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Die große Ansicht von Florenz (Der "Kettenplan")

Ident. Nr.: 899-100

ObjID: obj:944067

Details (Expert)

Beteiligte
Zuschreibung unsicher: Lucantonio degli Uberti (unbekannt),
Stecher*in
Zuschreibung unsicher: Francesco di Lorenzo Rosselli (1445),
Inventor*in
Datierung
Herstellung: um 1500/1510
Abmessungen
Höhe x Breite: 57,8 x 131,6 cm (montierter Zustand)
Erwerbung
1835 von Karl Ferdinand Friedrich von Nagler, Berlin, erworben

Objektbeschreibung

Der sog. »Kettenplan« wurde schon von Kristeller Lucantonio zugeschrieben und aufgrund der engen, nicht gekreuzten Schraffen in den schattierten Partien, die bei Holzschnitten erst um 1500 aufkamen, in das erste Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts datiert. Das jetzt erst entdeckte Wasserzeichen bestätigt diesen Vorschlag annähernd; es wurde 1494/95 in Syrakus und Venedig, in noch ähnlicherer Form um 1529 in Syrakus verwendet (Briquet 2537, 2546). Hülsen konnte nachweisen, daß die Vedute einen Kupferstich von sechs Platten nachahmt, den Francesco Rosselli in den 1480er Jahren fertigte. Bis 1945 befand sich ein einzelnes Fragment dieses Stichs in Florenz (Hülsen [Die alte Ansicht von Florenz im Kgl. Kupferstichkabinett und ihr Vorbild, in: Jahrbuch der Königlich Preußischen Kunstsammlungen, 25] 1914, Abb. 1), das seitdem als verschollen gilt.
Die Nachschöpfung Lucantonios in Berlin ist ebenfalls ein Unikum, das heute einzig erhaltene Dokument dieser in der Geschichte der Topographie äußerst wichtigen Ansicht. Sie wurde in Vogelschau-Perspektive von leicht verschobenen Standorten in den Gärten des Montoliveto aufgenommen. Abweichend von der Vorlage Rossellis brachte Lucantonio zwei bisher unzureichend erläuterte Elemente in seine Version ein, die unsere Aufmerksamkeit verdienen: den Zeichner unten rechts, der auf seinem Block gerade den ferneren Mauerring zu skizzieren beginnt, und die auffällige, mitgedruckte Rahmung des Bildfelds. Die Gliederkette als umlaufendes Ornamentband ist zwar weder singulär noch auf italienische Graphik beschränkt [...]; doch ist mir kein weiteres Beispiel mit einem Schloß bekannt, das so exponiert erscheint. Diese beiden Motive, Zeichner und Schloß, sitzen an den sich entsprechenden äußeren Punkten einer Diagonale, welche die Blickachse des Zeichners markiert und gleichzeitig das Oval der Stadt durchspannt. Exakt in deren Mitte, zwischen Baptisterium und Dom, kreuzen sich jene diagonale und die vertikale Mittelachse. Hier befindet sich das Bild- und Bedeutungszentrum. Die Eckmotive der abgezirkelten Komposition, die als großes Amphitheater arrangiert ist, sind so hervorgehoben und aufeinander bezogen, daß die Darstellung als Gleichnis gelesen werden muß. Wie Landschaft und Mauern die Stadt umringen, und Die Kette und Schloß dieses Wunderwerk an Architektur in einem Bilde sichern und verewigen, so planvoll und entschieden ist der künstlerische Akt, der die Teile erst zu einem Ganzen fügt: die vielfältige Topographie von Stadt und Land sowie die unterschiedlichen sozialen Ränge und Tätigkeiten ihrer Bewohner, die über das Blatt verteilt narrativ vorgetragen sind. Sinnstiftend betont ist die zentrale Macht des Geistigen durch die überragende Domkuppel in der Mitte und durch Hinweise auf die Vergänglichkeit am Rande (Aaskrähen auf dem Kadaver eines Lasttieres direkt unter einem mit Waren beladenen Tier links unterhalb des Eckturms).
Lucantonio hat, wenn auch handwerklich schwächer, aus dem Stich Rosseliis ein reflektiertes Thema gemacht, das erstmals in der Kunstgeschichte auf einem doppelten Bild im Bilde beruht, »Fiorenza« er- und umfassend.

Text: Hein-Th. Schulze Altcappenberg in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 258, Kat. V.17 (mit weiterer Literatur)

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

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