Logo

Agnus Dei-Kapsel aus dem Welfenschatz

Ident. Nr.: W 38

ObjID: obj:1839320

Details (Expert)

Datierung
2. Hälfte 15. Jahrhundert
Material / Technik
Silber, graviert
Abmessungen
Objektmaß: 6,2 x 5 x 1,1 cm

Objektbeschreibung

Das flache Kapselreliquiar ist aus zwei leicht gewölbten kreisrunden Silberblechen und einer mit der Rückseite verlöteten flachen Zarge gebildet, auf die außen ein dekorativer Spiraldraht aufgelegt ist. Oben an der Zarge sitzt eine kleine gedrückte Kugel mit einem äquatorial umlaufenden Perldraht, an welcher eine Öse befestigt ist. Deutliche Abnutzungsspuren an deren Innenseite zeigen, dass der Anhänger wohl recht häufig getragen worden ist. Die Vorderseite der Kapsel ist unten durch einen innen angelöteten Steckstift, oben durch ein außen liegendes Scharnier mit der Zarge verbunden. Durch Ziehen des Scharniersplintes kann der Deckel ganz abgenommen werden. Das Innere des Behältnisses ist heute leer.
An der Rückseite ist eine hl. Anna Selbdritt – die hl. Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesusknaben – in dreiviertelfiguriger Darstellung eingraviert. Vor allem der Gewandfaltenstil dieser Gruppe verweist auf eine Datierung der Arbeit in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die Vorderseite der Kapsel zeigt das Lamm Gottes (Agnus Dei) mit Nimbus und Kreuzesfahne. Vor ihm erscheint als Hinweis auf den Tod und die Auferstehung Christi ein Kelch, in den das Blut aus der Seitenwunde strömt.
Kapselreliquiare dieser Art sind vor allem aus dem 15. und 16. Jahrhundert erhalten. Häufig dienten sie zur Aufbewahrung einer kreisrunden Wachsscheibe mit der Reliefdarstellung des Gotteslammes. Diese danach als Agnus Dei bezeichneten Wachsbilder wurden aus den Resten der Osterkerzen geformt und ursprünglich von Archidiakonen am Karsamstag in der Lateransbasilika in Rom geweiht und am Weißen Sonntag an die Gläubigen ausgeteilt. Seit dem frühen 15. Jahrhundert wurde die Weihe von den Päpsten selbst am Donnerstag der Karwoche vollzogen. Zunächst alljährlich, später nur noch im ersten und siebten Jahr des Pontifikats üblich, war die Agnus Dei-Weihe jedoch erst seit 1471 alleiniges Recht der Päpste.
Die Gläubigen sprachen den Agnus Dei mannigfaltige behütende Wirkungen sowie Beistand beim Vergeben der Sünden zu. Zur Aufbewahrung der vorwiegend in privater Andacht reliquiengleich verehrten empfindlichen Wachsscheiben dienten in der Regel relativ schlichte, häufig als Anhänger gearbeitete flache Metallkapseln, auf welche ebenfalls die Bezeichnung Agnus Dei übertragen wurde. LL

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Kunstgewerbemuseum

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Konfektschale auf drei Schildhaltern mit Hirsch im Gehege aus dem Lüneburger Ratssilber

Konfektschale auf drei Schildhaltern mit Hirsch im Gehege aus dem Lüneburger Ratssilber

Fußgestell, Zinnenring (an der Schale) und Figuren gegossen. Fußgestell außen, Schilde, Schalenrand, Fond, Kranz, Sockelmitte mit Zaun und Hirsch vergoldet, der Hügel mit Resten grünen, transluziden Emails. Tragefiguren durch einen Zinnenring verbunden, der an eine Manschette gelötet ist. Auf dieser sitzt die Schale, gehalten von einem Zungenkranz. - Eine Frucht im aufgelegten Blattkranz der Schale und Geweih des Hirsches verloren.Das Gerät lehnt sich im Aufbau an die Evangelisten- und die Kirchenväterschale (Inv. Nr. 1874, 394 und 1874, 393) an. Die tragenden Schildhalter sind nach einem Modell gegossen. Im Fond der tiefen Schale getriebenes Geäst mit Blättern und Früchten (Feigen?). Im Zentrum ein Hügel mit liegendem Hirsch, umgeben von einem Flechtzaun mit überdachtem Tor und Vorhängeschloß. Aufgelegt ein Kranz aus Blättern und Früchten und vier Wappen.Eines der Wappen dürfte das des Besitzers sein, des Ratsherren Johannes junior von dem Lohe, der 1468 Sülfmeister und 1480 Kämmerer wurde (gest. 1482). Das zweite Wappen von dem Lohe verweist im Verein mit dem der Godenstede auf die Eltern, Johannes von dem Lohe (gest. 1471) und dessen erste Frau Gesche von Godenstede, das vierte Wappen ist das der Großmutter mütterlicherseits Tibbecke von Töbing, die seit 1466 Witwe war. Wie die Kämmereirechnungen verzeichnen, kam die Schale 1482 aus dem Nachlaß des Johannes von dem Lohe auf das Rathaus: "Hr. Johan vam lo 129m 9s hyrto noch syne beste suluere schale de quam vpp dat Radthus vnd wogh." Kurz wird sie im Inventar von 1555/56 erwähnt: "Ein grote sulueren schale her Johan van Loess."

Les Iris ("Toutes les âmes sont prêtes...")

Les Iris ("Toutes les âmes sont prêtes...")

"Je nach Lichteinfall entwickelt die Vase ganz unterschiedliche Farbwirkungen, die von glühendem Orange-Rot über tiefdunkles Violett bis hin zu bernsteinfarbenen Brauntönen reichen. Iris- bzw. Schwertlilienpflanzen überziehen in asymmetrischer, lockerer Reihung die gesamte Wandung. In einem aufwändigen Verfahren wurden verschiedene Farbglasschichten in warmem Zustand überfangen und nach dem Erkalten des Glases partienweise, in unterschiedlicher Stärke, ausgeschliffen, so dass die jeweils darunterliegende Farbschicht durchscheint. Erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist die feine Gravur auf der Vasenschulter, die sich umlaufend zwischen Blätter und Blüten verteilt. Sie gibt ein Zitat des belgischen Dichters Maurice Maeterlinck (1862–1949) wieder, einem prominenten Vertreter des Symbolismus: „Toutes les âmes sont prêtes, il faut cependant [que] l’une d’elles commence, pourquoi ne pas oser, être l’une qui commence“. Die genaue Botschaft bleibt rätselhaft und der Empfänglichkeit der Betrachter überlassen. Ist unsere Seele die eine bereite Seele, die es wagt zu beginnen?Schöpfer der Vase war Émile Gallé (1846–1904). Mit seinen „vases parlants“, den sprechenden Vasen, verstand er es virtuos, Naturmotive in der Materialsprache des Glases auszudrücken und symbolisch zu überhöhen. Inspirieren ließ er sich dabei von sino-japanischen Vorbildern, darunter chinesischen Glasvasen, von denen sich Beispiele im Berliner Kunstgewerbemuseum befanden. 1885 war Gallé eigens nach Berlin gekommen, um zwei Wochen lang die damals gerade neu erworbenen chinesischen Gläser aus der Sammlung des preußischen Diplomaten Max von Brandt im Kunstgewerbemuseum zu studieren." (Claudia Kanowski, in: Details! 100 Lieblingswerke im Kunstgewerbemuseum, Dresden, Berlin 2018, S. 180f.)ClKa