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Marientriptychon

Ident. Nr.: 1238

ObjID: obj:863769

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Meister der Heiligen Sippe (der Ältere) (15. Jahrhundert),
Maler*in
Datierung
Ausführung: um 1420
Weitere Titel
Sammlungstitel: Marientriptychon
Übersetzung: Triptych: The Virgin and Child
Geografische Bezüge
Köln,
Stadt
Material / Technik
Eichenholz
Abmessungen
Tafelmaß: Mitteltafel 39,5 x 33,5 cm mit Rahmen

Objektbeschreibung

Der kleine Hausaltar übersetzt die Form eines großen dreiteiligen Altarretabels, eines sogenannten Triptychons, in Miniaturform. An einer größeren zentralen Tafel sind mittels Scharnieren bewegliche Flügel angebracht, die nur halb so breit wie die Mitteltafel sind. Diese Flügel können so vor das Mittelbild geklappt werden, dass sie es verschließen. Bei großen Altären sind auch die Außenseiten der Flügel bemalt, hier sind Rück- und Außenseiten nur rot gefasst. Die Mitteltafel unseres Triptychons zeigt Maria mit dem Christuskind auf dem Schoß, umgeben von vier hl. Jungfrauen, in einem blühenden Garten. Das mit mancherlei Blumen besetzte Rasenstück ist von einem Zaun umfangen und nach außen hin abgeschlossen. Maria ist durch eine Krone als »regina coeli«, als Himmelskönigin, gekennzeichnet. Die Jungfrauen sind durch Inschriften ihrer Namen in den Nimben und durch beigefügte Attribute bestimmt. Die hl. Dorothea in blauem Kleid, links neben Maria, trägt einen Kranz weißer und roter Rosen auf dem Haupt. Sie bietet dem Christusknaben ein Körbchen mit Rosenblüten dar. Sie war eine Jungfrau in Caesarea in Kappadokien, die während der diokletianischen Christenverfolgung den Tod erlitt. Die Rosen erinnern an ein Wunder während ihrer Marter. Vierzehn Nothelfern zu den auch sie zählt und zusammen mit den Jungfrauen Margareta, Katharina und Barbara zu den »virgines capitales«. Die heilige Margareta, rechts von Maria, in rotem Gewand und grünem Mantel, zeigt ein Kreuz. Während ihres Martyriums erschien ihr der Teufel in Gestalt eines Drachens, den sie mit dem Kreuz vertrieb. Links vorn in gelb-rot schattiertem Mantel sitzt die hl. Katharina. Sie war eine Jungfrau aus königlichem Stamm in Alexandrien in Ägypten. Kaiser Maxentius wollte sie vom christlichen Glauben abbringen und dazu zwingen, den heidnischen Göttern zu opfern. Sie widerstrebte und sollte durch das Rad gerichtet werden. Ein Engel verhinderte dies. Schließlich starb sie durch das Schwert. Dieses und Reste des Rades sind ihr als Attribute beigegeben. Die hl. Barbara, vorne rechts im roten Mantel, trägt einen Turm in ihrem Schoß als Erinnerung daran, dass ihr Vater sie in einem solchen verwahrte. Auch sie erlitt den Tod, weil sie ihrem Glauben treu blieb. Der eingefriedete, abgeschlossene Garten, in dem Maria mit anderen heiligen Jungfrauen auf dem Rasen ruht, ein »hortus conclusus«, ist nach dem Hohenlied Salomonis (»Du bist ein verschlossener Garten, meine Braut …«; 4, 12) auch eine Metapher für Maria. Die Gleichsetzung Mariens mit einem unberührten, verschlossenen Garten verweist sinnbildlich auf die Unbefleckte Empfängnis der Gottesmutter und auf ihre Jungfräulichkeit. Sie spielt aber auch an auf die Gleichsetzung Mariens mit der Braut des Hohenliedes der Bibel. Zugleich meint dieser Ort, an dem es immerwährend blüht, den Garten des Paradieses. Damit verbinden sich Vorstellungen himmlischer und ewiger Freuden. Darstellungen der Maria im Paradiesgarten finden sich seit der Zeit um 1400 mehrfach. Es sind von mystischer Gläubigkeit geprägte Andachtsbilder, die die Seligkeit der Gottesmutter und der Heiligen im Himmel den Gläubigen vor Augen stellen. Die beiden Seitenflügel zeigen einzelne Heilige. Auf dem linken Flügel ist die heilige Elisabeth, die Landgräfin von Thüringen, dargestellt. Sie hat sich während ihres Lebens in Marburg den Armen und Kranken zugewandt und sich deren Pflege gewidmet. Hier reicht sie einem bedürftigen Krüppel ein wärmendes Gewand. Auf dem rechten Flügel ist die heilige Agnes mit einem Lamm zu sehen. Sie starb den Martertod, um ihre Jungfräulichkeit zu bewahren. Das weiße Lamm als Attribut ist Hinweis auf ihre Unschuld. Der Anklang ihres Namens Agnes an »agnus« (Lamm) verbindet sie zugleich mit Christus, dem Lamm, das der Welt Sünde trägt. Der Stil der Tafel ist geprägt von einer hellen, blühenden Farbigkeit, wobei kontrastierende, changierende oder auch komplementäre Farbstellungen bevorzugt werden. Die Falten und Draperien der Gewänder sind in weiche, schmiegsame Kurven gelegt, wie sie charakteristisch sind für den Weichen Stil der Internationalen Gotik um 1400 und danach. Die puppenhaft schönen Köpfchen, die ohne tieferen Ausdruck sind, die maniriert gelängten Gestalten und das Preziöse der Gestik und Haltung spiegeln den Abglanz eines Schönheitsideals, das die höfische Gesellschaft dieser Zeit charakterisiert. Die Verkleinerung mancher Formen, etwa der Attribute – auch der Marterinstrumente–, bis hin zum Spielzeughaften zeigt das Bemühen um Zierlichkeit. Der Ausdruck des Weichen, Lyrischen und Empfindsamen, ferner des Preziösen, der Spätgotik ins - gesamt nicht fremd, kennzeichnet besonders die Kölner Kunst dieser Zeit. Im Stil steht dieses Altärchen der Malerei eines Altarretabels mit der Darstellung der Heiligen Sippe aus St. Heribert in Köln nahe (Köln, Wallraf-Richartz-Museum). Um dieses Werk hat man mehrere stilistisch ähnliche Gemälde gruppiert. Den mutmaßlichen Maler dieser Werke nannte man nach dem Altar aus St. Heribert Meister der Heiligen Sippe. Im Unterschied zu einem anderen anonymen Maler einer Heiligen Sippe vom Ende des Jahrhunderts heißt dieser auch Meister der älteren Heiligen Sippe oder der älteren Sippenaltars. Er war im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts tätig. Wilhelm H.Köhler | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019
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The small house altar transposes a larger three-part altarpiece, a so-called triptych, into miniature form. Moveable wings have been attached with hinges to a larger central panel. As they are each only half its width, they can be folded over to cover the middle panel. In larger altarpieces, the reverses of the wings are also painted, but here the back and outsides are simply done in red.

The central panel of this triptych shows Mary with the Christ child on her lap surrounded by four holy virgins in a garden full of flowers in bloom. The grass, strewn with a variety of flowers, is surrounded by a fence and hence closed off to the outside. Mary is wearing a crown, identifying her as regina coeli, the queen of heaven. The virgins are identified through inscriptions of their names in their
halos and by various accompanying attributes. To Mary’s left, Saint Dorothy in a blue dress is wearing a wreath of white and red roses on her head and is offering the Christ child a little basket of rose petals. As a Christian virgin, she was killed in Caesarea (Cappadocia) during the Diocletian persecution of Christians. The roses recall a miracle that occurred during her martyrdom. Together with the three Holy Helpers, Margaret of Antioch, Catherine of Alexandria and Barbara of Nicomedia, Dorothea is one of the virgines capitales.

To Mary’s right, Saint Margaret in a red robe and green mantle is holding up a cross. During her martyrdom, the devil appeared to her in the form of a dragon, which she banished with the cross. At the front on the left, wearing a mantle in shades of yellow and red, sits Saint Catherine, a Christian virgin from the royal tribe of Alexandria (Egypt). Emperor Maxentius tried to persuade her to relinquish her Christian faith and to force her to give sacrifices to pagan gods. She resisted and
was condemned to death by torture on the spiked wheel, but an angel intervened. Ultimately she died by the sword. Thus, the sword together with the remains of the spiked wheel are her attributes. Saint Barbara, in a red mantle at front right, has a tower on her lap, recalling the fact that her father kept her in a tower. She too was killed for remaining true to her faith.

The enclosed garden, a hortus conclusus in which Mary is resting on the grass with the other holy virgins, is also a metaphor for Mary as referred to in Solomon’s Song of Songs (“You are a garden locked up, my sister, my bride”; 4:12). The equation of Mary with an untouched, closed garden is an allusion to the Immaculate Conception of the Mother of God and to her virginity. At the same time it references the Bible’s equation of Mary with the bride in the Song of Songs. In addition, the garden where eternal flowers bloom recalls the Garden of Paradise, thus connecting ideas of heavenly and eternal joy. Several portrayals of Mary in the Garden of Paradise are to be found in the period around 1400. These are devotional images characterised by a mystical piety, which visually convey to the faithful beatitude of the Mother of God and the saints in heaven.

The two wings of the Mary Triptych show standing figures of saints. Saint Elizabeth, Landgravine of Thuringia, is depicted on the left. During her life in Marburg, she cared for the poor and the sick. Here she is seen giving a needy cripple a warm robe. The right wing shows Saint Agnes with a lamb. Saint Agnes was martyred for preserving her virginity. Her attribute, the white lamb, alludes to her innocence. The similarity between her name, Agnes, and the Latin word for lamb, agnus, also links her with Christ, the lamb who takes away the sins of the world.

In terms of style, the panel is characterised by its bright, vivid colouration. The artist is clearly fond of contrasting, iridescent and complementary colour schemes. The folds and draperies of the garments are depicted in the soft, supple curves characteristic of the “soft style” of International Gothic around 1400 and thereafter. The beautiful, doll-like heads without any profound expression, the mannered, elongated figures and the precious quality of their gestures and poses echo the ideal of beauty that characterised courtly society at this time. The diminution of some forms – the attributes, for instance, including the instruments of martyrdom – almost to the status of toys, testify to the artist’s striving to achieve a delicate portrayal. The soft, the lyrical, the sensitive and the precious, none of which was alien to the late Gothic period, are particularly characteristic of art in Cologne at this time.

Stylistically, this little altarpiece is close to the painting of an altarpiece from Saint Heribert in Cologne portraying the Holy Kinship (Cologne, Wallraf-Richartz-Museum). Several stylistically similar paintings have been grouped around this work. The painter of these has been named “Master of the Holy Kinship” after the Saint Heribert altarpiece. To distinguish him from another anonymous painter of the Holy Kinship from the end of the century, this painter is referred to as the “Master of the Holy Kinship the Elder” or “Master of the Older Kinship Altarpiece”. He was active during the first third of the 15th century. Wilhelm H.Köhler | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Letzte Aktualisierung: 03.07.2026

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Einrichtung:

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Weitere Objekte aus den Sammlungen

Herkules am Scheidewege

Herkules am Scheidewege

Ehemals von Alois Hirt (unveröff. Auswahlliste, 1823) dem Umkreis von Barent van Orley zugeordnet und dann von Waagen(1830 und die folgenden Kataloge bis 1841) scharfsinnig Piero di Cosimo zugewiesen, schrieb Schubring 1915 diese cassone-Front Niccolo Soggi zu, dem Florentiner, dessen Familie aus dem Valdichiana stammte und der sich in Arezzo niedergelassen hatte. Die spätere Forschung hat diese Zuschreibung so gut wie nicht angezweifelt (allerdings ist das Werk im Katalog von 1931 als "Florentinische Schule um 1500" deklassiert), und so gilt es als bestes Werk des in und um Arezzo tätigen Künstlers in der Berliner Sammlungen aus der Zeit vor Guillaume de Marcillat [Id.Nr. I.317]. Es gilt jedoch zu betonen, dass Herkules am Scheidewege und eine Handvoll weiterer Gemälde im knappen Werkkatalog Soggis eine gewisse stilistische Wendung in den belegten Werken darstellen. Letzere sind anfänglich trügerisch für den Perugino-Schüler Soggi: Er ließ sich im Laufe der zwanziger Jahre des Cinquecento zu einer rigiden Monumentalität verleiten, die sich zu einer nordeuropäisch inspirierten Porträtlust (Van der Goes, Memling) und zu dem deutlichen Sinn für Urbanistik und Ausstattung gesellte, die dem Künstler und Architekten zu eigen waren. So stellt sich die Frage, ob es nun wirklich Soggi war, der in den Jahren nach seiner Lösung vom florentinischen Atelier Peruginos 1507 und vor der Geburt Christi, seinem Meisterwerk von 1521 in der Santissima Annunziata in Arezzo, eine Handvoll Werke mit hauptsächlich höfischen Themen schuf, die für private Ausstattungen und Auftraggeber gewissen Standes bestimmt waren und statisch-bizarr gestimmt sind.Die Kultur, die sich in diesen Werken spiegelt, steht in Einklang mit den Mythologien Piero di Cosimos (Waagen, Milanesi 1879), und mit einem gewissen Maß an Phantasie scheint die Qualität der grob umrissenen Figuren und der gleichsam versteinerten Körper ein wenig enttäuschend. Die Forschung (und insbesondere Baldini 1997) erkennt eine Verbindung zu den verlockenden, aber wie erstarrt wirkenden Werken aus zwei Serien, die stilistische Affinitäten aufweisen (und für diese Untergruppe aus dem Werkatalog Soggis herausgenommen wurden) und dem "Maestro dei Cassoni Campana" bzw. dem "Maestro di Tavarnelle" zugeordnet werden.Wenn nun dieser erfindungsreiche, in der Ausführung jedoch ungeschliffene Schöpfer des Herkules nun möglicherweise mit Soggi identisch ist, so kommt seine Sympathie für nordische Elemente (eingefügte Landschaften und Architekturen) einer nützlichen Präambel für Marcillat gleich. Das Thema der Herkules-Tafel ist als Allegorie der sowohl in Florenz als auch am Heiligen Stuhl Leos X. mit seinen Brüdern und Nepoten an die Macht zurückgekehrten Familie Medici der Jahre 1512-1513 zu deuten. Zu jener Zeit hatte Soggi parallel zu seinen Aktivitäten in Florenz ein Haus für sich und seine Geschwister in Arezzo gekauft, um auch dort für künstlerische Aufgaben zur Verfügung zu stehen, und war dann übergangsweise nach Rom gegangen.Die häusliche Bestimmung des Gemäldes für die noch ganz für das Quattrocento typische Dekoration eines Möbelstücks (lettuccio oder spalliera), scheint auf eine Wiederkehr laurenzianischen Prunks anzuspielen - auch Soggi sollte vom wiedererwachten Mäzenatentum profitieren.Im bürgerlichen Leben in Florenz war der Mythos des Herkules mit all seinen politischen Implikationen sehr lebendig, und im vorliegenden Fall ist der griechische Held geradezu ein Symbol für die tugenhafte Wahl (Panofsky 1930): Auch wenn sein Blick auf der jungen Dame zu seiner Linken ruht, die für das mühelos-höfische Leben steht, so zieht Herkules doch den beschwerlichen (Lebens-)Weg vor, zu dem ihn die reifere, streng und keusch gewandete Frau zu seiner Rechten geleitet. Am Ende der moralisch verwerflichen Lebensführung steht der verhängnisvolle Sturz in die rauchende Schlucht am rechten Rand der Szenerie, wohingegen das tugenhafte Leben letzlich zu entspannten Gesprächen auf dem Rasen rund um den tempietto im Stile Peruuginos am linken Rand führt. Die Personifizierungen von Erato und Terpsichore in der oberen Ecke garantieren dem Tugenhaften den Schutz der Künste, während die Umarmung eines Dominikanermönchs und eines Franziskaners auf doktrinäre Harmonie anspielt.Die winzigen Figuren des Mannes mit einem Kind auf den Schultern und der Frau, die Wasser aus dem Löwenmaul an der Vorderseite des tempietto schöpft, bekräftigen den hohen Wert der Familie. Die programmatische Rückkehr zur Harmonie, die eine gute Regierung, Frieden und Wohlstand garantiert, wird durch die beiden Männer bestätigt, die zur Musik eines Dritten tanzen, der gleichzeitig Blas- und Schlaginstrumente spielt.Auf stilistischer Ebene ist das Interesse für die figurative Welt Nordeuropas offenkundig - ob nun die Vorbilder für die Landschaften und die Architektur bei Dürer oder an andere Stelle zu finden sind. Ein Piero di Cosimo vergleichsbarer Geschmack, der, wie von Panofsky (1939) vorgeschlagen, auf die Landschaft in ´Bacchus entdeckt den Honig` (Worcester, Art Museum) verweist - mit dem Unterschied, dass sich der "hedonistische Evolutionismus" Pieros in den "asketischen Moralismus" Soggis wandelt.Die Schwächen in der Ausführung in diesem steifen Werk Soggis, die märchenhafte Atmosphäre und die ungeschliffen-expressionistische Ader erkennen wir auf einem deutlich naiveren Niveau auch in den Gemälden des sogenannten "Maestro dei Cassoni Campana", den Zeri (1976) für französischer Herkunft hielt. Gewisse erzählerische Züge und auch die Physiognomien (insbesondere die jenige der auf dem Streitross ihres kühnen Ritters sitzenden Dame in dem Grüppchen der zweiten Ebene rechts) haben viel mit dem expressiven Charakter Marcillats gemein. Gemälde dieser Art, zu denen auch - und besser - die den "Storie di Stella" gewidmeten Täfelchen für Geldschrankfronten (San Simeon, Kalifornien, Hearst Collecton) gehören, die Schubring dem dossier Soggis zuwies, müssen dem Franzosen bei seiner Ankunft in der Toskana 1515 vertraut gewesen sein. I Roberto Contini

Landschaft mit Kühen und Entenjägern

Landschaft mit Kühen und Entenjägern

Im Vordergrund einer baumreichen Landschaft weidet eine Viehherde am Ufer eines Flußlaufes. Frauen melken die Kühe und füllen die Milch zum Transport und Verkauf in kupferne Kannen. Durch das Grün des Laubwerks dringen die Strahlen der Abendsonne. Die Schatten vertiefen sich zu warmbräunlichen Werten. Im milden Halblicht erlangen die Inkarnattöne, das Rot einer Bluse, das tiefe Blau eines Kleides oder die ockerfarbenen und rostbraunen Valeurs im Fell der Tiere kostbare Leuchtkraft. Beleuchtung und Kolorit verleihen der Landschaft den Charakter erstrebenswerter Idylle, die im nächsten Moment jedoch jäh unterbrochen wird durch den Büchsenschuß des Entenjägers rechts jenseits des Wassers. Gerade diese Störung lässt die friedvolle Stimmung der Landschaftsnatur umso eindringlicher bewusst werden. Obschon Rubens in erster Linie Historienmaler war und nur vergleichsweise wenige Landschaften schuf, bezeichnen seine Werke dieses Gegenstandes den Höhepunkt der flämischen Landschaftsmalerei im 17. Jahrhundert. Dabei beeindruckt die Spannweite seiner Naturdeutungen. Im Berliner Gemälde spiegelt sich Rubens Interesse an der ländlichen Umgebung Antwerpens wieder, wobei wesentliche Elemente von Figurenerzählung und Bildaufbau auf zwei frühere Gemälde zurückgehen. Zum einen ist dies die Wiese von Laeken (London, Buckingham Palace) und auf die Polderlandschaft (München, Alte Pinakothek). Dem Münchener Bild ist die aus drei Kühen und den beiden sitzenden Frauen zusammengestellte Mittelgruppe entlehnt. Darüber hinaus sind Eigenzitate im Motiv der pissenden Kuh am Rande des Wassers und im Tier links am Bildrand nachzuweisen. Vergleichbar ist auch der Schauplatz der Weide- bzw. Melkszene mit dem zur vorderen Bildebene absinkenden Terrain und dem Tiefenausblick links. Neben den sichtbaren Analogien lassen sich gewissermaßen auch unsichtbare aufzeigen. Die knorrigen Weidenstämme im rechten Vordergrund der Münchener Arbeit wie auch die dunkelfarbene, im Profil nach links ausgerichtete Kuh im Zentrum der Komposition oder der Hirte mit dem Melkgefäß lassen sich in der Röntgenaufnahme unseres Bildes an entsprechender Stelle nachweisen. Diesen Befunden ist zu entnehmen, dass am Beginn der Genese der Berliner Landschaft eine eigenhändige Zweitfassung des Münchener Bildes gestanden haben dürfte. Es kennzeichnet Rubens’ Arbeitsmethode, einmal erprobte und für gültig befundene Bildlösungen immer wieder verwendet zu haben. Durch Fortlassen oder Hinzufügen und kompositionelles Verschieben, vor allem aber durch Veränderungen des Bildformats, das gegenüber der Münchener Fassung während des Malprozesses nach rechts zur Breite sowie auch zur gesamten Höhe hin erheblich erweitert wurde, entwickelte Rubens eine neue Landschaftsansicht. Fern von der schlichten Auffassung des Münchener Bildes gelangt er in dem Berliner Bild zu einer reicheren Zusammenstellung der Dinge, einer lebhafteren Palette bzw. zu einer Form des Helldunkels, die nicht monochrom ist, sondern mittels farbig differenzierter Nuancen in harmonischer Ausgewogenheit das gegenständliche wie auch das atmosphärische Wesen der Landschaft erfasst. Die bildfüllende Vielfalt der Motive bleibt gewahrt, ohne dass die Kontinuität des Ganzen beeinträchtigt erschiene. Neben der auf repräsentative Wirkung zielenden Gestaltgebung ist es vor allem die bildnerische Deutung der Natur als Träger menschlicher Vorstellungen bzw. Empfindungen, die das Berliner Werk im Einklang mit Rubens’ späten Landschaftsdarstellungen auszeichnet. Jan Kelch | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019____________________________________________________In the foreground of a densely wooded landscape, a herd of cows is grazing along the banks of a river. Women are milking the cows and filling the milk into copper jugs to transport and sell it. The rays of the evening sun pierce the green foliage of the trees; the shadows are getting deeper, taking on warm brown hues. In the soft half-light, the incarnate shades – the red of a blouse, the deep blue of a dress, the ochre-yellow and rust-red tones in the hides of the animals – acquires a rich luminosity. The lighting and the colouring give the landscape an idyllic and very inviting character, which is, however, abruptly disturbed by the shot of the gun of the wildfowler who is crouched on the other bank of the river in the bottom right corner of the painting. This loud interruption serves to underscore the deeply peaceful atmosphere of the scene and the landscape.Although Rubens was primarily interested in historic scenes, painting only few landscapes in his career, the works that belong to this genre mark a high point in Flemish landscape painting in the 17th century. The breadth of his interpretations of natural scenery is impressive. The Berlin painting displays Ruben’s interest in the countryside around Antwerp. Key elements of the composition of the figures and the overall composition can be traced back to two earlier paintings, Farm at Laken (London, Buckingham Palace) and Landscape with Cows (Munich, Alte Pinakothek). From the Munich painting, Rubens has borrowed the central group with the three cows and the two seated women. Also, the urinating cow at the edge of the water and the animal on the left side of the painting are both quotes from this earlier work, as is the scene undulating meadow that sinks towards the front edge of the painting and the view into the distance on the left.As well as the visible analogies, there are also several invisible ones. An X-ray of the Berlin painting reveals the presence in the same place of the knotty trunks of the willow trees in the right foreground of the Munich painting and the dark-coloured cow facing left in profile at the centre of the composition or the cowherd with the milking churn. These findings suggest that the Berlin landscape is likely to have originally started out as a copy or second version of the Munich painting. It is typical of Rubens’ approach to work that he reused compositions that he was happy with. By omitting or adding and by shifting elements in the composition, and especially by altering the format, which was extended considerably during the painting process, both in width and in height, compared to the Munich version, Rubens created a new landscape. Departing from the simple concept of the Munich picture, the Berlin painting has a much richer composition, a more lively palette of colours and a type of light and shade that is not monochrome but which uses carefully nuanced shades to capture both the figurative and the atmospheric essence of the landscape. The variety of the elements, which fill the entire picture, remains without impairing the continuity of the whole. As well as the overall composition, which is intended to have a representational effect, it is above all the pictorial interpretation of nature as the conduit of human ideas and feelings that distinguishes the Berlin work and sets it in the context of Rubens’ late landscape depictions. Jan Kelch | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Landschaft aus der römischen Campagna, mit Matthäus und dem Engel

Landschaft aus der römischen Campagna, mit Matthäus und dem Engel

Poussin, der nach einer lyrisch-romantischen Frühphase in seinen figuralen Kompositionen ein an der Antike orientiertes klassisches Ideal in der Tradition Annibale Carraccis und Raffaels zu verwirklichen suchte, hat sich der Landschaftsmalerei im besonderen Maße erst seit dem Ende der dreißiger Jahre, kurz vor seinem Parisaufenthalt (1640/42), zugewandt, wenn auch das landschaftliche Element als Hintergrund seiner Bilder immer eine bedeutende Rolle spielte, vor allem in seinen lyrisch gestimmten venezianisierenden Frühwerken. Gerade in Rom, wo er seit 1624 arbeitete, hatte ja die Landschaftsmalerei im frühen 17. Jahrhundert eine neue Entwicklung genommen, an der einige der bedeutendsten und fortschrittlichsten Maler teilhatten: die Nordländer Elsheimer und Paul Bril einerseits, deren neue Landschaftskonzeption über Agostino Tassi zur atmosphärisch-romantischen, vom Licht bestimmten Landschaftskunst Claude Lorrains führte, des anderen großen Franzosen und Gegenpols Poussins, und andererseits die Bologneser Figurenmaler Annibale Carracci und Domenichino, deren strenger strukturierte, gebaute Landschaftskunst zur »heroischen« Landschaft Poussins und seines Schwagers Gaspard Dughet führten, deren Stil und Landschaftskonzeption für den größten Teil der späteren römischen Landschaftsmalerei verbindlich wurden. Poussins Landschaften sind überwiegend in den vierziger und frühen fünfziger Jahren entstanden, in einer Zeit, als seine Werke von großer innerer Ruhe, Klarheit und klassischer Ausgewogenheit geprägt waren, einer Phase, die zwischen den großen klassizistischen, oft vielfigurigen Kompositionen der dreißiger Jahre und dem tragisch ge - stimmten Spätwerk liegt. Die Berliner Landschaft mit dem Evangelisten Matthäus ist das früheste Beispiel dieser Phase. Schon immer war bekannt, daß das Berliner Bild und die Landschaft mit Johannes auf Patmos in Chicago zusammengehören. Man vermutete, daß sie vielleicht zu einer möglicherweise nie vollendeten Serie von Landschaften mit den vier Evangelisten gehörten. Da das Berliner Bild seit 1671 in Barberini-Besitz nachweisbar ist, nahm man an, daß es, zusammen mit dem Chicagoer Bild, für den Kardinal Francesco Barberini gemalt worden sei, einen der beiden mächtigen Nepoten des Papstes Urban VIII. Nach den Forschungen von L. Barroero (1979) und S. Corradini (1979) weiß man, daß beide Bilder am 28. Oktober 1640, am Tage der Abreise Poussins nach Paris, vom päpstlichen Hausprälaten Monsignor Gian Maria Roscioli (1609-1644) bezahlt wurden. An diesem Tag jedenfalls trug er die Zahlung von 40 Scudi für die beiden Bilder in sein Ausgabenbuch ein. Er war also offensichtlich der Auftraggeber, nicht der Kardinal. Roscioli hatte eine beachtliche Kunstsammlung und besaß noch mehrere andere Werke Poussins. In seinem Testament, das er einen Tag vor seinem frühen Tod, am 25. September 1644, diktierte, vermachte er das Berliner Bild dem Kardinal Antonio Barberini d. Ä., dem Bruder Urbans VIII., der 1646 starb und das Bild seinem Neffen, dem Kardinal Antonio Barberini d. J., dem jüngeren Bruder des Kardinals Francesco, vermachte, der im Palazzo Barberini ai Giubbonari, der sogenannten Casa Grande, lebte. Dort hing das Gemälde bis zu seinem Tode 1671. Seit spätestens 1692 hing es im Palazzo Barberini alle Quattro Fontane. Das Chicagoer Bild gehörte offenbar zu denjenigen, die Rosciolis Brüder nach seinem Tode veräußerten. Es gelangte bald nach Frankreich, wo es von Louis de Chatillon (1639-1734) gestochen wurde. Als Poussins Berliner Bild im Palazzo Barberini hing, zeichnete es Poussins Schwager, Gaspard Dughet. Diese Kreidenachzeichnung, die nur im hinteren Landschaftsgrund vollendet ist, befindet sich heute im Kunstmuseum Düsseldorf. Das Berliner Bild blieb bis 1812 im Palazzo Barberini und gelangte dann durch Erbgang in den Palazzo Sciarra, aus dem es 1873 für die Gemäldegalerie erworben wurde. Im Gegensatz zu den Kompositionen Claude Lorrains, aber ähnlich wie Dughets spätere, von Poussin beeinflußte Landschaften und wie auch manche von Salvator Rosa hat das Bild einen sehr hohen, hügelig begrenzten Horizont, von dem aus die Gliederung des Bildraums nach vorn ablesbar ist, der Windung des dominierenden Flußlaufes folgend, an dessen vorderem Ufer der Evangelist sitzt, während der stehende Engel ihm die Schrift hält. Die Figurengruppe ist umgeben von antiken Postamenten und Säulenstümpfen. Eine aufragende antike Ruine am Horizont, genau oberhalb der Figurengruppe, akzentuiert diese ganz zurückhaltend. Poussin hat in dieser von feierlicher Ruhe und Klarheit erfüllten Landschaft in unvergleichlicher Weise den Charakter, die Struktur und die Stimmung des Tibertals nördlich von Rom (bei Acqua Acetosa) eingefangen und zugleich ins Zeitlose entrückt.| 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2010_____________________________________________________The French artist Nicolas Poussin is considered to be the most important exponent of the classical tendency in Roman Baroque painting and to have brought it to perfection. He went to Rome at the age of thirty and spent the rest of his life there, with the exception of a short stay in Paris in 1640/42. He received commissions from the most important collectors and patrons in the papal court circle. The Landscape with Matthew the Evangelist was painted in 1640, for the papal secretary Gian Maria Roscioli, along with a companion piece, Landscape with John the Evangelist on Patmos (now in Chicago). It is very probable that a series of the four Evangelists was originally planned, but that only two were painted. St. Matthew is sitting among massive architectural fragments by the riverbank. Behind him is a spacious landscape with a high, hillbound horizon. At John’s side is an angel, the symbol of the Evangelist, inspiring him to write the Gospel. The principal theme of this picture is the solemn, peaceful landscape, similar in some ways to the Tiber valley north of Rome. The ruins towering up on the horizon—presumably representing the “Mura di Santo Stefano” near Anguillara—emphasise the position of the figures by being placed directly above them. The figure’s concentrated colour-tones of blue, yelloworange and white are repeated and softened in the landscape.| Prestel Museum Guides - Gemäldegalerie Berlin, 2017

Selbstbildnis mit seiner Frau

Selbstbildnis mit seiner Frau

Am 18. Juli des Jahres 1755 vermählte sich der Künstler mit Jeanne Barez, der Tochter eines französischen Goldstickers. Sie stammte aus einer in Berlin ansässigen vermögenden Hugenottenfamilie. Die Jungvermählten, so schrieb von Oettingen (1895), »bezogen […] das Rolletsche Haus in der Brüderstraße, das der Barezschen Verwandtschaft gehörte, und führten ihre Haushaltung mit der Genügsamkeit und Stille, die damals in der französischen Kolonie zu herrschen pflegten«. Möglicherweise ist hier, unweit des Berliner Schlosses, die Miniatur entstanden.Gemäß den Anweisungen in Zedlers Universal-Lexicon wurde die Miniatur regelgerecht »angefangen mit Anlegung der Farbe, und der Grund mit grossen und gleichen Strichen untermahlet, doch nicht gleich so starck, wie er zuletzt seyn soll, weil die Farbe durch das punctiren gestaercket wird«.Kurz sieht der Künstler von seiner Tätigkeit auf. Eine schräg vor das Fenster gestellte Milchglasscheibe (?) reflektiert das einfallende Tageslicht auf den Arbeitstisch. So entstehen die notwendigen Voraussetzungen für die auf Präzision beruhende Miniaturmalerei. Unklar bleibt, ob sich Chodowiecki malend oder zeichnend schildert. Jeanne Chodowiecki hält ein Porträt, das die Freundin des Hauses, Louise Erman vorstellt. Es handelt sich dabei um die vergrößerte Detailwiederholung eines Miniaturporträts des Künstlers von etwa 1758 (Kat.Nr. M.627). Eine 1759 datierte Miniatur mit dem Selbstbildnis Chodowieckis sowie die von ihm gemalte Porträtminiatur seiner Frau, vermutlich im selben Jahr entstanden, stützen die angenommene Datierung des Berliner Täfelchens.Chodowiecki suchte vielfach unter Zuhilfenahme einer Lupe seine Bildnisse mit großer Feinheit und Lebendigkeit des Ausdrucks auszuführen. Damit hatte er sich offensichtlich erfolgreich einer großen Konkurrenz entledigt, die auch vom Schriftsteller und Verlagsbuchhändler Christoph Friedrich Nicolai in Berlin, wenigstens im Bereich der Emailminiaturmaler, wahrgenommen wurde, wie ein Brief an Christian Ludwig von Hagedorn von 1758 belegt. Die Elfenbeintafel besitzt einen zugehörigen zeitgenössischen Rokokorahmen. Rainer Michaelis | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________On 18 July, 1755, Chodowiecki married Jeanne Barez, the daughter of a French gold embroiderer. She came from a wealthy Huguenot family in Berlin. As Oettingen wrote in (1895), the newlyweds “moved into […] the Rollet House on Brüderstraße, which belonged to relatives of the Barezs, and ran their household with the modesty and quiet and tranquillity then customary in the French colony”. The present miniature may have been executed here, not far from the Berlin Royal Palace.According to the instructions contained in Zedlers Universal-Lexicon, the miniature was as a rule “begun with by laying out the colours, and the ground underpainted with large, regular strokes, but not so strongly as in the finished picture, since the colours will be strengthened by individual touches”.The artist has just looked up from his activity. A pane of frosted glass (?) placed at an angle in front of the window reflects the daylight onto the work table. This creates the necessary conditions for miniature painting, which relies on precision. It remains uncertain whether he is shown painting or drawing. Jeanne Chodowiecki holds a portrait depicting Louise Erman, a friend of the family. This image is an enlarged detail of a miniature portrait by the artist from circa 1758 (cat. no M.627). A miniature bearing a self-portrait of Chodowiecki, along with his portrait miniature of his wife, is dated 1759, presumably the same year as the present picture.In order to execute his pictures with extreme fineness and lively expressiveness, Chodowiecki often sought the aid of a magnifying glass. At least in the realm of enamel miniature painting, evidently, he was successful in prevailing over the enormous competition, as remarked upon by the author and publisher Christoph Friedrich Nicolai in Berlin, in a letter to Christian Ludwig von Hagedorn in 1758. This ivory panel possesses its original Rococo frame. Rainer Michaelis | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019