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Œillades ciselées en branche [2]

Ident. Nr.: SSG 14

ObjID: obj:1065910

n/a

Details (Expert)

Beteiligte
Hans Bellmer (1902 - 1975),
Künstler*in
Datierung
1939
Weitere Titel
Sammlungstitel: Œillades ciselées en branche [2]
Verliebte Blicke in den Ast geschnitzt
Übersetzung: Amorous Glances Cut on the Branch
Geografische Bezüge
Abmessungen
Höhe x Breite: 13,5 x 10 cm
Erwerbung
2004 Dauerleihgabe der Stiftung Sammlung Dieter Scharf zur Erinnerung an Otto Gerstenberg

Objektbeschreibung

Auf seiner zweiten Reise nach Paris im März 1935 schloss sich Bellmer den Surrealisten an, bei denen er jedoch zeitlebens eine Randposition einnahm. Einen engen Kontakt baute er zu Georges Hugnet auf, mit dem er bis 1949 intensiv korrespondierte. Hugnet eröffnete bereits 1934 in Paris eine kleine Buchbinderei, in der er Bücher als eigenständige künstlerische Objekte fertigte. Hier entstand das Gemeinschaftprojekt „Œillades ciselées en branches“ (Verliebte Blicke in den Ast geschnitzt), zu dem Hugnet die Prosagedichte und Bellmer die Illustrationen beisteuerte. Bellmer arbeitete dabei weniger nach den dichterischen Vorlagen seines Freundes, sondern verarbeitete Ideen und Zeichnungen, welche schon vorher entstanden waren, wie das Blatt „Die große Gaukelei“ (SSG 17). Das Büchlein ist eingeschlagen in Spitze und die ersten 30 Exemplare waren mit starkem Parfum geschwängert, sodass es einem Mädchentagebuch gleicht. Es wurde 1939 bei Jeanne Boucher in einer Auflage von 230 Exemplaren verlegt. | Melanie Franke/Nadine Ott

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Sammlung Scharf-Gerstenberg

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Interno metafisico

Interno metafisico

Das „Interno metafisico“ (Metaphysisches Interieur) steht in einer Reihe von klaustrophobisch anmutenden Interieurs, die de Chirico in einer Phase der persönlichen Isolierung in der italienischen Stadt Ferrara schuf. Dorthin übersiedelte der Künstler, der Einberufung zum Kriegsdienst folgend, im Jahre 1915. In die irreale Bildkonstruktion dieser Bilder, die aus befremdenden Konglomeraten wie geometrischen Instrumenten und anderen rätselhaften Gegenständen bestehen, ist ein vermeintlich realer Ausblick in Form eines Himmelsausschnittes oder, wie hier, urbaner Gebäude einbezogen. Während die Scheiben des Fensters in der linken Bildhälfte blind bleiben, ist das architektonisch ungerahmte ‘Bild im Bild’ an das Ende der zentralperspektivisch angelegten Raumflucht verschoben. Das moderne Hochhauspanorama bildet dabei einen Kontrast zu dem antik-ionischen Kapitell des Pilasters neben dem Fenster und dem seiner tragenden Funktion enthobenen barocken Baluster. Diese Architekturfragmente fassen ein auf perspektivisch verzerrten und geometrisierten Sockeln basierendes, unentwirrbares Puzzle aus Reißschienen, Winkeldreiecken, Vermessungsgeräten und trigonometrischen Instrumenten ein. Diesen Gegenständen mit ihrer mysteriösen Existenz haftet zudem durch das Fehlen jeglicher Orientierung eine erstarrte Kälte an. Indem de Chirico die Verbindlichkeit dieser subjektvergewissernden Perspektive in Frage stellt und die gewohnte optische Wahrnehmung außer Kraft setzt, entlarvt er die Welt als Scheinwelt. De Chiricos „Metaphysisches Interieur“ erhebt das Transzendente zum Bildinhalt, wobei der Künstler das Metaphysische nicht hinter, sondern in den Dingen sucht. So werden seine Innenräume zu geheimnisvollen, beunruhigenden Rätseln. | Hanna Strzoda

La plus belle

La plus belle

Auf einem bossierten, kegelförmigen Fuß ist die schmale, glatt polierte Gestalt, den Oberkörper in der Taille leicht nach rechts gebeugt, aufgesteckt. Auf einem sehr langen, zarten Hals ruht der überproportioniert große Kopf, der Biegung des Körpers in entgegengesetzter Richtung antwortend. Einer Kinderzeichnung gleich formen zwei tiefgesetzte Punkte und ein leicht nach oben gebogener Strich das Gesicht. Überhaupt wirkt die Figur bis auf den leichten Taillenschwung gänzlich androgyn – erst durch den Titel wird das Geschlecht bestimmt. In seinem knapp 20 Jahre zuvor entstandenen bildhauerischen Hauptwerk „Capricorne“ verfuhr Max Ernst im Zusammenfügen der Abgüsse von Fundstücken ähnlich wie in seinen Collagen. Viele andere seiner Skulpturen folgen ebenfalls mehr oder weniger dieser Art von Assemblage, an denen der Arbeitsprozess ablesbar bleibt. „La plus belle“ hingegen bildet eine glatte, in sich geschlossene Form, lediglich der kleine Absatz zwischen Sockel und Körper suggeriert eine Mehrteiligkeit der Skulptur. In ihrer Torsohaftigkeit erinnert „La plus belle“ an antike Statuen, die häufig ohne ihre Extremitäten aufgefunden wurden. Unter ihnen gilt vor allem die „Venus von Milo“ als Inbegriff antiker, zeitloser Schönheit. Der Titel von Max Ernsts Skulptur und eine ähnliche Körperlenkung der beiden Statuen lassen vermuten, dass sich der Künstler hier an einer Adaption des klassischen Schönheitsideals versuchte, so wie er sich Ende der 1950er Jahre dem Schaffen von Leonardo da Vinci zuwandte, sich also in seinem Spätwerk doch noch mit den Heroen der Kunstgeschichte auseinandersetzte, statt sich, wie zu Beginn seiner künstlerischen Karriere, über sie hinwegzusetzen. | Katharina Wippermann

Garten der Leidenschaft

Garten der Leidenschaft

In der zweiten Grafikmappe der Schweizer Gruppe Moderner Bund veröffentlichte Klee 1913 die kleinformatige Radierung „Garten der Leidenschaft“. Wie unter einem Mikroskop eröffnet sich eine Welt wimmelnder Vielfalt, deren Details erst nach und nach sichtbar werden. Während in der unteren horizontalen Zone Steinrücken zu sehen sind, wird der Mittelgrund links von Pflanzenblättern dominiert. Rechts dagegen tanzen Figuren mit weit ausgebreiteten Armen um einen kantigen Felsblock. Oben links öffnet sich im Licht der Sonne ein Ausblick über sanfte Hügel, rechts deuten Verschattungen auf den Einbruch der Dunkelheit hin. In einem Artikel für die Zeitschrift „Alpen“ hatte Klee im August 1912 betont, die zeitgenössische Kunst sei gekennzeichnet durch einen „Zwang bis zur Unkenntlichkeit des Gegenstandes, bis zum Vexierbild“. Neben den Kubisten dürfte er dabei besonders Kandinsky im Auge gehabt haben, bei dem sich in Werken wie „Komposition II“ (1910) formale Entsprechungen zum „Garten der Leidenschaft“ finden lassen. In Reaktion auf Kandinsky, der die figurativen Elemente gezielt verschleierte, um „die seelischen Mitklänge“ erlebbar zu machen, ließ Klee die dargestellten Gegenstände in einer grafischen Gesamtstruktur aus Linien und Schraffuren aufgehen, um eine Atmosphäre lebendiger Natürlichkeit zu vermitteln. Da die Künstler des Blauen Reiters eine gemeinschaftlich bebilderte Bibelausgabe planten, bei der Klee die Illustration der Psalmen übernehmen sollte, wurde in der Darstellung die Vertreibung aus dem Paradies und die Ölbergszene gesehen. Andere Interpretationen verwiesen auf literarische Schilderungen beseelter Natur wie etwa in E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der goldene Topf“, die Klee 1906 gelesen hatte. | Dieter Scholz

Sans titre (Évocation d'une île)

Sans titre (Évocation d'une île)

Aus den streifenden und tupfenden Pinselstrichen erwächst wie aus einem mysteriösen Fluss der Zeit sehr unbestimmt eine ferne, bewaldete Insel, halb bedeckt durch von links nahende Wolken und flankiert von einer Regenwand. Das Terrain steigt in der Leserichtung langsam an, um rechts jäh unterhöhlt steil abzufallen. Der Titel des Blattes – wenngleich nicht auf Victor Hugo zurückgehend – legt eine solche Wahrnehmungsweise im Sinne der traditionellen Landschaftsmalerei und -zeichnung nahe, ja legt sie fest. Das Blatt verrät sich jedoch erst bei sorgsamer Analyse und weist bald einen ganz erstaunlichen Weg zurück zur Genese. Rechts oben ist ein helles Rechteck ausgespart und von hellocker getönten Lavierungen umfasst. Rechts in der Bildmitte findet sich ein umbrafarbener Keil, dessen linke Kante in der Blattmitte jenseits einer hellen Aussparung eine markante Parallele findet, und in einem noch dunkleren Braun zieht sich eine Tuschkante von der Mitte des unteren Blattrandes aufwärts nach rechts. Die zentral hinter dem lichten Streifen sich tiefbraun erhebende Insel hat am vorderen Rand eine geradezu linealgerade gezogene ‘Ufer’- Kante. All diese Spuren weisen darauf hin, dass Victor Hugo hier mit dem farbsatten Pinsel über die Ränder kleinerer aufliegender Papiere hinweggefahren ist. Das vorliegende Blatt diente also zunächst lediglich als Unterlage, und erst in einem späteren Schritt ergriff Victor Hugo die Chance, dem Chaos des Zufälligen mittels einiger wolkenartiger Formen und der zentralen Farbwertverdichtung eine gewisse Ordnung und damit eine Möglichkeit zur Deutung zu geben. Doch es bleibt eine ‘Evokation’, eine Beschwörung, eine Materialisierung aus dem Nichts heraus: Der Künstler wird damit gleichsam zu einem erderschaffenden Gott. Bei Adolph Menzel gibt es Beispiele, wie er den Pinsel mit diversen farbigen Tuschen auf Blatträndern oder in den Vorsatzseiten seiner Skizzenbücher abstrich und daraus eine farbige Fantasie erwachsen ließ. Jenes Verfahren erscheint sehr verwandt. Doch Hugos Vorgehen zeugt von einer noch größeren Ungebundenheit und ein solches Blatt gleicht einem geistigen Vorgriff auf WOLS und dessen Écriture automatique (SSG 295–303). | Bernhard Maaz