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Ein Paar Deckelvasen

Ident. Nr.: 1937,44 a,b

ObjID: obj:2021270

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Fayencemanufaktur Cornelius Funcke, Berlin (1699 - 1747/67),
Hersteller*in
Datierung
um 1701
Geografische Bezüge
Abmessungen
Höhe: jeweils 38,5 cm (mit Deckel)

Objektbeschreibung

Das Vasenpaar stellt ein Schlüsselwerk für die Fayenceproduktion der Berliner Manufaktur von Cornelius Funcke dar. Es ist kunsthistorisch wie historisch hoch bedeutend, kombiniert es doch europäische Stilmerkmale des Barock mit technischen Einflüssen aus dem Orient (türkisfarbene Glasur) und spielt motivisch zudem auf den Übergang von der brandenburgischen Kurfürstenwürde zur Königswürde im Jahr 1701 an.

Eine detaillierte Beschreibung und Einordnung der beiden Deckelvasen hat Christiane Keisch 2001 im Katalog "Herrliche Künste und Manufacturen" vorgenommen:
"Achtseitige schmale, gestelzte Form mit flachem Deckel. Auf der Wandung in vertikaler Wiederholung musizierende Engel, teilweise auf Wolken mit Harfen, Gamben, Geigen und Trompeten, dazwischen Putten mit Notenblättern. Auf den zwei Seiten unten je ein Engel mit Kurhut und Szepter in den Händen, darüber ein Gambe spielender Engel, über ihm wiederum zwei schwebende Engel mit der Königskrone. Als Abschluß ein Engel mit Harfe. Rechts und links des Feldes aufsteigende Engel mit Palmenzweigen, oben rechts mit Trompete, links mit langem Stab.
Der für Funcke so typische türkisgrüne Fond in Verbindung mit der recht schmalbrüstigen Vasenform, deren Kantenschnitt unregelmäßig und deren Fußränder ungeschickt gezwackt sind, läßt eine sehr frühe Entstehungszeit vermuten. Funcke hatte sich auf Grund eines von Friedrich III. [Kurfürst von Brandenburg, ab 1701 König Friedrich I. in Preußen] bestätigten Bittgesuchs von 1699 von Wolbeer [der älteren Berliner Fayencemanufaktur] getrennt und selbständig gemacht. Dies Vasenpaar könnte ein dem König gewidmeter 'Feldversuch' bezüglich neuer Formen und Farben (Fondfarbe) gewesen sein. Die Szene stellt offensichtlich eine Hommage auf die Krönung Friedrichs I. dar, die den Übergang von der Kurfürstenwürde (unten: Engel mit Kurhut und Szepter) zur Königswürde (oben: Engel mit Königskrone und Palmwedeln) vor Augen führen möchte. Im Zusammenhang mit Funckes späterer Bitte, 1712, um eine Konzession für die Herstellung von Tabakspfeifen erwähnt er Friedrich I. gegenüber seine Befähigung, mit roter Erde umgehen zu können, vor allem im Zusammenhang mit neuen, nie gesehenen 'allerhandt Couleurs alß porcellain'. Diese Vasen hier sind aus ziegelroter Erde und die porzellanähnliche türkisgrüne Farbe könnte gerade probiert worden sein (sie führt später zu Funckes charakteristischen farbigen Fondvasen mit Reservemalereien). Hinsichtlich der Datierung der anderen - türkisgrün bemalten - Vasen mit osmanischem Segelschiffdekor spielen sie eine Schlüsselrolle."

Das Vasenpaar konnte im Jahr 2010 von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz nach Zahlung einer Entschädigung an die Erben der einstigen Besitzerin, Olga von Wassermann, für das Kunstgewerbemuseum zurückerworben werden. Das Kunstgewerbemuseum hatte das Vasenpaar 1937 auf einer Auktion des Kunstauktionshauses Lange erworben. Olga von Wassermann hatte aufgrund ihres jüdischen Glaubens Deutschland verlassen und einen wesentlichen Teil ihres Kunstbesitzes verfolgungsbedingt zuvor veräußern müssen.

Lit.: Kat. Berlin 2001: 'Herrliche Künste und Manufacturen'. Fayence, Glas und Tapisserien aus der Frühzeit Brandenburg-Preußens 1680-1720 (Ausstellungskatalog Kunstgewerbemuseum SMB 6.5.-5.8.2001), Berlin 2001, Kat. Nr. 60

ClKa

Letzte Aktualisierung: 07.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Kunstgewerbemuseum

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"Die in Gelb, Manganviolett und Grün bemalte Fayenceterrine lässt erst auf den zweiten Blick erkennen, dass sie als solche wirklich verwendbar ist: Sie besteht aus zwei Teilen, einem Korpus und einem Deckel. In größtmöglichem Naturalismus wurde ein Weißkohlkopf nachgebildet. Die einzelnen Blätter und Adern sind plastisch geformt. Den Deckelknauf bildet eine Frucht, wohl eine Eichel. Terrinen in Kohlkopfform oder auch als Wildschweinköpfe gestaltet, Pastetendosen in Form von Rebhühnern, Fasanen oder Kaninchen und Butterdosen in Melonenform finden sich auf den gedeckten Tafeln der Barock- und Rokokozeit in großer Vielfalt. Immer sind sie detailreich modelliert und täuschend echt bemalt. Da das exklusive Porzellan im 18. Jahrhundert noch den fürstlichen Auftraggebern vorbehalten war, stellte Fayence eine beliebte Alternative für weitere Kreise der Aristokratie und des betuchten Bürgertums dar.In ganz Europa orientierte man sich bei der gedeckten Tafel am französischen Vorbild, dem 'service à la française'. In Versailles sah das höfische Zeremoniell seit Ludwig XIV. eine Trennung zwischen der Tafel der Hauptgerichte aus symmetrisch angeordneten Terrinen und Platten und der figürlich gestalteten Desserttafel vor. Zum 'premier service' gehörten Ragouts, Pasteten und die 'Pot à oille', ein Eintopf aus in der Brühe gegartem Fleisch und Gemüse. Auch die Kohlkopfterrinen fanden hier ihre Aufstellung. Zugleich spiegelt sich in den illusionistisch gestalteten, tierförmigen Gefäßen die aufs Mittelalter zurückgehende Tradition der Schaugerichte wider.Die 1763 gegründete schlesische Fayencemanufaktur in Proskau nahm sich in der Anfangszeit Modelle der Straßburger Fayencemanufaktur zum Vorbild, zu deren charakteristischen Produkten auch Kohlkopfterrinen zählten." (Claudia Kanowski, in: Details! 100 Lieblingswerke im Kunstgewerbemuseum, Dresden, Berlin 2018, S. 139)Marke: P (Unterseite, in Mangan aufgemalt)ClKa