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Ins innerste Afrika. Das schönste Geschenkbuch

Ident. Nr.: 2638396

ObjID: obj:2638396

Details (expert)

Creator/Entity
Unbekannt,
Entwerfer*in
Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg-Schwerin (10.10.1873 - 5.8.1969),
Erwähnte/Dargestellte Person
Date(s)
Herstellung: 1910
Geographical references
Entstehungsort: Deutschland
Material / Technique
Dimensions
Höhe x Breite: 60,2 x 39,9 cm
Acquisition
1969 Ankauf durch das Kupferstichkabinett (Ost) von Milada Wolf, aus dem Nachlass Arthur Wolf, Dresden. 1992 überwiesen an die Kunstbibliothek

Object Description

Dieses Reklameplakat für das „schönste Geschenkbuch für Jung und Alt“ zeigt einen Krieger vor schwarzem Grund: Mit angespannten Muskeln und einem wie zum Schrei geöffneten Mund steht er breitbeinig da – nur mit Lendenschurz bekleidet, in seiner Rechten eine Keule, in der Linken einen erhobenen Schild, scheinbar bereit zum Angriff. Der Gestalter Hans Rudi Erdt arbeitete in dieser Grafik mit schematisierter Körperdarstellung und dem Stereotyp vom bedrohlichen Wilden. Das Bedienen gängiger Klischees sollte verkaufsfördernd wirken: Auf den Weihnachtstisch 1910 gehörte dieser Werbung zufolge das Buch „Ins innerste Afrika“. Dessen Autor tolerierte im Dienste der Forschung die kolonialen Machtverhältnisse in Deutsch-Ostafrika nicht nur, sondern nutzte und stützte sie auch durch seine Arbeit. 

Adolf-Friedrich zu Mecklenburg (1873–1969), Expeditionsreisender und späterer Gouverneur von Togo (1912 bis 1914), war ein wichtiger Akteur des deutschen Kolonialismus. Seine „Central-Afrika-Expedition“ 1907 bis 1908 führte ihn „Ins innerste Afrika“ (so auch der Titel der 1910 dazu veröffentlichten Publikation): Er reiste von Berlin in die Kolonie Deutsch-Ostafrika, das Territorium der heutigen Länder Tansania, Ruanda und Burundi, doppelt so groß wie das Deutsche Reich und seit 1885 ein sogenanntes deutsches Schutzgebiet. Das Land hatte Carl Peters (1856–1918), militantes Mitglied und Mitbegründer der „Gesellschaft für Deutsche Kolonisation“ und für seine Grausamkeit gegenüber der afrikanischen Bevölkerung bekannter „Reichskommissar für das Kilimandscharogebiet“ (ab 1891), kurz zuvor von lokalen Potentaten erhalten. Seither herrschten die deutschen Machthaber hier mittels Unterdrückung, Versklavung und Zwangsarbeit. Aufstände der Menschen vor Ort schlugen sie grausam nieder. Allein am Ende des Maji-Maji-Kriegs (1905–1908) zählte man Hunderttausende Tote auf afrikanischer gegen 150 auf deutscher Seite.

Das Reichskolonialamt förderte Mecklenburgs Expedition, „[…] welche die naturwissenschaftliche, geographische, ethnographische und medizinische Erforschung der dem Kiwu-Edward und Albert-Nyansa See benachbarten Gebiete zum Ziele“ hatte. Weitere Auftraggeber waren der Botanische Garten, das Zoologische Museum, das Museum für Völkerkunde und das Institut für Infektionskrankheiten in Berlin. Diese Arbeit war Teil des deutschen Kolonialprojekts. Auffallend in von Mecklenburgs Text ist der wirtschaftlich-geopolitische Aspekt, etwa bei der unverhohlen ethnisch kalkulierten Kosten-Nutzen-Abwägung für die Ausbeutung lokaler Arbeitskräfte, denn verschiedene Menschengruppen unterboten einander preislich: „Die von der Expedition angestellten Versuche […] dürfen daher für das Gouvernement von Deutsch-Ostafrika von Interesse sein.“ (S. 17). 

Kolonien stellten nicht nur eine Erweiterung des physischen Herrschaftsraums dar, sondern bildeten auch den Gegenstand einer hegemonialen Wissensproduktion. Gestützt auf die militärische und wirtschaftliche Infrastruktur waren „Völkerkunde“-Forscher insbesondere an der Differenz zwischen den vorgeblichen menschlichen „Rassen“ interessiert, um die Vormachtstellung weißer Menschen zu legitimieren. Hierzu wurden Menschen aus verschiedenen Regionen der Welt beobachtet und auch vermessen – lebendig vor Ort oder bei einer der zahlreichen Völkerschauen in europäischen Städten, was oft nicht freiwillig und in entwürdigenden Situationen stattfand; oder aber anhand menschlicher Überreste, die nach Europa gebracht wurden. Im Berliner „Völkerkundemuseum“ begründete der Arzt und Anthropologe Felix von Luschan (1854–1924) eine Schädelsammlung, für die Objekte aus aller Welt unter bisweilen unethischen Umständen zusammengetragen wurden. Zu Mecklenburg, der ein Foto seiner selbst in triumphaler Pose mit den ihn überragenden Stoßzähnen eines erlegten Elefanten mitpublizierte, resümiert die „anthropologisch-ethnographischen Ergebnisse [...] wie folgt: es wurden im ganzen 1107 Schädel und zirka 4000 Ethnographica gesammelt, 4500 Leute gemessen, 700 photographische Aufnahmen gemacht, von 36 Leuten Gipsmasken genommen (darunter von 8 Batwa und 5 Wambutti), sowie endlich 87 Phonogramme und 37 Sprachen aufgenommen.“ (S. 475). Die Aufzeichnungen von dieser Expedition legen nahe, dass die Schädel teilweise bei Grabschändungen gesammelt wurden. Die von der gesellschaftlichen Oberschicht des Deutschen Reichs betriebene Wissenschaft war kolonialistisch und von einem Gefühl vermeintlicher Überlegenheit geprägt. Man erachtete es als selbstverständlich, sich ohne Rücksicht auf Verluste in Afrika an Ressourcen aller Art bedienen zu können. Dieses Unrecht ist das Erbe eines auf Entmenschlichung basierenden Systems und bleibt eine Herausforderung insbesondere für Kulturinstitutionen, die sich heute nach ihrem Umgang mit der Vergangenheit beurteilen lassen müssen. Zivilgesellschaftliche Organisationen setzen sich, mit allmählichem Erfolg, für die Aufarbeitung und Rückführung dieses Erbes in die Herkunftsgesellschaften ein.

Die Figur auf dem Plakat wurde von zwei Fotografien realer Personen in Mecklenburgs Buch inspiriert (S. 451–453). Beide nahm man offenbar im Innenhof der Kolonialstation Basoko in der belgischen Kolonie Kongo auf. In der einen Aufnahme blinzelt ein namenloser „Basoko-Mann“ in die Sonne, seine beiden Requisiten, einen Speer (und keine Keule) in der Rechten, einen Schild in der Linken, hält er ohne Kraftaufwand, denn beide sind auf dem Boden abgesetzt. Der zweite „Basoko-Mann“ hält beide Gegenstände, wieder ohne Angriffsgeste, vor sich. Von aggressivem Ausfallschritt keine Spur: Die Position der hier Abgelichteten ist höflich abwartend, ganz im Sinne der Wissenschaft, in deren Dienst die Reise des „Kolonialherrn“ zu Mecklenburg vorgeblich stehen sollte. Die aggressive Geste, mit der sich der Dargestellte auf Erdts Plakat präsentiert, ist also reine Fiktion. 

Recherche und Text: Kristina Lowis

Verwandte Werktexte:
_Central-Afrika-Expedition (ID 1420072)

Zitierte Literatur:
_Adolf-Friedrich zu Mecklenburg: Ins innerste Afrika, Leipzig 1910

Ausgewählte Quellen:
_Bernhard S. Heeb, Charles Kabwete-Mulinda, Staatliche Museen zu Berlin (Hg.): Human Remains from the Former German Colony of East Africa. Recontextualization and Approaches for Restitution, Köln 2022  


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Last updated: 13.08.2026

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Institution:

Kunstbibliothek

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Haben Sie es gelesen?“ Der Gestalter Fidus (Hugo Höppener) war ein Anhänger der Lichtlehre und der Reformbewegung um 1900, die sich von bürgerlichen Zwängen befreien wollte und, wie August Engelhard (1875–1919), von einem weitgehend unbekleideten Leben in der Südsee träumte. Fidus’ Illustration nimmt Gedanken aus der beworbenen Publikation auf, ohne jedoch dort erwähnten Personen im Bild darzustellen. Das Buch ist in eigentümlicher Sprache verfasst, die zwischen Alltagsjargon und dichterischem Duktus changiert. Der Titel klingt wie eine Anspielung auf die programmatische Schrift der deutschen Kolonialbewegung „Bedarf Deutschland der Colonien? Eine politisch-ökonomische Betrachtung“ von Friedrich Fabri (1824–1891) aus dem Jahr 1879. 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