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Kopf eines Mannes mit Kappe (vielleicht Porträt des Dante Alighieri)

Ident. Nr.: KdZ 2381

ObjID: obj:945895

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Luca Signorelli (um 1450 - 1523),
Zeichner*in
Unbekannt,
Papierherstellung
Datierung
Herstellung: um 1485/1490
Systematik/Art
Material / Technik
Schwarzer Kohlestift, auf Papier
Abmessungen
Blattmaß: 23,7 x 15,5 cm

Objektbeschreibung

Vor einem skizzenhaft angedeuteten und halbseitig verschatteten Hintergrund erscheint plastisch herausgearbeitet das Bildnis eines älteren Mannes, der in der Wendung seines Kopfes mit Blick nach links gegeben ist. Während seine Schultern, sein Hals und die Kopfbedeckung mit nur wenigen Strichen angedeutet sind, liegt der Fokus der Aufmerksamkeit auf dem Gesicht selbst, dessen Licht- und Schattenpartien in lebendigem Wechsel von sanften, teilweise verriebenen Parallelschraffen modelliert und durch präzise, kräftige Linien des Konturs und der individuellen Züge akzentuiert ist. Der virtuose Umgang mit dem Zeichenstift, der alle Möglichkeiten dieses Mediums von tiefstem Dunkel in den Pupillen und den scharf eingegrabenen Falten über einen grauen Mittelton bis hin zur Helligkeit des vom Zeichenstift unberührten Papiers auslotet, verleiht diesem Bildnis eine außergewöhnliche Intensität im Ausdruck und eine vitale Präsenz und Plastizität. Hatte Berenson das Werk 1903 zunächst Piero di Cosimo zugeschrieben, führte von Beckerath 1904 erstmals die in seinen Augen viel wahrscheinlichere Autorschaft Luca Signorellis ins Feld; die Forschung konnte inzwischen überzeugend darlegen, dass es sich hier tatsächlich um ein Werk des letztgenannten Künstlers handelt [...]. Ein Vergleich mit Signorellis Zeichnung des Kopfes eines älteren Mannes aus den Uffizien zeigt gewisse Ähnlichkeiten in der Technik, jedoch eine weniger feine Ausarbeitung als das Berliner Blatt [...]. Beiden gemeinsam ist das intensive Bemühen um plastische, ja haptische Wirkung, welches in vielen Werken Signorellis zu beobachten ist. Bei dem Florentiner Blatt finden sich ebenfalls die genau beobachteten anatomischen Details einer individuellen Physiognomie sowie eine vergleichbare Präsenz des Dargestellten, was die Vermutung nahelegt, diese Bildnisse seien nach dem Leben gezeichnet. Vasari überliefert, Signorelli habe gewissermaßen eine Manie darin entwickelt, den Menschen und seine Anatomie nach dem Leben zu zeichnen [...]. Dass er dies offenbar auch im vorliegenden Fall tat, das heißt eine konkrete Person vor Augen hatte, schließt nicht aus, dass er das Werk dennoch letztlich nicht als Bildnis dieses einen, bestimmten Mannes verstand, sondern dem Portrait – vielleicht in Einzelheiten leicht verfremdet – eine andere Bedeutung zudachte. Aufgrund des rechts angedeuteten Lorbeerkranzes auf dem Haupt und der markanten Gesichtszüge ist das Blatt wohl als Bildnis des »somma poeta« Dante Alighieri (1265–1321) zu verstehen [...]. Das Berliner Blatt [...] ist fern jeder Heroisierung, zugleich geht es in seiner Individualisierung weit darüber hinaus. Warzen, Grübchen und tiefe Falten sind Merkmale eines echten, nach dem Leben beobachteten und gezeichneten Bildnisses, das sich durch die Betonung der von Boccaccio überlieferten physiognomischen Eigenheiten Dantes zwar von der konkreten Ähnlichkeit mit dem realen Modell entfernt, im selben Moment jedoch das Bildnis des Dichters wieder dem Portrait eines echten Mannes annähert.
Aufgrund des fehlenden direkten Zusammenhangs mit einem Tafelbild oder Fresko, aber auch aufgrund der allgemeinen Schwierigkeit einer präzisen zeitlichen Einordnung von Signorellis Zeichnungen erweist sich die Datierung unseres Blattes beziehungsweise seine chronologische Verortung im Œuvre des Künstlers als problematisch [...]. Der dichte Zeichnungsstil, dessen ineinander verwobene Elemente die haptische Plastizität des Bildnisses erzeugen, deutet darauf hin, dass das Werk der Frühphase des Schaffens Signorellis vor 1500 zuzuordnen ist [...]. Zudem steht es seinem Berliner Bildnis eines Mannes sowie dem Vagnucci-Altar in Perugia (1484) nahe (vgl. Schulze Altcappenberg [Die italienischen Zeichnungen des 14. und 15. Jahrhunderts im Berliner Kupferstichkabinett, Berlin] 1995, S. 182), dessen Heilige sich ebenfalls durch die außergewöhnlich kraftvolle Charakterisierung der Gesichter auszeichnen.

Text: Dagmar Korbacher in: Gesichter der Renaissance. Meisterwerke italienischer Portraitkunst. Ausstellungskatalog Gemäldegalerie Berlin / Metropolitan Museum of Art New York, hg. von Keith Christiansen & Stefan Weppelmann, S.145-147, Kat. 36 (mit weiterer Literatur)

Letzte Aktualisierung: 19.10.2026

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

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