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Mr. Knife Miss Fork

Ident. Nr.: SSG 89

ObjID: obj:1065892

n/a

Details (Expert)

Beteiligte
Max Ernst (1891 - 1976),
Künstler*in
Datierung
1931
Weitere Titel
Sammlungstitel: Mr. Knife Miss Fork
Herr Messer Fräulein Gabel
Originaltitel: M.Couteau Mme Fourchette
Geografische Bezüge
Abmessungen
Höhe x Breite: 17,7 x 11,6 cm
Erwerbung
2004 Dauerleihgabe der Stiftung Sammlung Dieter Scharf zur Erinnerung an Otto Gerstenberg

Objektbeschreibung

Für die 19 Illustrationen zur gleichnamigen Erzählung von René Crevel wandte sich Max Ernst auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen der Technik des Fotogramms zu, einem Verfahren, das Man Ray einige Jahre zuvor entwickelt hatte. Er assistierte Max Ernst beim Anfertigen der Blätter. Crevels Novelle handelt von einem jungen Mädchen, das während eines Abendessens im Kreise der Familie einen fantastischen Reigen um Erotik und Tod ersinnt, der sich an den Fragen entzündet: „Mr. Knife Miss Fork, What is death?, What is a whore?“. Darauf folgt ein Assoziationsreigen, den man wohl, in Abgrenzung zu der von Virginia Woolf und James Joyce entwickelten literarischen Methode, als „stream of subconsciousness“ bezeichnen kann. Hierzu schuf Max Ernst Frottagen in Negativkopie, die ambivalente Texturen mit deutlicher ausgeprägten figurativen Elementen verknüpfen. Auffällig unterscheiden sich diese Grafiken von den bisherigen Arbeiten in Ernsts Œuvre durch ihre Schwarz-Weiß-Kontrastierung. Diese wird allerdings in den meisten Fällen abgemildert mithilfe kreideartiger Verwischungen der Umrisse oder des Hinterfangens der Figuren und Gegenstände durch diffus gestaltete Objekte, die den traumhaft-flüchtigen, wenig greifbaren Charakter der Fantasien des Mädchens unterstreichen. Das Ergründen neuer künstlerischer Techniken ist als stete Suche nach dem adäquaten Ausdrucksmittel zu verstehen, das die Darstellung nicht mit eindeutigen Definitionen belegt, sondern vielmehr dazu angetan ist, auf die Deutungsmöglichkeiten in ihrer ganzen Vielfalt anzuspielen. Diese Suche und das damit verbundene technische Experimentieren sind ein roter Faden, der sich durch das gesamte Werk des Künstlers zieht. | Katharina Wippermann

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Sammlung Scharf-Gerstenberg

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Garten der Leidenschaft

Garten der Leidenschaft

In der zweiten Grafikmappe der Schweizer Gruppe Moderner Bund veröffentlichte Klee 1913 die kleinformatige Radierung „Garten der Leidenschaft“. Wie unter einem Mikroskop eröffnet sich eine Welt wimmelnder Vielfalt, deren Details erst nach und nach sichtbar werden. Während in der unteren horizontalen Zone Steinrücken zu sehen sind, wird der Mittelgrund links von Pflanzenblättern dominiert. Rechts dagegen tanzen Figuren mit weit ausgebreiteten Armen um einen kantigen Felsblock. Oben links öffnet sich im Licht der Sonne ein Ausblick über sanfte Hügel, rechts deuten Verschattungen auf den Einbruch der Dunkelheit hin. In einem Artikel für die Zeitschrift „Alpen“ hatte Klee im August 1912 betont, die zeitgenössische Kunst sei gekennzeichnet durch einen „Zwang bis zur Unkenntlichkeit des Gegenstandes, bis zum Vexierbild“. Neben den Kubisten dürfte er dabei besonders Kandinsky im Auge gehabt haben, bei dem sich in Werken wie „Komposition II“ (1910) formale Entsprechungen zum „Garten der Leidenschaft“ finden lassen. In Reaktion auf Kandinsky, der die figurativen Elemente gezielt verschleierte, um „die seelischen Mitklänge“ erlebbar zu machen, ließ Klee die dargestellten Gegenstände in einer grafischen Gesamtstruktur aus Linien und Schraffuren aufgehen, um eine Atmosphäre lebendiger Natürlichkeit zu vermitteln. Da die Künstler des Blauen Reiters eine gemeinschaftlich bebilderte Bibelausgabe planten, bei der Klee die Illustration der Psalmen übernehmen sollte, wurde in der Darstellung die Vertreibung aus dem Paradies und die Ölbergszene gesehen. Andere Interpretationen verwiesen auf literarische Schilderungen beseelter Natur wie etwa in E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der goldene Topf“, die Klee 1906 gelesen hatte. | Dieter Scholz

Sans titre (Évocation d'une île)

Sans titre (Évocation d'une île)

Aus den streifenden und tupfenden Pinselstrichen erwächst wie aus einem mysteriösen Fluss der Zeit sehr unbestimmt eine ferne, bewaldete Insel, halb bedeckt durch von links nahende Wolken und flankiert von einer Regenwand. Das Terrain steigt in der Leserichtung langsam an, um rechts jäh unterhöhlt steil abzufallen. Der Titel des Blattes – wenngleich nicht auf Victor Hugo zurückgehend – legt eine solche Wahrnehmungsweise im Sinne der traditionellen Landschaftsmalerei und -zeichnung nahe, ja legt sie fest. Das Blatt verrät sich jedoch erst bei sorgsamer Analyse und weist bald einen ganz erstaunlichen Weg zurück zur Genese. Rechts oben ist ein helles Rechteck ausgespart und von hellocker getönten Lavierungen umfasst. Rechts in der Bildmitte findet sich ein umbrafarbener Keil, dessen linke Kante in der Blattmitte jenseits einer hellen Aussparung eine markante Parallele findet, und in einem noch dunkleren Braun zieht sich eine Tuschkante von der Mitte des unteren Blattrandes aufwärts nach rechts. Die zentral hinter dem lichten Streifen sich tiefbraun erhebende Insel hat am vorderen Rand eine geradezu linealgerade gezogene ‘Ufer’- Kante. All diese Spuren weisen darauf hin, dass Victor Hugo hier mit dem farbsatten Pinsel über die Ränder kleinerer aufliegender Papiere hinweggefahren ist. Das vorliegende Blatt diente also zunächst lediglich als Unterlage, und erst in einem späteren Schritt ergriff Victor Hugo die Chance, dem Chaos des Zufälligen mittels einiger wolkenartiger Formen und der zentralen Farbwertverdichtung eine gewisse Ordnung und damit eine Möglichkeit zur Deutung zu geben. Doch es bleibt eine ‘Evokation’, eine Beschwörung, eine Materialisierung aus dem Nichts heraus: Der Künstler wird damit gleichsam zu einem erderschaffenden Gott. Bei Adolph Menzel gibt es Beispiele, wie er den Pinsel mit diversen farbigen Tuschen auf Blatträndern oder in den Vorsatzseiten seiner Skizzenbücher abstrich und daraus eine farbige Fantasie erwachsen ließ. Jenes Verfahren erscheint sehr verwandt. Doch Hugos Vorgehen zeugt von einer noch größeren Ungebundenheit und ein solches Blatt gleicht einem geistigen Vorgriff auf WOLS und dessen Écriture automatique (SSG 295–303). | Bernhard Maaz

Illustrationsvorlage zu Hans Arps "Weißt du schwarzt du"

Illustrationsvorlage zu Hans Arps "Weißt du schwarzt du"

1929 hatte Max Ernst seine Collagetechnik nach siebenjähriger Pause wieder aufgefrischt und zur Perfektion gebracht. In diesem Jahr erschien der Collagenroman „La femme 100 têtes“ (Die hunderköpfige Frau) mit einem Vorwort von André Breton. Ebenfalls 1929 fertigte Max Ernst die fünf Collagen, die die zehn Gedichte seines Freundes Hans Arp für das Buch „Weißt du schwarzt du“ begleiteten. Die Texte hatte Arp bereits 1922 geschrieben und sie auch schon einmal veröffentlicht. 1930 erschien dieser kleine Gedichtband von Arp und Ernst, zeitgleich dazu auch Ernsts zweiter umfangreicher Collagenroman „Rêve d‘une petite fille qui voulut entrer au Carmel“. Das Material für all diese Collagen fand Ernst in Holzstichen, die er populärwissenschaftlichen Zeitschriften und Kolportageromanen des 19. Jahrhunderts entnahm. Dabei machte er sich die grafischen Strukturen des Vorlagenmaterials zunutze, das mit seinen gleichmäßigen Strukturen das Verdecken und Vertuschen der Klebekanten ermöglichte. Bei aller Fantastik und Widersinnigkeit sind daher die Collagen doch immer einer innerbildlichen Kohärenz unterworfen. Zur Grundlage seiner fünften und letzten Collage für das Buch „Weißt du schwarzt du“ nahm Max Ernst eine Industrielandschaft mit kräftig rauchenden Fabrikschloten. Vor diese blendete er eine geheimnisvolle Kiste mit offenem Zahnradmechanismus, der durch die Fabriken angetrieben zu sein scheint. In der Kiste hat es sich ein Skelett gemütlich gemacht und streckt sich zur Ruhe aus. Die Collagen sind keine Illustrationen der Gedichte von Hans Arp, die aber wiederum in ihrer Wortakrobatik sehr wohl an das Zusammenfügen des Unwahrscheinlichen in Ernsts Bildern erinnern. Und schließlich mögen einige Wörter und Passagen aus dem neunten Gedicht Arps, das von der vorliegenden Collage begleitet wird, Max Ernst angeregt haben: So ist dort etwa die Rede von einem „mundgerät“, das einem Uhrwerk gleich abläuft und der „knochenkokotte nur in den pausen / zur Verfügung“ steht. Dass in jenen Jahren die Freundschaft zwischen Hans Arp und Max Ernst, die damals mit ihren Frauen gemeinsam in Meudon, einem Pariser Vorort, wohnten, besonders eng war, bestätigte Ernst mit einer Widmung, einer schönen Variante eines bekannten Kirchenliedes, in einem Exemplar von „La femme 100 têtes“: „Eine feste burg ist unser arp / Ein freudenschiff / Und ein Trost = und zierart in / Des lebens mastenreichen wald“. | Lutz Derenthal

Étude pour Ubu

Étude pour Ubu

Nach 1933 beschloss Hans Bellmer, jede dem faschistischen Staat auch nur indirekt nützliche Arbeit einzustellen. Dennoch ging er nicht gleich ins Exil wie viele seiner Kollegen und Freunde, sondern verblieb bis 1938 in Berlin. Von hier aus unterhielt er regen Kontakt zu den Surrealisten in Paris. Der Übersetzer und Herausgeber Henri Parisot machte ihn mit in Deutschland verbotenen Schriften von de Sade, Lautréamont, Baudelaire und anderen Autoren bekannt. Im Jahre 1934 las er so auch das Theater stück „Ubu Roi“ (König Ubu) des französischen Schriftstellers Alfred Jarry, das ihn zu dem vorliegenden Blatt inspirierte. Mit weißer Gouache auf schwarzem Grund, einer Technik, die das Prinzip von Licht und Dunkelheit verkehrt, wird das wilde Treiben des Königs inszeniert. Die Gestalt ist auf eine karierte Kugel und einen Kegel reduziert, ihr Gefolge sind deformierte Gliederpuppen, weibliche Beine in gestreiften Strümpfen, krabbenähnliche Wesen und andere Metamorphosen menschlicher und tierischer Einzelteile. Sie spielen zu einem infernalischen Panoptikum auf. Bellmers Faszination für Jarrys Antiheld lag sicherlich in der Puppenhaftigkeit der Figuren begründet, der blinden Zerstörungswut, die der König an den Tag legt, und im spielerischen Umgang mit der Sprache, welche sich in Mehrdeutigkeiten und Verwandlungen ergeht. Insbesondere die Körperlichkeit der Hauptfigur dürfte Bellmer fasziniert haben, denn König Ubus ausufernder Leib (sein monströser Wanst mit gewaltigem Bauchnabel, die enorme Nase und der Kegelhut) sowie sein ausgeprägtes Interesse für das Fäkale und Skatologische verdeutlichen das Bellmer’sche Prinzip der körperlichen Deformation und zeigen, dass Körper (wie der Ubus) durchlässig werden, indem sich das Innere beständig nach außen kehrt. Nicht nur die Grenzen zwischen innen und außen werden auf diese Weise relativiert, sondern es entsteht so auch eine anarchistische Gegenwelt, in der Ordnungssysteme subvertiert und Hierarchien verkehrt werden können. Insgesamt tauchen viele Stilmittel anti-illusionistischer Theaterstücke auf, wie die Aufhebung eines geordneten Raum-Zeit-Kontinuums. Zudem sind die Figuren durch Gesichtsmasken und einen monotonen Sprachstil gekennzeichnet, sie werden zu Marionetten ohne Individualität. Das Stück, welches 1896 uraufgeführt wurde, sorgte für einen handfesten Skandal. Die Dadaisten und Surrealisten waren hingegen fasziniert von König Ubu. Neben Bellmer bezogen sich u. a. Max Ernst, Joan Miró und Man Ray auf das birnenförmige Wesen. | Melanie Franke/Nadine Ott