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Flucht der Bianca Capello aus Venedig

Ident. Nr.: W.S. 76

ObjID: obj:958399

Details (Expert)

Beteiligte
Francesco Hayez (1791 - 1882),
Maler*in
Datierung
1853/1854
Provenienz
Kauf: Joachim Heinrich Wilhelm Wagener, Berlin (in Auftrag gegegeben 1853),
1854–18.1.1861
Material / Technik
Öl auf Leinwand
Abmessungen
Höhe x Breite: 208 x 159,5 cm
Erwerbung
1861 Vermächtnis des Bankiers Joachim Heinrich Wilhelm Wagener als Gründungssammlung der Nationalgalerie

Objektbeschreibung

Francesco Hayez galt in Italien, insbesondere in Mailand, als der führende Romantiker. Geboren 1791 in Venedig, studierte er ab 1803 an der dortigen Kunstakademie. 1809 reiste er mit einem Stipendium nach Rom und bildete sich bei Antonio Canova weiter. 1813 kehrte er nach Venedig zurück. Zunächst am Klassizismus orientiert, zog es ihn bald nach Mailand, wo er sich den romantischen Historienmalern anschloss und deren bedeutendster Repräsentant wurde. 1822 berief man ihn zum Lehrer an der Accademia di Brera, 1825 eröffnete er ein Privatatelier. 1850 übernahm er für 30 Jahre den Lehrstuhl für Malerei. Die Produktivität des Meisters war überragend. Mit großformatigen, emotional aufgeladenen, mitunter tumultartigen Historienszenen sowie mit psychologisch fein ausgearbeiteten Porträts wurde Hayez berühmt. Er erhielt wichtige Aufträge und wurde vielfach ausgezeichnet. Für den Berliner Kunsthistoriker Franz Kugler war Hayez „einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit, er erfüllt alle Anforderungen, die man an einen neuern Maler stellen mag. Geistreiche Erfindung, lebendige und richtige Zeichnung, in der Farbe die älteren Venetianer erreichend, ist er an Fruchtbarkeit und Reichthum der Erfindung Allem, was ich bis jetzt von Lebenden gesehen habe, überlegen“ (F. Kugler, Mailand 1835. Franz Hayez, in: Kunst-Blatt, 17. Jg., Nr. 28, Stuttgart/Tübingen 1836, S. 112)
    Während einer Reise nach Mailand Anfang des Jahres 1853 besuchte der Berliner Bankier und Sammler Joachim Heinrich Wilhelm Wagener den damals bereits berühmten Künstler im Atelier. Er bestellte bei ihm ein Gemälde und bat um einen Vorschlag für das Sujet (J.H.W. Wagener an F. Hayez, Brief vom 14.02.1853, SMB-ZA IV/NL Wagener, Briefkonzepte). Am 25. Februar 1853 sandte Hayez eine Skizze mit dem Vorschlag für die Darstellung einer historischen Gerichtsszene vor dem venezianischen „Rat der Zehn“, bei der es um Eifersucht und Rache zwischen zwei Damen der höheren Gesellschaft gehen sollte (F. Hayez an J.H.W. Wagener, Brief vom 25.02.1853, SMB-ZA IV/NL Wagener 1188). Wagener nahm den Vorschlag nicht an, da das Bild lediglich ein Genre-Bild werden würde. Stattdessen bat er um eine „Szene aus der Geschichte der Republik Venedig“ (J.H.W. Wagener an F. Hayez, Brief vom 05.03.1853, SMB-ZA IV/NL Wagener Briefkonzepte). Sein Brief endet mit Huldigungen an Hayez, in denen er den Maler mit Meistern wie Titian, Giorgione, Veronese und Tintoretto verglich. Offensichtlich einigten sich der Sammler und der Maler auf ein anderes Motiv. 1854 traf das Gemälde Flucht der Bianca Capello aus Venedig bei Wagener ein. Hayez hatte damit einen historischen Stoff aus der Mitte des 16. Jahrhunderts aufgegriffen: Bianca Capello, die Tochter des venezianischen Adeligen Bartolomeo Cappello und spätere zweite Ehefrau von Francesco I. de‘ Medici, ließ sich auf eine Liebesaffäre mit dem Diener Pietro Buonaventuri ein, der sich als Mitglied der Familie Salviati ausgegeben hatte. Nach einem ihrer nächtlichen Ausflüge konnte sie eines Morgens nicht zurück in das Haus ihrer Eltern, weil die von ihr offen gelassene Tür geschlossen war. Der Künstler wählte als Motiv genau jenen Augenblick, als Bianca, zunächst verzweifelt, ihr Schicksal in die Hand nimmt und sich zur Flucht mit ihrem Geliebten entschließt. Der Gondoliere im Hintergrund steht zur Abfahrt bereit. Wagener war von dem Bild, für das er 1500 Taler zahlte, beeindruckt (Verzeichniss der Gemälde-Sammlung des J.H.W. Wagener, Berlin 1850, Kat. 244, SMB-ZA, IV/NL Wagener). Die Darstellung der jungen Frau, ihr Gesichtsausdruck und die Stofflichkeit ihrer Kleidung schienen ihm besonders gelungen. Überdies lobte er Hayez für die Luftperspektive und die besondere Stimmung des anbrechenden Morgens (J.H.W. Wagener an F. Hayez, Brief vom 20.08.1854, SMB-ZA IV/NL Wagener Briefkonzepte).
| Birgit Verwiebe


Letzte Aktualisierung: 30.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Alte Nationalgalerie

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Die unterschiedlichen Titel des Werkes erschließen mehrere Ebenen seiner Interpretation. »Die rote Mauer«, so der junge Klinger in der Widmung einer Fotografie des Bildes an seine Eltern vom 22. Oktober 1878 (Stadtarchiv Naumburg, Klinger Nachlaß) – ist eine für jene Zeit bezeichnende ›rein malerische‹ und deutet auf den gewagten, harten Dreiklang von Rot, Grün und Blau. Die Träger dieser Farben – Mauer, Gras, Himmel – zeigen sich alle gleichermaßen einförmig, ereignislos; das Licht modelliert nicht, der Farbauftrag bleibt plakathaft flach, die monotone Geometrie der Fugen auf der brandneuen Ziegelmauer wird nicht pittoresk verbrämt. Dies alles ist einer Szenerie sehr gemäß, aus der alles ausgestülpt scheint, was sonst ›Landschaft‹ oder ›Natur‹ ausmacht. Sie sind durch die baumlose Öde städtischer Peripherie ersetzt: Einstiges Bauernland wurde der Bauspekulation der Gründerjahre preisgegeben, die indes vorerst nur vermocht hat, es zu verunstalten. Diese Einsamkeit ist trotz der Tageshelle und Sonnenglut unheimlich. Der ursprüngliche Bildtitel »Spaziergänger« (so präsentiert auf der 52. Kunstausstellung der Königlichen Akademie der Künste, Ausst.-Kat., Berlin 1878, Kat.-Nr. 399) ist zweifellos als Plural gemeint und somit ironisch. Ein weiterer Titel, »Der Überfall«, macht darauf aufmerksam, daß der junge Mann – in einem frühen Zustand des Bildes von einer Frau begleitet – von Ganoven mit Stöcken bedroht wird weil auch er der Unterwelt angehört, hat er den Revolver gezogen (eine damals ganz neue, amerikanische Erfindung). Der Vorgang könnte einem Zeitungsbericht oder einem Kolportageroman entnommen sein, und er ist vorbehaltlos gegenwärtig, ohne alle romantische Tragik; nicht einmal in Architekturformen oder stilisierten Gebärden deutet Klinger eine historische Dimension an. Das eigentliche Thema des Bildes ist jedoch, worauf eine alte französische Titelfassung »Cerné« (»Umzingelt«; G. de Chirico, Max Klinger, in: Il Convegno, Mailand, 10.11.1920, S. 32–44, abgedruckt in: Max Klinger, Wege zum Gesamtkunstwerk, Ausst.-Kat., Hildesheim 1984, S. 141) hindeutet: die Bedrohung, die akute Angst. Diese wird anschaulich in der räumlichen Spannung zwischen den wie regungslosen Gestalten, die sich der Gruppierung versagen. Sie scheinen zur Vereinzelung verurteilt. Das auffallend überstreckte Bildformat erlaubt große Abstände, die durch die langen Schlagschatten unterstrichen werden und die der Blick nicht ohne Sprünge überwindet. Die Leere wird zum Ausdrucksträger des schleichenden Entsetzens am ›toten Punkt‹ des Geschehens. Denn wie das Drama ausgehen wird, bleibt, entgegen der klassischen Forderung nach dem ›fruchtbaren Moment‹, offen. All dies wird man in den Bildern surrealistischer Maler wiederfinden.Nicht zuletzt der Umschlag von Lapidarität und Nüchternheit ins Unheimliche (»Die Mauer macht den Eindruck, als bedeute sie die Grenze der Welt«) veranlaßte Giorgio de Chirico, in Klinger »den modernen Künstler schlechthin« zu erblicken (beides zit. nach: ebd. S. 140 und 142). »Spaziergänger« ist ein Frühwerk des 21jährigen Gussow-Schülers Max Klinger. In seinen Berliner Jugendjahren, die von einer fast beispiellos explosiven Produktivität erfüllt waren, wurzelt sowohl der sozial-naturalistische wie der symbolistische Zweig seiner Kunst. Während aber dieser sich fortlaufend entfaltete, wurde jener – ungeachtet des Aufsehens, das »Spaziergänger« bei seiner Ausstellung 1878 machte – erst im radierten Zyklus »Dramen« (1883) wiederaufgenommen und blieb auf das graphische Werk beschränkt. | Claude Keisch

Bildnis Jean Paul

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Kaum dreißigjährig sollte Friedrich Meier im Juni 1815 als Offizier der Lützower Jäger in der Schlacht bei Ligny ums Leben kommen. Eine unruhige Laufbahn hatte ihn aus Rathenow über Berlin, Halle und Dresden – wo er mit Kleist, Varnhagen von Ense und anderen Modernen umging – nach Wien geführt. Neben einem lebhaften Interesse an geistigen Begegnungen, das ihn wohl auch zum Porträtmalen führte, ist die Freundschaft mit den Malerbrüdern Friedrich, Ferdinand und Heinrich Olivier und zu den gleichfalls von romantischen Ideen erfaßten Brüdern Leopold und Wilhelm von Gerlach ein Leitmotiv seines kurzen Lebens.Romantischer Freundschaftskult liegt auch der Entstehung des Jean-Paul-Porträts zugrunde. 1809 begingen Meier und der entfernt studierende Wilhelm von Gerlach den Geburtstag Jean Pauls (1763–1825), des damals berühmtesten und meistgelesenen Schriftstellers Deutschlands. Sie lasen das 38. Kapitel aus dem »Hesperus« und schrieben einander abends darüber. Meier berichtete dies dem Dichter und bat zugleich um Porträterlaubnis. »Ich wurde nie getroffen«, heißt es in der skeptischen Antwort (J. Paul, Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe, Abt. 3, Briefe, Bd. 6, Berlin 1952, S. 21). Doch im folgenden Frühjahr unternahm Meier mit den Brüdern von Gerlach und dem Dichter Karl Thorbecke die ersehnte ›Wallfahrt‹ nach Bayreuth und malte das Porträt, von dem alsbald mehrere Wiederholungen bestellt wurden. Der Dichter war auch menschlich tief beeindruckt: »Seit langem wurd’ ich im Spätjahr des Lebens […] nicht so schnell und anhaltend für zwei Menschen erwärmt als für Sie und Ihren Freund«, schrieb er dem Künstler (ebd., S. 270) und nannte Meiers Porträt »das einzig treffende« (ebd., Bd. 7, S. 114 f.). Mit einer an altdeutsche Bildnisse erinnernden hingebungsvollen Geradheit überliefert der ›Seelen- und Körpermaler‹ den Charakterkopf, nicht ohne die emotionalen und geistigen Spannungen deutlich zu machen. Die glasigen Augen des Trinkers mit jenem unsteten, rollenden Blick, den Zeitgenossen bemerkten, das wirre Haar, die nachlässige Kleidung werden nicht ignoriert, sie untermauern jedoch den Ausdruck zurückgehaltener Leidenschaft und visionären Ernstes. | Claude Keisch

Sitzende

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Maillols bekannteste Kleinplastiken stammen aus Editionen, die der Kunsthändler Ambroise Vollard herausgegeben hat. Von 1902 bis 1911 schlossen beide Verträge über mehr als zwanzig Plastiken, dabei wurde dem Kunsthändler das uneingeschränkte Reproduktionsrecht eingeräumt. Das Modell der „Sitzenden“ ist im zweiten Vertrag zwischen Maillol und Vollard vom 20. Dezember 1905 als „Jeune fille assise, tenant son pied aux mains“ („Junges sitzendes Mädchen, seinen Fuß mit den Händen haltend“) aufgeführt (Nachlass Vollard, Privatbesitz). Die Statuette war vermutlich kurz zuvor entstanden. Vollard gab diese Kleinplastik sowohl in Bronze als auch in Terrakotta in unlimitierten Auflagen heraus. Die Nationalgalerie erwarb bei ihm von 1905 bis 1907 sechs Bronzestatuetten, von denen zwei weitere erhalten sind („Kniender weiblicher Akt“, 1900, B I 249 b und „Junges Mädchen, sich die Haare bindend“, um 1900, B I 249); drei weitere jedoch sind seit 1945 verschollen. Im November 1905 bestellte Nationalgalerie-Direktor Tschudi die „Sitzende“, die daraufhin gegossen wurde; sie traf erst im Juni 1906 in Berlin ein (Barbara Paul, Hugo von Tschudi und die moderne französische Kunst im deutschen Kaiserreich, Mainz 1993, S. 373). Tschudis Erwerbungen in Paris waren die ersten Ankäufe von Maillol-Plastiken für ein öffentliches Museum. Die Ankaufsgelder stammten aus Mitteln des Generalkonsuls Paul Freiherr von Merling. Als Käufer wird in den Unterlagen der Galerie Vollard jedoch Tschudi genannt (Fonds Vollard, Musée d’Orsay, Paris). Später gelangte auch das ebenfalls von Vollard vertriebene Porträt von Auguste Renoir (B II 66) in die Sammlung. | Ursel Berger

Gänsegeier

Gänsegeier

An der Düsseldorfer Kunstakademie bei Karl Janssen geschult spezialisierte sich Pallenberg auf Tierdarstellungen. Obwohl er in seiner detailreichen Gestaltung einer weitestgehend konventionellen Formensprache gefolgt ist, enthält die Skulptur „Gänsegeier“ durch ihre polychrome Ausgestaltung ein modernes Moment. Der Bildhauer kombinierte die natürliche Färbung des grau geäderten Marmors mit rot-bräunlich lasierten Partien am Fels sowie eingesetzten Glasaugen und getönten Krallen. Eine Fehlstelle am Schnabel und Bohrungen auf der rechten Seite des Felsens deuten ebenso auf heute verlorene Materialergänzungen hin. 1918 wurde Pallenbergs Schaffen auf der „Großen Berliner Kunstausstellung“, die in jenem Kriegsjahr in Düsseldorf stattfand, mit über sechzig Tierplastiken gewürdigt, doch schon damals bemängelten Kritiker seine Formauffassung: „Pallenberg […] wirkt sympathisch durch seine anspruchslose Freude an Form und Bewegung meist exotischen Getiers. Leider bleibt er in der Auffassung der Form etwas kleinlich, gibt mehr Oberflächenplastik mit einem zu liebevollen Eingehen auf jede Einzelheit der zufälligen Erscheinung, da doch gerade das Typische der Tierform eine stilistisch größere Behandlung nahelegt. Nicht zufällig greift er meist zu kleinen Formaten“ (Adam Kuckhoff, Große Berliner Kunstausstellung Düsseldorf, in: Die Rheinlande, 28. Jg. [1918], H. 11/12, S. 222). Pallenberg baute sich für seine Studien eine beachtliche naturwissenschaftliche Sammlung auf und fertige neben freien Schöpfungen auch Rekonstruktionsmodelle urzeitlicher Tiere an. | Yvette Deseyve