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Schreiender

Ident. Nr.: SSG 1

ObjID: obj:1386785

n/a

Details (Expert)

Beteiligte
Gerhard Altenbourg (1926-1989),
Künstler*in
Datierung
1949
Systematik/Art
Weitere Titel
Sammlungstitel: Schreiender
Übersetzung: Shouter
Originaltitel: Homme hurlant
Abmessungen
Höhe x Breite: 29 x 29 cm
Erwerbung
2004 Dauerleihgabe der Stiftung Sammlung Dieter Scharf zur Erinnerung an Otto Gerstenberg

Objektbeschreibung

Die künstlerischen Anfänge von Gerhard Altenbourg, der eigentlich Ströch hieß und 1955 seinen Künstlernamen in Anlehnung an seinen thüringischen Wohnort Altenburg wählte, standen bis um 1950 im Zeichen der traumatischen Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg, mit denen er als 17-jähriger Soldat konfrontiert worden war und die ihn bleibend prägten. Als Sohn eines evangelischen Predigers hatte er die christliche Ethik verinnerlicht, die im Krieg offensichtlich nichts mehr galt, musste er doch selbst töten. Diese Erfahrung erfüllte ihn einerseits mit Ekel vor der Kreatur Mensch, andererseits entdeckte er darin die Hinfälligkeit des Menschen, sein Schicksal als Opfer. In aggressiven Zeichnungen, die teilweise Elemente der Art brut aufweisen, und entsprechenden literarischen Texten (zum Beispiel „Im Feuerofen“) arbeitete der inzwischen Anfang 20-jährige Künstler an der Bewältigung dieses Traumas. Neben monumentalen, bis zu drei Meter hohen „Ecce-homo“- Zeichnungen gehört eine Reihe zornig gezeichneter Köpfe zu den eindringlichen Zeugnissen dieser existenziellen Auseinandersetzung. So sind dem „Schreienden“ etwa Werke wie „Mein Bruder, das fraßlüsterne Schwein“ und „Mein Bruder, das fraßlüsterne Schwein, frisst noch immer“ (beide befinden sich im Kupferstichkabinett, Berlin) vorangegangen, während ein unmittelbar folgender Kopf „Don Quichotte“ betitelt ist. Von diesem gibt es einen direkten Rückbezug zu dem „Schreienden“, denn auch jener ist ein Narr – was seine vielzipfelige Narrenkappe belegt. Vergleichbar mit Cervantes’ Ritter von der traurigen Gestalt, der mit seinem Kampf gegen Windmühlen als Symbolfigur der Vergeblichkeit menschlichen Bemühens gilt, wird wohl auch der „Schreiende“ – nach der resignativen Einschätzung des Künstlers – ungehört bleiben. Sein wildes und ruppiges Gesicht lässt ihn fast tierhaft, außerhalb der Zivilisation stehend erscheinen. Ganz bewusst hat der seit frühester Jugend in der Literatur bestens kundige Altenbourg hier auf die bereits im Mittelalter begründete Tradition des Narrentums zurückgegriffen, in der Randfiguren der Gesellschaft bittere – und darum unwillkommene – Wahrheiten verkünden. | Anita Beloubek-Hammer

Letzte Aktualisierung: 28.08.2026

Kontakt

Einrichtung:

Sammlung Scharf-Gerstenberg

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Ohne Titel

Ohne Titel

Seligmann hat die Grafik mit den Worten „für den berühmten Sadomasochisten – Georges Hugnet, meinen Freund“ versehen. Der Schweizer Seligmann lebte seit 1932 in Paris, stieß 1934 zu den Surrealisten und lernte dort Hugnet kennen. Widmung und Thema der Radierung spielen auf dessen Collagen an, welche stereotype Abbildungen aus Erotikmagazinen zur Grundlage haben. Zugleich ist das Blatt ein Hinweis auf gemeinsame Arbeiten und Interessen. 1938 veröffentlichten die beiden den Band „Une écriture lisible“ mit Gedichten von Hugnet und Radierungen von Seligmann, welche durch die Lektüre von Lautréamonts „Gesängen des Maldoror“ geprägt waren. Der collageartige Aufbau der von schwarzem Humor bestimmten Radierung und die Betonung der Ausschnitte erinnern an ein Rätsel, das es zu deuten gilt. Die Unterwasserwelt könnte eine Reminiszenz an Lautréamonts Werk sein. Viele der sadistischen Handlungen in den „Gesängen“, denen zumeist Frauen zum Opfer fallen, spielen im submarinen Raum. Die Folterszene und das Hybridwesen, halb Meerestier, halb Dienstmädchen, Objekt sadistischer Begierde, verweisen ebenfalls auf Lautréamonts Werk, in dem, anders als in den Schriften des Marquis de Sade, auch Tiere und Mischwesen Sexualpartner der Menschen sein können. Die einem weiblichen Genital nachempfundene Meeresfrucht mit Tentakeln kommt wie die unten links angedeuteten Schwerter oder Dolche in weiteren Arbeiten Seligmanns vor. Die Gemälde von Hieronymus Bosch bildeten ebenfalls eine der zahlreichen Inspirationsquellen. | Silke Krohn

Ansicht der schwer bedrohten Stadt Pinz

Ansicht der schwer bedrohten Stadt Pinz

Im März 1916 wurde Klee zum Militärdienst einberufen und kam als Rekrut zur Ausbildung nach Landshut. Von dort aus bat er seine Frau, sie solle dem Kunsthändler Hans Goltz in München „nicht solche schwarz-weißen Sachen schicken, wie sie etwa schon im „Sturm“ reproduziert worden sind, sondern mehr bildartige, wie die Eroberung von Pinz“. Das düster-turbulente Blatt reflektiert die mediale Berichterstattung über den Krieg. Angeregt durch militärische Karten und Propagandaplakate, versuchte Klee die Dynamik der Kriegshandlungen in seine zeichnerische Bildsprache zu übersetzen. Aus dem dunklen Himmel über schneebedeckten Bergen zielen große Pfeile auf Häuser und Fabrikanlagen der Stadt. Von dort aufsteigende kleinere Pfeile signalisieren heftige Gegenwehr. Im Schlachtengetümmel verwirren sich die Perspektiven: Gebäude und Berge sind in der Ansicht gezeigt, Straßen und Schienenwege in der Aufsicht. Die piktogrammartige Darstellung von Bäumen, Häusern, Truppenkonzentrationen und Schlachtlinien scheint Klees Bemühen um bildnerische Abstraktion entgegengekommen zu sein. Die Erinnerungen an Gesehenes oder Gelesenes sind sehr konkret zu entschlüsseln als Anspielungen auf den neuartigen Einsatz von Zeppelinen für Luftangriffe sowie auf das stetige Vorrücken deutscher Truppen an der Ostfront in Richtung der Stadt Pinsk in der Ukraine. Der links im Bild auftauchende Name Weylau hingegen dürfte an eine Schlacht erinnern, die während der Napoleonischen Kriege an der Grenze zwischen Polen und Russland in Eylau stattgefunden hat. | Dieter Scholz

Neues Spiel beginnt

Neues Spiel beginnt

Als erste Nummer seines Werkverzeichnisses für das Jahr 1930 nahm Klee ein Bild mit dem programmatischen Titel „neues Spiel beginnt“ auf. Ein Strichmännchen steht mit einer Kugel in der Hand am rechten Bildrand, ein weißer Pfeil darüber zeigt auf ein rotes Rechteck, in welches eine dunkle Wolke vordringt. Auf das rote Feld ist schräg ein dunkles Viereck geklebt, in dem eine Rasterstruktur sichtbar wird. Die Konfiguration lässt an das Umfallen eines Kegels denken, doch zeigt sich die vorgebliche Bowlingkugel von den Grundfarben Rot, Gelb und Blau durchkreuzt und weist so den Spieler als Künstler aus, der mit dem Farbkreis hantiert. Es dürfte sich um ein verstecktes Selbstbildnis handeln. Klee, der am 18. Dezember 1929 seinen 50. Geburtstag gefeiert hatte, war mit den Verhältnissen am Bauhaus nicht mehr einverstanden und stand mit der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf in Verhandlungen über einen Wechsel. Unter diesem Aspekt könnte die rote Farbe politisch gedeutet werden als Symbol der Amtszeit von Hannes Meyer, der 1928 Walter Gropius als Direktor des Bauhauses abgelöst hatte. Meyer beschnitt die Autonomie der freien Kunst und bestand auf ihrer sozialen Verpflichtung. Unter den Studierenden bildete sich eine kommunistische Studentenfraktion. Auf der anderen Seite wurde die NSDAP im Dezember 1929 in Thüringen erstmals an der Landesregierung beteiligt. Derartige politische Farbenspiele und Kräfteverhältnisse finden sich in Klees Werk wieder, wenn die geometrisch-konstruktiven Partien zwei Drittel des Bildes einnehmen und der universal orientierte, gegenständlich dargestellte Künstler an den Rand gedrängt erscheint. | Dieter Scholz