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Dudelsackpfeifer

Ident. Nr.: M 47

ObjID: obj:862853

Eigentum des Kaiser Friedrich Museumsvereins

Details (expert)

Creator/Entity
frühere Zuschreibung: Ferdinando Tacca (1619),
Bildhauer*in
nach: Giambologna (1541-1608)
frühere Zuschreibung: Valerio di Simone Cioli (1529),
Bildhauer*in
Date(s)
Datierung: 1601/1700
Geographical references
Italien,
Land
Material / Technique
Bronze
Dimensions
Höhe x Breite x Tiefe: 22 x 7 x 7 cm

Object Description

Giovanfrancesco Susini (c. 1585–1653) zugeschrieben
Florenz, frühes 17. Jahrhundert
Bronze, H. 22 cm
1905 aus dem Münchner Kunsthandel erworben, gemeinsam mit drei weiteren Kleinbronzen aus dem Umkreis Giambolognas

Mit beiden Händen umfasst der junge Mann die Spielpfeife seines Dudelsacks, dessen aufgeblähten Windsack er unter den linken Arm geklemmt hält. Die nahezu frontal aufgefasste Gestalt steht mit leicht auseinandergesetzten Füßen fest auf dem Boden. Über den Beinkleidern trägt sie eine weite, bis über die Hüften reichende Jacke; weiche Stiefel und eine eng anliegende Kopfbedeckung vervollständigen die bewusst einfache Tracht. Instrument, Arme und Oberkörper schließen sich zu einer kompakten Einheit zusammen. Zugleich verleihen das schmale, wenig idealisierte Gesicht, der leicht zur Seite gewendete Kopf und die sorgfältige Charakterisierung von Kleidung und Instrument dem anonymen Musikanten eine bemerkenswerte Individualität.

Die Bronze wurde 1905 gemeinsam mit drei weiteren Kleinplastiken aus dem Umkreis Giambolognas im Münchner Kunsthandel für die Berliner Sammlung erworben und zunächst dem großen Florentiner Hofbildhauer selbst zugeschrieben. Diese Bestimmung wurde von Elisabeth Dhanens verworfen. Charles Avery erkannte weiterhin eine deutliche Nähe zu Giambolognas Formensprache, schlug jedoch vor, die Komposition eher mit der Werkstatt Giovanfrancesco Susinis zu verbinden. Für den seltenen Typus des stehenden Dudelsackspielers führte die Forschung drei Güsse an: das Berliner Exemplar, eine Fassung im Williams College Museum of Art in Massachusetts sowie eine ehemals in der Sammlung Michael Hall befindliche Bronze. Avery und Hall behandelten den Typus 1999 erneut. Ein weiterer, 15,5 cm hoher Guss wurde jüngst im Kunsthandel ebenfalls dem Umkreis Giovanfrancesco Susinis zugeschrieben. 

In jüngerer Zeit wurde die Berliner Bronze Valerio di Simone Cioli (1529–1599) zugeschrieben; unter seinem Namen ist sie gegenwärtig auch in die Dauerausstellung integriert. Cioli gehörte zum engeren Kreis der für die Medici tätigen Florentiner Bildhauer und entwickelte ein ausgeprägtes Interesse an Figuren jenseits des klassischen und heroischen Repertoires. Bauern, Diener, Hofzwerge und andere Gestalten des alltäglichen Lebens spielen in seinem Werk eine wichtige Rolle. Seine berühmten Darstellungen von Morgante und Pietro Barbino zeigen eine vergleichbare Freude an rustikalen Themen. Auch ein lebensgroßer Dudelsackspieler im Boboli-Garten wurde traditionell mit Cioli verbunden, wenngleich diese Zuschreibung heute selbst nicht mehr als gesichert gelten kann.

Gerade die unheroische Erscheinung der Berliner Figur macht die Cioli-Zuschreibung zunächst attraktiv. An die Stelle der komplizierten Drehungen und eleganten Körperbewegungen vieler Kleinbronzen Giambolognas tritt eine nahezu blockhafte Geschlossenheit. Die feste Beinstellung, die schwere Kleidung und das individuell wirkende Gesicht lassen den Musiker weniger als manieristische Kunstfigur denn als unmittelbar beobachteten Vertreter einer ländlichen Lebenswelt erscheinen.

Überzeugender erscheint dennoch eine Einordnung in den Susini-Umkreis. Entscheidend ist zunächst die Überlieferung des konkreten Modells in mehreren Güssen. Die Vervielfältigung und Weiterführung erfolgreicher Modelle gehörte zum Kern der hoch spezialisierten Florentiner Kleinbronzeproduktion, wie sie insbesondere Antonio und später Giovanfrancesco Susini betrieben. Hinzu kommt Averys ausdrückliche Verortung gerade dieses stehenden Typus in der Werkstatt Giovanfrancesco Susinis. Für eine Entstehung bei Cioli fehlt demgegenüber bislang sowohl eine dokumentarische Grundlage als auch ein überzeugender Vergleich mit einer gesicherten Kleinbronze seiner Hand. Die Verbindung beruht wesentlich auf der allgemeinen Verwandtschaft des Sujets mit Ciolis Bauern- und Genrefiguren.

Nicht zuletzt war der Dudelsackspieler im unmittelbaren Giambologna-Susini-Umfeld ein nachweislich erfolgreiches Sujet. Allerdings muss hier zwischen zwei verschiedenen Kompositionen unterschieden werden. Neben dem Berliner stehenden Musikanten existiert der wesentlich bekanntere sitzende Dudelsackspieler, dessen Erfindung auf Giambologna zurückgeführt wird und von dem zahlreiche Güsse aus den Werkstätten Antonio und Giovanfrancesco Susinis erhalten sind (siehe auch Inv. 2242). Bereits 1601 wurde Antonio Susini eine silberne Fassung eines Dudelsackspielers überlassen, offenbar um weitere Exemplare danach anzufertigen. 1611 gehörte ein “Pastore che suona la piva” zu einer Gruppe von Kleinbronzen, die Großherzog Cosimo II. de' Medici an Henry, Prince of Wales, senden ließ. Hochwertige Güsse befinden sich unter anderem im Bargello, im Victoria and Albert Museum und im Palazzo Venezia; für eine Fassung in der Galleria Colonna ist Giovanfrancesco Susini 1630–32 sogar archivalisch belegt.

Die dokumentierte Geschichte des sitzenden Modells beweist zwar nicht, dass auch der stehende Berliner Dudelsackspieler von Giambologna erfunden oder von Susini gegossen wurde. Sie zeigt jedoch, dass sowohl das Sujet als auch die serielle Herstellung rustikaler Musikanten fest in jener Werkstatttradition verankert waren. Bemerkenswert ist dabei die in zeitgenössischen Quellen vorgenommene Unterscheidung zwischen einer Arbeit „von der Hand“ Antonio Susinis und einer solchen „von seiner Hand und eigener Erfindung“: Guss und invenzione mussten keineswegs vom selben Künstler stammen. Für das Berliner Stück bleibt daher denkbar, dass Giovanfrancesco Susini einen älteren, möglicherweise noch im Umkreis Giambolognas entstandenen Figurentypus weiterverwendete.

Dudelsackspieler waren in der europäischen Kunst der Renaissance ein verbreitetes Motiv. Das Instrument wurde mit Hirten, Bauern, ländlichem Tanz und Festkultur assoziiert und konnte mit wenigen Mitteln eine pastorale oder rustikale Lebenswelt bezeichnen. Auch in religiösen Hirtenszenen (z.B. Antonio Rossellinos Tondo in Raum 122) und gelegentlich in mythologischen Zusammenhängen begegnen Dudelsackspieler. Für die Popularisierung des selbständigen Figurentypus dürfte nicht zuletzt Albrecht Dürers berühmter Kupferstich des Dudelsackpfeifers von 1514 wichtig gewesen sein; für Giambolognas sitzenden Dudelsackspieler wurde Dürers Blatt wiederholt als mögliche Inspirationsquelle vorgeschlagen.

Für das höfische Publikum lag ein besonderer Reiz solcher Figuren gerade in ihrer sozialen Distanz zur eigenen Lebenswelt. Bauern, Hirten, Vogelsteller und Musikanten verkörperten eine vermeintlich einfache, naturverbundene Gegenwelt zum höfischen Zeremoniell. In der Kunst wurden diese „niedrigen“ Sujets jedoch in ein ausgesprochen kostbares Medium übersetzt. Der einfache Dudelsackspieler wurde als sorgfältig ziselierte Bronze zu einem Gegenstand fürstlicher Kennerschaft. Dass solche Figuren durchaus den Rang diplomatischer Geschenke erreichen konnten, belegt die 1611 nach England gesandte Gruppe mediceischer Bronzen. Der dort erwähnte Dudelsackspieler war vermutlich als Gegenstück zu einem ebenfalls genannten, auf seinen Stock gestützten Hirten gedacht.

Auch für die Berliner Bronze ist daher am ehesten ein höfischer oder anspruchsvoller privater Sammlungskontext anzunehmen. Mit 22 cm Höhe war sie für die Betrachtung aus unmittelbarer Nähe bestimmt. Solche bronzetti konnten auf Tischen, Konsolen, Kabinettschränken oder in einem Studiolo beziehungsweise einer Kunstkammer stehen, einzeln oder zusammen mit weiteren Kleinbronzen. Sie waren bewegliche Kunstwerke: Man konnte sie aufnehmen, drehen und aus wechselnden Ansichten betrachten. Für Giambolognas verwandten sitzenden Dudelsackspieler wurde sogar vermutet, dass frühe Fassungen in Edelmetall zur Montage auf einem Ebenholzkabinett bestimmt waren.

Im Berliner Dudelsackspieler treffen damit zwei scheinbar gegensätzliche Welten aufeinander. Tracht, Instrument und Haltung kennzeichnen den Dargestellten als einfachen ländlichen Musikanten; Material, technische Ausführung und ursprünglicher Gebrauch weisen die Statuette dagegen als kostbares Sammlungsobjekt aus. Gerade diese Verwandlung des Alltäglichen in ein Objekt höfischer Kunstbetrachtung dürfte einen wesentlichen Teil ihres ursprünglichen Reizes ausgemacht haben.

(Alexander Röstel, August 2026) 

Literatur (Auswahl): Charles Avery / Katherine Watson, „Medici and Stuart: a Grand Ducal Gift of ‘Giovanni Bologna’ Bronzes for Henry Prince of Wales (1612)“, in: The Burlington Magazine 115, 1973, S. 493–507; Charles Avery / Anthony Radcliffe (Hg.), Giambologna 1529–1608. Sculptor to the Medici, Ausst.-Kat. Edinburgh/London/Wien 1978–79, Kat. 139 [zum stehenden Dudelsackspieler], sowie Kat. 135–138 [zum verwandten pastoralen Figurenrepertoire]; Charles Avery, Giambologna. The Complete Sculpture, Oxford 1987; Charles Avery / Michael Hall, Giambologna. An Exhibition of Sculpture by the Master and his Followers from the Collection of Michael Hall, New York 1998/Paris 1999, Kat. 53 [stehender Dudelsackspieler]; Beatrice Paolozzi Strozzi / Dimitrios Zikos (Hg.), Giambologna. Gli dei, gli eroi. Genesi e fortuna di uno stile europeo nella scultura, Ausst.-Kat. Florenz, Museo Nazionale del Bargello, Florenz 2006, bes. Kat. 42–43; Pietro Cannata, Museo Nazionale del Palazzo di Venezia, III: Sculture in bronzo, Rom 2011, S. 77–78, Kat. 82; Alessia Sisi, „‘Di pietra un Villanel, che da lontano par vivo’: il Villano con la falce di Valerio Cioli nel giardino mediceo di Pratolino“, in: Marco Betti / Carlotta Brovadan (Hg.), Donum, Florenz 2020, S. 9–29.

 


Last updated: 08.09.2026

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Institution:

Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst

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Kopf eines Mitgliedes der kaiserlichen Familie

Kopf eines Mitgliedes der kaiserlichen Familie

Der Kopf war ursprünglich Teil einer Büste oder Statue. Dargestellt ist ein jüngerer Mann ohne Bart mit kurzem, in das Gesicht gekämmtem Haar. Mund, Nase und Ohren sind beschädigt. Der Mann trägt eine sogenannte corona civica, das ist ein Kranz aus einer doppelten Reihe von Eichenblättern, der vorn mit einem Edelstein geschmückt ist. Über den hinteren Teil des Kranzes und über den Nacken ist ein Tuch gelegt. Wegen des Edelsteins auf dem Kranz muss es sich bei dem Dargestellten um einen Angehörigen der kaiserlichen Familie handeln.Fast die ganze Oberfläche des Gesichts wurde nachträglich mit einem Zahn- oder Spitzeisen überarbeitet, so dass es von rauen Linien und Punkten überzogen ist. Nur an ganz wenigen Stellen ist die ursprüngliche, fein geglättete Oberfläche erhalten geblieben: ober- und unterhalb der Augenlider, an den Nasenflügeln, an der Schläfe links, in den Mundwinkeln und am Halsansatz. Man kann daran erkennen, dass ein fertiger Porträtkopf nachträglich in einen anderen Porträtkopf umgearbeitet werden sollte. Diese Umarbeitung hat man dann aus uns nicht bekannten Gründen abgebrochen.Wer war ursprünglich dargestellt und in welches Porträt wollte man den ursprünglichen Kopf umarbeiten? Der Stil des Kopfes, die Frisur und die Anlage des Gesichtes sprechen für eine Datierung in die Zeit der Familie Kaiser Konstantins des Großen, also etwa in das erste Drittel des 4. Jahrhunderts. Porträtköpfe wurden recht häufig umgearbeitet. Das geschah meist dann, wenn der ursprünglich Dargestellte in Ungnade gefallen war und die Erinnerung an ihn ausgelöscht werden sollte. Diesen Vorgang nannte man damnatio memoriae, lateinisch für „Verdammung des Andenkens“. Statt die Köpfe und Statuen wegzuwerfen, arbeitete man sie in andere Porträts um, um den wertvollen Marmor wiederzuverwenden, eine Art Recycling.Sucht man nach Mitgliedern der konstantinischen Familie, über die die damnatio memoriae ausgesprochen wurde, stößt man auf Crispus, einen Sohn Kaiser Konstantins. Crispus, um 305 geboren, war der älteste Sohn Konstantins aus einer ersten möglicherweise nicht ehelichen Verbindung. Ab etwa 320 kam es zu Spannungen, später zu Kämpfen zwischen Konstantin dem Großen, Kaiser im Weströmischen Reich und Licinius, Kaiser im Oströmischen Reich. Obwohl Crispus auf der Seite seines Vaters kämpfte, ließ dieser ihn 326 töten und unterwarf ihn der damnatio memoriae. Möglicherweise hatte Konstantins zweite Ehefrau Fausta ihren Stiefsohn Crispus wegen sexueller Belästigung angeklagt, um die Stellung ihres eigenen, leiblichen Sohnes zu stärken, oder sie und Crispus hatten tatsächlich ein sexuelles Verhältnis miteinander. Das ursprüngliche Porträt könnte alaso das des Crispus gewesen sein. Nach seiner damnatio memoriae hätte man angefangen, es in das Porträt eines anderen Kaisers umzuarbeiten. Warum man das zweite Porträt nicht zu Ende führte, wissen wir nicht.

Fragment einer Kindertunika

Fragment einer Kindertunika

Vom ursprünglich symmetrisch angeordneten Dekor dieses Tunikafragments aus roter Wolle sind der größte Teil des in zwei Zonen unterteilten waagerechten Brust- oder Nackenstreifens und der rechte clavus bis auf das untere Ende bewahrt. Auch dieses Fragment weist wie Inv. 9245b in Brusthöhe bzw. an entsprechender Stelle auf dem Rückenteil einen horizontalen, nachträglich zusammengefügten Schlitz auf, der den Übergang (vom Grundgewebe zur Wirkerei markiert.In der oberen horizontalen Bildzone des Brust- oder Nackenstreifens sind auf braunem Grund noch vier Bögen einer Arkade zu erkennen, welche aus Blattstäben gebildet sind. Unter jedem Bogen bewegt sich je ein Tänzer nach links, während sein im Halbprofil wiedergegebener Kopf nach rechts blickt. Ein Arm ist erhoben, der andere hängt angewinkelt am Körper herab und scheint in der leicht abknickenden Hand eine Klapper zu halten. Jeder Tänzer trägt um den Hals einen kleinen Umhang, welcher hinter der rechten Schulter herabfällt. In der unteren Bildzone „schweben“ drei Tänzer mit überkreuzten Beinen und erhobenen Armen zwischen Säulen nach rechts. Säulenschäfte und -kapitelle sind mit einem S-förmigen Wellenband verziert. Anstelle der Basen sind den Säulen herzförmige Blätter angehängt, welche einen stilisierten Kopf umschließen. Architektur und Figuren sind in heller Wolle mit gliedernden Binnenzeichnungen in roter Farbe ausgeführt.Das Motiv des sich zwischen Säulen bewegenden Tänzers, in der ägyptischen Textilkunst der Spätantike äußerst beliebt und über Jahrhunderte tradiert, ist dem dionysischen Themenkreis entlehnt. Auf den beiden Tunikafragmenten Inv.9245b und Inv.15/86 erscheint es in stark vereinfachter und materialbedingt recht grober Form, die typisch für Wollgewebe ist.Der clavus auf dem Fragment Inv.15/86 verlief nicht wie bei Inv.9245b von der Schulter bis zur Unterkante, sondern endete etwa in der Mitte der Tunika in einem Bogen, an den ursprünglich ein Zierelement (sigillum) angehängt war. Im clavus sind auf gelblichem Grund sogenannte nilotische Motive zu erkennen. Sie symbolisieren Fruchtbarkeit und Unsterblichkeit und sind, wenn sie im alltäglichen Leben, wie hier auf Kleidungsstücken dargestellt werden, als „Glücksbringer“ zu verstehen. Zwischen bunten Lotusblumen mit einer großen Blüte und kleinen Knospen, ist ein Vogel, ein schwimmender Eros oder ein Hase wiedergegeben. Kleine Fische und pflanzliche Motive füllen die Zwischenräume. Die Bildzone ist beidseitig vom „laufenden Hund“ (siehe Inv.9104) in dunkler Ausführung auf hellem Grund umrandet. Der clavus-Streifen bricht oben rechtwinklig um und fasst den horizontalen Zierstreifen im Brust- bzw. Nackenbereich ein. Das rahmende Motiv des „laufenden Hundes“ ist hier nachlässiger ausgeführt. Von der einstigen Bildzone sind nur noch Reste des gelblichen Hintergrundes erhalten. Zahlreiche Vergleichsstücke mit ähnlichem Dekorationsprinzip aus zwei oder drei horizontalen Bildzonen legen nahe, dass sich das Muster des clavus im Bereich der Halsöffnung fortsetzte.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 22-23, Nr. 6(Cäcilia Fluck 2017)

Ärmel einer Kindertunika

Ärmel einer Kindertunika

Bei dem Fragment handelt es sich um das untere Ende eines Ärmels. Weil die ehemalige Verbindungsnaht an der Unterseite gelöst ist, sieht man heute den Ärmel in seiner gesamten Breite. Nahtspuren sind noch deutlich an den beiden Längskanten zu erkennen. Das Gewebe der ursprünglich innen liegenden Nahtzugaben ist zudem heller als das übrige Gewebe. Zum Handgelenk hin wurde der Ärmel etwas enger. Durch die aufgenähte Borte über dem Saum wurde das Gewebe an der Kante leicht gekräuselt, so dass sich dort kleine Falten bildeten. Die schmale Saumborte wurde in der Technik der Brettchenweberei hergestellt. Für diese Technik wird kein Webstuhl benötigt, sondern kleine gelochte Brettchen, durch welche die Kettfäden gezogen werden. Durch das Drehen der Brettchen entsteht jeweils ein neues Fach, in das der Schuss eingelegt wird. Er liegt unsichtbar zwischen den sich laufend verdrehenden Kettfäden. Muster werden bei dieser Technik folglich durch verschiedenfarbige Kettfäden erzeugt. Auf der Ärmelborte setzt es sich aus Rauten, herzförmigen Motiven und stilisierten Blüten zwischen jeweils zwei kleinen gegenständigen Dreiecken an den Längsseiten zusammen. Der bunte Zierstreifen wenige Zentimeter oberhalb dieser Borte ist sehr sorgfältig direkt in das Grundgewebe eingewirkt worden. Auf dunkelblauem Grund sind in der Mitte jeweils getrennt durch zwei kleine gelbe Rechtecke rot-gelbe Blüten zwischen kräftig grünen Kelchblättern im Wechsel mit Kreuzrosetten in den Farben grün, rot und weiß zu sehen. Die Enden der mittleren Bildzone kennzeichnen je zwei längliche Stäbchen in gelb-rot und rot-grün mit heller Umrandung. Weiße Linien begrenzen die Mittelbahn seitlich. Die rotgrundigen Randzonen sind durch je eine ebenfalls helle Linie gegliedert. Außen verläuft beidseitig ein „laufender Hund“, der nicht bis an die Bortenenden geführt wird, sondern mit dem jeweils letzten Motiv in der Mittelbahn abschließt.Bemerkenswert ist noch, dass der Händler, bei dem dieses Stück im Winter 1900/1901 erworben wurde, eine Herkunftsangabe auf dem Gewebe hinterlassen hat. In schwarzer Tinte ist am Rand unten links „Achm(im)“ zu lesen. Achmim war in der Antike und ist bis heute ein bedeutendes Zentrum der Textilproduktion und einer der ergiebigsten Fundplätze antiker Textilien. Grundsätzlich ist bei solchen Angaben Vorsicht geboten, denn oft wurde ein Fundort „erfunden“, um den Verkaufswert der Objekte zu steigern.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 24-25, Nr. 7(Cäcilia Fluck 2017)

Tunikafragment (Vorder- oder Rückenteil) mit Zierstreifen

Tunikafragment (Vorder- oder Rückenteil) mit Zierstreifen

Das Fragment (sowie Inv. 18/68) gehörte ursprünglich zu einer Tunika aus roter Wolle. Es zierte einst das Vorder- oder Rückenteil. Erhalten geblieben ist das Ende einer der beiden clavi mit dem angehängten sigillum. Um die dargestellten Motive besser erkennen zu können, ist der clavus hier entgegen des eigentlich korrekten vertikalen Verlaufs quer abgebildet. In der Mitte des sigillum ist auf apricotfarbenem Grund eine Figurengruppe aus einer vermutlich sitzenden Gestalt und einem nackten Kind wiedergegeben. Die sitzende Gestalt trägt ein dunkelrotes Gewand, einen auffälligen Brustschmuck und hat langes schwarzes Haar. Das Kind mit einer ungewöhnlichen Frisur aus senkrecht abstehenden Strähnen liegt quer auf ihrem Schoß. Was der Wirker mit dieser ikonographisch äußerst ungewöhnlichen Darstellung auszudrücken beabsichtigte, lässt sich nicht genau sagen. Die Figuren sind verzerrt, die Körperformen aufgelöst, die Gliedmaßen der sitzenden Gestalt sind unsinnig miteinander verschmolzen. Es könnte die Züchtigung eines Kindes gemeint sein, z. B. Aphrodite, die ihren Sohn Eros bestraft. Eventuell sind hier aber auch verschiedene Motive unsinnig miteinander kombiniert worden. Auf einer Wirkerei in der Abegg-Stiftung in Riggisberg (Schweiz) ist zum Beispiel eine auf einem personifizierten Seeungeheuer reitende Nereide zu sehen, die stilistisch und kompositorisch den Figuren auf den Berliner Fragmenten nahe stehen. Eventuell ist ein solches Figurenpaar hier mit einem schwebenden Eros „vermengt“ worden.Das gleiche Figurenpaar kehrt im clavus zweimal spiegelbildlich zueinander angeordnet wieder. Dazwischen und am rechten Rand des Fragments ist eine weitere Figur in purpurfarbenem Gewand streng frontal abgebildet. Sigillum, Verbindungssteg und die Längsseiten des clavus sind von einer relativ breiten Randzone mit bunten, miteinander verzahnten Zickzackmotiven umgeben, welche am gebogenen Abschluss des clavus in ein Muster aus Halbkreisen und stilisierten S-förmigen Blatt- und Blütenranken übergehen.2019 wurde das Tunikafragment von der New Yorker Künstlerin Gail Rothschild porträtiert. Das Gemälde war unter dem Titel "Head and Shoulders" vom 1. Juli 2022 bis zum 5. Februar 2023 in der Ausstellung "Think Big! Gail Rothschild porträtiert spätantike Textilfunde aus Ägypten" zu sehen.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 44-45, Nr. 17b; C. Fluck / K. Mälck, Think Big! Gail Rothschild porträtiert spätantike Textilfunde aus Ägypten, Regensburg 2022, S. 75-77, Nr. 3a-b.(Cäcilia Fluck 2017, bearbeitet 2022)

Runder Einsatz von einer Tunika

Runder Einsatz von einer Tunika

Der kleine runde Einsatz stimmt in Größe, Technik und Motiv mit Inv. 4594 überein. Vermutlich stammen beide Einsätze von demselben Kleidungsstück oder Tuch. Die musterbildenden Schusseinträge sind über zwei- oder dreifache Kettfäden geführt worden. Das bedeutet, dass die Wirkerei direkt in ein Grundgewebe eingearbeitet wurde. Es handelt sich daher nicht um separat hergestellte Besätze, für die die Weber so gut wie immer gezwirnte Kettfäden verwendeten (siehe Inv. 9169 und 4611). Die Einsätze sind heute mit einem modernen Gewebe unterlegt. Auf blauem Grund ist im mittleren runden Bildfeld jeweils ein Vogel mit üppigen Schwanzfedern in Seitenansicht wiedergegeben. Auf Fragment Inv. 4600 blickt er nach links. Beide Vögel sind in heller Wolle ausgeführt, lediglich die Schnäbel und die kurzen Beine mit den Krallen bestehen aus roter Wolle. Die Flügel über dem Rücken sind dunkel gefasst, die Augen sind ebenfalls dunkel. Mit der Kopfhaltung und dem langgestreckten Schnabel erinnert der Vogel auf Fragment Inv.4600 an eine Ente.Die Bildfelder umläuft außen der „laufende Hund“ in heller Ausführung auf dunklem Grund. Er wechselt in den Längs- und Querachsen seine Laufrichtung.Die gegenständige Ausrichtung der Vögel zueinander legt nahe, dass die beiden Einsätze an gegenüberliegenden Seiten in ein Gewebe eingearbeitet waren, zum Beispiel im Schulter- oder Kniebereich einer Tunika, in den Ecken einer Kapuze oder eines Tuches. Die geringe Größe der Einsätze und die niedlichen Motive lassen vermuten, dass sie ein Textil schmückten, das für ein Kind gedacht war. Dekors in vergleichbarer Größe und mit ähnlichen Motiven sind jedenfalls auf Kinderkleidung aus dem spätantiken Ägypten nachzuweisen.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 26-27, Nr. 8b(Cäcilia Fluck 2017)

Runder Einsatz von einer Tunika

Runder Einsatz von einer Tunika

Der kleine runde Einsatz stimmt in Größe, Technik und Motiv mit Inv. 4600 überein. Vermutlich stammen beide Einsätze von demselben Kleidungsstück oder Tuch. Die musterbildenden Schusseinträge sind über zwei- oder dreifache Kettfäden geführt worden. Das bedeutet, dass die Wirkerei direkt in ein Grundgewebe eingearbeitet wurde. Es handelt sich daher nicht um separat hergestellte Besätze, für die die Weber so gut wie immer gezwirnte Kettfäden verwendeten (siehe Inv.9169, 4611). Der Einsatz ist heute mit einem modernen Gewebe unterlegt. Auf blauem Grund ist im mittleren runden Bildfeld ein Vogel mit üppigen Schwanzfedern in Seitenansicht wiedergegeben. Er blickt nach rechts. Der Vogel ist in heller Wolle ausgeführt, lediglich der Schnabel und die kurzen Beine mit den Krallen bestehen aus roter Wolle. Die Flügel über dem Rücken sind dunkel gefasst, die Augen sind ebenfalls dunkel.Das Bildfeld umläuft außen der „laufende Hund“ in heller Ausführung auf dunklem Grund. Er wechselt in den Längs- und Querachsen seine Laufrichtung.Die gegenständige Ausrichtung der Vögel zueinander (Inv.4594 und 4600) legt nahe, dass die beiden Einsätze an gegenüberliegenden Seiten in ein Gewebe eingearbeitet waren, zum Beispiel im Schulter- oder Kniebereich einer Tunika, in den Ecken einer Kapuze oder eines Tuches. Die geringe Größe der Einsätze und die niedlichen Motive lassen vermuten, dass sie ein Textil schmückten, das für ein Kind gedacht war. Dekors in vergleichbarer Größe und mit ähnlichen Motiven sind jedenfalls auf Kinderkleidung aus dem spätantiken Ägypten nachzuweisen.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 26-27, Nr. 8a(Cäcilia Fluck 2017)

Pfeilförmiger Einsatz

Pfeilförmiger Einsatz

Das Fragment zeigt einen pfeilblattförmigen Einsatz, dessen Größe und Motiv dem des Fragmentes MBK Inv. 4650 entspricht. Sie stammen dennoch nicht vom selben Textil, denn sie sind in unterschiedliche Grundgewebe eingewirkt worden. Das Gewebe von dem hier vorliegenden Fragment besteht aus ungefärbter Wolle. Die Spitze des Pfeilblatts weist nach rechts. Ein dunkles Wellenband auf hellem Grund, der sogenannte „laufende Hund“, formt die Konturen des Blattes. Er umschließt den Blattstiel mit einer dunklen, von Kelchblättern eingefassten Knospe an einem nicht erhaltenen Stängel sowie ein rotgrundiges Bildfeld in der Mitte, auf dem ein schwebender Eros als nackter Knabe mit nach hinten überkreuz ausgestreckten Beinen dargestellt ist. Der Körper des Eroten ist durch dunkle Linien umrissen, Binnenzeichnungen sind ebenfalls mit dunkler Wolle ausgeführt. Der Eros bewegt sich nach rechts. Er wendet seinen Oberkörper zurück. Um den Hals hat er ein ockerfarbenes Manteltuch geschlungen, dessen Zipfel unterhalb des rückwärts gebogenen Arms zum Vorschein kommt. Mit den Armen umfasst er ein überproportional großes, gefiedertes ockerfarbenes Blatt. Den Kopf des Eros umgibt ein Nimbus. Beidseitig über den Schultern sind kleine Flügel zu erkennen.Seit dem Hellenismus wird der Liebesgott Eros als nacktes Kleinkind mit Pfeil und Bogen und wie hier meist mit Flügeln wiedergegeben. Eroten, die vervielfältigten Gestalten des Eros, sind insbesondere in der römischen Kaiserzeit bis weit in die Spätantike hinein bei der Ausführung unterschiedlichster Aktivitäten dargestellt worden. In kindlich-verspielter Manier jagen, ernten, angeln und schwimmen sie; sie fahren Boot, tragen Gegenstände und Tiere, sind bei Gastmahlen zugegen oder veranstalten Wettkämpfe.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 36-37, Nr. 13b(Cäcilia Fluck 2017)

Gewebefragment mit rundem Einsatz

Gewebefragment mit rundem Einsatz

Der runde Einsatz ist mit Resten des umgebenden hellen Grundgewebes ausgeschnitten worden. Die ursprüngliche Funktion des Textils, zu dem er einst gehörte, lässt sich nicht mehr ermitteln. Die Motive sind in leuchtend bunten Farben eingewirkt: Um ein kleines rundes Medaillon mit Büste in der Mitte sind auf kräftig rotem Hintergrund vier Pflanzenstäbe symmetrisch angeordnet. Sie weisen jeweils mit der Spitze auf das Medaillon im Zentrum hin: In der Längsachse sind zwei Pflanzen mit großer Knospe und seitlich rechtwinklig vom Stiel abzweigenden großlappigen Blättern zu sehen. In der Querachse wachsen aus einem halbkreisförmigen, von fein gezeichneten Voluten umgebenen Sockel zwei längliche Kelchblätter, die eine herzförmige Knospe einfassen.Dazwischen sind in den Diagonalen sich aufeinander zu bewegende kindliche Eroten wiedergegeben, die beiden oberen im weiten Laufschritt, die beiden unteren mit vorgestreckten Beinen. Alle tragen um den Hals ein Tuch in unterschiedlichen Farben, dessen Zipfel hinter dem Rücken flattert. Darüber im Nacken setzen bei den beiden oberen Eroten kleine Flügelchen an. Die Knaben sind nicht vollständig nackt, sondern tragen um die Hüfte einen schmalen Lendenschurz. Sie halten eine rote bzw. grün-braune Ente vor sich. Dieses Motiv geht auf die Ikonographie der Jahreszeiten-Personifikationen in Gestalt von Eroten zurück. In dieser Wirkerei sind sie weder durch spezielle Kleidung noch Attribute näher gekennzeichnet und können daher keiner der vier Jahreszeiten zugeordnet werden. Sie dürften hier in erster Linie dekorativen Charakter haben.Die umlaufende Randzone setzt sich aus zwei Bahnen zusammen. Die äußere zeigt auf dunklem Grund bunte, aneinander gereihte Chevrons, während in der inneren auf gelbem Grund ein grün ausgeführter Bogenfries mit Punkten dazwischen verläuft.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 42-43, Nr. 16(Cäcilia Fluck 2017)

Runder Besatz mit Eroten und Tieren

Runder Besatz mit Eroten und Tieren

Der runde Besatz diente vermutlich zum Schmuck einer Tunika im Schulter- oder Kniebereich. Während beispielsweise der Dekor von Tunika Inv. 9104 direkt in das Grundgewebe eingewebt wurde, ist dieser Besatz mit weiteren zugehörigen Teilen im Set separat gewirkt und im Nachhinein aufgenäht worden. Dem ursprünglichen Kontext einmal entnommen, sind ehemalige Ein- und Besätze auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden. Für Einsätze werden immer die Kettfäden des Grundgewebes verwendet, die am Übergang zur Wirkerei oft zwei-, drei- oder vierfach gebündelt, aber niemals gezwirnt werden. Die Kettfäden von Besätzen dagegen bestehen in der Regel aus gezwirnten Kettfäden. Beim runden Besatz sind sie an der oberen, leicht beschädigten Kante sichtbar. Die gut erhaltenen, bunten Farben des Dekors vermitteln einen Eindruck von der Farbenvielfalt und Prächtigkeit spätantiker Kleidung.Im Zentrum bewegt sich auf rotem Grund ein nackter Eros nach rechts. Im vorgestreckten Arm hält er einen Fruchtkorb. Auf seinem Rücken flattert ein Mantelzipfel. In der breiten, umlaufenden grüngrundigen Bildzone sind in symmetrischer Anordnung links und rechts stilisierte Löwen, oben und unten Fruchtkörbe und in den Diagonalen schwebende, dickbäuchige Eroten mit oranger Haarkappe und kleinem sichelförmigen Flügel über dem Rücken zu sehen. Gegenüber Inv.9825 sind vor allem die figürlichen Bildmotive nicht mehr naturalistisch ausgeführt sondern deutlich abstrakter gestaltet. Die Formen sind aufgelöst, die Körperteile wirken wie aneinander gefügte „Bausteine“. Herzförmige Blätter, E-förmige und kleine rechteckige Motive füllen die Zwischenräume. Außen verläuft ein Band aus polychromen, sogenannten Chevrons (verzahnte V- oder W-förmige Ornamente).Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 40-41, Nr. 15(Cäcilia Fluck 2017)

Fragmente von zwei quadratischen Einsätzen

Fragmente von zwei quadratischen Einsätzen

Das Fragment einer ursprünglich quadratischen Wirkerei zeigt Reste eines Kreisgeflechts in dunkler Farbe auf hellem Grund. Im Kreis oben links ist ein kniender Eros in der üblichen Wiedergabe als kleiner nackter Knabe dargestellt. Die kleine Gestalt wendet sich nach rechts, wobei sie im ausgestreckten Arm einen Kranz vor sich hält. Um ihren Hals ist ein grünes Tuch geschlungen, dessen Zipfel hinter dem Rücken flattert. Die dunkel-purpurfarbenen Punkte im Hintergrund deuten Blattmotive an. Ein weiterer Kreis mit entsprechendem Motiv ist rechts oben zu ergänzen. Erhalten ist nur noch der ausgestreckte Arm des Eros, der eine ockerfarbene Frucht hält. Im beschädigten mittleren Kreis ist eine nach links blickende Wachtel mit rotem Schnabel, umgeben von grünen Blattzweigen zu sehen. Die Halbkreise an der linken und oberen Seite enthalten kelchförmige Schalen mit roten Früchten (Granatäpfel?). Kleine Reben mit drei- und einlappigen Blättern und roten Trauben, welche von den Windungen des Halbkreises abzweigen, füllen den Hintergrund. Mit ihren wohlproportionierten Figuren, den fein aufeinander abgestimmten Farben, der ausgewogenen Bildkomposition und nicht zuletzt wegen der handwerklich geschickten Ausführung gehört diese Wirkerei zu den besonders qualitätvollen Beispielen spätantiker Webkunst.Quadratische Einsätze mit einem Geflecht aus fünf Kreisen und in symmetrischer Anordnung wiederkehrenden Motiven wie beim vorgestellten Exemplar sind zahlreich erhalten. Sie sind ein typisches Dekorationselement in Kissen oder Leinendecken aus Schlingengewebe, in die sie direkt eingewirkt wurden. Charakteristisch ist die Ausführung des Musters in überwiegend dunkler Farbe auf hellem Grund. Bunte Farbtupfer sind für bestimmte Details als besonderer optischer Reiz eingearbeitet. In der Sammlung des Museums für Byzantinische Kunst befindet sich ein Pendant zu diesem Wirkereifragment, bei dem noch Reste des umgebenden Schlingengewebes erhalten sind (Inv. 9825b). Mehrere Exemplare dieses Typs wurden in Achmim gefunden, weitere verwandte Stücke werden demselben Fundort zumindest zugeschrieben. Man darf annehmen, dass es in Achmim Werkstätten gab, die auf die Herstellung von Decken und Kissen dieser Art spezialisiert waren.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 38-39, Nr. 14(Cäcilia Fluck 2017)