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Allegorie der Temperantia

Ident. Nr.: KdZ 617

ObjID: obj:939026

Details (Expert)

Beteiligte
Nachfolge: Simone Martini (1284–1344),
Zeichner*in
Datierung
Herstellung: um 1350/1360
Abmessungen
Blattmaß: 13,5 x 9,3 cm

Objektbeschreibung

Die Frauenfigur ist durch das Attribut der Kanne, mit der sie Wasser und Wein mischt, und qua Beischrift als Allegorie der »Mäßigung« ausgewiesen. Das gut erhaltene Blatt gehört zu den ältesten europäischen Zeichnungen auf Papier und ist ein rares Dokument für die Erforschung der Frühzeit der Gattung. Loeser und Gronau gaben es einem anonymen Nachfolger Ambrogio Lorenzettis, Grassi und Degenhart/Schmitt einem Künstler, der den Stil des Sienesen Simone Martini verfeinerte und um die Mitte des Trecento tätig gewesen sein muß. Nach der Grundierung des Papiers - eine für die Haftung des Metalls notwendige Prozedur - setzte der Zeichner einige Schraffenproben auf die Fläche. Dann griffelte er die wesentlichen Linien mit einem farblosen Stift vor. Die deutlich sichtbaren Eindrücke können allerdings auch direkt durch den mit hartem Druck geführten Silberstift entstanden sein, der in langen, teils mehrfach nachgezogenen Linien die Umrisse und Binnenmerkmale festlegte. Schließlich wurden die sicher verteilten Schatten durch sehr dichte, parallele Schraffenverbände erzeugt. Es läßt sich nicht entscheiden, ob der Zeichner auch der Erfinder der Figur ist, oder ob er, was die Regel war, ein uns unbekannt gebliebenes Vorbild für die eigene Mustersammlung kopierte. In jedem Fall vermochte er es, der »Temperantia« durch den doppelten, gegenläufigen S-Schwung zu einem zeichnerischen Ausdruck zu verhelfen, welcher dem Thema der »Mäßigung« im Sinne einer Tugend der inneren, seelischen Balance auch in der Form gerecht wird. Das bärtige Dreigesicht über dem Deckelstab der rechten Kanne ist nach Panofsky eigentlich mit der Allegorie der »Klugheit« verbunden. Seine Aussage ließe sich aber auch mühelos auf die »Temperantia« beziehen: »Die Gegenwart, von der Vergangenheit lernend, soll klüglich handeln, um nicht durch ihre Handlung die Zukunft zu gefährden« (zit. nach Degenhart/Schmitt [Gentile da Fabriano in Rom und die Anfänge des Antikenstudiums, in: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst, XI, 1960], S. 103, Anm. 1).

Text: Hein-Th. Schulze Altcappenberg in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 244, Kat. V.1 (mit weiterer Literatur)

Letzte Aktualisierung: 02.04.2026

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

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