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Kreuztragung Christi

Ident. Nr.: 8637

ObjID: obj:1623106

Dauerleihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung

Details (Expert)

Beteiligte
Umkreis: Meister des Rimini-Retabels,
Bildhauer*in
Datierung
um 1440
Datierung engl.: ca. 1440
Abweichende Datierung: um 1440
Systematik/Art
Weitere Titel
Sammlungstitel: Kreuztragung Christi
Übersetzung: Christ Carrying the Cross
Kreuztragung Christi
Provenienz
Harry Fuld Senior,
bis 26. Januar 1932
Nachlass/Vermächtnis: Harry Fuld,
26. Januar 1932 bis 1937
Verwahrung: Spedition Gustav Knauer,
1937 bis 27.-29. Januar 1943
Auktion: Hans W. Lange,
27.-29. Januar 1943 (Auktion)
Kauf: Skulpturensammlung - Staatliche Museen zu Berlin,
27.-29. Januar 1943 bis 2009
Restitution: Magen David Adom UK (MDAUK),
2009–2009
Kauf: Ernst von Siemens Kunststiftung,
seit 2009
Material / Technik
Alabaster
Abmessungen
Höhe x Breite x Tiefe: 17,2 x 26,9 x 2,7 cm
Gewicht: 1,5 kg

Objektbeschreibung

Seit 1943 besitzt die Skulpturensammlung ein Alabasterrelief der Kreuztragung, das zu den wichtigsten Passionsdarstellungen des Spätmittelalters zählt. Neuere Recherchen haben gezeigt, dass dieses Werk verfolgungsbedingt in den Besitz der Staatlichen Museen zu Berlin gekommen ist. Dementsprechend hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz das Relief den rechtmäßigen Eigentümern restituiert. Dank des großzügigen finanziellen Engagements der Ernst von Siemens Kunststiftung bleibt die Kreuztragung jedoch dem Bode-Museum erhalten. Warum sich dieser Einsatz gelohnt hat, soll im Folgenden gezeigt werden.

Das Relief, das nur 17,0 x 26,8 cm misst, war sicherlich für die private Andacht als Hilfsmittel bei Gebeten und Meditationen konzipiert. Im schmalen Bildfeld wird der Weg nach Golgatha dargestellt. Gebeugt unter der schweren Last des Kreuzes, bewegt sich Christus auf einem felsigen Boden nach rechts. Hinter ihm stehen Johannes, Maria und eine weitere Heilige. Simon von Kyrene wird von einem Soldaten an der Kapuze gegriffen und zur Hilfeleistung gezwungen, Christus von Soldaten und Schergen verspottet und gequält. Mehrere der Schergen sind ausdrücklich als Juden stereotypisiert, die höhnisch (Kind mit Judenhut in der rechten oberen Ecke, das eine Grimasse zieht) oder obszön (Mann mit Glatze, Hakennase und nacktem Hintern) agieren. Die spätmittelalterliche Gesellschaft war oft judenfeindlich, und dieses Gefühl kam in Erzählungen und Darstellungen der Passion zum Ausdruck. Der weitere Verlauf des Leidens Christi wird auf dem Berliner Relief in der Figur des Soldaten ganz rechts anschaulich gemacht, der in seiner rechten Hand den Hammer hält, mit dem Jesus anschließend an das Kreuz genagelt werden soll.

Spätmittelalterliche Andachtsliteratur wie die Meditationes Vitae Christi (ca. 1350) des Pseudo-Bonaventura forderten eine immer persönlichere Beziehung der Gläubigen zu Christus und Maria, und die Kreuztragung wurde als eine Mahnung verstanden, das eigene Leben in Einklang mit dem Opfer Christi zu führen. Die Inschrift auf dem Rahmen des Berliner Reliefs ist auch in diesem Zusammenhang zu verstehen: „o.mensch.sich.dise.figur.an.und.wasz got.durch.dich.hat.gedan.desz.solt im.dancken.sicherleich.so.geit er dir.sein.himmelreich“ („O Mensch, betrachte dieses Bild und sieh, was Gott für dich getan hat. Dafür sollst du ihm sicherlich dankbar sein, damit er dir sein Himmelreich schenkt“). Nur wenige Kunstwerke verbinden solche mahnenden Texte mit Bildern. Auch ist das Relief ein rührendes Zeugnis für den persönlichem Umgang mit Andachtsbildern im Mittelalter: Maria wurde in der Volksfrömmigkeit besonders dafür bewundert, dass sie das Leiden ihres Sohnes akzeptierte. Ihre Figur auf dem Berliner Relief, die kaum noch von Johannes aufrecht gehalten wird, ist von den vielen Küssen und streichelnden Berührungen der Gläubigen größtenteils abgerieben worden.

Das Berliner Relief dokumentiert eine wichtige Etappe in der Entwicklung der Kreuztragungsdarstellung. Die horizontale Komposition basiert offensichtlich auf der berühmten Kreuztragung aus Lorch am Rhein, ein Hauptwerk der Berliner Skulpturensammlung, um 1425 geschaffen, in der sich Christus zum Betrachter dreht, als würde er ihn direkt ansprechen. In beiden Fällen entfaltet sich die Handlung auf einer untiefen Bühne von links nach rechts, Christus steht im Vordergrund, und links wird Maria von einer anderen Figur unterstützt. Obwohl beide Kompositionen mittels Gehäuse oder Schriftband streng umrahmt sind, entsteht der Eindruck, als würden wir einen Moment aus einem größeren Zusammenhang wahrnehmen. Die bekannteste Formulierung einer Kreuztragung, in der Christus sich dem Betrachter zuwendet, ist freilich der große Stich von Martin Schongauer von ca. 1475, in dem einige Details unserem Relief nahe stehen.

Stilistisch gehört das Alabasterrelief in den Umkreis des Rimini-Meisters, eines Künstlers, der nach der großen Kreuzigungsgruppe aus Sta. Maria delle Grazie in Rimini (heute im Frankfurter Liebieghaus) benannt wurde. Ob er um 1430-1440 in den Niederlanden oder am Mittelrhein tätig war, ist umstritten. Der Dialekt der Inschrift auf dem Berliner Relief scheint allerdings eine Lokalisierung im Mittelrheingebiet zu unterstützen. Die Komposition wird in zwei Varianten wiederholt, mit nahezu gleichlautender Inschrift und identischen Dimensionen, die wohl aus derselben Werkstatt stammen. Eine befindet sich in der Heiliggeistkirche in Passau, die andere in The Cloisters in New York.

Die Bedeutung des Reliefs ist seit langem von Kunsthistorikern erkannt worden. Georg Swarzenski nahm in seiner Bahn brechenden Untersuchung zur deutschen Alabasterplastik von 1921 darauf Bezug. Theodor Demmler, damaliger Direktor der Skulpturensammlung, schrieb 1942 an dem damaligen Generaldirektor „Die unter Mitwirkung Swarzenskis zustande gekommene Sammlung [Fuld] enthält deutsche Alabasterplastiken von ausgezeichneter Qualität und einer kunstgeschichtlichen Bedeutung, die noch nicht voll erschlossen ist. Ein besonders schönes Relief ist für unsere Sammlung wegen der Zusammenhänge mit der Lorcher Kreuztragungsgruppe wissenschaftlich und künstlerisch gleich begehrenswert.“ 1954 schrieb Kurt Martin, Direktor der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe: „Es besteht kein Zweifel, dass es sich um ein Stück von besonderer Qualität und außerordentlicher Seltenheit, wenn nicht sogar um etwas in seiner Art Einmaliges handelt.“ Das Relief war 2000 ein wichtiges Exponat in der von Frank-Matthias Kammel kuratierten Nürnberger Ausstellung Spiegel der Seligkeit.

Das Kunstwerk lässt sich bis in die Sammlung Richard von Kaufmann, Berlin, verfolgen, auf deren Auktion es 1917 von Harry Fuld Sr. erworben wurde. Harry Fuld war ein jüdischer Frankfurter Unternehmer, der sich auf die Herstellung und Vermietung von Telefonen spezialisierte. Als Sohn eines Kunsthändlers sammelte er sowohl mittelalterliche als auch zeitgenössische Kunst. Das Hauptwerk in seinem Besitz war zweifellos die Hieronymus-Statuette aus Alabaster von Tilman Riemenschneider, die sich heute im Cleveland Museum of Art befindet. Nach dem Tod von Harry Fuld Sr. 1932 kam die Kreuztragung in den Besitz seines Sohnes, Harry Fuld Jr., der 1936 nach London auswanderte. Das Umzugsgut von Harry Fuld Jr., zu dem auch die Kreuztragung gehörte, wurde 1942 bei der Spedition Gustav Knauer in Berlin auf Veranlassung der Oberfinanzdirektion beschlagnahmt. Das Relief mit der Kreuztragung wurde im Januar 1943 auf einer Auktion bei Hans W. Lange, Berlin, für die Skulpturensammlung erworben. Harry Fuld Jr., der 1963 starb, hatte seinen Besitz Gisela Martin vererbt, die selbst 1992 starb. Ihr Besitz wurde von der Magen David Adom UK geerbt, die englische Förderorganisation der israelischen Hilfsgesellschaft Roter Davidstern. Die Provenienz des Werkes und seine Erwerbungsgeschichte ist erst vor wenigen Monaten in Kooperation mit den anwaltlichen Vertretern der Erben und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz geklärt worden. Es ist besonders erfreulich, dass eine faire Lösung gefunden werden konnte und die Kreuztragung nach wie vor im Bode-Museum bleibt.

JC

Letzte Aktualisierung: 04.09.2026

Kontakt

Einrichtung:

Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Fragment einer Kindertunika

Fragment einer Kindertunika

Vom ursprünglich symmetrisch angeordneten Dekor dieses Tunikafragments aus roter Wolle sind der größte Teil des in zwei Zonen unterteilten waagerechten Brust- oder Nackenstreifens und der rechte clavus bis auf das untere Ende bewahrt. Auch dieses Fragment weist wie Inv. 9245b in Brusthöhe bzw. an entsprechender Stelle auf dem Rückenteil einen horizontalen, nachträglich zusammengefügten Schlitz auf, der den Übergang (vom Grundgewebe zur Wirkerei markiert.In der oberen horizontalen Bildzone des Brust- oder Nackenstreifens sind auf braunem Grund noch vier Bögen einer Arkade zu erkennen, welche aus Blattstäben gebildet sind. Unter jedem Bogen bewegt sich je ein Tänzer nach links, während sein im Halbprofil wiedergegebener Kopf nach rechts blickt. Ein Arm ist erhoben, der andere hängt angewinkelt am Körper herab und scheint in der leicht abknickenden Hand eine Klapper zu halten. Jeder Tänzer trägt um den Hals einen kleinen Umhang, welcher hinter der rechten Schulter herabfällt. In der unteren Bildzone „schweben“ drei Tänzer mit überkreuzten Beinen und erhobenen Armen zwischen Säulen nach rechts. Säulenschäfte und -kapitelle sind mit einem S-förmigen Wellenband verziert. Anstelle der Basen sind den Säulen herzförmige Blätter angehängt, welche einen stilisierten Kopf umschließen. Architektur und Figuren sind in heller Wolle mit gliedernden Binnenzeichnungen in roter Farbe ausgeführt.Das Motiv des sich zwischen Säulen bewegenden Tänzers, in der ägyptischen Textilkunst der Spätantike äußerst beliebt und über Jahrhunderte tradiert, ist dem dionysischen Themenkreis entlehnt. Auf den beiden Tunikafragmenten Inv.9245b und Inv.15/86 erscheint es in stark vereinfachter und materialbedingt recht grober Form, die typisch für Wollgewebe ist.Der clavus auf dem Fragment Inv.15/86 verlief nicht wie bei Inv.9245b von der Schulter bis zur Unterkante, sondern endete etwa in der Mitte der Tunika in einem Bogen, an den ursprünglich ein Zierelement (sigillum) angehängt war. Im clavus sind auf gelblichem Grund sogenannte nilotische Motive zu erkennen. Sie symbolisieren Fruchtbarkeit und Unsterblichkeit und sind, wenn sie im alltäglichen Leben, wie hier auf Kleidungsstücken dargestellt werden, als „Glücksbringer“ zu verstehen. Zwischen bunten Lotusblumen mit einer großen Blüte und kleinen Knospen, ist ein Vogel, ein schwimmender Eros oder ein Hase wiedergegeben. Kleine Fische und pflanzliche Motive füllen die Zwischenräume. Die Bildzone ist beidseitig vom „laufenden Hund“ (siehe Inv.9104) in dunkler Ausführung auf hellem Grund umrandet. Der clavus-Streifen bricht oben rechtwinklig um und fasst den horizontalen Zierstreifen im Brust- bzw. Nackenbereich ein. Das rahmende Motiv des „laufenden Hundes“ ist hier nachlässiger ausgeführt. Von der einstigen Bildzone sind nur noch Reste des gelblichen Hintergrundes erhalten. Zahlreiche Vergleichsstücke mit ähnlichem Dekorationsprinzip aus zwei oder drei horizontalen Bildzonen legen nahe, dass sich das Muster des clavus im Bereich der Halsöffnung fortsetzte.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 22-23, Nr. 6(Cäcilia Fluck 2017)

Ärmel einer Kindertunika

Ärmel einer Kindertunika

Bei dem Fragment handelt es sich um das untere Ende eines Ärmels. Weil die ehemalige Verbindungsnaht an der Unterseite gelöst ist, sieht man heute den Ärmel in seiner gesamten Breite. Nahtspuren sind noch deutlich an den beiden Längskanten zu erkennen. Das Gewebe der ursprünglich innen liegenden Nahtzugaben ist zudem heller als das übrige Gewebe. Zum Handgelenk hin wurde der Ärmel etwas enger. Durch die aufgenähte Borte über dem Saum wurde das Gewebe an der Kante leicht gekräuselt, so dass sich dort kleine Falten bildeten. Die schmale Saumborte wurde in der Technik der Brettchenweberei hergestellt. Für diese Technik wird kein Webstuhl benötigt, sondern kleine gelochte Brettchen, durch welche die Kettfäden gezogen werden. Durch das Drehen der Brettchen entsteht jeweils ein neues Fach, in das der Schuss eingelegt wird. Er liegt unsichtbar zwischen den sich laufend verdrehenden Kettfäden. Muster werden bei dieser Technik folglich durch verschiedenfarbige Kettfäden erzeugt. Auf der Ärmelborte setzt es sich aus Rauten, herzförmigen Motiven und stilisierten Blüten zwischen jeweils zwei kleinen gegenständigen Dreiecken an den Längsseiten zusammen. Der bunte Zierstreifen wenige Zentimeter oberhalb dieser Borte ist sehr sorgfältig direkt in das Grundgewebe eingewirkt worden. Auf dunkelblauem Grund sind in der Mitte jeweils getrennt durch zwei kleine gelbe Rechtecke rot-gelbe Blüten zwischen kräftig grünen Kelchblättern im Wechsel mit Kreuzrosetten in den Farben grün, rot und weiß zu sehen. Die Enden der mittleren Bildzone kennzeichnen je zwei längliche Stäbchen in gelb-rot und rot-grün mit heller Umrandung. Weiße Linien begrenzen die Mittelbahn seitlich. Die rotgrundigen Randzonen sind durch je eine ebenfalls helle Linie gegliedert. Außen verläuft beidseitig ein „laufender Hund“, der nicht bis an die Bortenenden geführt wird, sondern mit dem jeweils letzten Motiv in der Mittelbahn abschließt.Bemerkenswert ist noch, dass der Händler, bei dem dieses Stück im Winter 1900/1901 erworben wurde, eine Herkunftsangabe auf dem Gewebe hinterlassen hat. In schwarzer Tinte ist am Rand unten links „Achm(im)“ zu lesen. Achmim war in der Antike und ist bis heute ein bedeutendes Zentrum der Textilproduktion und einer der ergiebigsten Fundplätze antiker Textilien. Grundsätzlich ist bei solchen Angaben Vorsicht geboten, denn oft wurde ein Fundort „erfunden“, um den Verkaufswert der Objekte zu steigern.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 24-25, Nr. 7(Cäcilia Fluck 2017)

Tunikafragment (Vorder- oder Rückenteil) mit Zierstreifen

Tunikafragment (Vorder- oder Rückenteil) mit Zierstreifen

Das Fragment (sowie Inv. 18/68) gehörte ursprünglich zu einer Tunika aus roter Wolle. Es zierte einst das Vorder- oder Rückenteil. Erhalten geblieben ist das Ende einer der beiden clavi mit dem angehängten sigillum. Um die dargestellten Motive besser erkennen zu können, ist der clavus hier entgegen des eigentlich korrekten vertikalen Verlaufs quer abgebildet. In der Mitte des sigillum ist auf apricotfarbenem Grund eine Figurengruppe aus einer vermutlich sitzenden Gestalt und einem nackten Kind wiedergegeben. Die sitzende Gestalt trägt ein dunkelrotes Gewand, einen auffälligen Brustschmuck und hat langes schwarzes Haar. Das Kind mit einer ungewöhnlichen Frisur aus senkrecht abstehenden Strähnen liegt quer auf ihrem Schoß. Was der Wirker mit dieser ikonographisch äußerst ungewöhnlichen Darstellung auszudrücken beabsichtigte, lässt sich nicht genau sagen. Die Figuren sind verzerrt, die Körperformen aufgelöst, die Gliedmaßen der sitzenden Gestalt sind unsinnig miteinander verschmolzen. Es könnte die Züchtigung eines Kindes gemeint sein, z. B. Aphrodite, die ihren Sohn Eros bestraft. Eventuell sind hier aber auch verschiedene Motive unsinnig miteinander kombiniert worden. Auf einer Wirkerei in der Abegg-Stiftung in Riggisberg (Schweiz) ist zum Beispiel eine auf einem personifizierten Seeungeheuer reitende Nereide zu sehen, die stilistisch und kompositorisch den Figuren auf den Berliner Fragmenten nahe stehen. Eventuell ist ein solches Figurenpaar hier mit einem schwebenden Eros „vermengt“ worden.Das gleiche Figurenpaar kehrt im clavus zweimal spiegelbildlich zueinander angeordnet wieder. Dazwischen und am rechten Rand des Fragments ist eine weitere Figur in purpurfarbenem Gewand streng frontal abgebildet. Sigillum, Verbindungssteg und die Längsseiten des clavus sind von einer relativ breiten Randzone mit bunten, miteinander verzahnten Zickzackmotiven umgeben, welche am gebogenen Abschluss des clavus in ein Muster aus Halbkreisen und stilisierten S-förmigen Blatt- und Blütenranken übergehen.2019 wurde das Tunikafragment von der New Yorker Künstlerin Gail Rothschild porträtiert. Das Gemälde war unter dem Titel "Head and Shoulders" vom 1. Juli 2022 bis zum 5. Februar 2023 in der Ausstellung "Think Big! Gail Rothschild porträtiert spätantike Textilfunde aus Ägypten" zu sehen.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 44-45, Nr. 17b; C. Fluck / K. Mälck, Think Big! Gail Rothschild porträtiert spätantike Textilfunde aus Ägypten, Regensburg 2022, S. 75-77, Nr. 3a-b.(Cäcilia Fluck 2017, bearbeitet 2022)

Runder Einsatz von einer Tunika

Runder Einsatz von einer Tunika

Der kleine runde Einsatz stimmt in Größe, Technik und Motiv mit Inv. 4594 überein. Vermutlich stammen beide Einsätze von demselben Kleidungsstück oder Tuch. Die musterbildenden Schusseinträge sind über zwei- oder dreifache Kettfäden geführt worden. Das bedeutet, dass die Wirkerei direkt in ein Grundgewebe eingearbeitet wurde. Es handelt sich daher nicht um separat hergestellte Besätze, für die die Weber so gut wie immer gezwirnte Kettfäden verwendeten (siehe Inv. 9169 und 4611). Die Einsätze sind heute mit einem modernen Gewebe unterlegt. Auf blauem Grund ist im mittleren runden Bildfeld jeweils ein Vogel mit üppigen Schwanzfedern in Seitenansicht wiedergegeben. Auf Fragment Inv. 4600 blickt er nach links. Beide Vögel sind in heller Wolle ausgeführt, lediglich die Schnäbel und die kurzen Beine mit den Krallen bestehen aus roter Wolle. Die Flügel über dem Rücken sind dunkel gefasst, die Augen sind ebenfalls dunkel. Mit der Kopfhaltung und dem langgestreckten Schnabel erinnert der Vogel auf Fragment Inv.4600 an eine Ente.Die Bildfelder umläuft außen der „laufende Hund“ in heller Ausführung auf dunklem Grund. Er wechselt in den Längs- und Querachsen seine Laufrichtung.Die gegenständige Ausrichtung der Vögel zueinander legt nahe, dass die beiden Einsätze an gegenüberliegenden Seiten in ein Gewebe eingearbeitet waren, zum Beispiel im Schulter- oder Kniebereich einer Tunika, in den Ecken einer Kapuze oder eines Tuches. Die geringe Größe der Einsätze und die niedlichen Motive lassen vermuten, dass sie ein Textil schmückten, das für ein Kind gedacht war. Dekors in vergleichbarer Größe und mit ähnlichen Motiven sind jedenfalls auf Kinderkleidung aus dem spätantiken Ägypten nachzuweisen.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 26-27, Nr. 8b(Cäcilia Fluck 2017)

Runder Einsatz von einer Tunika

Runder Einsatz von einer Tunika

Der kleine runde Einsatz stimmt in Größe, Technik und Motiv mit Inv. 4600 überein. Vermutlich stammen beide Einsätze von demselben Kleidungsstück oder Tuch. Die musterbildenden Schusseinträge sind über zwei- oder dreifache Kettfäden geführt worden. Das bedeutet, dass die Wirkerei direkt in ein Grundgewebe eingearbeitet wurde. Es handelt sich daher nicht um separat hergestellte Besätze, für die die Weber so gut wie immer gezwirnte Kettfäden verwendeten (siehe Inv.9169, 4611). Der Einsatz ist heute mit einem modernen Gewebe unterlegt. Auf blauem Grund ist im mittleren runden Bildfeld ein Vogel mit üppigen Schwanzfedern in Seitenansicht wiedergegeben. Er blickt nach rechts. Der Vogel ist in heller Wolle ausgeführt, lediglich der Schnabel und die kurzen Beine mit den Krallen bestehen aus roter Wolle. Die Flügel über dem Rücken sind dunkel gefasst, die Augen sind ebenfalls dunkel.Das Bildfeld umläuft außen der „laufende Hund“ in heller Ausführung auf dunklem Grund. Er wechselt in den Längs- und Querachsen seine Laufrichtung.Die gegenständige Ausrichtung der Vögel zueinander (Inv.4594 und 4600) legt nahe, dass die beiden Einsätze an gegenüberliegenden Seiten in ein Gewebe eingearbeitet waren, zum Beispiel im Schulter- oder Kniebereich einer Tunika, in den Ecken einer Kapuze oder eines Tuches. Die geringe Größe der Einsätze und die niedlichen Motive lassen vermuten, dass sie ein Textil schmückten, das für ein Kind gedacht war. Dekors in vergleichbarer Größe und mit ähnlichen Motiven sind jedenfalls auf Kinderkleidung aus dem spätantiken Ägypten nachzuweisen.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 26-27, Nr. 8a(Cäcilia Fluck 2017)

Pfeilförmiger Einsatz

Pfeilförmiger Einsatz

Das Fragment zeigt einen pfeilblattförmigen Einsatz, dessen Größe und Motiv dem des Fragmentes MBK Inv. 4650 entspricht. Sie stammen dennoch nicht vom selben Textil, denn sie sind in unterschiedliche Grundgewebe eingewirkt worden. Das Gewebe von dem hier vorliegenden Fragment besteht aus ungefärbter Wolle. Die Spitze des Pfeilblatts weist nach rechts. Ein dunkles Wellenband auf hellem Grund, der sogenannte „laufende Hund“, formt die Konturen des Blattes. Er umschließt den Blattstiel mit einer dunklen, von Kelchblättern eingefassten Knospe an einem nicht erhaltenen Stängel sowie ein rotgrundiges Bildfeld in der Mitte, auf dem ein schwebender Eros als nackter Knabe mit nach hinten überkreuz ausgestreckten Beinen dargestellt ist. Der Körper des Eroten ist durch dunkle Linien umrissen, Binnenzeichnungen sind ebenfalls mit dunkler Wolle ausgeführt. Der Eros bewegt sich nach rechts. Er wendet seinen Oberkörper zurück. Um den Hals hat er ein ockerfarbenes Manteltuch geschlungen, dessen Zipfel unterhalb des rückwärts gebogenen Arms zum Vorschein kommt. Mit den Armen umfasst er ein überproportional großes, gefiedertes ockerfarbenes Blatt. Den Kopf des Eros umgibt ein Nimbus. Beidseitig über den Schultern sind kleine Flügel zu erkennen.Seit dem Hellenismus wird der Liebesgott Eros als nacktes Kleinkind mit Pfeil und Bogen und wie hier meist mit Flügeln wiedergegeben. Eroten, die vervielfältigten Gestalten des Eros, sind insbesondere in der römischen Kaiserzeit bis weit in die Spätantike hinein bei der Ausführung unterschiedlichster Aktivitäten dargestellt worden. In kindlich-verspielter Manier jagen, ernten, angeln und schwimmen sie; sie fahren Boot, tragen Gegenstände und Tiere, sind bei Gastmahlen zugegen oder veranstalten Wettkämpfe.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 36-37, Nr. 13b(Cäcilia Fluck 2017)

Gewebefragment mit rundem Einsatz

Gewebefragment mit rundem Einsatz

Der runde Einsatz ist mit Resten des umgebenden hellen Grundgewebes ausgeschnitten worden. Die ursprüngliche Funktion des Textils, zu dem er einst gehörte, lässt sich nicht mehr ermitteln. Die Motive sind in leuchtend bunten Farben eingewirkt: Um ein kleines rundes Medaillon mit Büste in der Mitte sind auf kräftig rotem Hintergrund vier Pflanzenstäbe symmetrisch angeordnet. Sie weisen jeweils mit der Spitze auf das Medaillon im Zentrum hin: In der Längsachse sind zwei Pflanzen mit großer Knospe und seitlich rechtwinklig vom Stiel abzweigenden großlappigen Blättern zu sehen. In der Querachse wachsen aus einem halbkreisförmigen, von fein gezeichneten Voluten umgebenen Sockel zwei längliche Kelchblätter, die eine herzförmige Knospe einfassen.Dazwischen sind in den Diagonalen sich aufeinander zu bewegende kindliche Eroten wiedergegeben, die beiden oberen im weiten Laufschritt, die beiden unteren mit vorgestreckten Beinen. Alle tragen um den Hals ein Tuch in unterschiedlichen Farben, dessen Zipfel hinter dem Rücken flattert. Darüber im Nacken setzen bei den beiden oberen Eroten kleine Flügelchen an. Die Knaben sind nicht vollständig nackt, sondern tragen um die Hüfte einen schmalen Lendenschurz. Sie halten eine rote bzw. grün-braune Ente vor sich. Dieses Motiv geht auf die Ikonographie der Jahreszeiten-Personifikationen in Gestalt von Eroten zurück. In dieser Wirkerei sind sie weder durch spezielle Kleidung noch Attribute näher gekennzeichnet und können daher keiner der vier Jahreszeiten zugeordnet werden. Sie dürften hier in erster Linie dekorativen Charakter haben.Die umlaufende Randzone setzt sich aus zwei Bahnen zusammen. Die äußere zeigt auf dunklem Grund bunte, aneinander gereihte Chevrons, während in der inneren auf gelbem Grund ein grün ausgeführter Bogenfries mit Punkten dazwischen verläuft.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 42-43, Nr. 16(Cäcilia Fluck 2017)

Runder Besatz mit Eroten und Tieren

Runder Besatz mit Eroten und Tieren

Der runde Besatz diente vermutlich zum Schmuck einer Tunika im Schulter- oder Kniebereich. Während beispielsweise der Dekor von Tunika Inv. 9104 direkt in das Grundgewebe eingewebt wurde, ist dieser Besatz mit weiteren zugehörigen Teilen im Set separat gewirkt und im Nachhinein aufgenäht worden. Dem ursprünglichen Kontext einmal entnommen, sind ehemalige Ein- und Besätze auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden. Für Einsätze werden immer die Kettfäden des Grundgewebes verwendet, die am Übergang zur Wirkerei oft zwei-, drei- oder vierfach gebündelt, aber niemals gezwirnt werden. Die Kettfäden von Besätzen dagegen bestehen in der Regel aus gezwirnten Kettfäden. Beim runden Besatz sind sie an der oberen, leicht beschädigten Kante sichtbar. Die gut erhaltenen, bunten Farben des Dekors vermitteln einen Eindruck von der Farbenvielfalt und Prächtigkeit spätantiker Kleidung.Im Zentrum bewegt sich auf rotem Grund ein nackter Eros nach rechts. Im vorgestreckten Arm hält er einen Fruchtkorb. Auf seinem Rücken flattert ein Mantelzipfel. In der breiten, umlaufenden grüngrundigen Bildzone sind in symmetrischer Anordnung links und rechts stilisierte Löwen, oben und unten Fruchtkörbe und in den Diagonalen schwebende, dickbäuchige Eroten mit oranger Haarkappe und kleinem sichelförmigen Flügel über dem Rücken zu sehen. Gegenüber Inv.9825 sind vor allem die figürlichen Bildmotive nicht mehr naturalistisch ausgeführt sondern deutlich abstrakter gestaltet. Die Formen sind aufgelöst, die Körperteile wirken wie aneinander gefügte „Bausteine“. Herzförmige Blätter, E-förmige und kleine rechteckige Motive füllen die Zwischenräume. Außen verläuft ein Band aus polychromen, sogenannten Chevrons (verzahnte V- oder W-förmige Ornamente).Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 40-41, Nr. 15(Cäcilia Fluck 2017)

Fragmente von zwei quadratischen Einsätzen

Fragmente von zwei quadratischen Einsätzen

Das Fragment einer ursprünglich quadratischen Wirkerei zeigt Reste eines Kreisgeflechts in dunkler Farbe auf hellem Grund. Im Kreis oben links ist ein kniender Eros in der üblichen Wiedergabe als kleiner nackter Knabe dargestellt. Die kleine Gestalt wendet sich nach rechts, wobei sie im ausgestreckten Arm einen Kranz vor sich hält. Um ihren Hals ist ein grünes Tuch geschlungen, dessen Zipfel hinter dem Rücken flattert. Die dunkel-purpurfarbenen Punkte im Hintergrund deuten Blattmotive an. Ein weiterer Kreis mit entsprechendem Motiv ist rechts oben zu ergänzen. Erhalten ist nur noch der ausgestreckte Arm des Eros, der eine ockerfarbene Frucht hält. Im beschädigten mittleren Kreis ist eine nach links blickende Wachtel mit rotem Schnabel, umgeben von grünen Blattzweigen zu sehen. Die Halbkreise an der linken und oberen Seite enthalten kelchförmige Schalen mit roten Früchten (Granatäpfel?). Kleine Reben mit drei- und einlappigen Blättern und roten Trauben, welche von den Windungen des Halbkreises abzweigen, füllen den Hintergrund. Mit ihren wohlproportionierten Figuren, den fein aufeinander abgestimmten Farben, der ausgewogenen Bildkomposition und nicht zuletzt wegen der handwerklich geschickten Ausführung gehört diese Wirkerei zu den besonders qualitätvollen Beispielen spätantiker Webkunst.Quadratische Einsätze mit einem Geflecht aus fünf Kreisen und in symmetrischer Anordnung wiederkehrenden Motiven wie beim vorgestellten Exemplar sind zahlreich erhalten. Sie sind ein typisches Dekorationselement in Kissen oder Leinendecken aus Schlingengewebe, in die sie direkt eingewirkt wurden. Charakteristisch ist die Ausführung des Musters in überwiegend dunkler Farbe auf hellem Grund. Bunte Farbtupfer sind für bestimmte Details als besonderer optischer Reiz eingearbeitet. In der Sammlung des Museums für Byzantinische Kunst befindet sich ein Pendant zu diesem Wirkereifragment, bei dem noch Reste des umgebenden Schlingengewebes erhalten sind (Inv. 9825b). Mehrere Exemplare dieses Typs wurden in Achmim gefunden, weitere verwandte Stücke werden demselben Fundort zumindest zugeschrieben. Man darf annehmen, dass es in Achmim Werkstätten gab, die auf die Herstellung von Decken und Kissen dieser Art spezialisiert waren.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 38-39, Nr. 14(Cäcilia Fluck 2017)

Spielwürfel

Spielwürfel

Die meisten überlieferten Würfel aus der Antike haben wie die heutigen Augenzahlen von eins bis sechs, die so verteilt sind, dass die Summe auf den gegenüberliegenden Seiten immer sieben ergibt. Auf diesem recht sorgfältig geschnittenen Würfel aus Bronze sind jedoch auf fünf Seiten sieben und auf einer Seite fünf Augen in Form von Kreispunktmotiven, die sich hell hervorheben, eingepunzt. Der Fünfer ist wie bei den heutigen Würfeln im „Quincunx“-Schema angeordnet, die Siebener in zwei unregelmäßigen Reihen zu je drei Punkten, zwischen denen mittig ein größeres Kreispunktmotiv liegt. Vermutlich war das Berliner Exemplar für ein ganz spezielles Spiel gedacht, bei dem der Fünfer ein „Trumpf“ gewesen sein könnte.Würfel wurden wie heute u. a. für Brettspiele benötigt. Besonders beliebt waren strategische Würfelspiele, bestehend aus einem in mehrere Felder oder Ebenen gegliederten Spielbrett, in die unterschiedlich viele Löcher gebohrt waren. Eine spätantike Variante des sogenannten „58-Löcher-Spiels“ befindet sich zum Beispiel heute im Louvre (Département des antiquités égyptiennes, Inv. E 11717). In die Löcher waren Spielfiguren in Form von spitzen Stäbchen mit unterschiedlich gestalteten Köpfen (Tier- oder Menschenköpfe in Miniatur, Kugeln, konische oder zylindrische Elemente) für jeden Mitspieler zu stecken. Nach diesem Prinzip wurde bereits in pharaonischer Zeit gespielt. Am weitesten verbreitet war das Senet-Spiel, von dem sich die meisten anderen Spiele ableiten. Das altägyptische Wort snt bedeutet so viel wie „vorbeigehen, passieren“ und erklärt damit den Zweck des Spiels: Spielsteine der beiden Parteien müssen möglichst schnell das Spielfeld durchqueren und verschiedene Hindernisse passieren. Die „Würfel“ für dieses Spiel waren allerdings keine Kuben sondern längliche Stäbchen aus Holz oder Knochen.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 56-57, Nr. 24(Cäcilia Fluck 2017)

Blattförmiger Einsatz

Blattförmiger Einsatz

Das Fragment zeigt einen pfeilblattförmigen Einsatz, dessen Größe und Motiv dem des Fragmentes Inv. 6893 entspricht. Sie stammen dennoch nicht vom selben Textil, denn sie sind in unterschiedliche Grundgewebe eingewirkt worden. Das Gewebe von dem hier vorliegenden Fragment besteht aus ockerfarbener Wolle. Die Spitze des Pfeilblatts weist nach links. Ein dunkles Wellenband auf hellem Grund, der sogenannte „laufende Hund“, formt die Konturen des Blattes. Er umschließt den Blattstiel mit einer dunklen, von Kelchblättern eingefassten Knospe an einem langen Stängel sowie ein rotgrundiges Bildfeld in der Mitte, auf dem ein schwebender Eros als nackter Knabe mit nach hinten überkreuz ausgestreckten Beinen dargestellt ist. Der Körper des Eroten ist durch dunkle Linien umrissen, Binnenzeichnungen sind ebenfalls mit dunkler Wolle ausgeführt. Der Eros bewegt sich nach rechts. Er wendet seinen Oberkörper zurück. Um den Hals hat er ein ockerfarbenes Manteltuch geschlungen, dessen Zipfel unterhalb des rückwärts gebogenen Arms zum Vorschein kommt. Mit den Armen umfasst er ein überproportional großes, gefiedertes ockerfarbenes Blatt. Den Kopf des Eros umgibt ein Nimbus. Beidseitig über den Schultern sind kleine Flügel zu erkennen.Seit dem Hellenismus wird der Liebesgott Eros als nacktes Kleinkind mit Pfeil und Bogen und wie hier meist mit Flügeln wiedergegeben. Eroten, die vervielfältigten Gestalten des Eros, sind insbesondere in der römischen Kaiserzeit bis weit in die Spätantike hinein bei der Ausführung unterschiedlichster Aktivitäten dargestellt worden. In kindlich-verspielter Manier jagen, ernten, angeln und schwimmen sie; sie fahren Boot, tragen Gegenstände und Tiere, sind bei Gastmahlen zugegen oder veranstalten Wettkämpfe.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 36-37, Nr. 13a(Cäcilia Fluck 2017)

Puppentunika

Puppentunika

Die kleine Tunika gehört zu den bemerkenswertesten Objekten der Textilsammlung des Museums für Byzantinische Kunst. Die geringen Ausmaße lassen keinen Zweifel daran, dass sie für eine Puppe gedacht war. In ihrer Form und Verzierung ahmt sie die römische Tunika nach. Sie ist jedoch nicht in Form gewebt, sondern aus Resten von zwei verschiedenen Leinengeweben zusammengefügt worden. Vorder- und Rückenteil mit den Ärmelansätzen wurden kreuzförmig zugeschnitten, gefaltet, zusammengenäht und mit einem horizontalen Halsschlitz versehen, dessen Kante sorgfältig versäubert ist. Danach fügte man die unteren Ärmelhälften an. Sie fallen im Verhältnis zum Vorder- und Rückenteil ungewöhnlich eng aus.Der Dekor der kleinen Tunika besteht aus clavi, einer Saumborte und schmalen Borten, von denen Reste an den Ärmelenden und um den Halsschlitz bewahrt sind. Alle dürften wie auch das Grundgewebe von abgelegten Kleidungsstücken stammen und weiter verwertet worden sein. Die im Verhältnis zu den Gesamtmaßen der Tunika ungewöhnlich breiten clavi sind wie üblich spiegelbildlich auf beiden Seiten angebracht, so dass Vorder- und Rückenteil nicht zu unterscheiden sind. Sie reichen bis an die Seiten und sind dort mit in die Naht eingefasst. Einer der clavi reicht nur ungefähr bis zur Mitte der Tunika. Der untere Teil ist nicht etwa zerstört, sondern dem "Schneider" ist offenbar das Material ausgegangen, denn eine Vorstichreihe an der unteren Schmalkante, die den clavus mit dem Grundgewebe verbindet, spricht dafür, dass er hier endete. Die clavi sind mit einem Muster aus grünen, abwechselnd ganzen und halbierten Ovalen und Rosetten mit bunter Binnenzeichnung auf rotem Grund verziert. Gelbe Rosetten und blaugrundige, mit Sternrosetten gefüllte Kreise schmücken die ebenfalls rotgrundige Saumborte. Die Bortenreste an den Ärmeln und um den Halsschlitz bestehen aus blauer Wolle und zeigen noch Reste eines hellen geometrischen Musters in Lanciertechnik.Miniaturausgaben von Tuniken sind in der Masse ägyptischer Textilien aus spätantiker Zeit nur sehr selten nachzuweisen. Mit ihnen wurden aus Holz, Bein oder Lumpen gefertigte Puppen bekleidet [Holzpuppe mit gewebter Tunika, MBK Inv. 10779, 1936 von Albert Figdor angekauft, angeblich aus Achmim (seit dem Krieg vermisst)]. Die wenigen Objekte mit gesichertem Fundkontext stammen aus Kindergräbern. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass sie als Spielzeug dienten. Dafür sprechen zudem die strapazierfähigen, bruchsicheren und teilweise wiederverwerteten Materialen, aus denen die Püppchen und ihre Garderobe hergestellt wurden. Manche Forscher halten sie zwar für magische Objekte, doch sind konkrete Indizien, die auf eine Verwendung im magischen oder religiösen Zusammenhang deuten, aus Ägypten für die Spätantike nicht bekannt.Veröffentlichung: C. Fluck / K. Finneiser, Kindheit am Nil, Berlin 2009, S. 50-51, Nr. 20(Cäcilia Fluck 2017)