäuscht: Während der Spiegel auf dem Gemälde nur einen Ausschnitt wiedergibt und die Pointe mit Mars ausspart, reflektiert er auf der Zeichnung das Geschehen richtig und dennoch falsch. Tintoretto formuliert in seinem »concetto« - ganz im Sinne eines gedanklichen Entwurfs - ein Bildrätsel von höchster formaler Stringenz, das im Gemälde nur durch die ergänzende Anekdote verständlich wird.

Text: Hein-Th. Schulze Altcappenberg in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 267-268, Kat. V.29 (mit weiterer Literatur)

Letzte Aktualisierung: 27.04.2026

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

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