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Der Frühling - Der Morgen - Die Kindheit (aus dem Jahresszeiten-, Tageszeiten- und Lebensalterzyklus von 1803)

Ident. Nr.: KdZ 29941

ObjID: obj:997707

Erworben mit freundlicher Unterstützung der Hermann Reemtsma Stiftung und der Kulturstiftung der Länder

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Caspar David Friedrich (1774 - 1840),
Zeichner*in
Datierung
Herstellung: 1803
Provenienz
Erwerbungsart ungeklärt: Heinrich W. Campe,
ca. 1837–1863
Nachlass/Vermächtnis: Sophie Hasse, geb. Campe und Karl Ewald Hasse,
1863–1902
Nachlass/Vermächtnis: Ernst Ehlers, Göttingen,
1902–1925
Nachlass/Vermächtnis: Heinrich Ehlers, Göttingen,
1925–27.11.1935
Kommission: C. G. Boerner,
27.11.1935
Auktion: Reichskammer der Bildenden Künste,
27. November 1935 bis 1937
Kommission: C. G. Boerner, Düsseldorf,
2006
Abmessungen
Blattmaß: 19,2 x 27,5 cm

Objektbeschreibung

Tageszeiten, Lebensalter – das sind universale Themen der Kunst- und Kulturgeschichte Europas. Ging es in den Zeiten vor 1800 aber, sei es in hymnischer Freude oder mahnender Sorge, um die Einbindung des Menschen in den ewigen Kreislauf der Natur und den Willen ihres Schöpfers, so verkehrte sich mit dem Aufbruch in die Moderne die Perspektive: Die Zyklen der Natur wurden zum Spiegel, zum Abbild von Geist und Gemüt des Subjekts. Literatur, Philosophie und Ästhetik der Zeit legen davon reiches Zeugnis ab. In der bildenden Kunst ist es der erste Jahreszeitenzyklus von Caspar David Friedrich (1774-1840), der diese Wende von einem großen Stoff der Tradition zu einem Konzept der Moderne markiert. Dazu gehören neben dem „Frühling“ auch die beiden anderen vom Zyklus erhaltenen und im Online-Katalog zu findenden Bilder „Herbst“ und „Winter“. Die Darstellung des „Sommers“ wird bis heute vermisst.

Die Meisterwerke konnten im Jahre 2006 mit maßgeblicher Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Hermann Reemtsma Stiftung und der Ernst von Siemens Kunststiftung für das Kupferstichkabinett - Staatliche Museen zu Berlin als der bis dato wertvollste Zugang seit Endes des II. Weltkrieges erworben werden. Im Kontext besitzt das Museum unter den etwa 40.000 deutschen Zeichnungen des 19. Jahrhunderts – darunter die Nachlässe von Schinkel und Menzel – mit 114 Sepien, Aquarellen und Zeichnungen einen äußerst dichten und vielseitigen Schatz an Werken Caspar David Friedrichs. Zusammen mit dem Bestand an Gemälden der Alten Nationalgalerie dürfte er, vergleichbar nur den Sammlungen in Hamburg und Dresden, weltweit einzigartig sein.

Von der Machart der Zeichnung und der Pinselführung über die Lichtregie und die Konstruktion von Fläche und Raum mit ihren formalen Symmetrien, Blickschwellen, Dreiklängen, Stufungen, etc. bis hin zu offenen symbolischen Formationen – dem Kleinkind auf der Frühlingswiese im „Morgen“, dem Kreuz auf dem Fels und dem alpinen Hochgebirge im „Herbst“, der überhöhten Ruine Eldena am Meer im „Winter“ – ist der Jahreszeitenzyklus von 1803 nicht nur eine, er ist die Inkunabel der deutschen Romantik. Er birgt die Matrix für die weitere Entwicklung der Kunst Friedrichs und verwandter Strömungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Jahreszeiten von 1803 markieren die Schnittstelle im Werk Friedrichs von der abbildhaften zu einer ästhetisch durchdachten, allegorisch aufgeladenen und konstruktiv durchgeformten Landschaft. Die Bilder schließen noch an das aufgeklärte Ideal eines jedem Menschen eigenen, zyklisch und prospektiv sich vollziehenden Strebens nach Glück und Erkenntnis an, stellen dieses aber gleichzeitig, theologisch motiviert und durch persönliche, politische und soziale Erfahrungen gestärkt, infrage. Im klassischen Gewand eines Tages- und Jahreszeitenzyklus, der Natur-, Menschheits- und Kulturgeschichte umfasst, werden diverse Gemütslagen sowie der Lebens- und Bildungsweg des Individuums vorgeführt. Friedrich fügt ihn „romantisierend“ zu einem neuen Sinnbild der Entzweiung und zugleich der Versöhnung widerstreitender Lebensziele des modernen Bürgers zusammen, der in stetiger Erinnerung an und Sehnsucht nach seinem Schöpfer in die Selbstverantwortung und den Daseinskampf entlassen ist.

Hein-Th. Schulze Altcappenberg, August 2011; aus: Hein-Th. Schulze Altcappenberg: An der Wiege der Romantik. Caspar David Friedrichs Jahreszeiten von 1803, hg. von der Kulturstiftung der Länder in Verbindung mit den Staatlichen Museen zu Berlin Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin 2006 (mit weiterer Literatur).

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

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