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Bildnis eines feisten Mannes

Ident. Nr.: 537A

ObjID: obj:863988

Details (Expert)

Beteiligte
zugeschrieben: Meister von Flémalle (1410-1440),
Maler*in
Zuschreibung unsicher: Rogier van der Weyden (1399 - 1464),
Maler*in
frühere Zuschreibung: Robert Campin (1375 - 1444),
Maler*in
frühere Zuschreibung: Masmines, Robert de (1385 - 1431),
Dargestellt
Datierung
Ausführung: 1435/40
Weitere Titel
Sammlungstitel: Bildnis eines feisten Mannes
Bildnis des Robert de Masmines
Übersetzung: Portrait of a fat man
Geografische Bezüge
Material / Technik
Eichenholz
Abmessungen
Tafelmaß: mit Anstückung 31,5 x 20,3 cm

Objektbeschreibung

Mit einer erstaunlichen Fleischlichkeit präsentiert sich der Kopf des Mannes im schmalen Bildfeld der Tafel. Eine wulstige Nase, zahlreiche Falten und kleine Narben, besonders aber die hängenden Wangen und das schwere Doppelkinn mit seinem ausgeprägten Bartschatten geben dem Bildnis einen Zug, den manche modernen Betrachter als wenig anziehend empfunden haben – Max J. Friedländer sah »die grobe und müde Körperlichkeit dieses Modells« von reiner Sinnlichkeit geprägt. Den ursprünglichen Intentionen des Porträts wird dies freilich kaum entsprechen, und ob das Bildnis hier eine rohe Persönlichkeit gegen den Willen des Dargestellten enthüllt, darf stark bezweifelt werden. Die ausgeprägte Physis des Mannes wird in dem Bildnis gewiss nicht unterdrückt, sondern vielmehr als charakteristisch und seine Bedeutung steigernd hervorgehoben. So steht seine körperliche Masse nicht allein für die Individualität, sondern auch für Rang und Ansehen des Dargestellten. Seine Augen haben einen wachen Blick, der Qualitäten wie Beobachtungsgabe, vielleicht auch Urteilskraft ausdrücken soll. Den Eindruck von Rohheit vermittelt das Gesicht keineswegs. Eher scheint etwas Zurückhaltendes, fast Sanftes in seinen Zügen zu liegen. Von der Mehrzahl der altniederländischen Bildnisse unterscheidet sich die Darstellung des feisten Mannes durch den sehr eng gefassten Ausschnitt und den hellen Hintergrund. Im Zusammenspiel steigern sie nochmals die Präsenz der Person. Der weiße Hintergrund – es gibt davon insgesamt nur drei Beispiele in der altniederländischen Malerei, alle aus dem Umkreis Rogier van der Weydens – bringt den Umriß des Kopfes hervorragend zur Geltung. Der Eindruck von Lebendigkeit, vielleicht auch von Klarheit, im übertragenen Sinne, wird dadurch noch verstärkt. Keinerlei Attribute verraten den Stand des Dargestellten. Allein das dunkelbraune Kleid mit Pelzbesatz und der in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts modische Topfschnitt weisen über die reine Physiognomie hinaus. Offenbar ist der Mann in erster Linie in seiner individuellen Persönlichkeit wiedergegeben und nicht als der Inhaber eines Amtes oder einer Würde. Dies spricht für einen eher privaten Charakter des Bildnisses, das seine Funktion vornehmlich in der Familie und bei den Nachkommen des Dargestellten erfüllt haben mag. Die auffällige Physiognomie reizte verständlicherweise zu Versuchen, durch andere Bildnisse zu einer Identifizierung des Porträtierten zu gelangen. Mehrfach wollte man in ihm den 1430 als Heerführer Philipps des Guten gefallenen Robert, Seigneur de Masmines erkennen, dessen Aussehen in der Nachzeichnung eines verlorenen Porträts es 15. Jahrhunderts überliefert ist. Indes überzeugen die gegen die Identifikation erhobenen Einwände: Masmines wirkt herrisch, wenn nicht gar brutaler; er ist weniger fett, die Nase und die Augenpartie stimmen überhaupt nicht und der Mund nur eingeschränkt mit den Gesichtszügen unseres Bildnisses überein. Als verbindendes Merkmal beider Personen bleibt lediglich das gewaltige Doppelkinn. Das markante Bildnis wurde bei seinem Bekanntwerden dem enigmatischen Meister von Flémalle zugeschrieben, dessen Abgrenzung von Rogier van der Weyden nach wie vor problematisch erscheint. Oftmals sind denn auch die an Rogiers Kunst gemahnenden Eigenarten des Porträts bemerkt worden. Auf einen Zusammenhang mit Rogier verweist ferner, daß der Bildniskopf in idealisierter Form als Nikodemus in dessen Hauptwerk, der in Madrid befindlichen Großen Kreuzabnahme von ca. 1435/40, wieder auftaucht. Möglicherweise stellt die Tafel damit eines der frühesten Zeugnisse der Porträtmalerei Rogiers und seines Kreises dar. Stephan Kemperdick | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019
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With its astonishingly fleshy appearance, this male head is presented in the compressed image field of the narrow panel. A bulging nose, numerous wrinkles and small scars, but in particular the pendulous jowls and heavy double chin, with its conspicuous five o’clock shadow give this picture a character which few modern
viewers find attractive – Max J. Friedländer perceived “the coarse and fatigued physicality of the model” as being imprinted by pure sensuality. This impression can hardly have corresponded to the original intention of this portrait, and whether this likeness revealed a crude personality in opposition to the presumed desires of
the sitter can readily be called into question. In the portrait, to be sure, the man’s pronounced physicality is not suppressed, but instead emphasised as characteristic, and its significance given emphasis. His corporeal mass, then, does not pertain solely to the sitter as an individual, but also to his status and eminence. His eyes have an
alert gaze that is meant to express qualities such as perceptiveness, and perhaps also powers of judgment. By no means does the face convey an impression of crudity. His features are instead suggestive of reticence, even gentleness.

The Portrait of a Stout Man differs from the majority of early Netherlandish portraits by virtue of its extremely tight, narrow framing and pale background. These elements combine to heighten the sitter’s presence even more. The white background – there are only three such instances in all of early Netherlandish painting, all of them from the circle of Rogier van der Weyden – superbly emphasises the contour of the head. It further strengthens the impression of lifelikeness, and perhaps also of clarity in the figurative sense. No attribute refers to the sitter’s social status. Only the dark-brown garment with fur trim and the bowl haircut, fashionable during the
early 15th century, point beyond his pure physiognomy. Clearly, this individual is depicted first and foremost as an individual personality, and not as the holder of the office or title. This speaks for the private character of the portrait, whose function may well have been fulfilled primarily within the family and among his descendants.
Understandably, his striking physiognomy has served as the stimulus to attempt to identify the sitter through other portraits. Many have been tempted to identify him as Robert, Seigneur de Masmines, who fell in battle in 1430 when serving as a military leader under Philip the Good, and whose likeness has been transmitted in
a drawing after a lost 15th century portrait (fig. left). There are however persuasive objections to this identification: Masmines seems imperious, if not brutal, and is moreover less portly; nor do the nose and eye areas correspond at all to the present portrait, while the mouth only resembles it to a limited degree. The only trait shared by both individuals is the massive double chin.

When it first became known, this striking likeness was attributed to the enigmatic Master of Flémalle, who is de facto a collective name for a number of different artists, and whose differentiation from Rogier van der Weyden remains problematical. Remarked upon frequently are certain features of this portrait that are reminiscent
of Rogier’s art. A link to Rogier is also suggested by the fact that this portrait head reappears in idealised form as Nicodemus in Rogier’s chef d’oeuvre, the great Descent from the Cross of circa 1435/40, now in Madrid. This panel may hence represent one of the earliest documents of the portraiture of Rogier and his circle. Stephan Kemperdick | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Letzte Aktualisierung: 29.06.2026

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Einrichtung:

Gemäldegalerie

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Herkules am Scheidewege

Herkules am Scheidewege

Ehemals von Alois Hirt (unveröff. Auswahlliste, 1823) dem Umkreis von Barent van Orley zugeordnet und dann von Waagen(1830 und die folgenden Kataloge bis 1841) scharfsinnig Piero di Cosimo zugewiesen, schrieb Schubring 1915 diese cassone-Front Niccolo Soggi zu, dem Florentiner, dessen Familie aus dem Valdichiana stammte und der sich in Arezzo niedergelassen hatte. Die spätere Forschung hat diese Zuschreibung so gut wie nicht angezweifelt (allerdings ist das Werk im Katalog von 1931 als "Florentinische Schule um 1500" deklassiert), und so gilt es als bestes Werk des in und um Arezzo tätigen Künstlers in der Berliner Sammlungen aus der Zeit vor Guillaume de Marcillat [Id.Nr. I.317]. Es gilt jedoch zu betonen, dass Herkules am Scheidewege und eine Handvoll weiterer Gemälde im knappen Werkkatalog Soggis eine gewisse stilistische Wendung in den belegten Werken darstellen. Letzere sind anfänglich trügerisch für den Perugino-Schüler Soggi: Er ließ sich im Laufe der zwanziger Jahre des Cinquecento zu einer rigiden Monumentalität verleiten, die sich zu einer nordeuropäisch inspirierten Porträtlust (Van der Goes, Memling) und zu dem deutlichen Sinn für Urbanistik und Ausstattung gesellte, die dem Künstler und Architekten zu eigen waren. So stellt sich die Frage, ob es nun wirklich Soggi war, der in den Jahren nach seiner Lösung vom florentinischen Atelier Peruginos 1507 und vor der Geburt Christi, seinem Meisterwerk von 1521 in der Santissima Annunziata in Arezzo, eine Handvoll Werke mit hauptsächlich höfischen Themen schuf, die für private Ausstattungen und Auftraggeber gewissen Standes bestimmt waren und statisch-bizarr gestimmt sind.Die Kultur, die sich in diesen Werken spiegelt, steht in Einklang mit den Mythologien Piero di Cosimos (Waagen, Milanesi 1879), und mit einem gewissen Maß an Phantasie scheint die Qualität der grob umrissenen Figuren und der gleichsam versteinerten Körper ein wenig enttäuschend. Die Forschung (und insbesondere Baldini 1997) erkennt eine Verbindung zu den verlockenden, aber wie erstarrt wirkenden Werken aus zwei Serien, die stilistische Affinitäten aufweisen (und für diese Untergruppe aus dem Werkatalog Soggis herausgenommen wurden) und dem "Maestro dei Cassoni Campana" bzw. dem "Maestro di Tavarnelle" zugeordnet werden.Wenn nun dieser erfindungsreiche, in der Ausführung jedoch ungeschliffene Schöpfer des Herkules nun möglicherweise mit Soggi identisch ist, so kommt seine Sympathie für nordische Elemente (eingefügte Landschaften und Architekturen) einer nützlichen Präambel für Marcillat gleich. Das Thema der Herkules-Tafel ist als Allegorie der sowohl in Florenz als auch am Heiligen Stuhl Leos X. mit seinen Brüdern und Nepoten an die Macht zurückgekehrten Familie Medici der Jahre 1512-1513 zu deuten. Zu jener Zeit hatte Soggi parallel zu seinen Aktivitäten in Florenz ein Haus für sich und seine Geschwister in Arezzo gekauft, um auch dort für künstlerische Aufgaben zur Verfügung zu stehen, und war dann übergangsweise nach Rom gegangen.Die häusliche Bestimmung des Gemäldes für die noch ganz für das Quattrocento typische Dekoration eines Möbelstücks (lettuccio oder spalliera), scheint auf eine Wiederkehr laurenzianischen Prunks anzuspielen - auch Soggi sollte vom wiedererwachten Mäzenatentum profitieren.Im bürgerlichen Leben in Florenz war der Mythos des Herkules mit all seinen politischen Implikationen sehr lebendig, und im vorliegenden Fall ist der griechische Held geradezu ein Symbol für die tugenhafte Wahl (Panofsky 1930): Auch wenn sein Blick auf der jungen Dame zu seiner Linken ruht, die für das mühelos-höfische Leben steht, so zieht Herkules doch den beschwerlichen (Lebens-)Weg vor, zu dem ihn die reifere, streng und keusch gewandete Frau zu seiner Rechten geleitet. Am Ende der moralisch verwerflichen Lebensführung steht der verhängnisvolle Sturz in die rauchende Schlucht am rechten Rand der Szenerie, wohingegen das tugenhafte Leben letzlich zu entspannten Gesprächen auf dem Rasen rund um den tempietto im Stile Peruuginos am linken Rand führt. Die Personifizierungen von Erato und Terpsichore in der oberen Ecke garantieren dem Tugenhaften den Schutz der Künste, während die Umarmung eines Dominikanermönchs und eines Franziskaners auf doktrinäre Harmonie anspielt.Die winzigen Figuren des Mannes mit einem Kind auf den Schultern und der Frau, die Wasser aus dem Löwenmaul an der Vorderseite des tempietto schöpft, bekräftigen den hohen Wert der Familie. Die programmatische Rückkehr zur Harmonie, die eine gute Regierung, Frieden und Wohlstand garantiert, wird durch die beiden Männer bestätigt, die zur Musik eines Dritten tanzen, der gleichzeitig Blas- und Schlaginstrumente spielt.Auf stilistischer Ebene ist das Interesse für die figurative Welt Nordeuropas offenkundig - ob nun die Vorbilder für die Landschaften und die Architektur bei Dürer oder an andere Stelle zu finden sind. Ein Piero di Cosimo vergleichsbarer Geschmack, der, wie von Panofsky (1939) vorgeschlagen, auf die Landschaft in ´Bacchus entdeckt den Honig` (Worcester, Art Museum) verweist - mit dem Unterschied, dass sich der "hedonistische Evolutionismus" Pieros in den "asketischen Moralismus" Soggis wandelt.Die Schwächen in der Ausführung in diesem steifen Werk Soggis, die märchenhafte Atmosphäre und die ungeschliffen-expressionistische Ader erkennen wir auf einem deutlich naiveren Niveau auch in den Gemälden des sogenannten "Maestro dei Cassoni Campana", den Zeri (1976) für französischer Herkunft hielt. Gewisse erzählerische Züge und auch die Physiognomien (insbesondere die jenige der auf dem Streitross ihres kühnen Ritters sitzenden Dame in dem Grüppchen der zweiten Ebene rechts) haben viel mit dem expressiven Charakter Marcillats gemein. Gemälde dieser Art, zu denen auch - und besser - die den "Storie di Stella" gewidmeten Täfelchen für Geldschrankfronten (San Simeon, Kalifornien, Hearst Collecton) gehören, die Schubring dem dossier Soggis zuwies, müssen dem Franzosen bei seiner Ankunft in der Toskana 1515 vertraut gewesen sein. I Roberto Contini

Landschaft mit Kühen und Entenjägern

Landschaft mit Kühen und Entenjägern

Im Vordergrund einer baumreichen Landschaft weidet eine Viehherde am Ufer eines Flußlaufes. Frauen melken die Kühe und füllen die Milch zum Transport und Verkauf in kupferne Kannen. Durch das Grün des Laubwerks dringen die Strahlen der Abendsonne. Die Schatten vertiefen sich zu warmbräunlichen Werten. Im milden Halblicht erlangen die Inkarnattöne, das Rot einer Bluse, das tiefe Blau eines Kleides oder die ockerfarbenen und rostbraunen Valeurs im Fell der Tiere kostbare Leuchtkraft. Beleuchtung und Kolorit verleihen der Landschaft den Charakter erstrebenswerter Idylle, die im nächsten Moment jedoch jäh unterbrochen wird durch den Büchsenschuß des Entenjägers rechts jenseits des Wassers. Gerade diese Störung lässt die friedvolle Stimmung der Landschaftsnatur umso eindringlicher bewusst werden. Obschon Rubens in erster Linie Historienmaler war und nur vergleichsweise wenige Landschaften schuf, bezeichnen seine Werke dieses Gegenstandes den Höhepunkt der flämischen Landschaftsmalerei im 17. Jahrhundert. Dabei beeindruckt die Spannweite seiner Naturdeutungen. Im Berliner Gemälde spiegelt sich Rubens Interesse an der ländlichen Umgebung Antwerpens wieder, wobei wesentliche Elemente von Figurenerzählung und Bildaufbau auf zwei frühere Gemälde zurückgehen. Zum einen ist dies die Wiese von Laeken (London, Buckingham Palace) und auf die Polderlandschaft (München, Alte Pinakothek). Dem Münchener Bild ist die aus drei Kühen und den beiden sitzenden Frauen zusammengestellte Mittelgruppe entlehnt. Darüber hinaus sind Eigenzitate im Motiv der pissenden Kuh am Rande des Wassers und im Tier links am Bildrand nachzuweisen. Vergleichbar ist auch der Schauplatz der Weide- bzw. Melkszene mit dem zur vorderen Bildebene absinkenden Terrain und dem Tiefenausblick links. Neben den sichtbaren Analogien lassen sich gewissermaßen auch unsichtbare aufzeigen. Die knorrigen Weidenstämme im rechten Vordergrund der Münchener Arbeit wie auch die dunkelfarbene, im Profil nach links ausgerichtete Kuh im Zentrum der Komposition oder der Hirte mit dem Melkgefäß lassen sich in der Röntgenaufnahme unseres Bildes an entsprechender Stelle nachweisen. Diesen Befunden ist zu entnehmen, dass am Beginn der Genese der Berliner Landschaft eine eigenhändige Zweitfassung des Münchener Bildes gestanden haben dürfte. Es kennzeichnet Rubens’ Arbeitsmethode, einmal erprobte und für gültig befundene Bildlösungen immer wieder verwendet zu haben. Durch Fortlassen oder Hinzufügen und kompositionelles Verschieben, vor allem aber durch Veränderungen des Bildformats, das gegenüber der Münchener Fassung während des Malprozesses nach rechts zur Breite sowie auch zur gesamten Höhe hin erheblich erweitert wurde, entwickelte Rubens eine neue Landschaftsansicht. Fern von der schlichten Auffassung des Münchener Bildes gelangt er in dem Berliner Bild zu einer reicheren Zusammenstellung der Dinge, einer lebhafteren Palette bzw. zu einer Form des Helldunkels, die nicht monochrom ist, sondern mittels farbig differenzierter Nuancen in harmonischer Ausgewogenheit das gegenständliche wie auch das atmosphärische Wesen der Landschaft erfasst. Die bildfüllende Vielfalt der Motive bleibt gewahrt, ohne dass die Kontinuität des Ganzen beeinträchtigt erschiene. Neben der auf repräsentative Wirkung zielenden Gestaltgebung ist es vor allem die bildnerische Deutung der Natur als Träger menschlicher Vorstellungen bzw. Empfindungen, die das Berliner Werk im Einklang mit Rubens’ späten Landschaftsdarstellungen auszeichnet. Jan Kelch | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019____________________________________________________In the foreground of a densely wooded landscape, a herd of cows is grazing along the banks of a river. Women are milking the cows and filling the milk into copper jugs to transport and sell it. The rays of the evening sun pierce the green foliage of the trees; the shadows are getting deeper, taking on warm brown hues. In the soft half-light, the incarnate shades – the red of a blouse, the deep blue of a dress, the ochre-yellow and rust-red tones in the hides of the animals – acquires a rich luminosity. The lighting and the colouring give the landscape an idyllic and very inviting character, which is, however, abruptly disturbed by the shot of the gun of the wildfowler who is crouched on the other bank of the river in the bottom right corner of the painting. This loud interruption serves to underscore the deeply peaceful atmosphere of the scene and the landscape.Although Rubens was primarily interested in historic scenes, painting only few landscapes in his career, the works that belong to this genre mark a high point in Flemish landscape painting in the 17th century. The breadth of his interpretations of natural scenery is impressive. The Berlin painting displays Ruben’s interest in the countryside around Antwerp. Key elements of the composition of the figures and the overall composition can be traced back to two earlier paintings, Farm at Laken (London, Buckingham Palace) and Landscape with Cows (Munich, Alte Pinakothek). From the Munich painting, Rubens has borrowed the central group with the three cows and the two seated women. Also, the urinating cow at the edge of the water and the animal on the left side of the painting are both quotes from this earlier work, as is the scene undulating meadow that sinks towards the front edge of the painting and the view into the distance on the left.As well as the visible analogies, there are also several invisible ones. An X-ray of the Berlin painting reveals the presence in the same place of the knotty trunks of the willow trees in the right foreground of the Munich painting and the dark-coloured cow facing left in profile at the centre of the composition or the cowherd with the milking churn. These findings suggest that the Berlin landscape is likely to have originally started out as a copy or second version of the Munich painting. It is typical of Rubens’ approach to work that he reused compositions that he was happy with. By omitting or adding and by shifting elements in the composition, and especially by altering the format, which was extended considerably during the painting process, both in width and in height, compared to the Munich version, Rubens created a new landscape. Departing from the simple concept of the Munich picture, the Berlin painting has a much richer composition, a more lively palette of colours and a type of light and shade that is not monochrome but which uses carefully nuanced shades to capture both the figurative and the atmospheric essence of the landscape. The variety of the elements, which fill the entire picture, remains without impairing the continuity of the whole. As well as the overall composition, which is intended to have a representational effect, it is above all the pictorial interpretation of nature as the conduit of human ideas and feelings that distinguishes the Berlin work and sets it in the context of Rubens’ late landscape depictions. Jan Kelch | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Landschaft aus der römischen Campagna, mit Matthäus und dem Engel

Landschaft aus der römischen Campagna, mit Matthäus und dem Engel

Poussin, der nach einer lyrisch-romantischen Frühphase in seinen figuralen Kompositionen ein an der Antike orientiertes klassisches Ideal in der Tradition Annibale Carraccis und Raffaels zu verwirklichen suchte, hat sich der Landschaftsmalerei im besonderen Maße erst seit dem Ende der dreißiger Jahre, kurz vor seinem Parisaufenthalt (1640/42), zugewandt, wenn auch das landschaftliche Element als Hintergrund seiner Bilder immer eine bedeutende Rolle spielte, vor allem in seinen lyrisch gestimmten venezianisierenden Frühwerken. Gerade in Rom, wo er seit 1624 arbeitete, hatte ja die Landschaftsmalerei im frühen 17. Jahrhundert eine neue Entwicklung genommen, an der einige der bedeutendsten und fortschrittlichsten Maler teilhatten: die Nordländer Elsheimer und Paul Bril einerseits, deren neue Landschaftskonzeption über Agostino Tassi zur atmosphärisch-romantischen, vom Licht bestimmten Landschaftskunst Claude Lorrains führte, des anderen großen Franzosen und Gegenpols Poussins, und andererseits die Bologneser Figurenmaler Annibale Carracci und Domenichino, deren strenger strukturierte, gebaute Landschaftskunst zur »heroischen« Landschaft Poussins und seines Schwagers Gaspard Dughet führten, deren Stil und Landschaftskonzeption für den größten Teil der späteren römischen Landschaftsmalerei verbindlich wurden. Poussins Landschaften sind überwiegend in den vierziger und frühen fünfziger Jahren entstanden, in einer Zeit, als seine Werke von großer innerer Ruhe, Klarheit und klassischer Ausgewogenheit geprägt waren, einer Phase, die zwischen den großen klassizistischen, oft vielfigurigen Kompositionen der dreißiger Jahre und dem tragisch ge - stimmten Spätwerk liegt. Die Berliner Landschaft mit dem Evangelisten Matthäus ist das früheste Beispiel dieser Phase. Schon immer war bekannt, daß das Berliner Bild und die Landschaft mit Johannes auf Patmos in Chicago zusammengehören. Man vermutete, daß sie vielleicht zu einer möglicherweise nie vollendeten Serie von Landschaften mit den vier Evangelisten gehörten. Da das Berliner Bild seit 1671 in Barberini-Besitz nachweisbar ist, nahm man an, daß es, zusammen mit dem Chicagoer Bild, für den Kardinal Francesco Barberini gemalt worden sei, einen der beiden mächtigen Nepoten des Papstes Urban VIII. Nach den Forschungen von L. Barroero (1979) und S. Corradini (1979) weiß man, daß beide Bilder am 28. Oktober 1640, am Tage der Abreise Poussins nach Paris, vom päpstlichen Hausprälaten Monsignor Gian Maria Roscioli (1609-1644) bezahlt wurden. An diesem Tag jedenfalls trug er die Zahlung von 40 Scudi für die beiden Bilder in sein Ausgabenbuch ein. Er war also offensichtlich der Auftraggeber, nicht der Kardinal. Roscioli hatte eine beachtliche Kunstsammlung und besaß noch mehrere andere Werke Poussins. In seinem Testament, das er einen Tag vor seinem frühen Tod, am 25. September 1644, diktierte, vermachte er das Berliner Bild dem Kardinal Antonio Barberini d. Ä., dem Bruder Urbans VIII., der 1646 starb und das Bild seinem Neffen, dem Kardinal Antonio Barberini d. J., dem jüngeren Bruder des Kardinals Francesco, vermachte, der im Palazzo Barberini ai Giubbonari, der sogenannten Casa Grande, lebte. Dort hing das Gemälde bis zu seinem Tode 1671. Seit spätestens 1692 hing es im Palazzo Barberini alle Quattro Fontane. Das Chicagoer Bild gehörte offenbar zu denjenigen, die Rosciolis Brüder nach seinem Tode veräußerten. Es gelangte bald nach Frankreich, wo es von Louis de Chatillon (1639-1734) gestochen wurde. Als Poussins Berliner Bild im Palazzo Barberini hing, zeichnete es Poussins Schwager, Gaspard Dughet. Diese Kreidenachzeichnung, die nur im hinteren Landschaftsgrund vollendet ist, befindet sich heute im Kunstmuseum Düsseldorf. Das Berliner Bild blieb bis 1812 im Palazzo Barberini und gelangte dann durch Erbgang in den Palazzo Sciarra, aus dem es 1873 für die Gemäldegalerie erworben wurde. Im Gegensatz zu den Kompositionen Claude Lorrains, aber ähnlich wie Dughets spätere, von Poussin beeinflußte Landschaften und wie auch manche von Salvator Rosa hat das Bild einen sehr hohen, hügelig begrenzten Horizont, von dem aus die Gliederung des Bildraums nach vorn ablesbar ist, der Windung des dominierenden Flußlaufes folgend, an dessen vorderem Ufer der Evangelist sitzt, während der stehende Engel ihm die Schrift hält. Die Figurengruppe ist umgeben von antiken Postamenten und Säulenstümpfen. Eine aufragende antike Ruine am Horizont, genau oberhalb der Figurengruppe, akzentuiert diese ganz zurückhaltend. Poussin hat in dieser von feierlicher Ruhe und Klarheit erfüllten Landschaft in unvergleichlicher Weise den Charakter, die Struktur und die Stimmung des Tibertals nördlich von Rom (bei Acqua Acetosa) eingefangen und zugleich ins Zeitlose entrückt.| 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2010_____________________________________________________The French artist Nicolas Poussin is considered to be the most important exponent of the classical tendency in Roman Baroque painting and to have brought it to perfection. He went to Rome at the age of thirty and spent the rest of his life there, with the exception of a short stay in Paris in 1640/42. He received commissions from the most important collectors and patrons in the papal court circle. The Landscape with Matthew the Evangelist was painted in 1640, for the papal secretary Gian Maria Roscioli, along with a companion piece, Landscape with John the Evangelist on Patmos (now in Chicago). It is very probable that a series of the four Evangelists was originally planned, but that only two were painted. St. Matthew is sitting among massive architectural fragments by the riverbank. Behind him is a spacious landscape with a high, hillbound horizon. At John’s side is an angel, the symbol of the Evangelist, inspiring him to write the Gospel. The principal theme of this picture is the solemn, peaceful landscape, similar in some ways to the Tiber valley north of Rome. The ruins towering up on the horizon—presumably representing the “Mura di Santo Stefano” near Anguillara—emphasise the position of the figures by being placed directly above them. The figure’s concentrated colour-tones of blue, yelloworange and white are repeated and softened in the landscape.| Prestel Museum Guides - Gemäldegalerie Berlin, 2017

Selbstbildnis mit seiner Frau

Selbstbildnis mit seiner Frau

Am 18. Juli des Jahres 1755 vermählte sich der Künstler mit Jeanne Barez, der Tochter eines französischen Goldstickers. Sie stammte aus einer in Berlin ansässigen vermögenden Hugenottenfamilie. Die Jungvermählten, so schrieb von Oettingen (1895), »bezogen […] das Rolletsche Haus in der Brüderstraße, das der Barezschen Verwandtschaft gehörte, und führten ihre Haushaltung mit der Genügsamkeit und Stille, die damals in der französischen Kolonie zu herrschen pflegten«. Möglicherweise ist hier, unweit des Berliner Schlosses, die Miniatur entstanden.Gemäß den Anweisungen in Zedlers Universal-Lexicon wurde die Miniatur regelgerecht »angefangen mit Anlegung der Farbe, und der Grund mit grossen und gleichen Strichen untermahlet, doch nicht gleich so starck, wie er zuletzt seyn soll, weil die Farbe durch das punctiren gestaercket wird«.Kurz sieht der Künstler von seiner Tätigkeit auf. Eine schräg vor das Fenster gestellte Milchglasscheibe (?) reflektiert das einfallende Tageslicht auf den Arbeitstisch. So entstehen die notwendigen Voraussetzungen für die auf Präzision beruhende Miniaturmalerei. Unklar bleibt, ob sich Chodowiecki malend oder zeichnend schildert. Jeanne Chodowiecki hält ein Porträt, das die Freundin des Hauses, Louise Erman vorstellt. Es handelt sich dabei um die vergrößerte Detailwiederholung eines Miniaturporträts des Künstlers von etwa 1758 (Kat.Nr. M.627). Eine 1759 datierte Miniatur mit dem Selbstbildnis Chodowieckis sowie die von ihm gemalte Porträtminiatur seiner Frau, vermutlich im selben Jahr entstanden, stützen die angenommene Datierung des Berliner Täfelchens.Chodowiecki suchte vielfach unter Zuhilfenahme einer Lupe seine Bildnisse mit großer Feinheit und Lebendigkeit des Ausdrucks auszuführen. Damit hatte er sich offensichtlich erfolgreich einer großen Konkurrenz entledigt, die auch vom Schriftsteller und Verlagsbuchhändler Christoph Friedrich Nicolai in Berlin, wenigstens im Bereich der Emailminiaturmaler, wahrgenommen wurde, wie ein Brief an Christian Ludwig von Hagedorn von 1758 belegt. Die Elfenbeintafel besitzt einen zugehörigen zeitgenössischen Rokokorahmen. Rainer Michaelis | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________On 18 July, 1755, Chodowiecki married Jeanne Barez, the daughter of a French gold embroiderer. She came from a wealthy Huguenot family in Berlin. As Oettingen wrote in (1895), the newlyweds “moved into […] the Rollet House on Brüderstraße, which belonged to relatives of the Barezs, and ran their household with the modesty and quiet and tranquillity then customary in the French colony”. The present miniature may have been executed here, not far from the Berlin Royal Palace.According to the instructions contained in Zedlers Universal-Lexicon, the miniature was as a rule “begun with by laying out the colours, and the ground underpainted with large, regular strokes, but not so strongly as in the finished picture, since the colours will be strengthened by individual touches”.The artist has just looked up from his activity. A pane of frosted glass (?) placed at an angle in front of the window reflects the daylight onto the work table. This creates the necessary conditions for miniature painting, which relies on precision. It remains uncertain whether he is shown painting or drawing. Jeanne Chodowiecki holds a portrait depicting Louise Erman, a friend of the family. This image is an enlarged detail of a miniature portrait by the artist from circa 1758 (cat. no M.627). A miniature bearing a self-portrait of Chodowiecki, along with his portrait miniature of his wife, is dated 1759, presumably the same year as the present picture.In order to execute his pictures with extreme fineness and lively expressiveness, Chodowiecki often sought the aid of a magnifying glass. At least in the realm of enamel miniature painting, evidently, he was successful in prevailing over the enormous competition, as remarked upon by the author and publisher Christoph Friedrich Nicolai in Berlin, in a letter to Christian Ludwig von Hagedorn in 1758. This ivory panel possesses its original Rococo frame. Rainer Michaelis | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019