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Ohne Titel

Ident. Nr.: SSG 253

ObjID: obj:1065538

n/a

Details (Expert)

Beteiligte
Wolfgang Paalen (1905 - 1959),
Künstler*in
Datierung
1937
Weitere Titel
Sammlungstitel: Ohne Titel
Übersetzung: Untitled
Originaltitel: Sans titre
Geografische Bezüge
Abmessungen
Höhe x Breite: 60,7 x 52,7 cm

Objektbeschreibung

Wolfgang Paalen schloss sich 1936 den Pariser Surrealisten an. In dieser Zeit kam er erstmals mit der primitiven Kunst Amerikas und Ozeaniens in Berührung. Einen nachhaltigen Eindruck auf sein Werk hinterließ auch eine Spanienreise zu den prähistorischen Höhlenmalereien von Altamira. Diese Eindrücke fesselten ihn zeitlebens und flossen auf vielfältige Art in seinen Schaffensprozess ein. Das unbetitelte Werk ist aus Kerzenrauch (Fumage) entstanden. Ungelenk und elementar wirken die rauchigen Spuren des Feuers, aus denen sich schattenhafte Existenzen generieren. Zumeist bewegte Paalen die Leinwand mit geschickten Bewegungen über der Kerze, die je nach Geschwindigkeit mal intensive, dunkle, mal zarte Rußspuren hinterliessen. Eingefasst ist die Figurengruppe von einem groben Rahmen. In Holzstücke sind zahlreiche Nägel wild hineingehämmert, die den Rahmen wie ein archaisches Ornament zieren. Krumm und schief in das Holz geschlagen, sind die Nägel zudem untereinander mit Drähten verbunden, die sich teilweise wie Spinnweben über die Bildfläche ziehen. Rahmen und Bild, beide zeugen von elementarer und unbändiger Kraft. | Melanie Franke

Letzte Aktualisierung: 20.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Sammlung Scharf-Gerstenberg

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Weib u. Tier

Weib u. Tier

Eine weibliche Aktfigur, die wie eine Skulptur aus einem Steinblock herauswächst, lockt ein gazellenartiges Tier mit einer Blume. Das Tier erhebt sich auf den Hinterläufen und macht so ‘Männchen’. Laut Klee symbolisiert es „das Tier im Menschen (im Manne)“. Während in der ersten, im Juli 1903 entstandenen Fassung der Radierung ein geifernder Köter das Geschlecht einer hilflos gestikulierenden Frau beschnüffelt, ist das Verhältnis in der zweiten Fassung, die vom November 1904 datiert, ausgeglichener. Das Tier ist schlanker und mit einem Bockshorn ausgestattet, die Frau steht zwar abgewandt, doch wendet sie Kopf und Arm dem Tier zu. „In Beziehung auf die Psychologie der Handlung steht die Arbeit jetzt insofern höher“, erläuterte Klee seiner Verlobten Lily, „als das Weib sich nicht mehr passiv verhält, das heißt erschrickt, sondern seinen Trieb, zu coquettieren, auch im Moment der brutalen Entscheidung nicht lassen kann.“ Für den satirischen Kommentar auf das Verhältnis der Geschlechter zueinander verwendete Klee verschiedene Motive aus der Kunstgeschichte. Die Frauenfigur geht auf eine antike Statue des Praxiteles zurück, wobei Klee das Venus-pudica- Motiv des Verhüllens der Scham zu einem „Venus- Koketterie-Motiv“ (Gregor Wedekind) des Enthüllens macht. Die sexuell aufgeladene Beziehung zwischen Frau und Tier ist der Grafik des 19. Jahrhunderts entlehnt und begegnet dort unter anderem bei Max Klinger und Félicien Rops. Der zeichnerische Stil, den Klee 1919 rückblickend als „gotisch-klassisch“ bezeichnete, verweist auf die Grafik des 15. Jahrhunderts, vermittelt durch den Einfluss Ferdinand Hodlers, was insbesondere die monumentale Isolierung der Figuren vor dem schwarzen Aquatinta-Hintergrund betrifft. Klee nutzt die groteske bis hässliche Abweichung von der klassischen Form, um die Fragwürdigkeit gesellschaftlicher Ideal- und Rollenbilder wie etwa der reinen und keuschen Frau oder des Edelmannes zu demonstrieren. Die zweite Fassung der Darstellung nahm Klee als Nummer 1 in seinen elf Radierungen umfassenden Zyklus „Inventionen“ auf, mit dem er sich als Grafiker etablieren wollte. | Dieter Scholz

Modemadonna

Modemadonna

Abgegriffen und zerknittert, erscheint die „Mode-Madonna“ auf den ersten Blick wie ein oft betrachtetes und berührtes Ikonenbildchen. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sie sich jedoch als eine der „Merz“zeichnungen Kurt Schwitters. Eine schwarz-weiße gedruckte Mariendarstellung hat der Künstler auf ein farbiges Etikett geklebt. Nachträglich hinzufügte Rillen bilden – einem Heiligenschein gleich – einen Halbkreis um den Kopf der Muttergottes. Unter ihr lassen sich die Worte „Manoli“ und „Diva“ entziffern, die sich unten im Rahmen wiederholen. Kurt Schwitters war selbst in der Werbung tätig und schätzte die wechselseitige Einflussnahme von Kunst und Reklame. Daher verwendete er kaum zufällig ein Zigarettenetikett der Marke „Diva“ der Berliner Firma Manoli, welche in ihrer Reklame das Bild der mondänen Frau prägte. Schwitters spielt hier auf das Rollenverständnis der Frau der 1920er Jahre zwischen Modernität und Mütterlichkeit an. Die Frauen konnten nun der Passivität entfliehen, seit 1919 durften sie wählen und sich an der Universität habilitieren. Erstmals rauchten Frauen. Besonders in Berlin zeigte sich die neue Freiheit auch in der Mode: Bubikopf, Hosen und vor allem die Zigarettenspitze waren Kennzeichen der weiblichen Emanzipation, die gerade erst begonnen hatte. Die Geburtenrate hingegen war stark rückläufig, daher wählte Schwitters für seine Ikone eine Maria ohne Jesuskind. Das Blatt stammt aus dem Besitz von Hannah Höch, der einzigen Frau unter den Berliner Dadaisten, mit der Kurt Schwitters eng befreundet war und deren poetisch-skurrile Collagen seiner eigenen Arbeit sehr nahestehen. | Silke Krohn

Disparate Puntual

Disparate Puntual

Die zwischen 1815 und 1824 entstandenen Radierungen der „Disparates“ ( Torheiten) bilden den letzten Zyklus Francisco de Goyas. 1819 hatte Goya sich aufgrund der anhaltenden politischen Unruhen zwischen Monarchisten und Liberalen in sein Landhaus zurückgezogen und seine berühmten „Pinturas negras“ (Schwarze Bilder) auf die Wände seines Hauses gemalt. In ihnen zeigt er seine düstere Fantasie, die bedrückenden Zeitumstände und die verdorbenen Menschen ohne Moral. Zeitgleich dazu entstanden die Darstellungen der menschlichen Torheiten, in denen sich diese pessimistische Weltansicht und Hoffnungslosigkeit widerspiegeln. Zu seinen Lebzeiten wurden lediglich Probedrucke dieser Blätter angefertigt, erst 1864 wurden die Radierungen unter dem Titel „Los proverbios“ (Die Redensarten) erstmals veröffentlicht. Da die Darstellungen weit über Kommentar oder Sprichwort hinausgehen, ist die Folge heute unter dem Titel „Disparates“ bekannt, einem Titel, den Goya auch auf einigen seiner Probedrucke selbst vermerkt hatte. Sie gehören zu den rätselhaftesten, am schwierigsten zu deutenden Werken des Künstlers. Goya scheint mit dieser Folge der surrealistischen Kunst des 20. Jahrhunderts näher zu sein als seiner eigenen Epoche. In dem Blatt „Präzise Torheit“ bildet der Zirkus den Schauplatz einer eigenartigen Szene: Die hell hervorgehobene Artistin balanciert auf dem Rücken eines Pferdes, das seinerseits auf einem Seil steht. Dabei bleibt unklar, ob die Hufen des Pferdes bereits den Boden berühren. Das Publlikum im Dunkeln verfolgt die Darbietung mit geschlossenen Augen, möglicherweise schläft es sogar. Handelt es sich um eine Satire über die Leichtgläubigkeit des Volkes? Oder illustriert der Balanceakt das Gleichgewicht zwischen Leidenschaften und weiblicher Tugend? | Melanie Wilken

Pessimisme martial

Pessimisme martial

Nach dem Studium an der Akademie der Schönen Künste in Bukarest schloss sich Victor Brauner 1930 in Paris der surrealistischen Bewegung um André Breton an. Er war beeinflusst von seinen Künstlerfreunden, dem Maler Yves Tanguy und dem Bildhauer Constantin Brâncusi, aber auch von Marcel Duchamp und Salvador Dalí. In seinem Œuvre verband er die Vorstellungswelt seiner rumänischen Heimat mit Formen der westlichen Avantgarde zu einer eigenen Bildsprache. Auch Brauner erforschte die automatische Malerei, indem er durch Geschwindigkeit oder hypnotische Zustände das Unbewusste zu aktivieren versuchte und so zu den unbekannten Seiten des menschlichen Wesens vordringen wollte. Seine Bilder sind bevölkert von bizarren Mischwesen, Tieren, Pflanzen, abstrakten Zeichen und Maschinen, in denen die menschliche Figur dennoch stets Protagonist bleibt. Die Linien der einzelnen Motive in „Pessimisme martial“ scheinen dem Künstler gemäß der automatischen Zeichentechnik der Surrealisten in einem Zug aus der Hand geflossen zu sein. Auch die Überproportionierung einzelner Körperteile gehört zu den Charakteristika der surrealistischen Bildsprache; so bildet auf diesem Blatt Brauners ein übergroßer menschlicher Kopf auf einer Art Geäst das Hauptmotiv des Bildes. Ein Mischwesen aus Vogel und Drache greift diesen Kopf Feuer speiend an. Im Hintergrund, dessen räumliche Dimension lediglich durch eine Horizontlinie angedeutet ist, wendet sich eine menschliche Figur mit überlangem Arm von der Szene ab. Schmerz, physische Verstümmelung und Krieg sind Aspekte, die Brauner in seinen Zeichnungen und Gemälden assoziativ verarbeitet und die den Betrachter konfrontieren. | Melanie Wilken

Tête archimboldesque

Tête archimboldesque

Dicht am unteren Bildrand ist ein weiblicher Akt drapiert. Die Figur nimmt mehr als die Hälfte des Blattes mit ihrem in sich verdrehten und verzerrten Körper ein. Ihr Gesicht ist aus mehreren Frauenkörpern und deren einzelnen Körperteilen zusammengesetzt, Figuren in Strümpfen und Schuhen liegen, bücken und umarmen sich scheinbar schwebend über der Figur. Bellmer greift hier zum einen, worauf der Titel bereits verweist, auf die Kompositionen Giuseppe Arcimboldos, des Hofmalers Rudolfs II., zurück. Dieser setzte die Gesichter der von ihm Porträtierten aus verschiedenen Objekten wie Früchten, Büchern oder menschlichen Körpern zusammen. Zum anderen lehnt sich Bellmer an erotische Postkarten des 19. Jahrhunderts an, die im „Minotaure“ (Nr. 3–4) veröffentlicht wurden und auf denen Gesichter zu sehen sind, die sich aus Mädchenkörpern zusammensetzen. Bellmer beschäftigte sich immer wieder mit der Zerlegung und Neuzusammensetzung des weiblichen Körpers und griff dabei das Prinzip der surrealistischen Kombinatorik auf. Nicht möglichst Disparates wird miteinander konfrontiert, sondern neu zusammengefügt wird, was auch sonst zusammengehört, nur eben anders. Dieses Prinzip entspricht dem des sprachlichen Anagramms: ein Wort oder Satz, aus dem durch Umstellung der Buchstaben neue Wörter und Sätze entstehen. Bellmer selbst sah im Körper dieses syntaktische Potenzial, denn er sagte: „Der Körper, er gleicht einem Satz, der uns einzuladen scheint, ihn bis in seine Buchstaben zu zergliedern, damit sich in einer endlosen Reihe von Anagrammen aufs neue fügt, was er in Wahrheit enthält.“ | Melanie Franke/Nadine Ott

Ohne Titel

Ohne Titel

Mittels der Frottage, eines Durchreibeverfahrens, das Max Ernst als künstlerische Methode entdeckte, visualisiert Bellmer durch Vereinigung von Linden-, Löwenzahn- und Petersilienblatt eine Landschaft. Feine Plisseestrukturen verbinden sich mit vegetabilen Formen, oberhalb der ‘Bäume’ sind zarte Netze eingewoben. Umschlungen und durchdrungen von geometrisch-organischem Gefüge, erscheint in der rechten unteren Ecke des Blattes der Oberkörper einer Frau. Kopf, Hand und Brüste schälen sich aus der Struktur heraus. Ihr zugeordnet sind zwei fest umrissene Ellipsen, welche im Zusammenspiel mit einem nach rechts führenden Linienpaar – Bellmer gewann diese Form durch die Frottage einer Schere – das männliche Geschlechtsorgan suggerieren. Das weibliche Geschlecht spielt mit dem männlichen zusammen, was sich zusätzlich in der Verschmelzung von geometrischen und organischen Strukturen in den Blättern widerspiegelt. Mit der Durchdringung beider Prinzipien schafft Bellmer eine Mehrgeschlechtlichkeit, einen Hermaphroditismus, der im Pflanzenreich keine Seltenheit ist. Wenn sich die weibliche Figur durch ihren männlichen Part – und andersherum – die Lust doch selbst verschafft, dann kommt das einem Autoerotismus gleich. Was auf diesem Blatt versteckt angedeutet wird, verstärkte Bellmer in seinen Illustrationen zu Georges Batailles „Pour Madame Edwarda“ (1954, SSG 38–39) und ließ es in mehrere Blättern mit Mädchen-Phalli Mitte der 1960er Jahre münden (SSG 43). | Melanie Franke/Nadine Ott