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Selbstporträt (?)

Ident. Nr.: KdZ 5170

ObjID: obj:955872

Details (Expert)

Beteiligte
zugeschrieben: Gentile Bellini (1435/38 - 1507),
Zeichner*in
Unbekannt,
Papierherstellung
Datierung
Herstellung: um 1496
Geografische Bezüge
Abmessungen
Blattmaß: 23,0 x 19,4 cm
Wasserzeichenmaß: 5,5 x 3,3 cm

Objektbeschreibung

Das Brustbild in Dreiviertelansicht nach rechts zeigt einen Mann mittleren Alters, der durch seine Kopfbedeckung, die beretta, und insbesondere durch den stolaartigen becchetto, der über seiner rechten Schulter liegt, als Venezianer charakterisiert ist. Lange, parallel geführte Linien deuten die Stofflichkeit des Gewandes, der vesta, an. Bestechend ist die große physiognomische Individualität bei dieser Zeichnung, die sensibel und mit größter Exaktheit ausgeführt ist, wobei die Hauptaufmerksamkeit der Beschaffenheit des Gesichts und der Haare gilt. Schwungvolle Linien, die mit Druck auf das Papier gebracht sind, geben die verschatteten Partien der gewellten Haare wieder, während die Lichtpartien nahezu ohne Binnendifferenzierung bleiben. Der rundliche Kopf mit kleinem Kinn und langer Nase, die vorn leicht knollenartig endet, ist bis zu den Falten an Augen und Mund mit höchster Präzision festgehalten. Die linke Gesichtshälfte des Mannes ist in feiner Modellierung verschattet und hebt sich von den dunkleren Locken deutlich ab.
Die solcherart in ihrer Individualität betonte Physiognomie lässt sich tatsächlich mit einer Persönlichkeit in Verbindung bringen: Der Vergleich mit einer Medaille des ausgehenden 15. Jahrhunderts von der Hand des Camelio […], die den Künstler Gentile Bellini im Profil zeigt, war bereits in der älteren Forschung Grund zu der Annahme, die vorliegende Zeichnung gebe die gleiche Person wieder […]. In der Tat erkennen wir auch auf der Medaille die charakteristische Nasenform sowie große Ähnlichkeiten in der Mund- und der Augenpartie. Die Identifizierung des Dargestellten mit Gentile Bellini ist heute weitgehend akzeptiert. Diskutiert wird indessen noch die Zuschreibung des Werks und damit die Frage, ob es sich hier um ein Selbstbildnis des Künstlers handelt oder aber um ein Portrait, das Giovanni Bellini von seinem Bruder angefertigt hat. […] Das Argument, ein Künstler vermöge sich in dieser Pose nicht selbst im Spiegel zu sehen und abzubilden, wird dadurch entkräftet, dass solche Selbstbildnisse mithilfe zweier Spiegel angefertigt werden konnten, sodass der Eindruck entsteht, als blicke der Dargestellte vom Betrachter weg. Ein gewichtiger Grund, der für die Autorschaft Gentiles bei diesem Blatt spricht, ist nicht zuletzt seine Verwendung in dem Gemälde Prozession am Markustag (Gallerie dell’Accademia, Venedig). Diese monumentale Darstellung wurde von Gentile für die Scuola Grande di San Giovanni Evangelista gemalt, sie ist signiert und 1496 datiert. Der Künstler ist auf der linken Seite des Prozessionsbaldachins zu sehen, offenbar neben der Gestalt seines Bruders Giovanni […]. Die Datierung und Lokalisierung des Wasserzeichens auf dem vorliegenden Blatt (Venedig um 1496) stützen diesen Zusammenhang mit dem Gemälde, ebenso wie die Dimensionen, die einander auf beiden Werken entsprechen […]. Selbstbildnisse sind bei venezianischen Künstlern nicht ungebräuchlich, und Zeichnungen wie die vorliegende dienten, lose oder in Skizzenbüchern, als Arbeitsmaterial. Auch bei unserem Blatt ist aufgrund der Durchnadelung, die es erfahren hat, von einer solchen Funktion auszugehen. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass sämtliche Details, die Falten, die Haare bis hin zu einzelnen Haarlocken, die unter der berretta hervorschauen und die Stirn bedecken, durchstochen sind. Der Künstler legte offensichtlich großen Wert auf die detailgenaue Übertragung der nach dem Leben angefertigten Bildniszeichnung, um die Portraitähnlichkeit auch im Gemälde zu gewährleisten. Dass er diesem Werk trotz dessen Rolle im Werkstattablauf ansatzweise auch ästhetischen Wert zubilligte, zeigt der relativ gute Erhaltungszustand, der auf eine besondere Technik der Übertragung schließen lässt, welche die Skizze schont […], beispielsweise das Unterlegen eines zusätzlichen Blatts. Auch die Tatsache, dass Gentile bestimmte Details wie etwa den Grund hinter dem linken Rand der Kopfbedeckung leicht mit Linien verschattet hat, die parallel zum Kontur der Kappe verlaufen, ist in dieser Hinsicht aufschlussreich: Ein solches Detail hat eine rein ästhetische Wirkung und ist ohne funktionale Bedeutung bei der Übertragung auf ein Gemälde.
[…] Gentile Bellinis Antlitz findet sich beispielsweise auf mindestens drei seiner großen narrativen Gemälde. Dies scheint eine spezifisch venezianische Funktion des Künstlerselbstbildnisses gewesen zu sein, die Albrecht Dürer in der Lagunenstadt als Anregung aufnahm und später in einigen seiner Werke (beispielsweise dem Wiener Allerheiligenbild oder dem Rosenkranzfest) rezipierte. Gentile spielte generell eine wichtige Rolle für die Entwicklung des Künstlerselbstportraits in der Serenissima. Von ihm haben wir mehr Selbstbildnisse als von jedem anderen venezianischen Künstler […].

Text: Dagmar Korbacher in: Gesichter der Renaissance. Meisterwerke italienischer Portraitkunst. Ausstellungskatalog Gemäldegalerie Berlin / Metropolitan Museum of Art New York, hg. von Keith Christiansen & Stefan Weppelmann, S. 357-358, Kat. 159 (mit weiterer Literatur)

Letzte Aktualisierung: 07.04.2026

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

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