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Jean Paulhan diable noir

Ident. Nr.: SSG 59

ObjID: obj:1066036

n/a

Details (Expert)

Beteiligte
Jean Dubuffet (1901 - 1985),
Künstler*in
Datierung
1947
Weitere Titel
Sammlungstitel: Jean Paulhan diable noir
Jean Paulhan schwarzer Teufel
Übersetzung: Jean Paulhan Black Devil
Geografische Bezüge
Material / Technik
Öl auf Kalk, Gips und Zement
Abmessungen
Höhe x Breite: 109 x 87 cm
Erwerbung
2004 Dauerleihgabe der Stiftung Sammlung Dieter Scharf zur Erinnerung an Otto Gerstenberg

Objektbeschreibung

Das Porträt des französischen Schriftstellers Jean Paulhan gehört zu einer Reihe von Bildnissen bekannter Pariser Intellektueller, denen Dubuffet im Salon der amerikanischen Mäzenin Florence Gould begegnete. Jean Paulhan war Mitherausgeber der Zeitschrift „Nouvelle revue française“, die den Strömungen vom Symbolismus bis zum Dadaismus gleichermaßen zugewandt war. Der herkömmliche Abbildcharakter spielt für die Bildnisse Dubuffets allerdings keine Rolle. Indem er auffällige Eigenheiten und Merkmale der Dargestellten mit ungewöhnlichen Substanzen und Malmaterialien zum Ausdruck bringt, entwickelt er eine neue Form des Porträts. Im Falle Jean Paulhans erschafft er mit Zement und Kalk eine zerklüftete Oberfläche, auf der die Gestalt des Schriftstellers als brüchige Präsenz sichtbar wird. Ein Jahr bevor dieses Materialbild entstand (1946), hatte Dubuffet die ganze Figur des Schriftstellers mit Kohle festgehalten. (SSG 58). In Anlehnung an Darstellungsformen bei Kindern zeigt Dubuffet Jean Paulhan nun (1947) als ‘Kopffüßer’, ohne Arme und mit einem im Verhältnis zum Körper überdimensional großen Kopf, aus dem die Augen, zwei schwarze Punkte, starr herausblicken. Ohne Volumen und räumliche Tiefe breitet sich der ‘Teufel in Schwarz’ auf der krustigen Fläche aus. Die kindliche Anmutung spielt mit dem vermeintlich Diabolischen der schwarzen Gestalt zusammen. Mit dieser unkonventionellen, an unverbildete Ausdrucksformen erinnernden Darstellungsweise will Dubuffet seine Freunde und Bekannten keineswegs karikieren. Vielmehr geht es ihm darum, die ‘wahre Gestalt’ einer Person zu vermitteln, die in der Begegnung mit dem Betrachter auch dessen sinnlich-haptische Empfänglichkeit ansprechen soll: „Es schien mir, indem ich meine Modelle entpersönlichte und auf eine elementare, menschliche Gestalt reduzierte, daß ich es meiner Meinung nach dem Betrachter des Bildes leichter machte, seine Phantasie und Vorstellungskraft anzuregen, und gleichzeitig die Macht des Bildnisses verstärkte.“ | Melanie Franke

Letzte Aktualisierung: 17.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Sammlung Scharf-Gerstenberg

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Garten der Leidenschaft

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In der zweiten Grafikmappe der Schweizer Gruppe Moderner Bund veröffentlichte Klee 1913 die kleinformatige Radierung „Garten der Leidenschaft“. Wie unter einem Mikroskop eröffnet sich eine Welt wimmelnder Vielfalt, deren Details erst nach und nach sichtbar werden. Während in der unteren horizontalen Zone Steinrücken zu sehen sind, wird der Mittelgrund links von Pflanzenblättern dominiert. Rechts dagegen tanzen Figuren mit weit ausgebreiteten Armen um einen kantigen Felsblock. Oben links öffnet sich im Licht der Sonne ein Ausblick über sanfte Hügel, rechts deuten Verschattungen auf den Einbruch der Dunkelheit hin. In einem Artikel für die Zeitschrift „Alpen“ hatte Klee im August 1912 betont, die zeitgenössische Kunst sei gekennzeichnet durch einen „Zwang bis zur Unkenntlichkeit des Gegenstandes, bis zum Vexierbild“. Neben den Kubisten dürfte er dabei besonders Kandinsky im Auge gehabt haben, bei dem sich in Werken wie „Komposition II“ (1910) formale Entsprechungen zum „Garten der Leidenschaft“ finden lassen. In Reaktion auf Kandinsky, der die figurativen Elemente gezielt verschleierte, um „die seelischen Mitklänge“ erlebbar zu machen, ließ Klee die dargestellten Gegenstände in einer grafischen Gesamtstruktur aus Linien und Schraffuren aufgehen, um eine Atmosphäre lebendiger Natürlichkeit zu vermitteln. Da die Künstler des Blauen Reiters eine gemeinschaftlich bebilderte Bibelausgabe planten, bei der Klee die Illustration der Psalmen übernehmen sollte, wurde in der Darstellung die Vertreibung aus dem Paradies und die Ölbergszene gesehen. Andere Interpretationen verwiesen auf literarische Schilderungen beseelter Natur wie etwa in E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der goldene Topf“, die Klee 1906 gelesen hatte. | Dieter Scholz

Sans titre (Évocation d'une île)

Sans titre (Évocation d'une île)

Aus den streifenden und tupfenden Pinselstrichen erwächst wie aus einem mysteriösen Fluss der Zeit sehr unbestimmt eine ferne, bewaldete Insel, halb bedeckt durch von links nahende Wolken und flankiert von einer Regenwand. Das Terrain steigt in der Leserichtung langsam an, um rechts jäh unterhöhlt steil abzufallen. Der Titel des Blattes – wenngleich nicht auf Victor Hugo zurückgehend – legt eine solche Wahrnehmungsweise im Sinne der traditionellen Landschaftsmalerei und -zeichnung nahe, ja legt sie fest. Das Blatt verrät sich jedoch erst bei sorgsamer Analyse und weist bald einen ganz erstaunlichen Weg zurück zur Genese. Rechts oben ist ein helles Rechteck ausgespart und von hellocker getönten Lavierungen umfasst. Rechts in der Bildmitte findet sich ein umbrafarbener Keil, dessen linke Kante in der Blattmitte jenseits einer hellen Aussparung eine markante Parallele findet, und in einem noch dunkleren Braun zieht sich eine Tuschkante von der Mitte des unteren Blattrandes aufwärts nach rechts. Die zentral hinter dem lichten Streifen sich tiefbraun erhebende Insel hat am vorderen Rand eine geradezu linealgerade gezogene ‘Ufer’- Kante. All diese Spuren weisen darauf hin, dass Victor Hugo hier mit dem farbsatten Pinsel über die Ränder kleinerer aufliegender Papiere hinweggefahren ist. Das vorliegende Blatt diente also zunächst lediglich als Unterlage, und erst in einem späteren Schritt ergriff Victor Hugo die Chance, dem Chaos des Zufälligen mittels einiger wolkenartiger Formen und der zentralen Farbwertverdichtung eine gewisse Ordnung und damit eine Möglichkeit zur Deutung zu geben. Doch es bleibt eine ‘Evokation’, eine Beschwörung, eine Materialisierung aus dem Nichts heraus: Der Künstler wird damit gleichsam zu einem erderschaffenden Gott. Bei Adolph Menzel gibt es Beispiele, wie er den Pinsel mit diversen farbigen Tuschen auf Blatträndern oder in den Vorsatzseiten seiner Skizzenbücher abstrich und daraus eine farbige Fantasie erwachsen ließ. Jenes Verfahren erscheint sehr verwandt. Doch Hugos Vorgehen zeugt von einer noch größeren Ungebundenheit und ein solches Blatt gleicht einem geistigen Vorgriff auf WOLS und dessen Écriture automatique (SSG 295–303). | Bernhard Maaz

Illustrationsvorlage zu Hans Arps "Weißt du schwarzt du"

Illustrationsvorlage zu Hans Arps "Weißt du schwarzt du"

1929 hatte Max Ernst seine Collagetechnik nach siebenjähriger Pause wieder aufgefrischt und zur Perfektion gebracht. In diesem Jahr erschien der Collagenroman „La femme 100 têtes“ (Die hunderköpfige Frau) mit einem Vorwort von André Breton. Ebenfalls 1929 fertigte Max Ernst die fünf Collagen, die die zehn Gedichte seines Freundes Hans Arp für das Buch „Weißt du schwarzt du“ begleiteten. Die Texte hatte Arp bereits 1922 geschrieben und sie auch schon einmal veröffentlicht. 1930 erschien dieser kleine Gedichtband von Arp und Ernst, zeitgleich dazu auch Ernsts zweiter umfangreicher Collagenroman „Rêve d‘une petite fille qui voulut entrer au Carmel“. Das Material für all diese Collagen fand Ernst in Holzstichen, die er populärwissenschaftlichen Zeitschriften und Kolportageromanen des 19. Jahrhunderts entnahm. Dabei machte er sich die grafischen Strukturen des Vorlagenmaterials zunutze, das mit seinen gleichmäßigen Strukturen das Verdecken und Vertuschen der Klebekanten ermöglichte. Bei aller Fantastik und Widersinnigkeit sind daher die Collagen doch immer einer innerbildlichen Kohärenz unterworfen. Zur Grundlage seiner fünften und letzten Collage für das Buch „Weißt du schwarzt du“ nahm Max Ernst eine Industrielandschaft mit kräftig rauchenden Fabrikschloten. Vor diese blendete er eine geheimnisvolle Kiste mit offenem Zahnradmechanismus, der durch die Fabriken angetrieben zu sein scheint. In der Kiste hat es sich ein Skelett gemütlich gemacht und streckt sich zur Ruhe aus. Die Collagen sind keine Illustrationen der Gedichte von Hans Arp, die aber wiederum in ihrer Wortakrobatik sehr wohl an das Zusammenfügen des Unwahrscheinlichen in Ernsts Bildern erinnern. Und schließlich mögen einige Wörter und Passagen aus dem neunten Gedicht Arps, das von der vorliegenden Collage begleitet wird, Max Ernst angeregt haben: So ist dort etwa die Rede von einem „mundgerät“, das einem Uhrwerk gleich abläuft und der „knochenkokotte nur in den pausen / zur Verfügung“ steht. Dass in jenen Jahren die Freundschaft zwischen Hans Arp und Max Ernst, die damals mit ihren Frauen gemeinsam in Meudon, einem Pariser Vorort, wohnten, besonders eng war, bestätigte Ernst mit einer Widmung, einer schönen Variante eines bekannten Kirchenliedes, in einem Exemplar von „La femme 100 têtes“: „Eine feste burg ist unser arp / Ein freudenschiff / Und ein Trost = und zierart in / Des lebens mastenreichen wald“. | Lutz Derenthal