Logo

Studie zum Kopf der heiligen Agathe

Ident. Nr.: KdZ 24626

ObjID: obj:946209

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Giovanni Battista Tiepolo (1696 - 1770),
Zeichner*in
Datierung
Herstellung: um 1755

Objektbeschreibung

In keiner anderen Zeichnung bannte Tiepolo einen so starken Leidensausdruck: Die Mund- und Kinnpartie ist physiognomisch nicht weiter differenziert und wirkt erstarrt, während das Gesicht um Nase, Augen und Stirn mit dem modellierenden Rötelstift und Pinsel-Weißhöhungen derartig plastisch durchgezeichnet ist, daß es von verzerrenden Schatten und unruhigen Lichtern flimmert. Es sind die Reflexe der Gottesschau und zugleich die des Schmerzes. Gerade bei der Darstellung von Märtyrern entwickelten italienische Künstler im Zuge der Gegenreformation Ausdrucksweisen, die wie eine Bebilderung rhetorischer Kategorien wirken und zu bloßen Pathosformeln erstarren konnten. Tiepolo dagegen gelang es in dem vorliegenden Kopf, jenen Dualismus ästhetisch zu erfassen und auf den Punkt zu bringen.
Die Zeichnung entwickelt eine andere, ebenfalls im Kabinett aufbewahrte Rötelstudie weiter [...]; sie ist der finale Entwurf zum Kopf der Hauptfigur auf dem um 1755 entstandenen Gemälde »Das Martyrium der Hl. Agathe«. Dieses Bild befand sich ehemals in der Benediktinerinnen-Abtei in Lendinara und hängt heute in der Gemäldegalerie zu Berlin (Kat. 459.B; [...]). Es hält den szenischen Moment nach der ersten Tortur fest, wobei der Frau beide Brüste abgeschnitten wurden. Tiepolo setzte den in der Studie vorgeprägten Ausdruck malerisch um, indem er das Gesicht der Heiligen gegenüber der Umgebung stark aufhellte und die Augen mit rein weißen >Farbdrippings< netzartig verschleierte.

Text: Hein-Th. Schulze Altcappenberg in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 292, Kat. V.55 (mit weiterer Literatur)

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Christus in der Vorhölle

Christus in der Vorhölle

Der Abstieg zur Hölle, wo Christus nach dem Kreuzestod und vor der Auferstehung die Gerechten - angefangen von Adam und Eva bis hin zu Johannes dem Täufer - aus der Gewalt Satans befreite, wird im apokryphen Nikodemus-Evangelium erwähnt. Das Thema war im 15. Jahrhundert weit verbreitet. Mantegna könnte Anregungen von einem kleinen Bild seines Schwiegervaters Jacopo Bellini (Padua, Museo Civico) und von einem Bronzerelief Donatellos erhalten haben (Florenz, San Lorenzo). Unter den Zeichnungen des Kabinetts befindet sich noch eine exakte Wiederholung der Christusfigur, die auf einer um 1490/92 entstanden Gemäldeversion Mantegnas erscheint (KdZ 622; Kat. [Andrea Mantegna, London / New York 1992], Nr. 71, Farbabb.).Die Auseinandersetzung mit der Mantegna-Graphik ist von ständig wechselnden Zu- und Abschreibungen geprägt und in vielen Punkten noch klärungsbedürftig. Erst kürzlich wurden aus Anlaß der Londoner Ausstellung wieder zwei völlig divergierende Meinungen vertreten. Während Suzanne Boorsch vermutet, das gesamte Œuvre sei nur unter der Aufsicht des Meisters entstanden (ebd., S. 56ff.), verzeichnet der von David Landau erstellte Katalog sieben eigenhändige Werke und vier Attributionen. Unter den letzten wird auch der »Abstieg in die Hölle« aufgeführt. Die Argumente für eine Zuschreibung des Stichs an Mantegna überwiegen. So weicht die Komposition nur in wenigen, aber doch wichtigen Details von der Vorzeichnung in der École des Beaux-Arts zu Paris ab, einem unbestrittenen Autograph (ebd., Nr. 66, Farbabb.). Veränderungen und Zusätze wären einem rein reproduzierenden Graveur nicht erlaubt gewesen. Gewichtiger als dies ist aber der unvollendete Zustand der Platte, die nur in den zentralen Partien und auch hier ohne feine Tonnuancen durchgearbeitet ist, welche ein Stecher zum Schluß hinzufügen würde. Ein solches Nonfinito war wohl kaum für den Markt gedacht. Es ist Resultat des künstlerischen Experiments. Dieser Neugier mag ebenfalls verdankt werden, daß das Berliner Blatt in brauner Farbe abgezogen ist, welche die koloristischen Effekte der Federzeichnung imitiert (ein gleichartiger Abzug in London; Hind [Catalogue of Early Italian Engraving, London] 1910,S. 347, Nr. 5a).Text: Hein-Th. Schulze Altcappenberg in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 252-253, Kat. V.10 (mit weiterer Literatur)