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Ikonostase

Ident. Nr.: 2/76

ObjID: obj:2299833

Details (Expert)

Datierung
1757
Material / Technik
Holz, gefasst
Abmessungen
Höhe x Breite x Tiefe: 393,5 x 432 x 35 cm
Erwerbung
1976 von A. A. Bredius, Hernen-Bergharen, NL, erworben; vormals im Victoria and Albert Museum, London; 1967 versteigert bei Christie's

Objektbeschreibung

Als Ikonostase oder Templon bezeichnet man eine gemauerte oder aus Holz geschnitzte Trennwand zwischen dem Versammlungsraum der Gläubigen (Naos) und dem Altarraum (Bema) in einer orthodoxen Kirche. Ein Templon besteht aus mehreren „Etagen“, die nach einer festgelegten Ordnung mit Ikonen geschmückt sind, und bis zu drei Türen, die in in den Altarraum führen. Dieser darf während des Gottesdienstes nur von dem zelebrierenden Priester oder Bischof und den Diakonen (aber nie von Frauen!) betreten werden. Bekrönt wird ein Templon durch ein Kreuz mit der gemalten Darstellung des gekreuzigten Christus, meist flankiert von den trauernden Gestalten der Gottesmutter und des Jüngers Johannes. 

Der Aufbau des Templons im Bode-Museum ist charakteristisch für die Ikonostasen in kleineren griechischen und zypriotischen Kirchen des 17. bis 18. Jahrhunderts. Es ist aus Pinienholz reich geschnitzt und vergoldet und teilweise in Rot, Grün und Dunkelblau farbig gefasst. Das Templon besaß ursprünglich zwei Reihen von Ikonen, die jedoch nicht mehr erhalten sind oder deren Aufbewahrungsort unbekannt ist. Der untere Bereich gliedert sich in fünf Arkaden: Über einer Sockelzone aus Feldern mit ornamentalen Reliefs und einem breiten Zierfries darüber sind fünf große Öffnungen mit geschnitzten Dreipassbögen zu sehen, wobei der mittlere Bogen eine spätere Ergänzung ist. In den vier Öffnungen seitlich des mittleren Durchgangs waren ursprünglich Ikonen der Gottesmutter und von Christus sowie die Patronatsikone (die Ikone des/der Heiligen oder Festes, dem die Kirche geweiht war) und die Darstellung einer oder eines besonders verehrten Heiligen angebracht. Diese so genannte „Örtliche Reihe“ wird durch Halbsäulchen gegliedert, die ein Gesims und einen vorkragenden Aufbau mit zehn kleineren, rechteckigen Aussparungen unterhalb von Rundbogen tragen. Die Bögen sind mit radial angeordneten Blättern ausgefüllt., Die Aussparungen darunter boten Platz für die Ikonen der orthodoxen Kirchenfesttage oder eventuell der Deesis (Fürbittreihe). Obwohl die gerade Zahl der Öffnungen eher gegen eine Deesis mit der zentralen Ikone Christi zwischen der Gottesmutter und Johannes dem Täufer sprechen würde, kommen auf mehreren griechischen und zypriotischen Beispielen beide Alternativen – Festtagsreihe oder Deesis – vor. Höhere Ikonostasen weisen beide Reihen übereinander auf. Den oberen Abschluss des Templons bildet ein Gesims mit Girlanden sowie eine durchbrochen geschnitzte Ranke mit Blumen und zwei Drachen als Symbolen des überwundenen Bösen. Das bekrönende Kreuz ist nicht mehr vorhanden. Auf der Ranke sitzen zwei von ursprünglich fünf geschnitzten Vögeln (Tauben oder Adler) mit ausgebreiteten Flügeln, die in ihren Schnäbeln Ketten mit Öllampen zur Beleuchtung der Ikonen trugen.

Neben den vier mit floralen bzw. Tierreliefs verzierten Paneelen der Sockelzone, die durch Pilaster getrennt sind, befand sich in der großen Öffnung in der Mitte des Templons eine 176 x 84,5 cm große, ebenfalls vergoldete, zweiflüglige Königstür. Sie schließt oben mit einem Kielbogen ab, geschmückt mit durchbrochen geschnitzten Ranken und Blumen und einem bekrönenden Medaillon, das einen gemalten Cherub umschließt. Diese Königstür ist derzeit als Dauerleihgabe im Ikonenmuseum Frankfurt ausgestellt. Ihre sehr gut erhaltenen Malereien auf Goldgrund sind ein hervorragendes Beispiel für die zypriotische Ikonenmalerei des 18. Jahrhunderts. Im oberen Teil der Königstür ist – auf die beiden Flügel verteilt – die an dieser Stelle übliche Verkündigung an Maria durch den Erzengel Gabriel mit den begleitenden Gestalten des Propheten Jesaja und des Königs David dargestellt. Darunter sind in zwei Reihen in geschnitzten Rundbogenfeldern frontal stehende Heilige in halber Figur gemalt: in der oberen Reihe die Kirchenväter Basilios, Johannes Chrysostomos und Gregorios der Große sowie der hl. Nikolaus und darunter die Bischöfe Athanasios und Kyrillos von Alexandrien und die auf Zypern besonders verehrten Heiligen Spyridon und Lazaros. 

Die große Bedeutung des Templons für die Kunstgeschichte Zyperns liegt nicht nur in der hohen künstlerischen Qualität der Schnitzereien und Malereien, sondern auch darin, dass sowohl das Templon selbst als auch die Königstür datiert sind und die Namen der beteiligten Künstler und des Stifters aufweisen. Oberhalb der Sockelfelder verläuft über die gesamte Breite des Templons ein roter Streifen mit einer goldenen griechischen Inschrift, die den Stifter Priester Gabriel nennt, den amtierenden Bischof Makarios von Kytion (heute: Larnaka) und Nemesós (Lemessós/Limassol) sowie den Maler Nektários mit seinem Mitarbeiter Hadji Andronikos Karidis und seinen drei Schülern, dem Hierodiakon Leóntios, dem Mönch Philáretos sowie dem Mönch Philótheos. Das in dieser Inschrift genannte Datum 1762 dürfte sich auf die Fertigstellung des geschnitzten Templons mit seinen Ikonen beziehen. Da Nektários, Leóntios, Philáretos und Philótheos als Maler mehrerer weiterer Ikonen bekannt sind, könnte es sich bei Hadji Andronikos Karidis möglicherweise um den Schnitzer der Ikonostase handeln. Auch die Königstür besitzt auf einem gemalten Schrifttäfelchen neben der Gottesmutter der Verkündigung eine Inschrift, auf der die Namen des Stifters und des Philáretos als Maler wiederkehren und ein etwas früheres Datum genannt wird, nämlich 1757. Von Philáretos ist in der Heiligkreuzkirche in Pano Lévkara (Bezirk Larnaka) eine weitere Königstür mit demselben Aufbau und übereinstimmender Ikonographie erhalten, und auch das (viel größere) Templon dieser Kirche besitzt große Ähnlichkeit mit dem Berliner Beispiel. Victor H. Elbern, der ehemalige Leiter der Frühchristlich-Byzantinischen Sammlung in West-Berlin, zog eine weitere Königstür mit stilistisch verwandten Malereien und einer sehr ähnlich ausgeführten Inschrift als Vergleichsbeispiel heran, die ebenfalls den Mönch Leóntios und den Philáretos Hieromonachos erwähnt und die Jahreszahl 1778 aufweist. Diese Königstür, die sich damals im niederländischen Kunsthandel befand und später an das Kanazawa College of Art in Japan verkauft wurde, erwies sich als Raubkunst aus der Kirche Hagios Anastasios im türkisch besetzten Dorf Peristeronopigi und wurde schließlich 2021 an Zypern zurückgegeben.

Provenienz

Nach dem widerrechtlichen Einmarsch türkischer Truppen in den Norden Zyperns 1974 und der folgenden Besetzung dieser Gebiete wurden die griechischen Einwohner vertrieben und die orthodoxen Kirchen geplündert. Unzählige Ikonen sowie aus den Kirchenwänden herausgeschnittene Mosaiken und Fresken wurden illegal ins Ausland verbracht und verkauft. Dies ist jedoch nicht der Fall bei dem Berliner Templon, obwohl sein Ankauf durch die Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz im Jahr 1976 in den Niederlanden dies nahelegen könnte. Wie sich jedoch eindeutig nachweisen lässt, war das Templon bereits 1902 vom Victoria & Albert Museum in London über einen Händler von einem in London ansässigen Privatmann angekauft und danach im Museum ausgestellt worden. 1966 wurde es aus der Museumssammlung ausgeschieden und 1967 auf einer Auktion von Christies versteigert, da es nach der kriegsbedingten Auslagerung in schlechtem Zustand war und der Platz anderweitig benötigt wurde. Aus welcher Kirche in der Diözese von Larnaka und Limassol im Süden der von 1878 bis 1960 von den Briten besetzten Insel das Templon stammt und wie es nach London gelangte, ist bisher nicht bekannt.

Nach dem Ankauf durch die Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz wurden das Templon und die Königstür restauriert und einige Fehlstellen ergänzt. Seit 1979 bis zur Zusammenlegung der byzantinischen Sammlungen in Ost- und West-Berlin im Bode-Museum nach der Wiedervereinigung war das Templon in West-Berlin in der Frühchristlich-Byzantinischen Sammlung in Dahlem aufgestellt und wurde von dem Sammlungsleiter Victor H. Elbern eingehend publiziert. Nach der Wiedervereinigung wanderte es für Jahrzehnte ins Depot.

Dr. Eva Haustein-Bartsch, 2023


Weiterführende Literatur:

Literatur:

L. Bréhier, La sculpture et les arts mineurs byzantins, Paris 1936 (reprint 1973), S. 80f. und Taf. XLII

Victor H. Elbern, Das Ikonenkabinett der Frühchristlich-Byzantinischen Sammlung. Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz. Skulpturengalerie mit Frühchristlich-Byzantinischer Sammlung Berlin, Berlin 1979, Kat.-Nr. 2/3 auf S. 11–16, Abb. 2 und 3

Victor H. Elbern, Eine Ikonenmaler-Werkstatt des 18. Jahrhunderts auf Zypern, in: Ostkirchliche Studien 33 (1984), S. 121–135, Abb. 1 und 2

Victor H. Elbern, Ein Ikonostas des 18. Jahrhunderts aus Zypern und seine Künstler, in: Praktika B DieqnouV Kupriologikou Sunedriou 2: Mesaiwnikon tmhma Leukosia 1986, S. 601-607,




Letzte Aktualisierung: 30.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Spielende Amoretten

Spielende Amoretten

Das Relief entstand in Auseinandersetzung mit zwei in der Renaissance hochberühmten antiken Bildwerken, Teilen vom sogenannten Thron Saturns, eines größeren Ensembles von Marmorreliefs mit Amoretten (Venedig, Museo Archeologico). Dort tragen die nackten Kindergestalten eine Sense, das Attribut Saturns, auf ihren Schultern und schleppen dessen Zepter fort. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts sind diese Reliefs in Venedig nachweisbar, wo sie zahlreichen Künstlern als Studienobjekte dienten. Goethe berichtet über die Engel in der "Italienischen Reise": "Es sind Genien, welche sich mit den Attributen der Götter schleppen, freilich so schön, das es allen Begriff übersteigt."English catalogue entryNorthern Italian (Venice or Padua?)Playing Puttica. 1450-80Bronze plaquette12.4 x 22.1 cm.Berlin, Staatliche Museen, Skulpturensammlung, Inv. SKS 1024.Bode-Museum, on view.ProvenanceGeneva, Mylius collection; Florence, Stefano Bardini (1880); Berlin, Skulpturensammlung/Altes Museum (1880-1896); Berlin, Berlin, Skulpturensammlung/Neues Museum (1896-1904); Berlin, Skulpturensammlung/Kaiser-Friedrich-Museum (1904-1939); Berlin, storage (1939-1945); Merkers, storage (1945); Wiesbaden, Central Collecting Point (1945-1956); West Berlin, Skulpturensammlung/Museum Dahlem (1956-1990); Berlin, Skulpturensammlung/Museum Dahlem (1990-1997); Berlin, storage (1997-2006); Berlin, Skulpturensammlung/Bode-Museum (since 2006).AcquisitionAcquired in Florence from Stefano Bardini in 1880.BibliographyBode 1884Wilhelm Bode, “Die italienischen Skulpturen der Renaissance in den Königlichen Museen zu Berlin. III. Bildwerke des Donatello und seiner Schule”, Jahrbuch der Königlich preußischen Kunstsammlungen, V, 1884, pp. 30, 42 note 1: Donatello.Molinier 1886Émile Molinier, Les Bronzes de la Renaissance. Les plaquettes. Catalogue raisonné, Paris, Jules Rouam, 1886, I, pp. 45-46 cat. 77: school of Donatello.Bode 1894Wilhelm Bode, Denkmäler der Renaissance-Sculptur Toscanas, Munich, F. Bruckmann, 1894, II, pl. 92: Donatello.Bode 1902Wilhelm Bode, Florentiner Bildhauer der Renaissance, Berlin, Bruno Cassirer, 1902, pp. 259, 261 note 112: Donatello.Bode 1904Wilhelm Bode, Die italienischen Bronzen, 2nd edition, Berlin, Reimer, 1904, p. 50 n. 635, pl. XLIII. (reference to be checked)Schubring 1907Paul Schubring, Donatello. Des Meisters Werke in 277 Abbildungen, Stuttgart and Leipzig, Deutsche Verlags-Anstalt, 1907, p. 94: Donatello, ca. 1440.Sirén 1909Osvald Sirén, Florentinsk Renässansskultur och andra Konsthistoriska ämnen, Stockholm, Wahlström & Widstrand, 1909, p. 132: Donatello.Bode 1921Wilhelm Bode, Florentiner Bildhauer der Renaissance, Berlin, Bruno Cassirer, 1921, p. 234 fig. 141: Donatello.Planiscig 1921Leo Planiscig, Venezianische Bildhauer der Renaissance, Vienna, Anton Schroll, 1921, pp. 327-328: studies the motif, comparisons with works in Venice (San Marco), Vienna (Estense Gallery), Paris (Louvre), Florence (Bargello).Bange 1922E. F. Bange, Die Italienischen Bronzen der Renaissance und des Barock, Zweiter Teil: Reliefs und Plaketten, Berlin and Leipzig, Walter de Gruyter, 1922, pp. 39-40 cat. 296: Donatello, copy after the antique Throne of Saturn.Colasanti 1931Arduino Colasanti, Donatello, Franch trans., Paris, Crès, 1931, pl. CLVIII: Donatello.Chastel 1954 ed. 1978André Chastel, “Di mano dell’antico Prassitele”, Mélanges Lucien Febvre, II, Paris, 1954 now in: idem, Fables, forms, figures, Paris, Flammarion, 1978 II, p. 14: about the genealogy of the motif.Goldscheider 1947L. Goldscheider, Donatello, Paris, Phaidon, 1947, p. 35 fig. 95, p. 38: Donatello.Pope-Hennessy 1965John Pope-Hennessy, Renaissance Bronzes from the Samuel H. Kress Collection, London, Phaidon Press, 1965, p. 95: Venetian, late 15th-early 16th century; same workshop as the type also represented in the Berlin Collection, Inv. SKS 2121.Metz 1966Peter Metz, Bildwerke der christlichen Epochen von der Spätantike bis zum Klassizismus aus den Beständen der Skulpturenabteilung der Staatliche Museen, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin-Dahlem, Munich, Prestel, 1966, p. 90 cat. 503: circle of Donatello.Beschi 1985Luigi Beschi, “I rilievi ravennati dei ‘troni’”, Felix Ravenna, CXXVII-CXXX, 1984-85, p. 44.Trudzinski 1986Meinholf Trudzinski, Beobachtungen zu Donatellos Antikenrezeption, Berlin, Richard Seitz & Co., 1986, p. 84 note 204, fig. 50: school of Donatello.Pfisterer 2002Ulrich Pfisterer, Donatello und die Entdeckung der Stile 1430-1445, Munich, Hirmer Verlag, 2002, pp. 207-214: follower of Donatello.Krahn 2003Volker Krahn in idem, Bronzetti veneziani. Die venezianischen Kleinbronzen der Renaissance aus dem Bode-Museum Berlin, Cologne, Dumont, 2003, pp. 32-35 cat. 1: Northern Italian, Venice?, 3rd quarter of the 15th century.CommentThis plaquette represents numerous putti playing in a landscape. Arranged like a frieze, ten putti occupy the foreground: two are carried by others, the first one wiggling and the second one unconscious and most probably drunk. In the background, among the hills and trees, at least eleven other silhouettes can be seen. Such iconography is to be connected with the bacchanals represented on Antique sarcophagi, which Renaissance artists increasingly studied during the 15th century and reinterpreted for their own works. The main source of the present plaquette is a marble relief documented since 1335 in the Church of San Vitale, Ravenna, two fragments of which have been in the public sculpture collection of Venice (now the Museo Archeologico Nazionale) since 1808-09. This structure is known as the Throne of Saturn, each pair of putti flanking an empty throne – absent in the Venetian fragments – symbolizing a divinity.The motif of the putto raising his arm behind his head, on the left foreground, was especially successful in the Veneto during the Renaissance: one can see it in a wall fountain once in the sacristy of Santa Maria dei Servi, Venice, and now in the Basilica of the Bode-Museum, Berlin (see Inv. SKS 294; and Planiscig 1921 for further comparisons). A Virgin and Child now in the Louvre (Inv. RF 1629), generally ascribed to the school of Donatello, uses the same motif (see Francesco Caglioti, “Una conferma per Andrea dell’Aquila scultore: la ‘Madonna’ di casa Caffarelli”, Prospettiva, 69, January 1993, p. 13), as does another plaquette formerly in the Berlin Sculpture Collection, lost since May 1945 and previously attributed to Donatello (see Inv. SKS 2121).This plaquette has first been directly attributed to Donatello by Bode 1884, for typological and iconographic reasons: not only was the artist’s fascination for putti well known, but Donatello was also one of the first in the Renaissance to produce bronze plaquettes. However, no stylistic comparison can confirm this attribution; even if some scholars still locate this work among the “school of Donatello” (Pfisterer 2002), it is safer to detach it from the Florentine artist and to qualify it as by a Northern Italian artist from the third quarter of the 15th century (Krahn 2003).Neville Rowley (24 February 2016)

Prophet Jesaia

Prophet Jesaia

Paarweise angeordnet standen die Propheten hoch aufgerichtet mit zurückweichendem Ober- und vorgeschobenem Unterkörper (außer dem ganz rechts platzierten), mit vorgeneigtem Kopf und ehemals weit auf den Vorplatz der Kirche hinaus gerichteten Blick, in den Händen ursprünglich Schriftrollen. Sie tragen jeweils unterschiedlich drapierte bodenlange Gewänder und Mäntel sowie verschiedene Kopfbedeckungen. Physiognomie und Gestik sind stark differenziert und vermitteln das Bild ausgeprägter Individuen, die erfüllt sind von der Bedeutungsschwere ihrer eschatologischen Vision. In der Forschung hat sich die durch kein Attribut oder zwingendes ikonografisches Argument gestützte Bezeichnung als Jesaia, Jeremias, Hezekiel und Daniel (von links nach rechts) eingebürgert, an der hier zum besseren Verständnis festgehalten werden soll. Inhaltlich sind die Propheten den beiden ineinander verschränkten Hauptthemen des Trierer Westportals, der Heilsgeschichte und der Verehrung Marias als Braut Christi, zugeordnet. Sie sind Vertreter des Alten Bundes, durch ihre visionäre Vorausschau auf die Geburt Christi zudem Verkünder der Heils und Zeugen des Jüngsten Gerichts. Angeregt durch scholastische Lehren treten die einzelnen Propheten seit dem frühen 13. Jahrhundert auch in der Kunst zunehmend als Individuen auf, die durch Inschriften, die Wiedergabe spezieller Szenen der jeweiligen Weissagungen oder auch einen bestimmten Figurentyp (spätestens am Straßburger Münster, um 1270/80) erkennbar werden.Die Figuren befanden sich unter Baldachinen an den Ecken der Westfassade der Trierer Liebfrauenkirche. Das Portal besaß ehemals sechs Gewändefiguren, von denen sich lediglich Johannes der Evangelist (Identifizierung unsicher), Ecclesia und Synagoge erhalten haben. In den fünf Archivolten darüber sind von innen nach außen Engel als Repräsentanten des Himmels, Päpste und Bischöfe als Zeugen des irdischen Wirkens der Kirche, apokalyptische Greise mit Musikinstrumenten und die Klugen und Törichten Jungfrauen dargestellt. Im Tympanon sind zentral die thronende Maria mit Kind, links die Heiligen Drei Könige und außen die kleinere Hirtenverkündigung, rechts die Darbringung im Tempel und außen klein der Kindermord zu sehen. Im zweiten Geschoss befindet sich zwischen den Propheten eine hohe Blendnische, in die ein dreibahniges Fenster mit Sechspassrosette eingeschrieben ist; seitlich des Fensters stehen Gabriel und Maria. Ein weiteres, höheres Fenstergeschoss wird mit einem Gesims abgeschlossen, auf dem sich ein Giebel mit den übergroßen Figuren des Gekreuzigten zwischen Maria und Johannes erhebt.Neu im deutschsprachigen Gebiet ist nicht nur die Ausdehnung des Skulpturenschmucks weit über die Portalzone hinaus, sondern auch die unmissverständliche Bezugnahme von Gestik und Blicken auf den Betrachter. Dieses Prinzip wurde an den großen Fassaden französischer Kathedralen mit ihren umfangreichen Figurenprogrammen erstmals realisiert, insbesondere in Reims, einem Bau, der in vielerlei Hinsicht vorbildlich für die Liebfrauenkirche war. Um 1235, zum Zeitpunkt des Baubeginns in Trier, standen von der Kathedrale des benachbarten Erzbistums bereits die Chorpartien und Fassaden, an den Querhäusern bis zum Rosengeschoss. Die leicht variierte Wiederholung des „Reimser Fensters“ an der Trierer Liebfrauenkirche zeigt, dass die neuesten Lösungen aus der Champagne unmittelbar rezipiert wurden. Die Westfassadenskulpturen könnten um 1240 entstanden sein, was gut zu der Überlegung einer Übersiedlung von Bildhauern aus Reims passen würde, wo die vergleichbaren Arbeiten um 1230 entstanden sind.(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)

Beweinung Christi (4 teilig)

Beweinung Christi (4 teilig)

Die aus Einzelfiguren zusammengesetzte Figurengruppe zeigt die Beweinung Christi - ein Motiv, das in den Evangelien nicht erwähnt wird. Der vom Kreuz abgenommene Leichnam Christi lagert ausgestreckt mit halb aufgerichtetem Oberkörper über dem Schenkel der seitlich nach hinten sinkenden Maria. Sie ist in ein weites Kleid und in ein über ihr Haupt gezogenes Tuch gehüllt, Voll Schmerz ringt sie mit den von sich gestreckten Händen, ihre Augen sind fast geschlossen. In Ohnmacht fallend, wird sie von Johannes aufgefangen, der von rechts herantritt und die Komposition auf dieser Seite abschließt. Diese Dreiergruppe bildet von den Füßen Christi ausgehend bis zum Kopf des Lieblingsjüngers Jesu ein aufsteigendes Dreieck, das links von der knienden Maria Magdalena ausbalanciert wird. Die von Jesus bekehrte Sünderin benetzt mit ihren Tränen den Leib Christi und salbt diesen mit einem Tuch, das sie in ihrer erhobenen Linken hält.Die Dramatik des Geschehens wird nicht allein durch Gesten und Mimik veranschaulicht, sondern vor allem auch durch die Gewänder, die mit ihren bewegten Draperien die Seelenzustände der jeweiligen Personen widerzuspiegeln scheinen. Eingebettet ist darin der nackt lagernde Leichnam des Erlösers, dessen schwerer, lebloser Körper in einem fließenden S-Schwung dem Betrachter zugewandt ist. Hier greift der Bildschnitzer italienische Vorbilder des 16. Jahrhundert und frühen 17. Jahrhunderts auf, bei denen die Christusfigur in einer ähnlich aufsteigenden Torsion komponiert ist. Die für die private Andacht konzipierte Gruppe darf dem venezianischen Bildhauer Giovanni Giuliano oder einem seines engsten Umkreises angehörigen Mitarbeiters zugeschrieben werden. Giuliano ging bereits in jungen Jahren nach München, wo er in den 1680er-Jahren in der Werkstatt des Bildhauers Andreas Faistenberger tätig war. Anschließend zog er nach Wien. Die letzten 33 Jahre lebte er als Laienbruder im Stift Heiligenkreuz, wo er mit vielen Mitarbeitern zahlreiche Werke für das Stift schuf. In diese Zeit fällt auch die Gruppe der Beweinung Christi. Kennzeichnend sind für ihn Ensembles, bei denen sich die Einzelfigur als rhythmisch bewegte Silhouette der Harmonie des Ganzen einzufügen hat. Auffallend ist zugleich, dass die leicht fließende Kontur der Komposition immer an eine Fläche gebunden ist und somit nur eine bestimmte Ansicht zulässt.

Thronende Maria mit dem Kind

Thronende Maria mit dem Kind

Die schlanke Gestalt der Muttergottes sitzt auf einer mit flachem Kissen belegten Thronbank, der eine im Achteck gebrochene, hohe Plinthe vorgelegt ist. Marias überlängter Oberkörper ist leicht schräg nach links gebogen, parallel zur diagonal verschobenen Stellung der Knie. In der Rechten hielt sie vielleicht ursprünglich ein Zepter (aufgrund des Fehlens des originalen Unterarms unklar), mit der Linken umgreift sie die Hüfte des Kindes, dessen linker Fuß noch auf dem Sitzkissen steht, während es das rechte Bein nach vorn auf den Oberschenkel der Mutter gesetzt hat. Die Schrittstellung bewirkt eine leicht gekippte Haltung, besonders im linken Halbprofil, von wo aus das linke Standbein nicht zu sehen ist. Das Kind dürfte mit der Hand einst nach Marias Oberkörper gegriffen haben, wie es bei zahlreichen Figuren des Typs der Fall ist. In der Linken hält es einen (ergänzten) Vogel. Die beiden Köpfe (der des Kindes stark ergänzt) neigen sich leicht einander zu, Maria blickte das Kind an, wie der Verlauf der vorgeritzten Pupillen zeigt. Bekleidet ist sie mit langem Kleid und einem Mantel, der über dem rechten Arm gerafft, von dort quer über den Oberkörper gespannt und unter dem linken Arm eingeklemmt wird. Das über die linke Schulter fallende Ende dient dem Kind als Standfläche. Am Oberkörper bildet der Mantel zahlreiche Parallelfalten aus, die strahlenförmig auf das Kind zulaufen. Dieses Motiv ist innerhalb der großen Gruppe Kölner Madonnen dieses Typs einzigartig; üblicherweise fällt der Mantel in den Schoß Marias und gibt den Blick auf den Gürtel frei. Das Kind trägt ein langes Kleid. Maria trägt keinen Schleier, in den lockigen Haaren zeichnet sich noch die Auflage für den ehemals aufgesetzten Kronreif ab. Wie die rückseitige Ansicht zeigt, stand die Figur ursprünglich vor einem Rückbrett. Sie dürfte sich in einem Schrein auf einem Altar befunden haben, entweder als Einzelfigur oder in einem größeren Kontext.(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)